Fremde Feinde – Sacco und Vanzetti: verhaftet, angeklagt, hingerichtet.

Vanzetti und Sacco im Massachusetts Superior Court 1923. Bild: Boston Public Library/public domain

Der Prozess gegen Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti gilt als einer der unfairsten der amerikanischen Justizgeschichte. Die Beweislage, die den beiden italienischen Einwanderern die Schuld an einem Raubmord gab, war brüchig. Sie mussten am 23. August 1927 sterben – trotz weltweiter Proteste. Unschuldig? Eine Erinnerung

 

Es geschieht am helllichten Nachmittag, gegen 15 Uhr: Zwei Männer überfallen am 15. April 1920 in South Braintree im Staat Massachusetts einen Lohntransport, schießen die Wachmänner nieder und flüchten mit der Beute von mehr als 15 000 Dollar in einem blauen Wagen. Schon bald konzentrieren sich die Ermittlungen auf zwei italienische Einwanderer: Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti. Die beiden leben in der Nähe, nicht weit vom Tatort.   Sacco stammt aus Torremaggiore in Apulien, ist bettelarm und wird es auch lange bleiben. Erst als er die Facharbeiterausbildung in einer Schuhfabrik abschließt, verdient er etwas mehr Geld. Auch Vanzetti ist ein armer Schlucker. Der gebürtige Piemonteser schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch und besitzt einen Fischkarren, von dem er Aale verkauft.

Die beiden lernen sich 1917 kennen, denn sie teilen gemeinsame politische Überzeugungen. Sie sind Anhänger des kommunistischen Anarchisten Luigi Galleani, der in den USA das kapitalistische System stürzen will – auch mit Gewalt. Die beiden schreiben bis zum Verbot 1918 für seine italienischsprachige Zeitung Cronaca Sovversiva (Subversive Chronik). Galleanis Anhänger schrecken auch vor Bombenanschlägen nicht zurück. Ob Sacco und Vanzetti selbst an gewaltsamen Aktionen beteiligt waren, ist allerdings unbelegt.

Die Kombination „Migrant“ und „radikal“ reicht in den Augen amerikanischer Polizeibehörden, sie zu suspekten Personen zu machen. Beide werden verhaftet und verhört. Sie verwickeln sich in Widersprüche. Doch beide haben ein Alibi. Mehr als ein Dutzend Zeugen geben zu Protokoll, dass die Angeklagten zur Tatzeit woanders waren. Zu einer vermeintlich von Sacco abgefeuerten Kugel gibt es unterschiedliche Gutachten.

Sind Sacco und Vanzetti die Mörder? Waren sie überhaupt am Tatort? Im Prozess macht Richter Webster Thayer deutlich, dass ihm Ausländer suspekt sind und vor allem solche, die nach seiner Ansicht politisch aus der Reihe tanzen. Das Klima in den USA nach dem Ersten Weltkrieg ist ähnlich wie die Gesinnung des Richters, das Misstrauen gegenüber Kommunisten und anderen Linken groß. Auch Staatsanwalt Katzmann ist überzeugt, dass Sacco geschossen und Vanzetti als Mittäter im Fluchtauto gesessen hat und setzt alles daran, die Geschworenen von seiner Version des Tathergangs zu überzeugen. Dass seine Belastungszeugen sich widersprechen, die Sachverständigen schlingern und andere Zeugen wiederum den Angeklagten Alibis verschaffen, hält ihn nicht von seinem Kurs ab. Am Schluss seines Plädoyers ruft er den Geschworenen zu: „Meine Herren Geschworenen, tun Sie Ihre Pflicht. Handeln Sie wie echte Männer.“ Die Jury zieht sich zur Beratung zurück. Am Abend des 14. Juli 1921 sprechen die Geschworenen Sacco und Vanzetti schuldig.

Lange Jahre im Gefängnis stehen ihnen bevor: immer wieder Eingaben, Gutachten, Revisionsanträge. Ein lähmender Kampf. Gegen das Verzweifeln. Am 9. April 1927 fällt Richter Thayer das letztinstanzliche Urteil: Todesstrafe, „mit einem Stromstoß durch Ihren Körper“.

Es kommt zu Massenprotesten, weil der Prozess offenkundig unfair geführt wird. Botschaften der USA müssen in etlichen Ländern beschützt werden. Zahlreiche Prominente, darunter der Nobelpreisträger Albert Einstein und der Papst, setzen sich für die Verurteilten ein. Jahrelang versuchen die Anwälte, eine Berufung zu erreichen. Hunderttausende von Menschen beteiligen sich an Petitionen und versuchten damit, einen Aufschub oder die Aussetzung der Urteilsvollstreckung zu erreichen.

Am Ende ist alles vergebens: die Proteste, der Einspruch, das Gnadengesuch. Am 22. August 1927 um 23.03 Uhr entscheidet der Gouverneur des US-Bundesstaats Massachusetts, Alvan T. Fuller, dass die Hinrichtung von Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti nicht gestoppt wird. Die Exekution ist für Mitternacht angesetzt. Im Gefängnis von Charlestown bereiten sich die Henker auf ihre Arbeit vor.

Sacco und Vanzetti werden nacheinander aus ihren Todeszellen in die Hinrichtungskammer geführt. „Lang lebe die Anarchie“, ruft der 36 Jahre alte Sacco noch vom elektrischen Stuhl aus. „Lebt wohl, meine Frau, mein Kind und alle meine Freunde.“ Dann legen die Gefängniswärter den Schalter um, Strom fließt durch den Körper von Nicola Sacco, um 0.19 Uhr wird er für tot erklärt. Wenige Minuten später folgt ihm Bartolomeo Vanzetti in die Todeskammer. Zum Aufseher sagt der 39-Jährige: „Ich möchte Ihnen sagen, dass ich unschuldig bin. Ich habe nie ein Verbrechen begangen, einige Sünden schon, aber kein Verbrechen.“ Dann wird er von zwei Wärtern zum elektrischen Stuhl geführt. „Ich möchte nun einigen Menschen vergeben für das, was sie mir antun“, sind Vanzettis letzte Worte. Um 0.27 Uhr des 23. August 1927 ist Vanzetti tot. Warum Sacco und Vanzetti sterben mussten, darüber gehen die Überzeugungen auseinander.

Schuldig oder nicht? Bis heute ist diese Frage nicht endgültig beantwortet, aber allein die Zweifel und das ungerechte Verfahren reichen aus, um den Fall zu einer Legende zu machen. Fast genau fünfzig Jahre später, am 19. Juli 1977, trat Michael Dukakis. Der Gouverneur von Massachusetts, in Boston vor die Mikrophone und verlas eine Proklamation: „Weil Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti keinen fairen Prozess hatten, weil Richter und Staatsanwalt voreingenommen waren und im Prozess ein Klima politischer Hysterie herrschte, soll nun jeder Makel für immer von den Familien und Nachfahren genommen werden“. Er erklärte den 23. August zum „Sacco und Vanzetti-Gedenktag“ in seinem Bundesstaat. Es war der letzte Akt einer Tragödie, die bis heute kein Ende gefunden hat.

Am 15. August erscheint von Helmut Ortner: FREMDE FEINDE. Der Fall Sacco und Vanzetti. Edition AV. 295 Seiten, 22 Euro

Helmut Ortner

HELMUT ORTNER hat bislang mehr als zwanzig Bücher, überwiegend politische Sachbücher und Biografien, veröffentlicht. Zuletzt erschienen: „Heimatkunde – Falsche Wahrheiten. Richtige Lügen“ (2024), „Das klerikale Kartell. Warum die Trennung von Kirche und Staat überfällig ist“ (2024) und „Volk im Wahn – Hitlers Deutsche oder Die Gegenwart der Vergangenheit“ (2022). Seine Bücher wurden bislang in 14 Sprachen übersetzt. Helmut Ortner ist Mitglied bei Amnesty International und im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung.
www.helmutortner.de
Foto: Peter Hönnemann
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9 Kommentare

    1. Stelle mir gerade vor wie Joan Baez dieses Liedchen, ihren guten alten Freundinnen, den demokratischen Ghuls Nancy (P) und Killary (C) vorträllert, an einem Strandfeuer und Barbecue auf den Hamptons.

  1. @Helmut Ortner

    Danke für Ihr Engagement gegen die Todesstrafe. Nicht nur im Fall „Der Prozess gegen Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti“ – auch Ihre anderen Bücher gegen die Todesstrafe finde ich mehr als notwendig.

    Interessant das Buch, dass Sie generell gegen die Todesstrafe geschrieben haben – vor allem weil es für die alte BRD eine Kontinuität aufzeigt, die ich bis dato noch nirgends so genau festgestellt fand.

    Die eigentlichen Täter (die „furchtbaren Juristen“ des NS-Staates z.B. Filbinger, Ex-MP von Baden-Württemberg) wurden allesamt nach 1945 rehabilitiert, und durften weiter ihren juristischen, ehrbaren Beruf ausüben, während die ausführenden Organe, die dies beruflich so erledigen mussten für die NS-Justiz – der Henker z.B., der von den Vorgängerregierungen in der NS-Zeit übernommen wurde – bis zu seinem Lebensende büßen mußte – mit Ausgrenzung und Ehrverlust.

    Eine Kontinutiät des die Kleinen fängt man und die Großen läßt man laufen auch in der bundesdeutschen Justiz von Anfang an, d.h. die allierten Besatzungsbehörden waren auch nicht besser (der oben erwähnte Henker mußte seine vorherigen NS-Arbeitgeber hängen bzw. dabei helfen), aber mir geht’s hier um eine Kontinuität der bundesdeutschen Justiz(un)moral nach 1945.

    Wie gesagt vielen Dank für Ihr Engagement nicht nur im Justizskandal „Der Prozess gegen Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti“ sondern generell.

    Übrigens ich lehne die Todesstrafe auch ab, nicht erst seit dem ich Ihre Bücher kenne.

    Gruß
    Bernie

    1. „…während die ausführenden Organe, die dies beruflich so erledigen mussten für die NS-Justiz – der Henker z.B., der von den Vorgängerregierungen in der NS-Zeit übernommen wurde – bis zu seinem Lebensende büßen mußte – mit Ausgrenzung und Ehrverlust.“
      Mag so für diesen Henker stimmen, für die meisten anderen nicht, nachzulesen bei Ralph Giordano: Die zweite Schuld.

  2. Sacco und Vancetti gehören zu den bekannteren US-Amerikanern und werfen ein klares Licht auf die Werte dieser Gesellschaft damals und teilweise auch heute.
    Wieviel der Rechtsgrundsatz „in dubio pro reo“ wirklich wert ist, wenn er gebraucht wird, sieht man an ihrem Beispiel.
    Und dennoch waren die USA vergleichsweise human im Gegensatz zum „Avantgarde“-Staat Sowjetunion, wo man schon früh Arbeiter, Andersdenkende und viele wirkliche Kommunisten in den Tod schickte. Wenn so Fortschritt aussieht, kann man sich diesen durchaus ersparen.
    Und dennoch entlastet dies die USA nicht. Denn gerade die hätten aufzeigen können, dass es auch besser geht.
    Beide Staatswesen haben sich das Prädikat „ungenügend“ wahrlich verdient.
    Beide Staatswesen missbrauchten Macht und beide Staatswesen waren eines gerade nicht: Hörte der Aufklärung.
    Dabei war das eigentlich ihr impliziter Auftrag.

    1. Netter Versuch der Diskreditierung einer erstrebenswerten Gesellschaftsordnung. Im Kapitalismus ging und geht es nur um die Interessen einiger weniger, um Aufklärung schon gleich garnicht. Dort ist es zwingend notwendig zu töten und zu morden um sich selbst an der Macht zu halten. Der in Russland seinen weltweiten Ursprung habende Sozialismus war nach wie vor bedroht vom Kapitalismus. Da sieht man leider auch an den falschen Stellen Feinde wo keine sind. Von Menschen, denen man besser keine Macht gibt ganz zu schweigen. Das hat nichts mit Sozialismus zu tun. Das ist unabhängig vom System. Letzterer hat es sich aber schonmal nicht zum Ziel gemacht andere Erdteile zu unterjochen, damit die Unterjocher in Saus und Braus leben und sich vermttels ihres obszönen Reichtumes alles aber auch wirklich alles erlauben und herausnehmen können. Sozialistische, über Jahrhunderte verfestigte Machtstrukturen gab und gibt es nicht. Das war learning by doing. Ganz im Gegensatz zur anderen Seite.

    2. Mit dem feinen Unterschied, dass es diesen Sozialismus seit nun 36 Jahren nicht mehr gibt, und er am Ende fast ohne Opfer aufhörte zu existieren. Dass das System nach 1923 entartete und in der Folge auch in China, Nordkorea und Kambodscha genauso üble Nachfolger hatte, zeigt nur, dass ein Transformationsprozess grundsätzlich gefährdet ist. Aber das entlastet auf gar keinen Fall unser System, das mit der französischen Revolution auch nicht gerade zimperlich mit den Menschen umging und in der Folge fast ganz Europa brutal unterjochte. Und unser System hat sein koloniales Erbe nicht mal ansatzweise aufgearbeitet, kann man in Frankreich, England und Belgien deutlich sehen. Und die hunderte brutale Kriege, die angeblich nur für die Demokratie geführt wurden, jedoch immer wieder nur jede Alternative und abweichende Einstellung vernichtete, das sind nur die oberflächlichen Anzeichen für die immanente Brutalität dieses Systems. Ich wette mit Ihnen, dass, sollten Russland und die BRICS als Gegenkonzept scheitern, wird dieses System sich wie Geier auf die Rohstoffe stürzen, wobei sie sich gegenseitig genauso bekämpfen werden, wie sie es vor 1919 getan haben.

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