
Die Islamische Republik und die Folgen des 11. September.
Nach dem 11. September 2001 geschah etwas, das wenige Wochen zuvor kaum vorstellbar gewesen wäre: Die Islamische Republik (IR) und die Vereinigten Staaten arbeiteten beim Sturz der Taliban auf dasselbe Ziel hin. Drei Jahre zuvor hatte die Führung in Teheran nach der Ermordung ihrer Diplomaten in Mazar-e Sharif selbst unmittelbar vor einem Krieg mit den Taliban gestanden. 2001 übernahmen die USA den militärischen Hauptteil dieses Kampfes. Die IR half mit Informationen, ihren Verbindungen zur Nordallianz und später bei der politischen Neuordnung Afghanistans. Für einige Monate entstand eine ungewöhnliche Zusammenarbeit zwischen zwei erklärten Gegnern. Washington und die IR hatten in Afghanistan denselben Feind.
Die erste Reaktion der Führung der Islamischen Republik auf die Anschläge fiel zurückhaltender und empathischer aus, als es die spätere antiamerikanische Rhetorik vermuten lässt. Präsident Mohammad Khatami verurteilte die Anschläge und sprach den amerikanischen Opfern und ihren Angehörigen sein Mitgefühl aus. Auch Teile der iranischen Bevölkerung reagierten öffentlich. In Teheran versammelten sich Menschen und entzündeten Kerzen zum Gedenken an die Opfer.
Eine politische Annäherung an die Vereinigten Staaten war das noch nicht. Konservative Medien und Funktionäre der IR warnten früh davor, Washington werde die Anschläge nutzen, um seinen Einfluss im Nahen Osten und in Zentralasien auszubauen. Bald kursierten auch Spekulationen über eine amerikanische oder israelische Mitverantwortung. Das Mitgefühl mit den Opfern ging mit tiefem Misstrauen gegenüber Washington einher.
Auch Ali Khamenei verurteilte die Anschläge. Am 26. September erklärte er dann, die IR werde eine von Washington geführte Allianz nicht unterstützen. Die Vereinigten Staaten seien aufgrund ihrer eigenen Politik und ihrer Unterstützung Israels nicht glaubwürdig genug, einen weltweiten Kampf gegen Terrorismus anzuführen; die Afghanen dürften nicht kollektiv für die Verbrechen al-Qaidas bestraft werden.
Khamenei verurteilte 9/11, wollte Washington daraus aber keine politische Vollmacht für die Region zugestehen.
Eine vergleichbar prominente, zeitgenössische Stellungnahme der Revolutionsgarden zu 9/11 lässt sich in den zugänglichen Archiven nicht zuverlässig nachweisen. Spätere IRGC-nahe Veröffentlichungen schreiben der Qods Force und besonders Qasem Soleimani eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Taliban zu. Als Beleg dafür, wie die Revolutionsgarden im September 2001 selbst auf die Anschläge reagierten, taugen diese Rückblicke nicht.
Der beinahe geführte Krieg von 1998
Warum die IR nach dem 11. September bereit war, mit den Vereinigten Staaten über Afghanistan zu sprechen, lässt sich ohne Mazar-e Sharif kaum verstehen.
Am 8. August 1998 eroberten die Taliban die nordafghanische Stadt. Bei der Einnahme des Konsulats wurden acht Diplomaten der IR und der IRNA-Korrespondent Mahmoud Saremi ermordet. Gleichzeitig richteten Taliban-Kämpfer Massaker unter der überwiegend schiitischen Hazara-Bevölkerung an.
Für die IR war eine Grenze überschritten. Die Taliban hatten ihr Personal getötet, eine schiitische Bevölkerungsgruppe angegriffen, die die Islamische Republik als schutzwürdig betrachtete, und den pakistanischen Einfluss in einem unmittelbaren Nachbarland ausgeweitet.
Die Reaktion fiel scharf aus. Zehntausende Soldaten wurden in den Grenzraum verlegt; später folgten Großmanöver mit mehr als 200.000 Soldaten. Zeitweise schien ein Krieg möglich. Die Washington Post berichtete im September 1998 über den Truppenaufmarsch und die Kriegsgefahr.
Innerhalb der Führung war ein Einmarsch umstritten. Khatami und Außenminister Kamal Kharrazi warnten nach späteren Aussagen damaliger Entscheidungsträger vor einer militärischen Intervention. Ali Rabiei, damals im Umfeld des Sicherheitsrats tätig, beschrieb Khatami ebenfalls als Gegner eines übereilten Angriffs. Eine Auswertung späterer Aussagen der Beteiligten zeigt zugleich, dass manche später verbreitete Darstellung über die Entscheidungsfindung von 1998 zu eindeutig ausfällt.
Wie weit die militärischen Vorbereitungen bereits gediehen waren, schilderte der damalige IRGC-Kommandeur Yahya Rahim Safavi später selbst. Nach seiner Darstellung verlegten die Revolutionsgarden innerhalb von 48 Stunden zwei Divisionen in den Grenzraum. Safavi legte Khamenei einen Plan vor, nach Herat vorzustoßen, die Taliban für die Ermordung der Diplomaten zu bestrafen und sich anschließend wieder zurückzuziehen.
Khamenei verweigerte die Zustimmung. Da die Taliban das Territorium der IR nicht angegriffen hätten, könne ein Einmarsch nach Afghanistan eine kaum kontrollierbare Eskalation auslösen. Öffentlich erklärte er im September 1998, er habe bislang verhindert, dass in der Region ein Feuer entzündet werde, das sich später nur schwer wieder löschen lasse.
Die verbreitete Erzählung, Khamenei habe auf Krieg gedrängt und sei von der Khatami-Regierung zurückgehalten worden, trifft den Vorgang daher nur unzureichend. Er billigte die militärische Drohkulisse und ließ keinen Zweifel daran, dass die Ermordung der Diplomaten nicht vergessen war. Den Marsch nach Herat genehmigte er nicht.
Die IR unterstützte weiterhin die Gegner der Taliban. Dazu gehörten Kräfte der Nordallianz um Ahmad Shah Massoud, Ismail Khan und schiitische Gruppierungen. Qasem Soleimani, der Ende der 1990er Jahre das Kommando über die Qods Force übernahm, wurde zu einem wichtigen Akteur dieser Politik.
Drei Jahre später wollten die Vereinigten Staaten denselben Gegner beseitigen.
Der gemeinsame Feind
Nach den Anschlägen wollten die USA al-Qaida in Afghanistan zerschlagen und die Taliban-Regierung beseitigen, die Osama bin Laden Schutz gewährte. Dieses Regime bekämpfte die IR seit Jahren. Washington und die IR stützten außerdem dieselben oder miteinander verbundene afghanische Gegner der Taliban.
Die Kontakte begannen nicht erst nach 9/11. Diplomaten beider Seiten waren einander schon vorher in multilateralen Afghanistan-Formaten begegnet. Nach den Anschlägen bekamen diese Gespräche plötzlich eine andere Bedeutung.
Eine der aufschlussreichsten Quellen dafür sind die Erinnerungen des amerikanischen Diplomaten Ryan Crocker. Vertreter der USA und der IR trafen sich im Herbst 2001 unter anderem in Genf und Paris. Etwa fünf Tage vor Beginn des amerikanischen Krieges brachten die Vertreter der IR nach Crockers Erinnerung Karten mit Taliban-Stellungen und eigenen Informationen über deren militärische Kräfte zu einem Treffen mit. Crocker erinnerte sich auch an ihre Ungeduld: Wann würden die Amerikaner endlich losschlagen?
Seine Schilderung korrigiert zugleich eine oft wiederholte Geschichte. CIA-Paramilitärs, amerikanische Special Forces und Angehörige der Revolutionsgarden hätten demnach in Afghanistan unmittelbar miteinander operiert. So beschreibt Crocker es nicht.
Er wollte einen solchen Kontakt herstellen. CIA-Mitarbeiter im Norden Afghanistans sollten direkt mit den dortigen Revolutionsgarden sprechen, damit die Nordallianz beide Seiten nicht gegeneinander ausspielen konnte. Die Vertreter der IR nahmen den Vorschlag mit nach Teheran. Danach, so Crocker, verschwand er in einem „schwarzen Loch“. Später erfuhr er von der CIA, dass die direkte Verbindung nicht zustande gekommen war.
Auf dem Schlachtfeld liefen die Interessen trotzdem zusammen. CIA-Teams und Special Forces unterstützten die Nordallianz; die IR und die Qods Force hatten dieselben oder eng verbundene Kräfte schon lange unterstützt. Dazu kamen Informationen der IR über die Taliban. Der amerikanische Terrorismusbericht für 2001 vermerkte außerdem das Angebot, amerikanischen Besatzungsmitgliedern zu helfen, falls sie auf dem Territorium der IR notlanden oder verunglücken sollten, sowie Zusagen zur Kontrolle der Grenze gegenüber fliehenden Taliban- und al-Qaida-Angehörigen.
Auf der Bonner Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 ging die Zusammenarbeit über militärische Zweckmäßigkeit hinaus. Nun musste eine politische Ordnung für die Zeit nach den Taliban gefunden werden.
Der amerikanische Sondergesandte James Dobbins beschrieb die Delegation der IR später als konstruktiv. Sie übte Druck auf Burhanuddin Rabbani und andere Vertreter der Nordallianz aus, Kompromisse über die Zusammensetzung der Übergangsregierung zu akzeptieren. Amerikanische und IR-Diplomaten arbeiteten dort zusammen mit russischen, deutschen und anderen Vertretern daran, die festgefahrenen Verhandlungen doch noch zu einem Abschluss zu bringen.
Eine solche Konstellation hatte es zwischen Washington und Teheran seit Jahren nicht gegeben.
Was wollte die IR?
Der naheliegendste Grund lag unmittelbar jenseits der Ostgrenze. Die Feindschaft gegenüber den Taliban war älter als 9/11. Sie speiste sich aus der Verfolgung schiitischer Afghanen, dem Kampf gegen Verbündete der IR, dem pakistanischen Einfluss in Afghanistan und seit 1998 aus der Ermordung der Diplomaten in Mazar-e Sharif.
Al-Qaida war ebenfalls ein Sicherheitsproblem und ideologischer Gegner. Die Organisation war eng mit den Taliban verbunden und vertrat einen radikal-sunnitischen Dschihadismus, der Schiiten und die Islamische Republik als Feinde betrachtete. Ein Rückzugsgebiet für diese Kräfte an der eigenen Grenze konnte die Führung in Teheran kaum begrüßen.
Ob sie nach 9/11 zugleich einen amerikanischen Angriff auf das eigene Land befürchtete, lässt sich schwerer beurteilen. Washington ließ anfangs offen, wie weit der angekündigte „Krieg gegen den Terror“ reichen würde. Bald konzentrierte sich die amerikanische Reaktion aber auf bin Laden, al-Qaida und die Taliban. Die 9/11-Kommission fand später keine Belege dafür, dass die IR oder Hisbollah von der Planung der Anschläge wussten.
Für die Khatami-Regierung bot Afghanistan zugleich eine seltene Möglichkeit, dem vorsichtigen Dialog mit Washington einen konkreten Inhalt zu geben. Diplomaten beider Seiten kannten einander bereits. Nun hatten sie praktische Probleme zu lösen.
Eine Normalisierung stand deshalb noch lange nicht bevor. Die Konflikte über Hisbollah, palästinensische Organisationen, das Raketen- und Nuklearprogramm der IR und frühere Terrorismusvorwürfe blieben bestehen. Khamenei zeigte auch kein Interesse daran, aus dem gemeinsamen Vorgehen gegen die Taliban eine strategische Partnerschaft zu machen.
Trotzdem war Ende 2001 etwas in Bewegung geraten. Dann kam George W. Bushs Rede zur „Axis of Evil“ im Januar 2002. Crocker erinnerte sich später deutlich an die Abkühlung aufseiten der IR. Die Kontakte verschwanden nicht sofort. Sein Gesprächspartner blieb auch danach mit ihm in Verbindung.
Ließ die IR die Amerikaner ihre Rechnung begleichen?
1998 hatten Teile der Revolutionsgarden vorgeschlagen, nach Afghanistan einzumarschieren und die Taliban zu bestrafen. Khamenei lehnte ab. Die Gegner der Taliban wurden weiter unterstützt, ein eigener Krieg aber vermieden.
Drei Jahre später beseitigte die amerikanische Militärmacht die Taliban-Regierung.
Das Ergebnis konnte der IR nur recht sein. Sie hatte Kontakte, Informationen und afghanische Verbündete beigesteuert. Die Vereinigten Staaten stellten die militärische Macht und trugen die Kosten des Feldzuges und der folgenden Intervention.
In diesem Sinne löste der amerikanische Krieg für die IR ein Problem, das seit Mazar-e Sharif ungelöst geblieben war. Von einem langfristigen Plan kann deshalb noch keine Rede sein. Niemand in Teheran konnte 1998 den 11. September oder die amerikanische Reaktion darauf vorhersehen.
Washington führte diesen Krieg aus eigenen Gründen. Als klar wurde, dass die USA einen Gegner beseitigen wollten, den die IR selbst seit Jahren bekämpfte, nutzte die Führung die Gelegenheit.
Wie günstig sich die Lage für sie entwickelte, wurde erst danach vollständig sichtbar. 2003 stürzten die Vereinigten Staaten Saddam Hussein. Innerhalb von weniger als zwei Jahren waren damit östlich und westlich der IR zwei ihrer gefährlichsten Gegner verschwunden. Bezahlt und geführt wurden beide Kriege hauptsächlich von den USA.
Eine von Teheran gestellte Falle war das nicht. Das Ergebnis hätte für die IR trotzdem kaum günstiger ausfallen können.
Feind, Faustpfand, Transitland: die IR und al-Qaida
Das Verhältnis der IR zu al-Qaida war komplizierter, als die scharfe ideologische Feindschaft zunächst vermuten lässt. Die 9/11-Kommission kam zu dem Ergebnis, dass Stellen der IR vor den Anschlägen die Durchreise von al-Qaida-Angehörigen zwischen Afghanistan und dem arabischen Raum erleichtert hatten. Mehrere Männer, die später an 9/11 beteiligt waren, reisten durch das Land. Bei bestimmten saudischen Reisenden wurden die Passformalitäten so gehandhabt, dass ihre Reise nach Afghanistan nicht erkennbar war.
Die Kommission zog zugleich eine klare Grenze: Belege dafür, dass die IR oder Hisbollah von der Planung des 11. September wussten, fand sie nicht.
Hinweise auf Kontakte zwischen Angehörigen der Revolutionsgarden und arabischen Dschihadisten reichen weiter zurück. Eine ungewöhnliche Quelle dafür ist Saeed Qassemi, ein IRGC-Brigedegeneral a.D. und Veteran des Bosnienkrieges.
Qassemi war selbst in Bosnien eingesetzt. 2019 erzählte er öffentlich, Angehörige der Revolutionsgarden seien während des Krieges unter dem Erscheinungsbild des Rothalbmonds dorthin gegangen und hätten muslimische Kämpfer militärisch ausgebildet. Dann sprach er über al-Qaida. Nach seiner Darstellung seien sie dort zeitweise „mit den al-Qaida-Leuten zusammen“ gewesen. Er behauptete außerdem, diese hätten Teile des Auftretens der von der IR unterstützten Kämpfer übernommen – von Stirnbändern und Fahnen bis zur Bildung und Benennung jihadistischer Einheiten.
Ganz allein stand er mit dem Kern dieser Geschichte nicht. Hossein Allahkaram, ebenfalls ehemaliger IRGC-Kommandeur und damals in Bosnien, wurde kurz darauf zu Qassemis Aussagen befragt. Er versuchte zwar, dessen Darstellung über den Rothalbmond abzuschwächen. Die Kontakte zu al-Qaida bestritt er aber nicht. Eine „Schicht“ der Organisation in Bosnien habe „auf irgendeine Weise“ mit ihnen in Verbindung gestanden. Manche Kämpfer hätten in al-Qaida-Lagern eine Ausbildung erhalten und seien anschließend zu den von der IR unterstützten Kräften gekommen. Das persischsprachige Interview gibt auch Qassemis ursprüngliche Aussagen wieder.
Für die Vorgeschichte des späteren Verhältnisses zwischen IR und al-Qaida ist das bemerkenswert. Qassemi verlegte die Begegnung beider Milieus in die erste Hälfte der 1990er Jahre. Folgt man seiner Erinnerung, trafen Angehörige der Revolutionsgarden und arabische Dschihadisten nicht erst nach 9/11 unter den Bedingungen von Flucht, Festsetzung und Transit aufeinander.
Mehr lässt sich daraus nicht sicher machen. Die Aussagen zweier ehemaliger IRGC-Kommandeure sind keine Einsatzakten und beweisen kein formelles Bündnis zwischen den Revolutionsgarden und al-Qaida. Qassemis weitergehende Behauptung, al-Qaida habe Formen des Auftretens oder Methoden der von der IR unterstützten Kräfte übernommen, bleibt seine Aussage als damaliger Beteiligter.
Die Revolutionsgarden widersprachen Qassemis Darstellung. Auch die Rothalbmondgesellschaft bestritt, eine militärische Verwendung ihrer Kennzeichen oder Uniformen genehmigt zu haben.
Besonders heikel war dieser Teil seiner Erzählung ohnehin. Qassemi hatte von militärischer Ausbildung unter dem Erscheinungsbild einer geschützten Hilfsorganisation gesprochen. Die missbräuchliche Verwendung des Schutzzeichens des Roten Kreuzes oder Roten Halbmonds für militärische Zwecke ist nach dem humanitären Völkerrecht verboten.
Für eine dauerhafte Kooperation zwischen Revolutionsgarden und al-Qaida reichen Qassemis und Allahkarams Aussagen nicht. Schwerer wegzuerklären ist der engere Befund: Zwei ehemalige IRGC-Kommandeure, die selbst in Bosnien waren, beschrieben Kontakte zu Kräften, die sie al-Qaida zurechneten. Allahkaram bestätigte diesen Teil, obwohl er Qassemis andere Aussagen teilweise zu relativieren versuchte.
Nach dem Sturz der Taliban bekam das Verhältnis eine andere Form. Zahlreiche al-Qaida-Angehörige flohen in die Islamische Republik. Manche wurden festgesetzt. Bei anderen warfen amerikanische Behörden der IR später vor, größere Bewegungsfreiheit zu dulden. Das US-Finanzministerium beschrieb 2011 ein über das Territorium der IR arbeitendes al-Qaida-Netzwerk und veröffentlichte 2012 weitere Vorwürfe gegen dieses Netzwerk. Nach Darstellung des Finanzministeriums wurden darüber Geld und Personen zwischen dem arabischen Raum und Südasien bewegt. Die Behörde sprach von einem Arrangement, das bestimmte Transitaktivitäten zugelassen habe. Das sind Angaben der US-Regierung; die IR hat sie nicht bestätigt.
Auch Angehörige Osama bin Ladens gelangten nach dem Sturz der Taliban in die Islamische Republik. Besonders bekannt wurde der Fall seiner Tochter Iman. Sie entkam Ende 2009 in die saudische Botschaft in Teheran. Außenminister Manouchehr Mottaki bestätigte damals, dass die Botschaft die Behörden der IR über die Anwesenheit einer Tochter bin Ladens informiert hatte. Über die genauen Lebensbedingungen der Familie und das Verhältnis zu den Behörden gibt es unterschiedliche Darstellungen. Ein späterer, auf Gesprächen mit Familienangehörigen und Begleitern beruhender Bericht des Guardian rekonstruiert den Aufenthalt der bin-Laden-Familie in der Islamischen Republik und Imans Flucht in die saudische Botschaft.
Noch rätselhafter ist der Fall Abdullah Ahmed Abdullahs, bekannt als Abu Muhammad al-Masri. Der hochrangige al-Qaida-Funktionär wurde nach Medienberichten im August 2020 zusammen mit seiner Tochter in Teheran erschossen. Amerikanische Quellen machten später israelische Agenten für die Tat verantwortlich und erklärten, diese hätten auf Ersuchen der USA gehandelt. Die IR bestritt sowohl diese Darstellung als auch, dass al-Masri sich überhaupt in Teheran aufgehalten habe.
Eine einfache Geschichte ergibt sich daraus nicht. Ideologisch standen al-Qaida und die Islamische Republik einander feindlich gegenüber. In der Praxis gab es zu unterschiedlichen Zeiten offenbar Kontakte, Transit, Festsetzungen und möglicherweise begrenzte Absprachen. Die Aussagen Qassemis und Allahkarams deuten darauf hin, dass diese widersprüchliche Geschichte weiter zurückreichen könnte als bis zum Krieg in Afghanistan.
Zwanzig Jahre später: Die Taliban kehren zurück
2021 stand Afghanistan wieder an einem Wendepunkt. Die Taliban, deren erste Herrschaft 2001 mit amerikanischer Hilfe beendet worden war, rückten erneut auf Kabul vor. Diesmal zogen die Vereinigten Staaten ab.
Das Verhältnis zwischen IR und Taliban hatte sich inzwischen verändert. Freunde waren sie nicht geworden. Die IR hatte sich aber längst darauf eingestellt, dass die Taliban wieder eine politische Rolle spielen würden.
Im Sommer 2021 wurde das besonders sichtbar. Die IR lud eine Taliban-Delegation unter Führung von Sher Mohammad Abbas Stanikzai nach Teheran ein. Dort sollte sie mit einer Gruppe afghanischer Politiker sprechen, zu der unter anderem der frühere Vizepräsident Yunus Qanuni gehörte. TOLOnews berichtete auf Persisch über die Einladung und die Zusammensetzung beider Delegationen.
Am 7. und 8. Juli fanden die Gespräche in Teheran statt. Vertreter der afghanischen Republik und eine hochrangige Taliban-Delegation nahmen daran teil; Mohammad Javad Zarif eröffnete die Gespräche. In der gemeinsamen Abschlusserklärung bezeichneten die Teilnehmer den Krieg ausdrücklich nicht als Lösung und bekannten sich zu weiteren Verhandlungen über einen politischen Übergang.
Die Führung der IR begrüßte den Abzug der USA, ohne deshalb alle Vorbehalte gegenüber den Taliban aufzugeben. Nach dem Fall Kabuls bezeichnete Präsident Ebrahim Raisi die amerikanische Niederlage und den Abzug als Gelegenheit für Sicherheit und Frieden in Afghanistan. Gleichzeitig drängte die IR auf eine Regierung, an der unterschiedliche politische und ethnische Gruppen beteiligt sein sollten.
Khamenei machte die künftigen Beziehungen von der Politik der neuen Machthaber abhängig. Regierungen kämen und gingen; entscheidend sei das afghanische Volk. Wie die IR mit einer Regierung in Kabul umgehe, werde davon abhängen, wie diese sich ihr gegenüber verhalte.
Als die Taliban im September ihre Übergangsregierung präsentierten, blieb Teheran zurückhaltend. Außenminister Hossein Amirabdollahian verlangte eine breitere Beteiligung der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und warnte, eine nicht inklusive Regierung werde Afghanistan keinen dauerhaften Frieden bringen.
Der Kontrast zu 1998 ist auffällig. Damals hatte die IR wegen der Taliban Truppen an der Grenze zusammengezogen. 2001 half sie bei deren Sturz. Zwanzig Jahre später verhandelte sie mit derselben Bewegung und bereitete sich auf deren Rückkehr vor.
Die Prioritäten hatten sich verschoben. Ende der 1990er Jahre waren die Taliban selbst die unmittelbare Bedrohung. 2001 waren sie der gemeinsame Gegner Washingtons und der IR. 2021 sollte vor allem die amerikanische Militärpräsenz verschwinden. Mit den Taliban würde man danach leben müssen.
Wie die IR an 9/11 erinnert
In der Erinnerungspolitik der IR hat sich der Schwerpunkt seit 2001 deutlich verschoben. Die damalige Verurteilung der Anschläge und die Sympathiebekundungen der iranischen Zivilgesellschaft für amerikanische Zivilisten gehören zur historischen Aktenlage. In regimenahen Medien stehen sie später selten im Vordergrund.
9/11 erscheint dort eher als Ausgangspunkt der amerikanischen Kriege in Afghanistan und im Irak. Washington habe die Anschläge benutzt, so eine wiederkehrende Deutung, um seine militärische Präsenz in West- und Zentralasien auszubauen und die politische Ordnung der Region nach eigenen Vorstellungen zu verändern.
Regimenahe Medien verbreiteten außerdem Verschwörungsthesen über den 11. September – von angeblichen Ungereimtheiten beim Einsturz des World Trade Center bis zu Spekulationen über amerikanische oder israelische Hintergründe. Einheitlich war diese Linie nie.
Weitgehend verschwunden ist dagegen die eigentümliche Situation des Herbstes 2001: Die Führung der IR verurteilte die Anschläge, Teile der iranischen Bevölkerung bekundeten offen Mitgefühl, und kurz darauf saßen Diplomaten der IR und der USA zusammen und berieten über den Krieg gegen die Taliban und die Zukunft Afghanistans.
Drei Jahre nach Mazar-e Sharif war das Taliban-Regime beseitigt, ohne dass die IR selbst den Krieg geführt hatte. Sie hatte den Amerikanern geholfen und war ihrer Kriegskoalition trotzdem ferngeblieben. Wenige Monate später setzte George W. Bush die Islamische Republik auf seine „Achse des Bösen“.
Zwanzig Jahre danach verließen die letzten amerikanischen Soldaten Afghanistan. Die Taliban kehrten zurück. Diesmal mobilisierte die IR keine Armee an der Grenze. Sie hatte längst mit den Taliban verhandelt und stellte sich auf ihre Herrschaft ein, während sie den amerikanischen Abzug als Niederlage Washingtons begrüßte.
Die Monate nach 9/11 waren eine Ausnahme in der Geschichte der Beziehungen zwischen Washington und der IR. Zwei erklärte Gegner arbeiteten für kurze Zeit auf dasselbe Ziel hin, weil sie in Afghanistan denselben Feind hatten. Als diese Konstellation verschwand, verschwand auch die Zusammenarbeit.


