Evangelische Kirchenleitung für „Kriegstüchtigkeit“

Friedensdekade 2914
Bild: Friedensdekade 2014, Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden e.V. (AGDF)

 

Die Kritik am neuen staats- und militärnahen Kurs der EKD reißt nicht ab. – Ein Sammelband erschließt jetzt 35 Widerworte aus kirchlichen Initiativen, Publizistik, Friedensbewegung, Wissenschaft und christlicher Basis

 

Der Verfasser hat im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie eine Sammlung kritischer Stellungnahmen zum jüngsten EKD-Dokument über Krieg und Frieden herausgegeben. Diese „Umdenkschrift“ wird als freie Digitalversion und als illustrierter Buchband angeboten. Die nachfolgenden Ausführungen lehnen sich mit einigen Abschnitten an das Vorwort der Dokumentation an.

Die Evangelische Kirche in Deutschland präsentierte Anfang November 2025 der Öffentlichkeit eine Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ – als Positionierung „angesichts neuer Herausforderungen …“ Das Denkschrift-Lob der im bürgerlichen Diskurs als maßgeblich geltenden Medien fiel ziemlich einhellig aus: „Abschied vom Pazifismus … Im Rahmen der EKD-Synode veröffentlicht die Kirche ihre Friedensdenkschrift und bricht damit mit der Tradition der Friedensbewegung“ (ZDF heute, 10.11.2025). „Die Evangelische Kirche bricht mit ihrer Friedensethik. Laut einer neuen Denkschrift der EKD lässt sich der Pazifismus als generelle politische Ethik ‚ethisch nicht legitimieren‘. Das kommt einem Bruch mit bisherigen Positionen gleich“ (FAZ-online, 10.11.2025). Die ‚Berliner Zeitung‘ legte am gleichen Tag aber etwas Erstaunen an den Tag: „Evangelische Kirche überrascht mit Kurswechsel. – Atomwaffen sind ‚politisch notwendig‘. Die evangelische Kirche passt ihre Friedensdenkschrift an. Atomwaffen gelten nun als unverzichtbar für Sicherheit“ (BZ, 10.11.2025).

  1. Warnung vor „unethischen“ Friedensverhandlungen

Viele Passagen der EKD-Schrift – insbesondere Teil 3 der Kursvorgabe „angesichts neuer Herausforderungen“ – lesen sich wie eine militärkirchliche Dienstleistung für den Staat, und das scheint überhaupt der eigentliche Kern des ganzen Dokumentes zu sein (Stichworte: Atombombenbesitz und -teilhabe, Glaube an Abschreckungssysteme, Waffenlieferungen / Waffenexporte, Aufrüstungspolitik, ‚präventive Defensivschläge‘, Militär- bzw. Kriegsdienst als wertgeschätzte Gemeinwesenarbeit [S. 133-134: bei Verpflichtung auch für Frauen!], Wertung bzw. Abwertung der Verweigerung). Allen Ernstes sind die Verfasser bemüht, dem Terminus „Kriegstüchtigkeit“ einen guten Sinn abzugewinnen (S. 64-65)! Von Militarismus und Militarisierung wollen sie nicht reden. Zur Billionenschweren Hochrüstung im Zuge des neuen deutschen Großmachtstrebens fällt der Kirchenleitung nur der pastorale Rat ein: „Aufrüstung allein ist kein Friedensgarant.“ (S. 77)

Passend zur deutschen Staatslinie predigt die EKD-Spitze, dass Friedensverhandlungen in einem heißen Konflikt „nur dann ethisch vertretbar“ seien, „wenn sie … dem Schutz der territorialen Unversehrtheit und Selbstbestimmung dienen“ (S. 75). Empathie angesichts des hundertausendfachen, völlig sinnlosen Sterbens junger zwangsrekrutierter Ukrainer – über Jahre hinweg – ist an dieser Stelle nicht erkennbar.

Jesus von Nazareth hat allerdings nie einem Staatsterritorium irgendeinen hohen Wert zugemessen und schon gar nicht gepredigt, man dürfe für den Staat (oder abstrakte Prinzipien) auch nur einziges Menschenleben (biblisch gesprochen: ein „Ebenbild Gottes“) opfern. Doch das scheint die EKD-Autoren nicht zu interessieren. Sie wollen eine „zeitgemäße“ Ethik mit Anschluss an die vorherrschenden Diskurse – und gehören selbst wohl auch kaum jener Klasse der Habenichtse an, die bei Kriegen für die Welt- oder Staatsordnung der Besitzenden stets den höchsten Blutzoll zu entrichten hat.

Im Übrigen: Wären die deutschen Großkirchen Anwälte der Soldaten (was man begrüßen müsste), so hätten sie ihre militärkirchliche Beteiligung an den „Brunnenbau“-Fiktionen zur Verklärung des Afghanistan-Kriegseinsatzes schon längst öffentlich bedauert und alle traumatisierten Veteranen, deren Leben durch die militärischen Gewaltexzesse am Hindukusch zerstört worden ist, für die Irreführung um Vergebung gebeten. Das Militärkirchenwesen ist von den sinnlosen Leiden der Kriegsdienstleistenden mit einiger Wahrscheinlichkeit gründlicher unterrichtet als jede andere Stelle, aber es lässt die Öffentlichkeit am diesbezüglichen Wissen nicht teilhaben.

Dick unterstrichen wird in der EKD-Denkschrift die Verantwortung zum Schutz vor Gewalt (vgl. z.B. S. 52-54, 117-121). Auch hier wahrt man das staatstragende Tabu und spricht nicht über die wirklichen Weltverhältnisse: Nach dem Völkermord in Ruanda 1994 gab es bei der UNO integre Persönlichkeiten, die die Entwicklung wirksamer (also nicht-militärischer) – präventiver – Strukturen zur Verhinderung von Völkermord auf den Weg bringen wollten. Die Idee einer „Responsibility to protect“ (R2P) wurde indessen frühzeitig durch die Militärideologen instrumentalisiert, missbraucht und verdorben. Während unentwegt Billionen den Rüstungsprofiteuren und Kriegswissenschaften zufließen, bleiben für das Feld von „R2P“ allenfalls Groschen aus der Portokasse übrig. Heute, mehr als drei Jahrzehnte nach Ruanda, verfügt die Weltgesellschaft über ebenso wenig Erkenntnisse, Mittel (Methoden), Akteure und materielle Grundlagen zur Verhinderung von Völkermord wie 1994. Von diesem Bankrott darf aber nicht geredet werden, weil sonst das ganze Kartenhaus des ideologischen Menschenschutz-Geredes zusammenfällt.

Gleichzeitig werden die ohnehin beschämend geringen Budgets für Entwicklungszusammenarbeit, humanitäre Hilfe und nichtmilitärische Konfliktlösung gnadenlos zusammengestrichen. Die Schauplätze des Leidens sind Legion. Die unterlassene Hilfeleistung und das tatenlose Zuschauen sind permanent (und systemisch). Die EKD-Spitze glaubt aber offenbar unverdrossen an gutgesonnene Akteure in der Staatenwelt, deren ehrliches Bestreben es angeblich sein soll, Menschenleben auf dem Globus zu schützen und zu erhalten. Realistischer als das Nachplappern der militärideologischen Schutzparole (zugunsten von Rüstungsproduktion und Waffenlieferungen) wäre es, mit dem heiligen Augustinus die gesamte imperiale Staatenwelt als ein Gefüge von großen Räuberbanden zu identifizieren, denen das ‚Lebensrecht der anderen‘ rein gar nichts gilt. Etwas Mathematik beim Blick auf die realen Budget-Relationen würde schon helfen, klarer zu sehen.

Passend zu alldem schweigt sich die EKD-Denkschrift auch aus zu den ökonomischen und geostrategischen Zielvorgaben in den Militärdoktrinen der „eigenen Seite“ (einschließlich der militarisierten Abwehr von „unerwünschter Migration“).

Die überkommenen Kriterien der alten „Kriegsethik“ (bellum iustum) sollen jetzt Kriterien der kirchlichen „Friedensethik“ sein (S. 47-49). Wieso zieht man dann nicht wenigsten aus diesem Ansatz den naheliegendsten Schluss für gegenwärtige Schauplätze? Die klassische Lehre verlangt, dass – abgesehen von einer realistischen Einschätzung der Erfolgsaussichten – die Verhältnismäßigkeit der Mittel (proportionalitas in bello) und der Folgen (proportionalitas ad finem) gewahrt werden müsse. Die negativen Folgen einer militärischen Verteidigung dürfen nicht schlimmer sein als die Übel, die man abwehren bzw. beseitigen will. Man darf demnach ein Land wohl kaum mit Waffen so „(tot-)verteidigen“, dass Gräber von hunderttausenden Leichen, eine breite Verwüstung und am Ende ein faktischer Zusammenbruch die Folgen sind – oder (wie in Gaza): auf das Massaker einer Terrororganisation wissentlich mit der Tötung von zehntausenden Zivilisten antworten.

  1. Die Evangelische Kirchenleitung will die Bombe nicht verteufeln

Schon 2023 habe ich in einem Overton-Beitrag darauf hingewiesen, dass die deutsche Politik aus dem evangelischen Militärkirchenwesen heraus geradezu ermutigt wird, dem 2017 beschlossenen, 2021 in Kraft getretenen Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) der Vereinten Nationen nicht Folge zu leisten. Solch eine Beratungslinie, die hierzulande Nuklearwaffen einer ethikfreien Imperialmacht mit Erstschlagdoktrin (!) betrifft, hat sich nun in der EKD durchgesetzt.

Die Journalistin und Schriftstellerin Bascha Mika merkt hierzu in der Frankfurter Rundschau an: „… die gefährliche Anbiederung an die Macht scheint kein Tabu mehr. Deutlich zeigt sich das in der Haltung zu Atomwaffen. Hier eiert die Denkschrift atemberaubend herum, um irgendwie christlich und dennoch staatsloyal daherzukommen … Statt Bewahrung der Schöpfung die mögliche Vernichtung der Welt als christliche Risikooption? … Wo bleibt die Verantwortung der Kirche als Gegenkraft, die es angesichts der fortschreitenden Militarisierung der Gesellschaft bräuchte? Wo ist der christlich-ideelle Überschuss für eine gewaltfreie Welt? Stattdessen legt der Rat ein Grundsatzpapier mit realpolitischem Visionsverlust vor. Und ein protestantisches Manifest, das die Kirche weiter in den selbstverschuldeten Bedeutungsschwund treibt“ (FR, 12.11.2025).

Den bislang überzeugendsten Kommentar zum kirchlichen Bomben-Votum hat kein „Revoluzzer“, sondern der evangelische Theologe Michael Trowitzsch (Jg. 1945) verfasst: „Wir Christen? Nach dieser Denkschrift sind wir dabei. Die Warnung des Apostels ‚Stellt euch nicht dieser Welt gleich‘ wird jetzt erneut ausgeschlagen. Praktiziert wird die reine Anpassung an den waffengläubigen Zeitgeist. … Uns Zweitschlag-Christen schreckt die Gefahr keineswegs, den Fortbestand aller Erdendinge aufs Spiel zu setzen. Die ganze Welt ins Unheil zu stürzen. Einen nuklearen Winter heraufzuführen, die Auslöschung allen Lebens auf der Erde. Falls es ‚schiefgeht‘, beim Versagen des Hasardspiels, wird es keiner von uns gewollt haben. Die eigentliche furchtbare Naivität? Sehenden Auges, hochmütig, irrsinnig das Weiterbestehen der Menschheit aufs Spiel zu setzen. ‚Abschreckung‘ als die in dieser Sache einzig gesellschaftlich akzeptierte Denkweise anzuerkennen. Den aberwitzigen Glauben an die Verlässlichkeit der Furcht und an den Terrorismus der gegenseitigen Ängstigung zu teilen. Die hysterische Tabuisierung der Möglichkeit ihres Versagens mitzumachen.“ (zeitzeichen. Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft Nr. 1/2026, S. 48.)

Nur so kann ein Christenmensch schreiben, der noch alle sieben Sinne beieinander hat und mit seinem geistigen Vermögen zumindest anfanghaft den Nuklearpazifismus von Denkern wie Albert Einstein oder Günther Anders nachzuvollziehen vermag.

  1. Die Evangelische Kirchenleitung traut Jesu Bergpredigt von der Gewaltfreiheit nichts mehr zu

Die Berpredigt Jesu, die in den Kirchen als feierliches Evangelium verlesen wird, spiegelt das Programm des aktiven gewaltfreien Widerstehens gegen eine brutale imperiale Besatzungsmacht (Rom). Gerade sie – aktueller denn je seit ihrer Niederschrift – soll jetzt nach zwei Jahrtausenden nicht mehr zeitgemäß sein bzw. bestenfalls ein Rezept für den Hausgebrauch.

Der Konfliktforscher Markus Weingardt resümiert in seinem Beitrag zum EKD-Dokument: „Die große Schwäche der Friedens-Denkschrift … besteht darin, dass sie der Gewaltlosigkeit nicht traut. Das ist ebenso erschreckend wie traurig wie folgenreich …, denn indem die Idee und Praxis der Gewaltlosigkeit relativiert und marginalisiert wird, wird zugleich jener marginalisiert, der die Idee und Praxis der Gewaltlosigkeit lehrte und lebte, Jesus selbst … ‚Unerlöste Welt‘ hin oder her: Wer den Glauben an die Kraft der Gewaltlosigkeit aufgegeben hat, was bleibt dem noch? Hoffnungslosigkeit, Resignation? Der Glaube an den ‚Mythos von der erlösenden Gewalt‘? … Wenn Kirche in … einer ‚Welt in Unordnung‘ nicht anderes, nicht mehr zu sagen hat, dann … macht sie sich überflüssig.“

Bei einem kirchlichen Akademie-Studientag in Landau in der vergangenen Woche bedauerte Dr. Christoph Weller, Friedens- und Konfliktforscher an der Universität Augsburg, „dass in der Denkschrift nur der Sicherheitslogik etwas Positives abgewonnen werde, Friedenslogik aber kaum vorkomme“ (Pressemitteilung der Evangelischen Friedensarbeit im Raum der EKD, 31.01.2026).

Nicht einmal die beachtlichen Kompetenzen, die in Landeskirchen hinsichtlich der empirischen Überprüfung von nichtmilitärischer Verteidigung und gewaltfreiem Widerstand anzutreffen sind, werden von den militärgläubigen Machern des EKD-Papiers einbezogen.

(Eine Kirche, die der Aufrüstung assistiert, kann natürlich das Konzept der Sozialen Verteidigung nicht in den Vordergrund rücken. Derweil entzieht die Politik dem gesellschaftlichen und sozialen Gefüge Mittel in Billionenhöhe zugunsten des Militärs und der Rüstungskonzerne. Sie schwächt – unter autoritärer Bedrängung der Ärmsten – ausgerechnet jene Felder, die allein ein Gemeinwesen stark machen können wider Gewalt von innen und von außen. Auf solche Weise wird nicht zuletzt das Wachstum des „rechten Sektors“ im Lande weiter angeheizt.)

  1. Konstantinisches Monopol in der Kirche statt Pluralismus

Die konstantinische Kirchenapparatur in Deutschland hat in der jüngeren Geschichte „geistliche Beihilfe“ für die Massenmordmaschinerie von zwei Weltkriegen geleistet. Der deutsche Protestantismus – nicht etwa nur die „Deutschen Christen“ – begleitete mit kriegstheologischen und militärkirchlichen Dienstleistungen für den NS-Staat den bislang unübertroffenen Völkermord im Zuge des sogenannten „Russlandfeldzuges“, dem mehr als 20 Millionen Menschen auf dem Gebiet der Sowjetunion zum Opfer fielen. Bis heute gibt es kein überzeugendes Schuldbekenntnis, das diesem Abgrund irgendwie gerecht würde, und erst recht fehlt eine theologische Klärung der Frage, was denn die massenmörderischen Predigtsalven 1939-1945 in dogmatischer Hinsicht für die „Lehre von der Kirche“ (Ekklesiologie) bedeuten. Das „konstantinische Monopol“ blieb auch nach 1945 in Westdeutschland erhalten. Durchgreifende systemische Veränderungen im Kirchenbau wurden nicht angegangen, denn viele Verantwortliche saßen nach wie vor auf dem „hohen Ross“.

Während uns für die ersten drei Jahrhunderte der Kirchengeschichte kein einziges theologisches Zeugnis zugunsten einer Mitwirkung der Getauften am politischen und militärischen Machtapparat des Staates vorliegt, verkehrten sich die Verhältnisse ab dem Soldatenkaiser Konstantin (Römischer Imperator 306-337 n.Chr.) geradezu ins Gegenteil. Die seit dem 4. Jahrhundert – unter staatlicher Lenkung – durchgesetzte neue konstantinische Richtung ist bis heute namentlich in den deutschen Großkirchen vorherrschend und Maß-gebend (unter Einschluss der alleinigen Verfügungsgewalt über die materiellen Machtmittel der kirchlichen Organisation, siehe Matthäus 6,24: Gott oder das Geld).

Ein besonders beschämendes Kapitel der jüngeren Kirchengeschichte führt uns vor Augen die regelrechte Abwicklung der einstigen „DDR-Kirchen“, soweit diese keinem konstantinischen Paradigma gefolgt waren, durch eine reiche westdeutsche Kirchenapparatur. (Die evangelische Kirche in der DDR lobte die Kriegsdienstverweigerung von Christen als das deutlichere Glaubenszeugnis [dagegen die Denkschrift, S. 124-125, 139], praktizierte nur eine staatsunabhängige Seelsorge für Soldaten und wäre nie auf die Idee gekommen, dem Fetisch der Atombombe eine geheimnisvolle Schutzmacht zuzuschreiben.)

Der überaus selbstherrliche konstantinische Monopol- und Unfehlbarkeitsanspruch gegenüber christlichen „Pazifistinnen und Pazifisten im Sinne der Bergpredigt“ hat in der EKD-Denkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“ jetzt ein neues Spitzenniveau erreicht (vgl. z.B. S. 34-35: christlicher Pazifismus ethisch nicht begründbar; S. 127: verdeckter Drückeberger-Vorwurf).

Bei der friedensethischen Machtfrage will man das gegen autokratische Verhältnisse gerichtete ideale Lob von Pluralität und Pluralismus im eigenen Raum auf einmal nicht gelten lassen. (Pluralität und Pluralismus sind „Spitzen-Termini“ der EKD-Schrift: S. 8, 13, 18, 19, 36, 37, 41, 42, 43, 46, 49, 50, 51, 52, 54, 55, 60, 73, 87, 88, 93, 95, 99, 100, 131, 144.144, 146!) Ganz oben gilt nur das konstantinische Monopol! Alles andere wird als mystische Spielerei oder persönliche Frömmigkeitsmarotte abgetan.

Würde nun heute ein Bischof im Fernsehen selbstbewusst kundtun, dass unsere „Zivilisation“ allein auf jenem Weg der Gewaltfreiheit, den Jesus vor zwei Jahrtausenden gebahnt hat, dem Abgrund des Atomzeitalters noch entkommen kann, so müsste er sich wohl als Fundamentalist belächeln lassen – auch von vielen leitenden Kirchenfunktionären. So traurig steht es um die nahe Christenheit, die gleichwohl an Weihnachten von einem „Heiland aller Welt“ singt (bis die Augen feucht werden).

  1. Verzicht auf Friedenstheologie

Seit den neoliberalen Jahrzehnten imponieren großkirchliche Räume in Deutschland zunehmend als theologiefreie Zonen, wobei sich auch das angewandte „Pastoral-Marketing“ durch eine erstaunliche Inhaltsleere auszeichnet. (Der Kontrast zu den zeugnisbereiten Kirchen in der DDR könnte größer nicht sein.) Der neuen EKD-Denkschrift, die sich selbst ausdrücklich als „Friedensethik“ vorstellt und das Feld der Friedenstheologie an keiner Stelle auch nur benennt, liegt ganz sicher kein theologischer Ansatz zugrunde. Das waltende Paradigma, welches die Bergpredigt aus dem politischen „Verantwortungsdiskurs“ verbannt, folgt nach wie vor dem nationalliberalen Soziologen Max Weber (1864–1920), einem Anhänger des militärisch potenten Machtstaates.

Umso erstaunlicher ist es, wie dem weithin säkularen Publikum an einigen Stellen doch eingestreute theologische Formeln bzw. Ornamente – von „Gottes Friedenshandeln“ bis hin zur „Auferstehung Christi“ – dargeboten werden und zwar so, als sei im Kontext eines von der Anlage her nicht-theologischen Ethik-Traktates eine Vermittlung bzw. Übersetzung für das Lesepublikum gar nicht vonnöten. In schneller Folge kommen dann „erlösungsbedürftige Welt“, „Sünde“ (also der korrumpierte Mensch) und ein Angewiesensein des „gerechten Friedens“ „auf menschliche Freiheit“ (d.i. für die Denkschrift eine von Gott geschenkte Freiheit, „die es zu nutzen und zu erhalten gilt“) zur Sprache (S. 142-143). Alles ist im Bauchladen vorrätig. Ja, was ist er denn nun, der Mensch, in Sünde (Unfreiheit) gefangen oder mit nutzbarer, zu erhaltender „Freiheit“ ausgestattet …? Wer hat solcherlei Mixturen gegengelesen? Wenn man keine Theologie angehen will, wäre es dann nicht besser, auch auf theologische Sprach-Einsprengsel ganz zu verzichten …

  1. Militärische Heilslehre: ein Fall für den Sektenbeauftragten

Gleichwohl, man könnte auch im Rahmen von Ethik-Traktaten ein vordringliches Feld jeder biblisch inspirierten Theologie zum Zuge kommen lassen: die Religionskritik – d.h. die Entzauberung der falschen Götter. Wo hätte seit dem letzten Weltkrieg das Militär einen Schauplatz auf dem Globus aufgesucht und das dabei vorgetragene Versprechen einer „Problemlösung“ auch eingehalten? Wie viele Milliarden oder Billionen muss man investieren, um ein Land wie Afghanistan nach zwei Jahrzehnten trauriger zu hinterlassen als es zuvor war (und – ausgehend vom Irak – ganze Armeen von fundamentalistischen Gotteskriegern zu produzieren)? Wann hätte die Rüstungssparte des Konzerns Rheinmetall – um nur ein Beispiel zu nennen – je auch nur ein einziges Produkt hergestellt, das die Welt nachweislich zum Besseren und nicht zum Schlechteren hin verändert?

Jede produzierte Waffe macht die Welt unsicherer und ist ein Raub an den Armen; mit Rheinmetall-Aktien kann man nicht guten Gewissens in den Schlaf gehen – so die frühere Christenlehre. Jetzt aber sollen die profitablen Todesindustrien, die die Mittel so vieler Gesellschaften aufsaugen, und die öffentliche Kampagne zur Kriegsertüchtigung das hohe „Gut der Freiheit“ schützen („Freiheit“: 80 Nennungen in der EKD-Denkschrift). Die historische Rückschau würde uns indessen durchgehend zeigen, dass steigende Rüstungsprofite und Militärdenken mit freiheitlichen Verhältnissen schier unverträglich sind, vielmehr gesetzmäßig jeder Freiheit den Garaus machen.

Der bedeutsamste Motor hinein in eine totalitäre Zukunft sind neben dem politischen und massenkulturell verankerten Militarismus die technologischen Revolutionen der militärischen Beherrschungswissenschaften, von denen die EKD-Spitze naiv annimmt, man könne sie – wie bei den autonomen Totmachsystemen – noch durch Verbote einhegen.

In Auftrag gegeben und vom Staat mit den größten „Haushaltsposten“ finanziert werden Dinosaurier-Projekte der Rüstungsindustrie, die bei ihrem Abschluss ganz sicher schon überholt sind, wegen der astronomischen Investitionen auch bei Funktionsuntüchtigkeit produziert werden und zudem gegen jene oft angeführte Verwundbarkeit der Gesellschaft durch technische Stilllegung zentraler Infrastrukturen des Alltagslebens rein gar keinen Schutz bieten. (Die gleichen Politiker, die in Friedenszeiten nicht einmal das öffentliche Verkehrswesen funktionstüchtig halten können, versprechen aber wirksame Schutz- und Hilfsstrukturen für den Fall eines von ihnen herbeiprophezeiten großen Krieges).

Während die Parlamente weiter auf die Rüstungspropaganda des Gigantischen hereinfallen, ist es keineswegs unwahrscheinlich, dass Innovationen im Miniaturformat ungleich schrecklichere Zerstörungswerke entfesseln können. Kein Geheimpatent wird zudem dauerhaft zu halten sein. Es bleibt dabei: Jeder militärtechnologische „Fortschritt“ macht die Welt unsicherer.

Doch eine rationale Überprüfung („Evaluation“) der Phallus-Bomben und der Verheißungen, die die Religion von der erlösenden Militärgewalt uns Tag für Tag predigt, findet einfach nicht statt. Der Militärglaube gehört zur Matrix des modernen Staates und ist für jede politische Kraft jene Eintrittskarte, mit der allein sie als „regierungsfähig“ zertifiziert wird. Die militärische Heilslehre besteht aus lauter Fiktionen oder längst widerlegten Behauptungen, weshalb sie unbedingt ein Fall für den Sektenbeauftragten der Kirche wäre. Doch das bürgerliche Kirchentum zieht es stattdessen vor, unter Verzicht auf kritische Rationalität die irrationalen Predigten und Dogmen der Militärreligion wie Vernunfterkenntnisse oder Tatsachenwahrheiten zu referieren. Die jüngste Antidenk-Schrift der EKD führt uns das vor Augen.

  1. Sündhafte, erlösungsbedürftige Welt?

Wiederholt ist im EKD-Dokument „Welt in Unordnung …“ die Rede von der erlösungsbedürftigen Welt (S. 19, 35, 56, 142, 144). Dieser betrübliche Zustand des Irdischen macht Militär und Rüstungswesen offenbar unbedingt notwendig … Gewiss, der Mensch – das zerbrechlichste, am meisten liebesbedürftige Wesen hienieden – ist aufgrund seiner geistigen Bewusstheit potentiell der „erste Ungeliebte“ der ganzen Schöpfung. Unter diesem Vorzeichen von Angst lauert wirklich das „Böse“ vor seiner Tür – bis hin zum Brudermord. Doch mit dem menschengemachten Programm des Krieges hat kein Schöpfergott die Gattung ausgestattet, sondern erst die Gottheit einer fünf Jahrtausende jungen, auf Herrschaft basierenden Zivilisationsmatrix (die von den Gnostikern intuitiv als Baumeister einer unerträglichen Fremde, d.h. als Urheber des Elends identifiziert wurde).

Die Geschichte des Lebens auf dieser wunderbaren Erde umfasst vier Milliarden Jahre. Seit angenommen 300 Millionen Jahren entwickeln sich die Säugetiere, und vielleicht vor 7 Millionen Jahren gab es bei den Primaten einen Scheideweg, der hin zu unserer Spezies, zum Menschen führt. Seit 300.000 Jahren ist der – außerordentlich zur Kooperation begabte und von Haus aus egalitär ausgerichtete – homo sapiens in seiner heutigen Gestalt auf der Bildfläche sichtbar. Eine Aufrüstung hin zu aggressiven, sehr zerstörerischen Großgebilden der Menschenwelt hat unter dem Vorzeichen einer männlich dominierten Zivilisationsentwicklung aber erst vor weniger als zehntausend Jahren eingesetzt (Stadtstaaten als Folgeerscheinung der landwirtschaftlichen Transformationsprozesse; noch später die Großreiche mit ihrem „Turmbau zu Babel“: Münze – Macht – Militär).

Alle Herrschaftsideologien, die den erst fünf Jahrtausende jungen Staatskomplexen bis heute schier unverzichtbar sind, proklamieren, der „Krieg“ habe zu jeder Zeit – immer – bestanden, sei eine ewige Naturtatsache und werde auch bis ans Ende aller Zeiten Bestand haben. Demgegenüber scheint in der biblischen (und außerkanonischen) Überlieferung des Judentums die – wissenschaftlich allein haltbare – Erkenntnis durch, dass systematische Waffenproduktion (Verarbeitung neuer Metalle) und Kriegskomplexe erst ab einem ganz bestimmten Zeitpunkt der zivilisatorischen Entwicklung zum Durchbruch kommen (Genesis 4,22) und die menschliche Gattung seitdem wie ein böser Fluch bedrücken (Äthiopisches Henochbuch, Jubiläenbuch).

Seit einem Jahrtausend exerziert nun die aggressivste Wirtschaftsweise (Kapitalismus und Vorformen) ihren Siegeszug in den Abgrund hinein. Noch nicht einmal 300 Jahre jung ist sodann die tiefgreifende Umwälzung (in einem Teil der Menschenwelt) aufgrund einer neuartigen Ausbeutung der in kürzester Zeit verpulverten fossilen Energieträger (Kohle, Öl, Gas) im Industrialismus – mit dramatischen Auswirkungen für den ganzen Lebensraum Erde und alle seine Bewohner, auch für die Tiere. Der qualitativ und quantitativ völlig neuartige „Industrielle Krieg“ der Moderne mit schließlich Abermillionen Toten in zwei Weltkriegen gehört erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts zur bedrückenden Last des Menschengeschlechts! Förmlich erst seit gestern (anno 1945) gibt es sodann die Methode der atomaren Massenvernichtung, durch welche die Menschheit – und fast alles Lebendige – erstmalig als Ganzes tötbar geworden ist (Günther Anders).

Wenigstens auf dem Niveau der historischen und anthropologischen Forschung des bürgerlichen Wissenschaftsbetriebs sollte sich eine EKD-Denkschrift bewegen, wenn sie salbungsvoll von einer sündigen „erlösungsbedürftigen Welt“ spricht. (Vgl. H. Meller / K. Michel / C. v. Schaik: Die Evolution der Gewalt. München 2024.) Im Übrigen geht es hinsichtlich der „Kulturerrungenschaft: Krieg“ um eine destruktive „erlösungsbedürftige Zivilisationsform“, die das „Militär als Institution“ und die planmäßige Massenproduktion von Mordwerkzeugen, die man gar nicht essen kann, überhaupt erst hervorgebracht hat. Sie ist weder „die Welt“ noch ein zeitloses Naturphänomen und könnte, nein muss – samt der Militärreligion – auch wieder verabschiedet werden.

  1. Pazifismus im Ernstfall der Zivilisation

Die Friedensbotschaft der Propheten Israels (Jesaja 2,2-4; Micha 4,1-3) über ein künftiges Ende des Kriegs-Äons ist keine Weissagung für ein übernatürliches zweites Stockwerk über der Erdenwelt und auch kein vertröstender Verweis auf ein utopisches „Nirgendwo“, das als „Ideal“ irgendwie nützlich sein kann, ohne je Wirklichkeit zu werden. Die prophetische Botschaft galt und gilt vielmehr einer real existierenden Völkerwelt auf dem Erdkreis, d.h. der spätesten – womöglich letzten – Phase im kulturellen bzw. zivilisatorischen Werdegang des homo sapiens.

Die frühen Christen verstanden sich – wie Justin (gestorben 165) – unter Berufung auf das Prophetenwort nachweislich als Vorhut einer neuen Menschheit, die das Kriegshandwerk nicht mehr erlernt, Schwerter stattdessen zu Pflügen umschmiedet (Brot statt Bomben) und – jenseits der aggressiven „Globalisierung“ des Römischen Imperiums – den Weg findet zu einer wahrhaften, dem Leben dienenden Ökumene der Einen Menschheit (u.a. Globalisierung des Mitgefühls).

In nachaufklärerischer Zeit haben einige Denker die prophetische Vision des Völkerfriedens im Sinne von Kants „Ewigem Frieden“ mit einem säkularen Fortschrittsoptimismus verbunden, der angesichts der Weltwirklichkeit wenig überzeugt. Heute wäre es überlebenswichtig, sich an jenen Denkerinnen und Theologen zu orientieren, die das Prophetenwort auf den Ernstfall der Zivilisation beziehen: Ohne einen kulturellen Quantensprung hin zum Weltfrieden ist – zumal seit Zündung der ersten Atombombe – eine Zukunft der menschlichen Gattung gar nicht mehr vorstellbar. Die einzige Alternative zu Jesaja, Micha und Jesus von Nazareth bestünde in unermesslichen Leiden und einem künftigen Zeitalter der ‚Barbarei‘, das jedes Vorstellungsvermögen sprengt.

Aufgrund einer Kapitelüberschrift der EKD-Denkschrift könnte man einen Moment lang vermuten, die Autoren hätten wenigsten ansatzweise ein Verständnis für die Alternativlosigkeit eines „Pazifismus im Ernstfall der Zivilisation“ entwickelt: Die Überlebensnotwendigkeit von Kooperation: Klimafragen und Biodiversitätsverlust im Strudel ungelöster Konflikte.“ (S. 103) Alsbald folgt wieder ein Spitzensatz: „Nur wenn die Welt bewohnbar bleibt, ist menschliches Leben und damit Friedenshandeln in all seinen Dimensionen möglich.“ (S. 105) Wer hätte das gedacht! Der springende Punkt ist doch, dass eine weitere Bewohnbarkeit der Erde unter Beibehaltung der militärischen Heilslehre im atomaren Zeitalter auf Zukunft hin gar nicht mehr vorstellbar ist.

Bereits Entwicklung, Erprobung, Herstellung, Wartung und Trainingsnutzung der uferlosen Rüstungsproduktionen auf dem Erdkreis gehen mit ökologischen Verwerfungen sondergleichen einher und sind mit jedem glaubwürdigen Programm zur Abmilderung der menschengemachten Erderhitzung unvereinbar. Kommen die Waffentechnologien sodann auch zum scharfen Kriegseinsatz, sind der Zerstörung von Lebensgrundlagen keine Grenzen mehr gesetzt. Die globalen Ausgaben für die Erzeugnisse der Todesindustrien steigen nunmehr in Billionen-Schritten an und sie verunmöglichen die Bereitstellung angemessener Mittel für jene Vorhaben, die dem Leben dienen und deshalb unaufschiebbar sind. Da zudem in den Forschungslaboren und Denkräumen das Paradigma der militärischen Beherrschungswissenschaften alles dominiert, können sich die jenseits von Patenten und Profiten angesiedelten Wissenschaften, die auf einer Ehrfurcht vor dem Leben gründen, nicht entwickeln.

Der gravierendste Punkt ist freilich die neuerliche – rasante – Militarisierung der gesamten Weltgesellschaft unter den Vorzeichen von Konkurrenz und Dominanz. Zementiert wird mit den daraus folgenden Strukturen gegenwärtig das ultimative Gegenteil jenes kulturellen, dialogischen und organisatorischen Prozesses von Verbundenheit, in dem die menschliche Gattung sich als Schicksalsgemeinschaft zu verstehen lernt (Gemeinsam-Gewinnspiel) und auf dem ganzen bewohnten Erdkreis jene Kooperation angeht, die allein die ökologische Krise vielleicht noch abmildern und den kommenden Generationen Zukunftsperspektiven eröffnen kann.

Bezogen auf den zivilisatorischen Pazifismus haben die EKD-Kriegsertüchtiger, die sich selbst von der Möglichkeit eines nuklearen Gattungssuizids wenig beeindrucken lassen, wohl nicht gehört, was die Stunde geschlagen hat. Dass sie Weltkirche und globale ökumenische Zusammenarbeit nur in Nebensätzen berühren – bei völligem Desinteresse hinsichtlich einer gemeinsamen Offensive der Weltreligionen für das (Über-)Leben –, das sagt viel über ihren typisch deutschen (nationalprotestantischen) Kirchensinn aus.

  1. Ausweg aus dem Imperium der Traurigkeit …

Einen Moment lang gab es die Versuchung, die im Auftrag der „Solidarischen Kirche im Rheinland“ und des „Instituts für Ökumenische Friedenstheologie“ bearbeitete Dokumentation zur neuen EKD-Denkschrift (s.u.) mit dem uns eingesandten Bild einer – von Raubvögeln oder Autoreifen – zerfetzten Taube zu illustrieren. Doch ein solches Bild würde in die Irre führen. Das neue Lesebuch zeigt ja gerade, wie lebendig der friedensbewegte Widerspruch in Kirchenraum und Gesellschaft ist – trotz alledem.

Die Pazifistin Hanna Jaskolski konfrontiert das Publikum gerne mit der provokativen Feststellung: „Millionen sagen: Da kann man nichts machen!“ Seit Veröffentlichung der EKD-Schrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick …“, die in das Konzert der täglichen Mantras zur Rüstung für einen dritten Weltkrieg einstimmt, gibt es hingegen unter unangepassten Frauen und Männern eine sehr mutmachende Erfahrung: „Wir sind ja gar nicht isoliert. Wir sind viel mehr als wir dachten. Wir verlernen die Klage ‚Da kann man nichts machen‘ und üben angesichts des Unerhörten in einem allerersten Schritt den Widerspruch ein …“

Wie wohl nie zu den Lebzeiten der meisten jetzt lebenden Menschen hat sich in diesen Tagen ein Gefühl von Vergeblichkeit – einhergehend mit Depression, unproduktivem Zorn oder Gleichgültigkeit – festgesetzt. Die Alten, so sie nachdenklich sind, können das Zeitliche nicht mehr getrost „segnen“, weil sie für die Nachkommenden Schlimmes befürchten. Dass jetzt selbst die Großkirchen ihre zaghaften Einsprüche von gestern beiseitelegen, wirkt auf viele niederschmetternd.

Ein Ausweg aus jenem Imperium der Traurigkeit, das die Menschenwelt mit Waffen und Geld regiert, ist aber ohne Kraftquellen der Freude nicht vorstellbar (das gilt gleichermaßen für fromme wie für nichtreligiöse Akteure des Widerstehens). Aus Verbitterung wird ein überzeugender Widerstand gegen das neue Kriegsdenken in Kirche und Gesellschaft jedenfalls nicht erwachsen. Wo wir das Leben und die Menschen lieben (oder wieder lieben lernen), kann die Revolte beginnen. Die militärnahe EKD-Denkschrift, Zeugnis eines denkbar freudlosen und sich selbst pulverisierenden Kirchentums, gehört schon jetzt zum „Alt-Eisen“.

Ausgaben & Inhalt der „Umdenk-Schrift“

 

Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. – Eine Sammlung. Herausgegeben von Peter Bürger im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie (= edition pace Bd. 43). Hamburg: BoD 2026. (ISBN 978-3-6957-4347-6; Paperback; 300 Seiten; elf farbige Abbildungen; Preis 12,99 Euro)

 

Ausgabe zur freien Verbreitung ǀ Eine Digitalfassung des Bandes ohne Illustrationen ist aufrufbar bei der Solidarischen Kirche im Rheinland , beim Ökumenischen Institut für Friedenstheologie und beim Lebenshaus Schwäbische Alb.

 

Berücksichtigte Stellungnahmen aus Initiativen/ Gruppen ǀ Aktionsbündnis „Atomwaffenfrei jetzt“ – Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF) – Bonhoeffer-Niemöller-Stiftung (Vorstand) – Bundesarbeitsgemeinschaft Linke Christ:innen – Dritte Friedenswerkstatt Bonn – Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kriegsdienstverweigerung und Frieden (EAK) – Gewerkschaftliche Basisinitiative ‚Sagt Nein!‘ – ICAN Deutschland – Initiative Christlicher Friedensruf – Ökumenische Vernetzungsinitiative Casa Comun – Solidarische Kirche im Rheinland (SoKi).

 

Einzelbeiträge / Textdokumentation ǀ Manfred Alberti – Jakob Augstein – Leo Baeck – Andreas Buderus – Barbara Bürger – Dr. Eberhard Bürger – Peter Bürger – Dr. phil. Dr. theol. Friedrich Erich Dobberahn – Christa Dregger – Prof. em. Dr. Ulrich Duchrow – Dr. Matthias W. Engelke – Christoph Fleischmann – Gerhard Kern – Marcus Klöckner – Karl-W. Koch – Thomas Dietrich Lehmann – Ursula Mathern – Albert Ottenbreit – Dr. Uwe-Karsten Plisch – Clemens Ronnefeldt – Prof. Dr. Dr. Heinrich SchäferJohannes Schillo – Prof. em. Dr. Franz Segbers – Stefan Seidel – Prof. Dr. Egon Spiegel – Dr. Markus Weingardt – Dr. Theodor Ziegler. – Weitere Voten als Zitate in „Kastentexten“.

Peter Bürger

Peter Bürger (Jg. 1961), ist seit dem 18. Lebensjahr organisierter „Lumpenpazifist“ und versteht sich als christlicher Sozialist. Abgeschlossenes Hochschulstudium der katholischen Theologie (jedoch nie in bezahlten Kirchendiensten) und später Krankenpflege-Examen (1992). Nach psycho-sozialen Berufsjahren seit 2003 freier Publizist. Schwerpunkte seiner Forschungen/Veröffentlichungen: Westfälische Regionalgeschichte, Niederdeutsche Literatur (Rottendorf-Preis 2016), Krieg & Massenkultur (Bertha-von-Suttner-Preis 2006), Kriegsassistenz der staatlich subventionierten deutschen Großkirchen in Geschichte & Gegenwart, Friedenstheologie und Pazifismus, Imago der Einen Menschheit. – Leitbild für die eigene Schreibwerkstatt: Wer Quellen liest wird klüger; Mut zum Minderheitsvotum; keine Prostitutions-Dienstleistungen für den Medienapparat der Reichen und die militärische Heilslehre.
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2 Kommentare

  1. Seit 1974 bekunde ich, das diese Religionen verschwinden müssen.
    Die Religionen haben mehr Eid über die Welt gebracht als alle Kriege zusammen.

  2. Mann, Bürger, viel zu lang, das geht konziser!

    Und ganz kurz – wenn man sich auf die Kirche verlässt, ist man verlassen.

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