“Er hat die Mörder geschickt”

Mordanschlag auf Nadia Beller vor dem Hotel auf offener Straße, aufgenommen von einer Überwachungskamera.

Koordinator der lateinamerikanischen Ultrarechten wurde verhaftet.

Fernando Cerimedo, die rechte Hand des neuen bolivianischen Präsidenten, hatte am 17. August seine Geliebte zum Swiss Hotel in Santa Cruz de la Sierra bestellt. Doch dort warteten auf Nadia Beller, Rechtsanwältin und Influencerin, keine Informanten, sondern zwei gedungene Mörder, getarnt als Lieferservice.

Wie Videoaufnahmen zeigen, schossen sie vor dem Hoteleingang die 33-Jährige nieder, nicht sehr professionell, denn Beller überlebte und wurde in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht. Und nachdem sie dort aus der Narkose erwachte und von Journalisten aufgestöbert wurde, zeigte sie sich ausgesprochen gesprächig: “Ich bin sicher, dass Cerimedo die Mörder geschickt hat”, erklärte sie vom Krankenbett aus und zeigte ihre Schussverletzungen an Armen und im Brustkorb. Sie sei im vierten Monat von Cerimedo schwanger und soll über umfangreiches Beweismaterial über das ultrarechte Netzwerk in Südamerika verfügen. “In Bolivien regiert nicht Präsident Rodrigo Paz, sondern Cerimedo”, erzählte sie, ihr (früherer) Geliebter solle auch für die CIA gearbeitet haben.

Cerimedo hatte den Anschlag live über sein Handy verfolgt, erfuhr auf diese Weise vom Misserfolg der Operation und fuhr sofort zum Flughafen Viru-Viru, um sich nach Argentinien zu seinem Kumpel Javier Milei abzusetzen. Letzterer stehe bei ihm tief in der Schuld, denn er verdanke ihm, so heißt es, den Sieg in der Stichwahl. Doch die Polizei war schneller. Sie verhaftete den Mann noch am Flughafen, durchsuchte seine Wohnung und beschlagnahmte sein Handy. Darauf fand sie die Chats mit hochrangigen bolivianischen Geheimdienstleuten und Militärs: die Aufzeichnungen über das Attentat und die schriftliche Aufforderung “Beller macht uns fertig, sie muss eliminiert werden”. So richtig professionell kann man das also nicht nennen, wie die Protagonisten der lateinamerikanischen Rechtsradikalen auftreten.

Aus Argentinien meldete sich Präsident Milei, der von einer “Kampagne” gegen seinen früheren Berater sprach. Das Attentat sei ein “Auto-Attentat” gewesen, die Dame habe sich selbst verletzt, und außerdem stecke hinter den Anschuldigungen der im Untergrund lebende Ex-Staatschef Evo Morales und der Brasilianer Lula da Silva. Wie genau erklärte er nicht, und nach einigen Tagen hüllte er sich in Schweigen, denn das Beweismaterial ist erdrückend. Inzwischen wurde eine 6-monatige Untersuchungshaft angeordnet, auch zwei Kolumbianer wurden als mutmaßliche Auftragsmörder festgesetzt. Die Fotos aus dem Gefängnis zeigen einen zerstörten Mann, der sich zu fragen scheint, wie jemand mit so viel Macht im Kerker landen kann?

Der bolivianische Vizepräsident, Edmand Lara, wurde dazu interviewt: “Milei handelt unverantwortlich, er mischt sich in interne Dinge der bolivianischen Justiz ein”, meinte er und erzählte, dass im Präsidentenpalast Cerimedos Büro direkt neben dem von Rodrigo Paz liegt, der ihn als seinen “Berater” vorgestellt hatte. Er werde aber nicht aus dem Staatshaushalt entlohnt. “Niemand wusste, wer ihn bezahlte”, sagte Lara zur Tageszeitung Pagina12. Er habe aber eng mit der Polizei und den Streitkräften zusammengearbeitet. Ob er, wie Beller es behauptet hatte, auch CIA-Agent gewesen sei oder noch ist, wollte er nicht bestätigen, aber: “Cerimedo kam zu uns nach dem ersten Wahldurchgang und Rodrigo Paz sagte: “Der Mann managt die sozialen Medien und war ausschlaggebend für den Sieg von Javier Milei.” Das wiederholte er dann in Bolivien.

Über seine Vergangenheit ist wenig bekannt. Die von ihm angegebenen Hochschulabschlüsse wurden nicht bestätigt. Der 1981 in Mar del Plata Geborene soll als Taxifahrer gejobbt und sich um ein Stipendium in den USA beworben haben. Richtigen Erfolg hatte er erst mit dem Aufschwung der Rechten und Ultrarechten, die in Argentinien mit der Regierung von Mauricio Macri (2015 bis 2019) begann. Plötzlich konnte sich jeder kleine Gangster ein neoliberales Mäntelchen umhängen, markige Sprüche gegen “die da oben” und gegen die Linken oder Halblinken klopfen und fand Beachtung und Gönner. 2018 gründete er, mit seiner Ehefrau Natalia Basil, die digitale Tageszeitung La Derecha Diario (die tägliche Rechte) – abgekupfert von der trotzkistischen Izquierda Diario. Das machte ihn bekannt, nicht wegen der Qualität des Mediums, sondern wegen seiner neuen Kontakte.

In Argentinien startete er Kurse über “politisches Marketing”, knüpfte enge Kontakte in Chile, etwa zu dem früheren Codelco-Chef Gerardo Jofré und dem Rechtsanwalt Enrique García Arancibia, und gründete dort seine Firma Numen Publicidad. Auch zu dem gerade gewählten Staatschef José Antonio Kast soll er gute Verbindungen unterhalten. Mit Eduardo Bolsonaro organisierte Cerimedo von Miami aus die Kampagne “Brasil fue robado” (Brasilien wurde geklaut”) und behauptet, dass Lulas Wahlsieg getürkt gewesen sein soll – ohne Beweise, aber mit viel Geld für Werbung in den sozialen Medien.

Cerimedo gab in seiner ersten Vernehmung an, dass er in den letzten Jahren ein monatliches Einkommen von 1 Million Dollar erhalten habe. Wer ihn wofür bezahlt habe, wollte er nicht beantworten – wie die meisten Fragen, die ihm die Ermittler stellten. Sie haben “nichts mit dem Fall zu tun”, meinte er. So wollte er nicht verraten, wie er Rodrigo Paz kennengelernt habe, auf wessen Empfehlung er überhaupt nach Bolivien gekommen sei. Sicher war er sich allerdings, dass seine Verhaftung “ein versuchter Staatsstreich” gewesen sei. Auf die Frage des Staatsanwalts – “Haben Sie jemals mit Firmen oder ausländischen Regierungen im Namen des Präsidenten verhandelt?” konterte er: “Das hat doch mit diesem Fall nichts zu tun.” Auf die Frage: “Wer hat Sie ermächtigt, mit Beamten und Ministern zu reden?”, kam dieselbe Antwort: “Das tut nichts zur Sache.”

Jetzt soll Cerimedo in ein Hochsicherheitsgefängnis nach La Paz gebracht werden. Ob er da wirklich sicher ist, ist eine andere Frage. Denn zu erzählen hat der Mann genug, nicht nur, wem er zu einem Wahlsieg verholfen hat, in Buenos Aires, La Paz und Santiago, sondern auch über seine Besuche in Mar-o-Lago und in Langley.

Gaby Weber

Gaby Weber
Weber studierte Romanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1982 am Lateinamerika-Institut. Seit 1978 ist die Mitgründerin der taz als Journalistin und seit 1986 als freie Korrespondentin tätig, zuerst aus Montevideo und ab 2002 aus Buenos Aires. Außerdem hat sie mehrere Reportagen und umfangreiche Recherchen zur Geschichte nachrichtendienstlicher Aktivitäten veröffentlicht. 2012 erschien ihr Buch „Eichmann wurde noch gebraucht“.
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