Fedorov: Humanoider Roboter soll innerhalb von sechs Monaten den ersten russischen Soldaten töten

Fedorovs Vorstellung einer Roboterarmee, die in den Krieg zieht. Screenshot von dem Werbevideo

 

Kriege und Kriegsvorbereitungen zum Angriff oder zur Abschreckung können unglaubliche Ressourcen, nicht zuletzt an Menschen, verschwenden. Die Produktion dient ausschließlich der Destruktion und dem Schutz vor Destruktion durch den Feind. Weil es letztlich um das Überleben sozialer oder nationaler/staatlicher Gebilde gehen soll, wie die an Krieg oder Kriegsvorbereitung interessierten Kräfte den Menschen einreden, werden ethische Begrenzungen des Verhaltens und der technischen Entwicklung beiseitegestellt. Wenn es um Tod oder Überleben geht, ist Selbsterhaltung und die Vernichtung des Gegners alles.

Zwar kämpfen, töten und sterben die Einzelnen, aber es geht nicht um einen Konflikt zwischen Einzelnen, sondern um den zwischen Gruppen und Staaten. Das Paradox ist, dass der Gegner, den ein Soldat/Kämpfer mit allen Waffen, die ihm technisch zur Verfügung stehen, jenseits der fundamentalsten ethischen Prinzipien, die ein Zusammenleben ermöglichen, zu töten, nichts gegen den anderen, der ihn ins Visier nimmt, persönlich hat. Er ist nur ein Repräsentant des Feindes, der sich als Maschinerie zeigt.

Repräsentant klingt noch so, als wäre er ein Mensch mit eigener Entscheidungskraft, in Wirklichkeit ist er ein Rädchen, im Zeitalter der KI würde man eher sagen: ein Agent der Kriegsmaschinerie, die nur deswegen funktioniert, weil die normalen Gesetze aufgehoben werden und der Einzelne seine Freiheit durch Zwang oder Bestechung (hoher Verdienst) verliert. Deswegen werden beispielsweise in der Ukraine Männer, die sich nicht für den Kriegsdienst kaufen lassen, auf den Straßen gejagt und mit Gewalt zum Militär verschleppt – und das im Namen der Freiheit, die es angeblich zu verteidigen gilt, die aber für den Einzelnen an der Front nur abstrakt existiert.

Man darf die Wahrheit ja nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts sagen: Soldaten sind Mörder. Allerdings müsste man sagen, sie werden zu Mördern gemacht und allein schon deswegen, weil ihnen beigebracht wird, die Tötungshemmung zu überwinden. Die ist im modernen Krieg sowieso nur noch bedingt vorhanden, denn man steht sich kaum noch gegenüber, sondern wirft Bomben an, feuert Artilleriegeschosse oder steuert Kamikazedrohnen. Bei letzteren sieht der Pilot dem Gegner, den er kaltblütig ermordet, mitunter noch ins Auge, auch wenn dieser nur die Drohne bzw. deren Kamera kurz vor dem Tod oder der Verstümmelung sehen kann. Gerne werden die Videos verbreitet, die Menschen, die sich nicht mehr wehren können, in Todesangst zeigen (Wir sollen den Krieg finanzieren, aber seine Wirklichkeit nur selektiv sehen). Man genießt auch Videos, die zeigen, wie sich Verletzte selbst töten, um den Schmerzen, dem langsamen Sterben oder einer Gefangennahme zu entgehen. Das sind Videos, die man als Realitätspornos verstehen kann, die aber eine ästhetisierende Distanz zum wahrgenommenen Geschehen herstellen. Man könnte sie umgekehrt zur Beschreibung der Aura von Walter Benjamin „als einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag“ als eine einmalige Nähe beschreiben, die aber in der entrückten Ferne bleibt und daher emotional kalt lässt.

Mit autonomen Drohnen, die gelernt haben, bestimmte Objekte oder auch Menschen zu suchen und zu erlegen, die als Gegner gelten, verschwindet zwar diese direkte Grausamkeit (Sind schon Autonome Kampfdrohnen im Ukraine-Krieg im Einsatz?) Aber die Mordabsicht bleibt beim Start einer selbständigen Waffe nicht nur bestehen, das Töten wird auch erleichtert, wenn es geschieht, weil der Mörder keinem Menschen mehr gegenübersteht, sondern nur noch in einem entfernten und sicheren Raum, der auch ein Flugzeug oder ein Artilleriesystem sein kann, Koordinaten eingibt. Man ist nicht mehr direkt verantwortlich für Tod und Zerstörung und sieht die zu killenden Menschen nur als abstrakte Ziele. Nur so konnten die amerikanischen Piloten am Ende des Zweiten Weltkriegs die Atombomben als eine Art Insektenvernichtungsmittel abwerfen.

 

Der Krieg in der Ukraine treibt enthemmt die Technisierung voran. Nach den Drohnen werden nun zunehmend an der Front bewaffnete und ferngesteuerte Bodenroboter eingesetzt, deren Steuerung auch mit den Echtzeitbildern von Drohnen abgeglichen wird. Mit Drohnen sollen sie auch bereits hinter die Front in den Rücken der feindlichen Linien gebracht worden sein, um von beiden Seiten anzugreifen. Noch weiter hinter den Soldaten oder Kämpfern an der Front stehen diejenigen wie Fedorov und Selenskij, die aus dem Töten ein Geschäft machen und politische Interessen verfolgen.

Der von Selenskij als Verteidigungsminister gefeuerte Fedorov, der Fans vor allem unter den jüngeren Ukrainern hat und auch an die politische Macht drängt, hatte als junger, erst 35-jähriger Minister-Nerd den Drohnenkrieg vorangetrieben, zuvor hatte er als bislang jüngster Amtsträger von 2019 bis 2025 als Minister für Digitale Transformation gearbeitet und war seitdem mit Elon Musk befreundet. Drohnen hätten die Kriegsführung verändert, 95% der Angriffe würden nun mit Drohnen ausgeführt, es gebe in der Ukraine mehr als 700 Firmen, die Drohnen herstellen. Es fließt viel Geld in die neuen Kanäle der Rüstungsproduktion. Damit sind wirtschaftliche Interessen und Korruption verbunden.

Es heißt, einer der Gründe des Zwists zwischen Selenskij und Fedorov sei deren Verbindung mit unterschiedlichen Rüstungsunternehmen und Geldströmen gewesen. Überdies habe Fedorov mit seinem Drohnenkrieg gegen Ziele weit in Russland zwar Erfolge erzielt und Kampfeinsätze finanziell attraktiver gemacht, aber im ersten Halbjahr das Verteidigungsbudget für das ganze Jahr verbraucht, weswegen jetzt zusätzliche 27 Milliarden Dollar für das Militär noch in diesem Jahr von den Unterstützerstaaten benötigt werden.

Finanzminister Marchenko erklärte heute, dass die Ukraine durch Einsparungen 7 Milliarden zur Kostendeckung beisteuern, weitere 5 Milliarden für das Militär würden von „gemeinsamen Anstrengungen“ mit der EU erwartet. Das klingt nicht sonderlich realistisch, zumal man von den „Partnern“ für den Staatshaushalt 2026 auch noch 29,5 Milliarden Dollar benötigt, selbst wenn die EU 3 Milliarden gerade bezahlt hat. Erschwerend kommt hinzu, dass noch „garantierte“ Zahlungen der EU für das ukrainische Militär ausstehen sollen. Und auch falls die gemeinsamen Anstrengungen der Ukraine und der EU 12 Milliarden zusammenkriegen sollten, fehlen immer noch 15 Milliarden Dollar. Wenn die Gelder aus dem 90 Milliarden-Euro-Kredit für 2027 vorgezogen werden, klafft die Lücke nächstes Jahr nur viel größer. Deswegen wäre für die Ukraine ein Ende des Krieges dringend notwendig.

Mittlerweile ist der versierte Redner Berater des italienischen Verteidigungsministers und will politisch, aber auch finanziell reüssieren. So hat er schon mal Palantir-Chef Karp gewonnen, in einen noch erst zu gründenden Fonds zur Herstellung von Drohnen und KI-gestützten Waffensystemen zu investieren. Die sollen dann wohl von Unterstützerländern für die Ukraine gekauft und auch an interessierte Staaten verkauft werden. Benötigt werden mithin Investoren, die sich direkt durch Töten bereichern wollen, was allerdings immer bei Investitionen in Rüstung der Fall ist.

„Roboterarmee“ mit „physischer KI“ als Geschäftsidee

Jetzt will er das Projekt einer „Roboterarmee“ realisieren – mit „physischer KI“. Es sei nach dem Drohnenkrieg ein nächster technischer Durchbruch erforderlich, sagte er. Das sei die „Roboterisierung des Krieges“. Fedorov ist ein typischer Technokrat und Tech-Prophet, der Technik nur zur Effizienzsteigerung, hier beim Töten, optimieren will. Zwar erklärt er, dass die Roboterarmee Menschenleben retten wird, allerdings bestenfalls nur die auf der eigenen Seite, während sie die Feinde, gleich ob Menschen oder Roboter, ja töten oder zerstören soll. Fedorov führte auch die Gamifizierung des Tötens im ukrainischen Militär durch ein Rankingsystem ein, das Leistung belohnt und die Konkurrenz fördert. Es gibt Punkte für getötete Russen oder zerstörte russische Ausrüstung, wenn dies durch Videos verifiziert wird. Damit können Einheiten benötigte Ausrüstung einkaufen und kommen auf eine Rangliste.

Was Fedorov sagte, ist im Grunde nichts anderes, als dass Roboter Menschen an der Front ersetzen sollen und die gefährlichen Aufgaben ausführen sollen. Sein Hauptantrieb scheint zu sein, humanoide Roboter auf das Schlachtfeld zu schicken. Er stehe mit einer Firma in Verbindung, die solche Roboter herstellt. Noch seien die Kosten zwischen 40.000 und 70.000 Dollar zu hoch, um sie großflächig einzusetzen. Sein Ziel sei aber, dass ein humanoider Roboter bis spätestens in einem halben Jahr einen Russen tötet.

Das muss man allerdings als Propaganda für sein Projekt begreifen, das im Grunde ein kommerzielles ist. Er strebt nichts weniger als ein superteures neues „Manhattan-Projekt“ an, sagte er auf der ukrainischen Tech-Konferenz  IT Arena in Lwiw. Dort warb er für sein Projekt, das nicht nur ein Unternehmen sei, sondern ein „Ökosystem“.  Es geht darum, Investoren für ein Projekt  zu finden, das noch ein Luftschloss ist, und Geld anzuzapfen, das natürlich auch in seine Tasche fließen soll: „Wir werden in Unternehmen aus dem Bereich der Verteidigungstechnologie investieren, eigene Technologieprojekte auf den Weg bringen, Forschungs- und Entwicklungsabteilungen aufbauen, Lösungen gemeinsam mit dem Militär testen und das, was sich auf dem Schlachtfeld tatsächlich bewährt, so schnell wie möglich in größerem Maßstab umsetzen.“

Seine Idee sei es, sagte er in einem Interview, „Ingenieure, Start-ups und Kapital in einem Ökosystem zu vereinen, damit wir humanoide Roboter auf dem Schlachtfeld einsetzen können. Wir wollen unsere Infanterie letztendlich durch diese Roboter ersetzen.“ Testfeld dafür ist der Krieg gegen Russland, er beschwört letztlich die Möglichkeit, durch Technik den Krieg gewinnen zu können, wenn man nur schnell genug Innovationen vorantreibt: „Russland denkt ständig über neue Strategien nach, wie es unsere Frontlinien hacken kann. Wir müssen die Ersten sein, die unsere eigenen Frontlinien hacken.“ Er nennt drei Bereiche, in die investiert werden soll: „Sensoren und Roboter, kostengünstigere Anti-Jet-Shahed-Raketen sowie KI-gesteuerte Angriffsdrohnen und -raketen.“

Völlig unklar ist aber, ob Selenskij oder das ukrainische Militär überhaupt an einer Zusammenarbeit interessiert ist, ganz zu schweigen davon, dass der Ukraine das Geld ausgeht. Fedorov hatte eine weitere Zusammenarbeit mit Selenskij ausgeschlagen, ist jetzt in der Bevölkerung als technischer Heilsbringer beliebter politischer Konkurrent nicht nur von Selenskij, sondern auch von Budanow und Salschnyi und hat sich schnell eine Beraterstelle bei der Eastern Europe Foundation gesichert, die ihn vor Mobilisierung schützt. Unter dem Deckmantel des Nationalismus ist Fedorov ein knallharter, erbarmungsloser Geschäftsmann, der den Krieg und das Töten ausnutzt, um schnelle Geschäfte mit der todbringenden Rüstung zu machen. Das ist so widerlich, wie das Abschlachten im Krieg selbst.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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