
Diese „curas villeros“, die Priester der Armen, leben selbst in den Villas, wie die argentinischen Slums genannt werden. Sie teilen den Alltag der Gemeinde. Sie bauen vor Ort soziale Netzwerke auf und versuchen, Widerstand gegen die neoliberale Politik des neuen, ultrarechten Präsidenten Javier Milei zu organisieren.
Papst Franziskus hat viele von ihnen gefördert und befördert, so etwa Gustavo Carrara. Er war der erste cura villera, der Bischof wurde, und im vergangenen Jahr sogar Erzbischof der Provinzhauptstadt La Plata und Präsident der argentinischen Caritas. Er kennt die soziale Krise aus der Nähe und die Folgen der radikalen Umverteilung von unten nach oben von Mileis Kettensäge. Er will auch die sozialen Bewegungen, die in den Slums arbeiten, entmachten und teilweise sogar kriminalisieren. Und davon profitieren vor allem die Narcos, die Drogenhändler. Gaby Weber hat mit dem Gustavo Carrera in La Plata gesprochen.

Gaby Weber: Die argentinische Krise beginnt nicht mit Milei, aber mit ihm hat sie eine neue Qualität erreicht. Sozialhilfe wurde gestrichen, öffentliche Bauvorhaben wie Kloaken eingefroren und die sozialen Netzwerke, die die Bewegungen in den Stadtvierteln aufgebaut hatten, angegriffen.
Gustavo Carrara: Der Präsident ist davon überzeugt, dass der Staat ein Hindernis im Leben der Menschen ist. Das sind seine Worte, nicht meine.
Gaby Weber: Neulich hat er verkündet, dass der Staat sogar „schlimmer als die Mafia“ sei.
Gustavo Carrara: Er will den Staat verkleinern, und das bedeutet für die Villas, dass er dort nicht nur massive Kürzungen in der Sozialpolitik vorgenommen hat, sondern er will, so sagt er, die „Mittelsmänner vernichten“, weil diese angeblich allesamt korrupt seien und die Armen ausbeuten würden.
Gaby Weber: Das muss man für ein deutsches Publikum erklären. Denn dort wird die Sozialhilfe von den Behörden ausgezahlt, mit allen Kontrollen, aber auch mit einem Rechtsanspruch. Das heißt: Wer einen Anspruch auf Unterstützung hat, kann vor Gericht klagen. In Argentinien sind, vor allem nach der großen Krise 2001/2002, soziale Organisationen in die Slums gegangen, um dort Netzwerke zu organisieren, und die peronistischen Regierungen stützte sich auf diese Bewegungen und ließ sie sogar die sog. „Sozialpläne“ verteilen. Daran wurde zunehmend Kritik laut, denn ein Rechtsanspruch wurde damit ausgehebelt, und es wurden Fälle bekannt, wo ein Teil dieser Sozialhilfe von den Bewegungen zweckentfremdet wurde und an politisches Wohlverhalten gebunden war; die Leute mussten an bestimmten Protesten teilnehmen, sonst blieben die Zahlungen aus.
Gustavo Carrara: Es stimmt, es gab ein Problem mit den Sozialplänen. Aber das hätte untersucht und jeder Fall entsprechend unterbunden und bestraft werden müssen. Das ist nicht geschehen, und wir haben stattdessen die Kettensäge bekommen. So hat Mileis „Ministerium für Humankapital“ den sog. „salario social complementario“, also einen Zuschuss in Höhe der Hälfte des Mindestlohns („salario vital y movil“), der heute 287.000 Pesos beträgt (umgerechnet ca. 220 Euro) noch mal um die Hälfte gekürzt, so dass heute die Unterstützung für prekär Beschäftigte gerade bei 71.500 Pesos liegt. Von diesem Geld (55 Euro) kann niemand leben.
Gaby Weber: Vor allem nicht, seitdem die Mieten freigegeben und jetzt in Dollars gezahlt werden, und die Lebensmittelpreise liegen deutlich über denen im deutschen Supermarkt.
Gustavo Carrara: Der Zuschuss war als Anreiz für eine andere Beschäftigung gedacht, denn die Leute haben ja im kommunitären Bereich gearbeitet, sei es als Köche in den Volksküchen, sie haben Gras gemäht, Wände angestrichen, irgendwas im Zug oder im Bus verkauft oder Altpapier gesammelt, sortiert und zum Recyceln abgegeben. Schon vor Milei war dieser Zuschuss zu gering und vor allen, gab es nur 1,2 Million dieser Sozialpläne angesichts von mindestens vier Millionen Berechtigten. Es reichte also schon damals hinten und vorne nicht. Dann kam Milei und verkündete, dass er die korrupten Mittelsmänner ausschalten und nur noch die Unterstützung direkt an die Armen zahlen wolle. Er erhöhte etwas das Kindergeld AUH und die Chipkarte „Tarjeta alimentar“ zum Kauf von Lebensmittel, bei drei minderjährigen Kindern sind das 108.000 Pesos. Im Monat. Dies geht vor allem an Mütter mit Kindern und reicht ebenfalls hinten und vorne nicht. Dazu kommen die Kürzungen in der Infrastruktur, denn der Staat will sich überall verabschieden, zum Beispiel wenn es darum geht, eine Villa mit Strom und Abwassersystemen zu versorgen, eine Wasserleitung zu legen, eine Schule oder ein Gesundheitszentrum zu bauen. Die gesamte Idee von Integration ist damit am Ende. Und wir sprechen hier von mindestens 6.000 Villas in Argentinien, das betrifft über fünf Millionen Bürger.
Gaby Weber: Und dabei geht es nur um die Villas, dazu kommen ja noch die Armenviertel, das sollte man nicht verwechseln.
Gustavo Carrara: Eine Villa entsteht, wenn einige Familien ein Stück Land besetzen, das können 12 Familien oder 12.000 sein. Sie lassen sich irgendwo nieder, wo es keine oder nur rudimentäre Infrastruktur gibt. Dort ist der harte Kern der argentinischen Armut, und man kann diese Leute nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Wir sind auch gegen einen zentralistisch ausgerichteten Staat, so wie wir gegen die zentralistisch ausgerichteten Märkte sind. Weder die einen noch die anderen lösen allein die Probleme. Was zählt, ist die Gemeinschaft, aber genau die wird durch die derzeitige Politik geschwächt. Eine Suppenküche ist mehr als ein Ort, der die Menschen vor dem Verhungern schützt, sondern auch ein Ort, wo sich die Leute treffen und gemeinsame Lösungen für ihr Stadtviertel suchen. Von dort kommen Initiativen für Kindergärten, Seniorentreffs, Obdachlosenhilfe. Diese Netzwerke müssten gefördert werden – nicht nur wegen der konkreten Problemlösung, sondern auch, weil durch die staatliche Abwesenheit ein Vakuum geschaffen wird, das dann von ganz anderen Leuten besetzt wird. Ich spreche von den Narcos.
Gaby Weber: Die Katholische Kirche warnt bereits vor dem Voranschreiten der Drogenhändler in den Villas. Bislang gibt es dort nicht die Clans, die wir aus Brasilien, Kolumbien oder Mexiko kennen. Aber das scheint sich zu ändern.
Gustavo Carrara: Die Narcos sind in diesen armen Vierteln die Einzigen mit Geld. Und wo der Staat abwesend ist und sich aus der Verantwortung stiehlt, da taucht dann der Narco auf. Er tritt als Wohltäter auf, schlichtet kleine Streitereien, wird fast zu einem Ordnungsfaktor. Er diktiert die Regeln. Das ist inzwischen dramatisch. Heute morgen erst hat mir jemand erzählt, dass in seinem Viertel jemand gestorben ist und dass die Angehörigen kein Geld für das Begräbnis haben, für den Sarg und die christliche Beerdigung. Sie wollen jetzt den lokalen Drogenboss um Unterstützung bitten. Und in manchen Suppenküchen passiert dasselbe. Angesichts des Mangels an Lebensmitteln kommt der Narco und spendiert eine Kiste Fleisch und Gemüse.
Gaby Weber: Das hört sich ja sehr großherzig an, aber dahinter steckt doch ein tödliches Geschäft. Sie verkaufen in den Villas nicht Kokain, sondern Paco, ein gepanschtes Abfallprodukt bei der Herstellung von Kokain, versetzt mit Glassplittern und Chemikalien wie Kerosin, Putzmitteln und Terpentin.
Gustavo Carrara: Richtig. Das sind die Drogen für die Armen. Paco ist extrem gesundheitsschädlich und macht innerhalb kürzester Zeit abhängig. Und damit geraten sie in einen fatalen Strudel. Sie verlieren soziale und familiäre Bindungen, stehlen oft ihrer Mutter das Bügeleisen, um es zu verkaufen und sich davon Paco zu kaufen; und die Figur der Mutter ist für diese Jugendlichen das Heiligste. Viele landen auf der Straße und verwahrlosen komplett. Sie verlassen die Grundschule in der 3. Klasse, vermutlich, weil sie traumatische Ereignisse erlebt haben. Junge Mädchen werden schwanger, ohne jegliche medizinische Hilfe oder Zuwendung. Diese Jugendlichen haben keinerlei berufliche Ausbildung und schon Probleme mit der Justiz, anfangs wegen Kleinigkeiten, dann landen sie im Gefängnis. Sie erkranken an Tuberkulose, AIDS, Hepatitis B.
Das ist das vielschichtige Gesicht der Armut. Ohne menschliche Beziehungen, keine Liebe und keine Familie. Wir unterhalten eigene Stadtteilzentren, die sog. Heime Christus. Dort setzen wir die Kinder und Jugendlichen zuerst an einen Tisch, zum Essen, denn auf der Straße ernähren sie sich aus der Mülltonne oder auf dem Gehweg. Bei uns können sie duschen, Wäsche waschen – aber sollen auch die Nachmittage dort verbringen. Wir bieten Therapie, Entzug und eine Ausbildung in der Werkstatt an und versuchen, sie von der Straße zu holen, ihnen irgendwo einen Schlafplatz zu besorgen. Denn sonst ist der Sprung aus der Drogenabhängigkeit fast unmöglich.
Gaby Weber: Bei den sozialen Bewegungen spricht man von einer systematischen Zerstörung der Armen durch die Drogen, der beabsichtigt sei. Sogar von „Völkermord“ ist dort die Rede.
Gustavo Carrara: Diese jungen Menschen gelten als überflüssig und werden ausgegrenzt, weggeworfen. Aber wir sollten uns damit nicht abfinden, man kann dagegen etwas machen und für ein Leben in Würde streiten. Wir sind nicht ohne Macht und sollten nicht darauf warten, dass die Regierung etwas unternimmt. Wir dürfen die Hände nicht in den Schoß legen, sondern für die Rechte dieser Menschen kämpfen. Das befiehlt die christliche Lehre. Die Drogen werden voranschreiten, wenn es keine Alternativen für die Menschen gibt. Leider ist die Politik selten den Herausforderungen gewachsen. Viele führen das Wort „soziale Gerechtigkeit“ im Mund, aber wenn dann wirklich etwas gemacht werden muss, tun sie nichts. Die Leute sind es leid, sich leere Versprechungen anzuhören.
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Milei, der komplett wahnsinnige, dem man in eine Irrenanstalt werfen sollte… Aber das ist ja die Tendenz im Westen: Ein Haufen Mächtige die besser ihr Leben in einer Psychiatrie fristen sollten! Die sind schlicht für eine Gesellschaft GEMEINGEFÄHRLICH!
Ich würde ihn gar als Massenmörder einstufen, da mit Sicherheit wegen der asozialen Dreckspolitik so einige ihre lebensnotwendige Medikamente bekommen haben! Mit Sicherheit sind auch wegen diesem Schwerstverbrecher auch einige verhungert!
Nur macht er es in einer Art und Weise, welche viele mächtige Psychopathen und Soziopathen hier im Western auch noch bewundern. Diese bedauern nur dass diese es hier (noch) nicht so machen können wie dieses ******** in Argentinien.
Da sieht man auch, wes Geistes Kind Typen wie Lindner, die AfD und Merz sind.
„Der Präsident ist davon überzeugt, dass der Staat ein Hindernis im Leben der Menschen“
Gut genug ihm einen hochbezahlten Vollversorgungsposten zu garantieren ist der Staat aber schon ?. Einfach irre. Warum schafft er nicht das überflüssige Präsidentenamt ab ?
Was viele nicht erkennen können mangels Fähigkeit zum logischen Denken, es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen den alten Eliten und den Neuen wie Milei
Es werden also vielleicht da und dort Veränderungen stattfinden aber keine grundsätzliche Lösung von Problemen.
Der von den naiven Wählern erwartete grundsätzliche Umschwung zum Besseren wird also ausbleiben.
Wäre spannend zu erfahren, wie viele von denen, die jetzt leiden, jammern und wehklagen, den Irren gewählt haben. In schöne Deutscheland hatte ja die sozialdarwinistische AfD bei denen, die sich als finanziell eher schlecht gestellt bezeichnen würden, eine Zustimmungsrate von 47% (Quelle vergessen).
Das stützt wieder meine These, dass der überwiegende Teil der Bevölkerung (die Merz-Wähler nicht vergessen) mithin nicht in der Lage ist, Entscheidungen zugunsten ihrer eigenen Bedürfnisse zu treffen.
Das stützt wieder meine These,
Das ist keine These,
Das ist eine Tatsache. Bei jeder Wahl neu durch Fakten bestätigt.
Ursache ist eine Gemengelage aus gezielter Verdummung, Beeinflussung des Denkens und verhaltensbiologischer Veranlagungen, die bei der Mehrheit nicht oder kaum durch das Bewusstsein kontrolliert werden. Anders gesagt Vernunft ist ein Minderheitending fast ohne Relevanz für die Entwicklung der Menschheit.
Was das Bürgertum unter Demokratie versteht – Parteien und Wahlen nach dem Mehrheitsprinzip -, ist oberflächlich gerecht, in der Realität aber eine einzige Täuschung. Da sind Parteien, die primär ihre Eigeninteressen im Blick haben, nicht das Wohl der Bevölkerung und seiner Institutionen, also oft nicht sachgerecht votieren, was man beim aktuellen Gerangel um viele neue Schulden gut beobachten kann und dann ist da eine Wählerschaft, die in grossen Teilen eher apolitisch ist, irrational und wie Sie sagen oft auch gegen die eignen Interessen ihr Kreuzchen macht. Natürlich ohne sich dessen wirklich bewusst zu sein. Gerade im modernen Massenstaat entscheiden nicht die Menschen, sondern die Verteilung der Vermögen über Wahlpräferenzen. Mit viel Geld wird medial entscheidender Einfluss ausgeübt. Kurz, das System ist, von der Warte der Allgemeinheit aus gesehen, nicht von derjenigen des Kapitals, dysfunktional.
Die einzige Alternative besteht in der Abschaffung beider Elemente, Parteien und Wahlen durch Mehrheitsentscheide und ihr Ersatz durch Bestimmung von Legislativmitgliedern durch Zufall. Natürlich müsste zuerst eine Grobauslese durchgeführt und alle ausgeschieden werden, die aus objektiven Gründen nicht für die Aufgabe geeignet sind, z. B. alters- oder gesundheitsbedingt, oder selbst nicht wollen. Unter dem Rest sollten dann per Zufall, nach bestimmten Profilen unterteilend, um ein einigermassen repräsentatives Abbild der Bevölkerung zu erreichen – etwas, was heute übrigens auch nicht der Fall ist – eine bestimmte Anzahl Menschen ausgewählt werden, die sich in der Folge frei, nach sachlichen Kriterien konstituieren würden und politische Entscheidungen träfen. In relativ kurzen Abständen würde je ein Teil von ihnen ausgewechselt, um überlange Amtszeiten zu verhindern. Ich bin überzeugt, dass eine solche Form der aleatorischen Demokratie wesentlich sachlichere Entscheide fällen würde. Lobbys aller Art würde es auch viel schwerer fallen, ihren unter dem bürgerlichen System bestimmenden Einfluss auszuüben, weil es nicht möglich wäre, stabile Seilschaften zu bilden.
Wieso die Aufregung? Der Handel profitiert doch vom Millei’chen Kettensägen-Kahlschlag.
Der Drogenhandel. Und in dieser Denkungsart sind die Armen sowieso die Überflüssigen.
Wen schert es also, dass sie in der Gosse verrecken oder anderen Armen für ein paar Krösten abknallen, um sich den nächsten Schuss leisten zu können?
Und in dieser Denkungsart sind die Armen sowieso die Überflüssigen.
Nein sind sie nicht.
Sie werden dringend benötigt als (Drogen)konsumenten, Handlanger, Stimmvieh.
Alles Rollen, die sie zuverlässig und gerne (So jedenfalls der Eindruck, warum wählt man sonst einen, der Dir, bildlich gesprochen, vor der Wahl klipp und klar sagt, dass er Dir ins Gesicht scheißen wird ?)) immer und immer wieder übernehmen.
Und damit hat er auch völlig recht. Der Staat ist das Problem, der Staat muss weg. Denn, merket: Der Staat ist organisierte Gewalt, Steuern sind Raub und egal was ihr auch wählt, es kommt immer Herrschaft dabei raus.
Das Problem bei Typen wie Milei, Bukele und Murks ist bloß, dass sie den Staat ja gar nicht abschaffen, sondern lediglich umdesignen, ergo: neukalibrieren, wollen, damit er den Macht-, Kapital- und sonstigen Interessenfraktionen besser dient, für die sie tagtäglich anschaffen gehen oder höchstselbst vertreten. Auf dass mehr Cash für sie fließt. Denn so ist das immer mit den Scheinlibertären – sie wollen nur mehr ökonomische Freiheit, aber gewiss doch keine Freiheit für alle. Denn Freiheit für alle würde ja die Abwesenheit jeglicher Form von Zwang und Gewalt bedeuten, das Ende von jeglichen autoritären Institutionen – ob Vadder Staat, Muddah Markt, Tempel (Kirche, Moschee…), Schule et cetera.
Da wettern die Scheinlibertären den lieben langen Tag gegen die herrschende Gewalt und den pösen Staat, doch kaum sind ihre Claims und Goodies bedroht, flüchten sie sofort unter seine Fittiche und rufen kreischend nach Pegizei und sonstigen Mordbrennern (= Soldaten), um Streikende oder verarmte Rentner niederzuknüppeln, Indios von ihrem Land zu schmeißen oder widerspenstige Nachbarstaaten den Stiefel in den Nacken zu stellen. Da ist’s ganz schnell vorbei mit „Freiheit“ oder „Isolationismus“.
Libertäre wollen nicht das Ende des Staates, sie wollen bloß einen Staat mit anderem Schwerpunkt. Sie wollen den Staat als großen Paladin von Profit und Kapitalinteressen – also noch mehr Paladin des Marktes als er es ohnehin schon ist. Als Paladin von Eigentums- und Schürfrechten und Hüter der heiligen „Verträge“ (man kennt sie beispielsweise aus Griechenland). Jenen Staat, der Unternehmen durch Subventionen, „Marktschutz“ und – gerne mal – zugeschusterte Aufträge schützt und päppelt. Und eben den Knüppel schwingt, wo „wirtschaftliche Interessen“ bedroht werden könnten. Womit der „freie Markt“ freilich bloß weiter zugunsten bestimmter Akteure verzerrt wird und die Mono- und Oligopole fröhlich weiter wachsen. Und das einzige, was dabei „entfesselt“ wird, ist die rohe Gewalt.
Das sieht man in El Salvador, das sieht man, wenn man die ach so tollen „Freiheitsstädte“ genauer betrachtet:
Quelle: hier
Also nichts weiter die Entfesselung der rohen Gewalt, äh „der Freiheit und der Marktkräfte“ und wie immer auf Kosten anderer. Und damit die mit „Freiheit“ verlockten Lohnsklaven in diesen anomischen Städten nicht gleich am Rad drehen, gibt es dort vermutlich den üblichen Legalisierungsschmu – Drogen für alle, um die tägliche Ausbeutung zu verdrängen und sich das Leben und die Propaganda schön zu saufen. Prostitution und Inzest für alle, falls der Druck einen wieder überkommt. Abtreibung für alle, falls beim Hochschlafen, Druckablassen oder Chillen und Fi(lm gu)cken nach dem 16h-Tag die Ische / Nutte / Schwester wieder vergessen hat die Pille zu nehmen. Rumrasen für alle, damit man sich endlich wieder „richtig spüren“ und anderen seinen Peniskomplex und Panzerkörper präsentieren kann. Konsum und Rumreisen für alle, damit man sich was „gönnen“ und allen zeigen kann, was man für ein toller Hecht ist. Und natürlich Sterbehilfe für alle, denen trotz der ganzen Goodies und Verheißungen irgendwann die innere Leere und die „Scheiße um sie herum“ (Charles Bukowski) so deutlich wird, dass sie vor Scham und Ekel lieber in den Sarg oder das Vergasungsmobil springen, als einen Tag länger auf Erden zu verweilen. (Und bevor mich einer anhaut – ich bin der letzte gegen Drogenfreigabe etc., es geht mir nur um die Kritik des System, der Verhältnisse und Zwecke unter beziehungsweise zu denen diese geschehen.)
Überhaupt – diese Milliardäre und scheinlibertären Strolche sind doch alle gescheitert. „Wie? Was?“, rufen Sie jetzt entsetzt. Sie haben richtig gelesen – die sind gescheitert. „Die haben doch so viel im Leben erreicht und geschafft!“ Ja, gerafft und geschafft in ihre Taschen das haben sie vielleicht. So viel im Leben „erreicht“ – doch am Leben sind sie einfach gescheitert. Aus dieser Sucht nach Langlebigkeit, Verjüngung, Gentherapien und Co. spricht doch nichts als innere Leere und Verrohrung. Angst und offene Apathie im Angesicht der existenziellen Fragen. Der bloßen Existenz. Diese Leute haben sich dem Leben nie gestellt, sie sind seinen Herausforderungen immer ausgewichen und statt auf die Suche nach dem Sinn des irdischen Daseins, sind sie lieber auf die billige Jagd nach der nächsten Goldgrube gegangen. (Der Schatz der Sierra Madre fällt mir spontan als Lektüre- wie Filmtipp ein.) Sie haben immer die Essenz über die Existenz gestellt. Demgemäß verwundert es mich auch nicht, dass diese homines fabri Leben immer als etwas behandeln, das durch die Technik kontrolliert werden müsse.. Womit sie dann in letzter Konsequenz aber bloß die menschliche Erfahrung und eben das Leben selbst verleugnen. Walter Faber rasierte täglich seinen Bart, um nicht zur Pflanze zu werden – und die Kontrolle zu behalten. Murks und Milei rasieren täglich ihre Untertanen, um nicht in der Leere zu versinken – und die Kontrolle zu behalten.
Summa sumarum: Diese Scheinlibertären kämpfen nicht für eine Gesellschaft ohne Hierarchien, ohne Sklaverei, ohne Gewalt, sondern bloß für die Zementierung der etablierten Machtverhältnisse, aufgepeppt mit Druidentee. Auf dass die Macht und der Profit in ihren Händen bleiben. Sie stehen ein für eine Gesellschaft, in der die herrschende Klasse ihre Privilegien weiter fleißig ausbauen kann, gerade indem sie den Staat als Werkzeug benutzen und die Beherrschten in Ketten halten. Wenn Milei so gegen den Staat wäre, wie er immer behauptet, wäre seine erste Amtshandlung gewesen die Polizei aufzulösen und ihre Wachen mit der Kettensäge zu demontieren, anstelle die Foltercops gegen Rentner zu hetzen.
Zum Schluss noch kurz zum Rest des Artikels:
Genau, die Gemeinschaft. Die tatsächlich freie Gemeinschaft. Die gilt es aufzubauen und zu erkämpfen. Tag für Tag für Tag. Gegen Staat, Markt, Tempel und Co. KG.
Falls Herr Erzbischof von der Macht ganz wegkommen und nicht bloß für „Rechte“, sondern für die Menschen und die freie Gemeinschaft kämpfen möchte, in der niemand herrscht und keiner Macht braucht – hier eine Buchempfehlung. Er muss nicht mal seine „christliche Lehre“ für aufgeben, hat Tolstoi ja auch nicht…
PS:
Und falls der Mitforist @ Panicman gerade „on“ ist…
… haben Sie schon Ihren Aufnahmeantrag gestellt? 😉
Vor Peter Thiel. habe ich schon vor einer Dekade gewarnt, also verstehe ich diese Anspielung nicht?!?!?!
Das war doch bloß ein Witz, Genosse!
Sie warnen hier doch beständig vor Gentherapie und Co. während für Leitmedien und sonstige das als pöse Verschwörungstheorie gilt. Und nun wird das Thema einfach mal wieder so en passant fallen gelassen und keinen juckt’s.
Deswegen meine scherzhafte Anfrage, ob sie einen Aufnahmeantrag stellen wollten. 😉
Das könnten aber einige Forenten ganz anders sehen, zumal bspw. einige Kommentatoren immer noch meinen, ich wäre gar ein Kommunist.
Ach, die Leute… ich bin hier von denen auch schon als alles mögliche betitelt worden – „Anarchist“, „Nazi“, „woke“, „national-revolutionär“, „Bourgeois“… Ich nenne mich einfach „Freisinniger“ und gut.
Lassen wir die Leute schwätzen, was sie wollen, wenn es ihnen das Leben erleichtert. Wir machen einfach unsere Positionen klar und uns dabei am besten stets bewusst, dass wir nicht jedes verlorene Schäfchen retten und zur Herde werden zurückführen können. 🐑 😉
Was sich liebt das neckt sich. 😉
Dankeschön Altlandrebell,
Eine sehr schöne, angemessen scharfe und treffende Beschreibung der „Scheinlibertären“, die doch für so viele Menschen zur Zeit (und auch für den ein oder anderen hier im Forum) zumindest eine kleine bis größere Hoffnung auf Verbesserung darstellen.
Aber es ist eben genau das, was Sie hier in einem der schönsten Sätze sagen:
Grüße Sie!
Ja, „Hoffnung darstellen“… nun, wenn die Leute unbedingt Druidentee schlürfen wollen, sollen sie ihn schlürfen, ist mir wurscht. Ich mag einfach dieses Getue, diese Pseudos, Heuchler und Wannabees nicht. Diese „Libertären“ haben mit einer echten Libertalia nichts am Hut, die wollen einfach nur ein Unterdrückungssystem durch ein anderes ersetzen oder eben wie geschrieben das bestehende optimieren und auf ihre Interessen besser zuschneiden. Das sind Freiheitsfeinde und am schlimmsten sind ihre „Freiheitsstädte“ – Orte der Anomie, der Sklaverei und der nackten Gewalt.
Aber diese Pseudos sind nicht die einzigen Pseudos. Man könnte eine ganze Liste zu aufmachen – sogenannte „Feministinnen“, die eigentlich nur Männerhasserinnen sind und ihre Komplexe ausleben wollen. Die selbsternannten „Linken“, die für Pöstchen und Regierungsbeteiligungen alles opfern, was Linke eigentlich ausmacht. Die großen „Reformer“ vom BSW, die auch nur Druidentee verkaufen. Die großen „Klimaschützer“, die Kohlegruben graben lassen. Die „Menschenrechtsaktivisten“, die nichts als Schürfrechte schützen helfen… Die ganze Heuchelei eben.
Nervt mich und ab und zu nehme ich mir eine dieser Gruppen vor und erlaube sie und ihre Heuchelei mal gepflegt in den Fleischwolf zu drehen.
Ihnen noch einen guten Start in den Sonntag!
PS: Das was Sie freundlich „einen der schönsten Sätze“ nannten, ist aber eigentlich ein ziemlich trauriger. 😉
PPS: Darf ich Ihnen an dieser Stelle noch „Bullshit Jobs“ von Graeber und „Gesetzlose des Atlantiks“ von Rediker empfehlen? Fand ich ganz stimmig, als ich nochmals unseren Austausch unter meinem Armuts-Artikel durchlas, gerade was Graeber zum Stichwort „unterschiedliche Bezahlung“ schrieb…
@ Altlandrebell
Vor kurzem habe ich mich zufällig ein wenig mit der Person, dem Leben, den bekannten Taten und den Netzwerken des Freikorpsführers Kapitän Hermann Ehrhardt beschäftigt. Im Zuge dessen kam ich auf das Ausbildungskonzept der kaiserlichen Marine und die unbedingten Hierarchien auf den Schiffen der damaligen und vorherigen Zeiten. Ihre Erwähnung des Buches von Marcus Rediker erinnert mich daran. Soll heissen, dass die Engländer als lange Zeit dominierende europäische Seefahrernation manche Erfolgsmodelle ihrer Seefahrt in ihr gesellschaftliches, wirtschaftliches und staatliches Konzept übernahmen. Nur am Rande eine Überlegung zum perfiden Albion, des werte-westlichen Systems und der Welt in einer Nussschale, Staatsschiff geheissen.
Grüße Sie!
Habe ewig nichts von Ihnen gelesen, dachte schon Sie seien verschwunden. (Gut, ich bin hier auch nicht 24/7 „on“).
Danke für den Hinweis auf Ehrhardt – sehr guter Mann, sehr anständig, sehr deutsch. Hat sich leider gegen den Führer gestellt, das ist natürlich unverzeihlich. Wolfram Wette hat ein paar interessante Punkte zu ihm zusammengetragen.
Da machen Sie einen sehr wichtigen Punkt.
Ich bin übrigens über Graeber auf Rediker gestoßen, denn der stellte in „Pirate Enlightenment or the Real Libertalia“ hier die These auf, dass eine Menge Konzepte der sogenannten „Aufklärung“ gar nicht in Europa entstanden seien – sondern beispielsweise auf / in den Piratenschiffen und -häfen der damaligen Zeit und sich von dort als Ideen und Geschichten nach Europa verbreitet hätten. So seien viele Piratenschiffe „demokratisch“ organisiert und der Piratenkapitän vieles aber mitnichten ein allmächtiger Hegemon gewesen – ein Organisationsmodell, das in scharfem Kontrast zu den Hierarchien auf Marineschiffen stand…
Darüber gibt es sogar Piratenserien in denen das Thema ausführlich (aber natürlich auch populär) behandelt wird.
Diese Piraten sind ein schönes Beispiel dafür welchen möglichen, aber auch nötigen Umgang mit MACHT es geben kann. Wieviel Macht einzelnen mindestens zugestanden werden muss, damit gemeinschaftliche Aktionen bestmöglich gelingen können.
Schön ist er, weil er den Betreffenden schön krass die Maske vom Gesicht reißt 🙂
Es ist doch immer schön, wenn eine massiv gespürte Abneigung von anderen in deutliche Worte gefasst wird.
Interessant, dass Sie Graeber erwähnen. Aufmerksam geworden auf ihn bin ich vor allem durch: „Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit“.
Die von Ihnen erwähnten Bücher sind sicher auch lesenswert. Im Moment habe ich jedoch kaum Zeit viel zu lesen. Graeber steht aber schon länger auf meiner Liste. Ist auch ein bisschen früh gestorben der Junge. Der hätte uns sicher noch eine Menge mehr interessanter Gedanken hinterlassen können, wäre er ein paar Jahre älter geworden, gerade weil er ein so ungewöhnlicher Denker ist.
Gute Nacht!
Kein Stress! Waren auch nur Vorschläge – für Sie wie unsere Mitleser. 🙂 Und Papier soll ja geduldig sein. (Manche der ungelesenen Schmöker bei mir gucken freilich recht crumpy cat-mäßig.)
Absolute Zustimmung!
Guten Morgen! 😉
Wow gut geschrieben, Danke.
(Nur die Vollpfosten, die solche Leute wählen und als Heilsbringer einer neuen Zeit betrachten, werden das weder lesen, noch würden sie es begreifen, sollten sie es lesen)
Nachtrag
“ hier eine Buchempfehlung. Er muss nicht mal seine „christliche Lehre“ für aufgeben, hat Tolstoi ja auch nicht…“
Nein. im Gegenteil. Er hat sie ernst genommen…..
Hat sich durch den Beitrag eine schön Diskussion ergeben, danke.
Dieser Erzbischof ist bewundernswert. Und das Interview sehr aufschlussreich. Danke dafür.
Milei hat ja hier in Deutschland letztes Jahr noch einen Preis der ultraneoliberalen Hayek-Gesellschaft bekommen. Das spricht für sich. Er ist ein Verehrer der argentinischen Militärdiktatur und vergleichbar mit Bolsonaro in Brasilien.
Solche Leute wie Milei bringen nur Tod und Elend. Aber für die AfD ist er ein Vorbild. Das sollte zu denken geben.
Danke für ein Interview mit jemandem, der das aus eigener Anschauung kennt, liest man viel zu selten. Jetzt hätte ich gerne noch eine Gegendarstellung von einem Milei-Anhänger, traut ihr euch das auch? Wer nur eine Seite kennt, ist nämlich einseitig informiert und kann sich keine fundierte Meinung bilden. Wenn ich eine woke evangelische Pfarrerin zur AfD befrage, erwarte ich ja auch nicht, danach ein realistisches Bild von den Zuständen zu haben…
Das wünsche ich mir auch. Das ist ein wirklich interessantes Interview, aber man müsste zum Abgleich die Argumente eines Milei-Anhängers hören, um sich ein realistisches Bild zu machen. Ich halte Milei zwar auch für einen wirren Fanatiker, aber in konservativen alternativen Medien wird Milei in ähnlichen Interviews als großes Vorbild dargestellt und auch in Argentienien scheint er immernoch populärer zu sein als bei uns Scholz oder Merz. Da würde ich gerne beide Seiten hören.
Desinformation ist keine Information und auf Basis von Lügen läßt sich schwerlich ein fundierte Meinung bilden.
Jede Lehre mit humanistischen Wertvorstellungen ist mit den Kernforderungen des Ketzers aus Nazareth identisch.
Für diesen ging es darum, diese Welt nach den Maßstäben des „Himmels“ zu organisieren. Und den Kern dieser Botschaft hat er im Judentum gefunden.
Er interpretierte dieses nur ziemlich anders als der damals herrschende Tempelglaube. Insofern würde ich ihn nicht als *Christen* sehen, weil es für ihn keine Notwendigkeit gab, eine neue religiöse Weltanschauung kreieren zu müssen.
Das sah der theologisch gebildete Pharisäer Paulus anders und verhunzte damit die Botschaft des Nazaräers überwiegend, wenn man von der Quintessenz des „Hohelieds der Liebe“ absieht. Die Folgen davon. sieht die Verherrlichung von Macht und deren sich aus sich selbst ergebenden Rechtfertigung auch von deren Missbrauch. „Was dem Jupiter erlaubt ist…“ kannten ja schon die alten Römer.
Wer humanistisch handelt, agiert aus seinem Herzen, unterlegt mit Verstand. Dafür braucht es dann weder eine kirchliche noch eine sonstige autoritäre Lehre. Entweder man ist davon überzeugt und deshalb Herz und Flamme oder man ist es eben nicht…
Milei wird ebenso wie Trump oder das woke Gesocks scheitern.
Denn wenn etwas ziemlich leicht ziemlich vernünftig zu organisieren ist, dann dürfte dies Wirtschaft sein.
Für ideologische Scheuklappendenker sieht das zwar anders aus. Aber niemand mit Vernunft und Sachverstand wird solche Dilettanten zu Rate ziehen, sondern vielmehr in die Wüste, auf den Mond oder zum Mars schicken. Dort können sie dann versuchen, eine privilegierte Gesellschaft zu ihrem Nutzen aufzubauen, aber schnell ihr Scheitern erkennen müssen, weil es ihnen am auszubeutendem Material fehlt.
Und weil der Menschheit immer weniger Zeit zur Vernunft bleiben wird, rechne ich in der absehbaren Zeit von einer oder zwei Dekaden mit einem gehörigen Umschwung oder mit dem dem Ende aller Träume.