Energiewende: Klimafreundlich gen Osten

Bild: Jamshaid Anwar/pexels.com

Kriege allerorten und Wirtschaftskrise zuhause: Da scheint der Klimaschutz für die herrschende Politik und die Öffentlichkeit nur noch zweitrangig zu sein. Doch ein Aspekt rückt in den Vordergrund. Denn mit erneuerbaren Energien lässt sich die Abhängigkeit Deutschlands von ausländischen Lieferanten deutlich verringern. Sehr hilfreich in Zeiten der Kriegsvorbereitung und verschärfter globaler Konkurrenz.

Fangen wir mal mit Schalke an. Nein, nicht mit dem in die Fußball-Bundesliga aufgestiegenen Verein FC Schalke 04. Sondern mit dem Werk für Stahlbänder von Thyssenkrupp Steel Europe in dem Gelsenkirchener Stadtteil. Es ist eines von nur zwei Betrieben in Europa, die sogenanntes kornorientiertes Elektroband fertigen. Eine sehr aufwendige Produktion: Rollen von Stahlblech werden dort extrem dünn gewalzt, auf unter einem Millimeter Breite. Außerdem weisen sie eine besondere Kristallstruktur auf. Beide Eigenschaften werden in großen Transformatoren gebraucht. So arbeiten sie besonders energiesparend, wenn sie Strom größerer Spannung aus dem Netz in die für den Verbrauch durch Unternehmen und Haushalte nötige, niedrigere Spannung herunterregeln.

Billiger aus China? Ja, sagen die Kapitalisten. Bitte nicht, die Regierung

Eigentlich also eine komfortable Situation, bei nur einem nationalen Wettbewerber und der wachsenden Nachfrage. Schließlich braucht es immer mehr Transformatoren, um die Energiewende zu bewältigen und so zu den deutschen Klimaschutzzielen beizutragen. Die Zahl der Windkraft- und Solaranlagen wächst weiter, ebenfalls die der Elektroautos und Wärmepumpen, und die „Künstliche Intelligenz“ braucht immer mehr und große Rechenzentren. Die Spannung steigt mithin buchstäblich auf allen Ebenen – der Erzeugung wie des Verbrauchs. Das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 hat die Bundesregierung nicht aufgegeben. Bis dahin soll die Nutzung von fossilen Energiequellen wie Öl, Kohle und Erdgas Geschichte sein.

Dennoch sieht es auf Schalke für die Stahlblech-Herstellung nicht rosig aus, genauer: für den daraus resultierenden Gewinn. Das Werk ist nämlich nicht ausgelastet. Denn die weltweit nur sechs Konkurrenzfirmen aus den USA, Südkorea, Japan und China produzieren mit weniger Kosten beziehungsweise profitieren von Schutzzöllen. Besonders die zwei Hersteller aus China nehmen den Gelsenkirchenern die Aufträge weg, weil sie schlicht billiger sind. Europas Produzenten von großen Transformatoren nehmen deren Angebot dankend an und ordern streng orientiert an ihrer Rentabilität – und nicht an dem Wunsch der Politik, Schlüsselprodukte wie die Elektrobänder in Deutschland oder zumindest auf dem Kontinent zu kaufen. (Vgl. Björn Finke: Gefahr auf Schalke, in: Süddeutsche Zeitung, 2. Mai 2026)

Konkurrenten sollen für den Staat an einem Strang ziehen

Willkommen in der ziemlich komplizierten Gemengelage von Energiewende, Wirtschaftskrise und Sicherheitspolitik. Dem deutschen Staat gefällt es gar nicht, wenn sein beschlossener Umbau auf eine klimaneutrale Energieversorgung stockt, sein Kapital im internationalen Vergleich den Anschluss verliert und die Abhängigkeit vom Ausland bestehen bleibt oder sogar wächst.

Die Probleme mit der profitablen Herstellung von deutschen Elektrobändern für Transformatoren sind nur ein kleines Detail der Energiewende in Deutschland mit ihrem Dauerwiderspruch: Privatwirtschaftlich kalkulierende Unternehmen sollen einem politischen Plan folgen. Obwohl in Konkurrenz untereinander und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht, sollen sie alle letztlich an einem Strang ziehen. Am Ende steht ein neues System der Energieversorgung: Es bringt den Lieferanten den gewünschten Profit, versorgt trotzdem die Wirtschaft im globalen Vergleich äußerst günstig, schröpft dabei auch das gemeine Volk nicht über die Maßen, ist Vorbild für Klimaschutz in der Welt, schöpft mit dem Export der Technik Zusatzprofit ab und macht den hiesigen Staat wesentlich weniger angreifbar für die Blockaden und Boykotte von Energielieferungen anderer Staaten.

Neu beim Thema Energie: eine Frage der Sicherheit Deutschlands

Soweit das Ideal. Und wie es mit Idealen so ist, bleibt es auch meist dabei. Aber die Bundesregierung, wie ihre Vorgänger der vergangenen rund drei Jahrzehnte, hält daran fest: Die Energiewende muss gelingen, gegen alle inneren und äußeren Widerstände. Warum aktuell ganz besonders, erläutert Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD):

„Diese Krise ist eine Krise der Fossilen. Fossile Energien liefern nicht die Versorgungssicherheit, die Menschen, Unternehmen, Volkswirtschaften und globale Lieferketten so dringend brauchen. Wer heute auf den Import von Öl und Gas angewiesen ist, setzt sich unkalkulierbaren Risiken aus. Erneuerbare sind dagegen Sicherheits-Energien. Auch deswegen müssen wir ihren Ausbau noch schneller vorantreiben – für unsere Sicherheit und für das Klima. Damit wird der Ausbau der Erneuerbaren Energien und Energieeffizienz zentraler Bestandteil eines erweiterten Sicherheitsbegriffs.“

Das klang schon mal ganz anders. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war die heimische Kohle der Energieträger schlechthin für den Aufbau der deutschen Wirtschaft. Erdöl aus der noch für den Westen sicheren Lieferungsregion Nahem und Mittlerem Osten kam hinzu, Erdgas ab Anfang der 1970er-Jahre exklusiv und supergünstig aus der Sowjetunion. Parallel baute Deutschland die Atomkraft auf und aus. So verschaffte sich dieser Staat ein Stück Unabhängigkeit von der Preisentwicklung bei den fossilen Energieträgern und eine Technik, die auch das Potenzial für die Entwicklung von Atomwaffen in sich barg.

Bei der Feindschaft hört das Interesse an günstiger Energie auf

Es ging dem Staat stets um Versorgungssicherheit für die nationale Reichtumsproduktion. Entsprechend mischte er sich in das Geschäft ein. Die Sorge der Abhängigkeit von anderen Staaten schwang schon immer mit. Der nationale Kohlevorrat war daher lange Zeit strategisch wichtig, wenn auch teuer. Der Ärger über die „Ölscheichs“, die für einen „Öl-Schock“ 1973 sorgten, weil sie die Preise drastisch erhöhten, beförderte Überlegungen, sich davon unabhängiger zu machen. Hingegen war die Lesart zum Gas-Röhren-Geschäft mit der Sowjetunion: Die bösen Russen sind da eher abhängig von uns als umgekehrt! Und das billige Gas ist ein echter Wettbewerbsvorteil für Deutschland. Dabei blieb es auch beim Nachfolger Russland. Bis der Ukraine-Krieg kam: Seither steigen die Energiepreise, weil Deutschland auf den Vorteil verzichtet. Die erklärte Feindschaft zu Russland macht bisher einträgliche Geschäftsgrundlagen zunichte.

Die Sache der Energieversorgung ist eben keine, die der Staat privaten Unternehmen komplett überlässt. Dafür ist sie zu entscheidend für den Erfolg seiner Wirtschaft – und die überragende Bedingung für die dafür nötige Infrastruktur, für die staatlichen Institutionen, für die Mobilität, für die Haushalte, einfach für alles, was eine Nation am Laufen hält.

Eine Unmenge Vorschriften für das Chaos der Energie-Konkurrenz

Dem „freien Spiel der Kräfte“ kann das nicht überlassen werden. Sondern dieses „Spiel“ will geregelt sein. Was aber auch bedeutet, dass die Teilnehmer wie auch sonst im Wirtschaftsleben jeweils ihren finanziellen Vorteil verfolgen dürfen. Ein Geschäft muss es schon für alle Beteiligte sein – die Erzeuger von Energie mit ihren Kraftwerken wie auch Solar- und Windkraftanlagen, die Besitzer und Betreiber der die Energie aufnehmenden und an die Verbraucher verteilenden Netze, die Verkäufer von Strom und Gas bei den Stadtwerken, Regionalversorgern und Konzernen. Nicht zu vergessen die dafür nötige Peripherie mit den Herstellern der Energieanlagen, der Transformatoren und Kabel, der Zähler, Heizungen und noch vielem mehr, mit den planenden Ingenieurbüros und schließlich dem Handwerk, das bei den Verbrauchern alles Nötige installiert und wartet.

Sie alle werden nur aktiv für die Energieversorgung, wenn dabei ein Gewinn herausspringt, und konkurrieren gegeneinander. Entsprechend wenig scheren sie sich um das staatliche Interesse, dass das alles in die von ihm gewünschte Richtung geht – also das erwähnte Ideal Wirklichkeit wird. Die Konsequenz: ein riesiges Arsenal von staatlichen Vorschriften, die die individuellen und gegensätzlichen Interessen der Energiewirtschaft in die gewünschten Bahnen lenken soll. Der nie endende Streit der Akteure um die „richtige“ Energiepolitik hat hierin seinen Grund. Mal sieht sich die Windkraftbranche benachteiligt, mal die Erzeuger von Strom mit Gaskraftwerken, mal bekommen die Netzbetreiber zu wenig Geld für den nötigen Ausbau, mal beklagen Solaranlagenhersteller zu wenig Förderung – und die Unternehmen klagen über zu hohe Kosten, weil sie ihrer Meinung nach zu viel Steuern und Abgaben auf ihren Energieverbrauch zahlen.

Vom Exportschlager zum Sicherheitsgaranten

Neu in diesem „Spiel“, aber im Grunde schon darin angelegt: Die Energiewende gilt nun auch offiziell nicht mehr als in erster Linie wichtig für den Klimaschutz. Vielmehr trägt der Umbau auf erneuerbare Energien maßgeblich zur Sicherheit Deutschlands bei. Das sagt ein Bundesumweltminister, der eigentlich für dieses Thema gar nicht zuständig ist. Der aber damit eine Wahrheit ausspricht: Der Ausbau der erneuerbaren Energien, deren lange Zeit massive Subvention durch den Staat, galt von Beginn an dem Interesse, die Versorgung mit Energie langfristig billiger und weniger abhängig von ausländischen Lieferanten zu gestalten. Und mit dieser Technik einen Exportschlager zu schaffen.

Die entwickelten Staaten der sogenannten Ersten Welt teilen dieses Interesse. In der Konkurrenz untereinander geht es für alle um den Zugriff auf die benötigten Ressourcen. Heimische Energieträger stehen dabei an erster Stelle – wie beispielsweise Öl und Schiefergas in den USA, Kohle in Polen oder Atomkraft in Frankreich. Was darüber hinaus für Industrie und Infrastruktur gebraucht wird und beziehungsweise oder günstiger zu haben ist, besorgen sich diese Staaten im Ausland. Mit dem Haken, zu den anderen Staaten dort in eine Abhängigkeit verlässlicher Lieferung zu geraten.

Entsprechend groß fällt der politische Druck auf diese Lieferländer aus. Sie haben gefälligst Öl und Gas bereitzustellen, weil „wir“ das brauchen und mit „unserem“ guten Geld bezahlen. Wehe, wenn die Konkurrenz um diese Stoffe die Preise zu sehr nach oben treibt – und die Lieferländer das ausnutzen. Noch schlimmer, wenn wie aktuell der Transport der Stoffe stockt, weil die USA und Israel Krieg gegen den Iran führen und der angegriffene Staat die Straße von Hormus sperrt. Mit den entsprechend drastischen Wirkungen auf die Kurse.

Klimafreundlich nach Russland

Die Konsequenz, siehe Bundesumweltminister Schneider: Die Energiewende weiter vorantreiben. Auf dass die Abhängigkeit vom Ausland spürbar sinkt. Solche Krisen wie nun durch den Iran-Krieg träfen dann Deutschland kaum noch. Und wenn man einst selbst Krieg führt, ist man bestens gewappnet. Denn die Energie fließt dann vornehmlich aus sicherer Quelle – keine Straße von Hormus oder von sonst woher steht dem entgegen. Und Schneiders Kabinettskollege Boris Pistorius kann frohlocken – seine Bundeswehr fährt in ein paar Jahren mit Wasserstoff und grünem Strom Richtung Russland. Ohne Versorgungs-Engpass und garantiert klimafreundlich.

Björn Hendrig

Björn Hendrig ist von Hause aus Journalist, längere Zeit auch tätig in der akademischen Lehre für Journalismus und Public Relations. Langjähriger Autor bei Telepolis und bei Overton. Björn Hendrig ist ein Pseudonym.
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6 Kommentare

  1. „Klimafreundlich nach Russland
    Die Konsequenz, siehe Bundesumweltminister Schneider: Die Energiewende weiter vorantreiben. Auf dass die Abhängigkeit vom Ausland spürbar sinkt. Solche Krisen wie nun durch den Iran-Krieg träfen dann Deutschland kaum noch. Und wenn man einst selbst Krieg führt, ist man bestens gewappnet. Denn die Energie fließt dann vornehmlich aus sicherer Quelle – keine Straße von Hormus oder von sonst woher steht dem entgegen. Und Schneiders Kabinettskollege Boris Pistorius kann frohlocken – seine Bundeswehr fährt in ein paar Jahren mit Wasserstoff und grünem Strom Richtung Russland. Ohne Versorgungs-Engpass und garantiert klimafreundlich.“

    Soll das witzig gemeint sein, so eine Art Glosse?

  2. es gibt Wind- und Solar-Energie-Phasen, wo weder das eine noch das andere „da“ ist…
    Teil I
    Die Physik dazu ist eindeutig
    • Für die Momentanreserve (unmittelbare Frequenzstützung in den ersten Sekunden) ist das Netz fast ausschließlich auf die kinetische Energie der rotierenden Massen von Synchrongeneratoren in Kohle-, Gas- und (ehemals) Kernkraftwerken angewiesen.
    • Wäre diese rotierende Masse nicht da, würde die Frequenzänderungsrate (RoCoF) bei einem Last- oder Erzeugungsausfall so hoch, dass automatische Schutzeinrichtungen ganze Netzsegmente abschalten müssten, um einen Blackout zu verhindern.
    2. Die physikalische Konsequenz des fehlenden Netzausbaus
    Physikalisch bedeutet das:
    • Ein europäischer Verbund kann eine lokale Dunkelflaute nur dann ausgleichen, wenn die Grenzkuppelstellen ausreichend dimensioniert sind. Ist der Netzengpass kleiner als der benötigte Ausgleichsstrom, kommt es zu einer physikalischen Überlastung der Leitungen, die zur Abschaltung führt – egal wie viel Wind in Nachbarländern weht.
    • Das macht Deutschland bei einer Dunkelflaute faktisch zu einer „Strominsel“ innerhalb Europas, deren Stabilisierung aus eigener Kraft erfolgen muss.
    3. Die zwingende Rolle der konventionellen Kraftwerke im Jetzt
    Genau weil diese Alternativen (Speicher, Netze) nicht im erforderlichen Maß existieren, ergibt sich eine physikalische Zwangsläufigkeit für den aktuellen Betrieb:
    • Deckung der Residuallast bei Dunkelflaute: Wenn Wind und Solar signifikant und gleichzeitig ausfallen, steigt die Residuallast sprunghaft an. Die einzigen sofort verfügbaren, regelbaren Erzeuger, die diese Leistung bereitstellen können, sind die vorhandenen thermischen Kraftwerke (Gas, Kohle) und in geringem Maße Biomasse/Wasserkraft.
    • Kombination von Grundlast und Systemdienstleistungen: Da diese Kraftwerke ohnehin laufen müssen, um die Residuallast zu decken und die Momentanreserve bereitzustellen, werden sie in einen Betriebsmodus gezwungen, der einer kontinuierlichen Mindestlast entspricht. Ein ständiges, schnelles Hoch- und Runterfahren wäre betriebswirtschaftlich unsinnig, aber vor allem auch physikalisch-materialbelastend und mit höheren Ausfallrisiken verbunden.
    Etwa 40–60 GW (was häufig ~50 % der Grundlast oder des mittleren Verbrauchs entspricht) ist daher kein theoretisches Dogma, sondern eine empirische, physikalisch bedingte Betriebsnotwendigkeit im heutigen Deutschland. Er ergibt sich aus der Untergrenze der benötigten rotierenden Masse plus der gesicherten Leistung für eine durchschnittliche Dunkelflaute.
    Was ist nach 20 Jahren Windradbetrieb?
    Die betriebswirtschaftliche Zwickmühle nach 20 Jahren
    Das Kernproblem ist die sogenannte Förderlücke. Dazu muss man verstehen, wie die Wirtschaftlichkeit bisher kalkuliert wurde:
    • Die ersten 20 Jahre: Eine Windenergieanlage (WEA) wurde in Deutschland fast immer mit einer garantierten Einspeisevergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) kalkuliert. Der hohe Preis pro Kilowattstunde über 20 Jahre war so bemessen, dass er die gesamten Anfangsinvestitionen (Bau, Montage, Fundament, Netzanbindung) plus eine Rendite deckt.
    • Nach 20 Jahren: Mit dem Tag, an dem die EEG-Vergütung ausläuft, fällt der erzielbare Strompreis schlagartig auf den Marktpreis.
    Damit entsteht folgendes Dilemma:
    • Option 1: Einfacher Weiterbetrieb (Life-Time Extension). Dies klingt nach der günstigsten Option. Doch selbst wenn die Anlage physikalisch noch gut dasteht, lohnt sie sich nur, wenn die Grenzkosten (Wartung, Pacht, Versicherung, Betriebsführung) unter dem niedrigen Marktpreis liegen. Die hohen Wartungskosten alter Anlagen führen dazu, dass sich ein Weiterbetrieb rein über den Markt oft gar nicht rechnet, obwohl die Anlage physikalisch noch läuft und der Bau „abbezahlt“ ist.
    • Option 2: Repowering. Ein Repowering ist wirtschaftlich nichts anderes als ein komplett neues Investitionsprojekt. Die Kosten für den initialen Bau, die Montage und vor allem den kompletten Rückbau des Fundaments der Altanlage sind erneut aufzubringen. Diese Kosten sind nur dann tragbar, wenn es eine neue, langfristig planbare Vergütungsperspektive gibt (z. B. einen Stromabnahmevertrag (PPA) mit einem Industriekunden oder den Zuschlag in einer neuen EEG-Ausschreibung).
    2. Die oft unterschätzten Kosten des „Wiederbaus“
    Man kann nicht einfach eine alte 1-MW-Anlage durch eine neue 5-MW-Anlage ersetzen. Das würde implizieren, dass man nur die Gondel tauscht. Tatsächlich müssen fast alle Komponenten neu errichtet werden:
    • Turm und Fundament: Eine neue 5-MW-Anlage ist physikalisch eine völlig andere Dimension. Die Rotorblattspitzen erreichen über 200 Meter Höhe. Der alte Turm und vor allem das alte Fundament können die enormen neuen Hebelkräfte nicht aufnehmen. Sie müssen also komplett zurückgebaut und durch ein neues, massiveres Fundament und einen neuen Turm ersetzt werden. Der Rückbau des alten Fundaments (oft aus tonnenweise Stahlbeton) ist ein eigener, großer Kostenblock.
    • Kran- und Logistikaufwand: Der Bau einer modernen Großanlage erfordert Mobilkräne, die in dieser Hubhöhe und Traglast nur begrenzt verfügbar und extrem teuer sind. Die Montage selbst ist also ein erneuter, sehr großer Kostenfaktor. Ein wirtschaftlicher Vorteil aus dem Bestand ist faktisch kaum vorhanden.

  3. es gibt Wind- und Solar-Energie-Phasen, wo weder das eine noch das andere „da“ ist…
    Teil II
    3. Szenarioberechnung unter Einbezug der Kapitalkosten
    Die realistischen Szenarien für die nächsten Jahre sind daher nicht von einem automatischen Effizienzgewinn, sondern von einer Investitionsentscheidung unter Unsicherheit geprägt:
    • Das Worst-Case-Szenario ist der ungeplante Rückbau. Wenn sich weder ein Weiterbetrieb noch ein Repowering lohnen (weil z. B. die Strommarktpreise dauerhaft niedrig sind und keine neuen PPAs abgeschlossen werden können), wird der Betreiber die Anlage stillegen und zurückbauen. Das führt zum Verlust an gesicherter Leistung und erzeugt Kosten, ohne dass neue Kapazität entsteht.
    • Das Real-Case-Szenario ist ein selektiver Ausbau nur an sehr guten Standorten. Repowering wird sich fast ausschließlich auf windstarke Küstenregionen und exponierte Lagen im Binnenland konzentrieren, wo die erwartbaren Volllaststunden eine neue Großinvestition rechtfertigen. An weniger günstigen Standorten droht eine „Verspargelung“ durch sehr alte, kaum noch wirtschaftliche Anlagen oder schlicht deren ersatzloser Rückbau.
    • Das Zielszenario der Politik ist ein massives Repowering, das nur durch erneute, indirekte Subventionierung (in Form von Ausschreibungen mit festen Vergütungen oder Contracts for Difference) erreichbar ist.
    Zum („besseren“) Verständnis
    • EEG 2000 & 2009: Diese Gesetze führten das grundlegende System der festen Einspeisevergütung ein und etablierten mit der Ausgleichsregelung einen ersten Vorläufer der Direktvermarktung.
    • EEG 2012: Die Einführung des Marktprämienmodells war der zentrale Schritt, um Anlagenbetreibern einen Anreiz zu bieten, ihren Strom selbst an der Börse zu vermarkten (Managementprämie). Die Grundidee, eine gleitende Prämie als Differenz zwischen einem fixen anzulegenden Wert und dem Markterlös zu zahlen, stammt aus diesem Jahr.
    • EEG 2014: Dieses Gesetz verstärkte den Grundgedanken der Marktintegration nochmals, indem es die Teilnahme an der Direktvermarktung für größere Neuanlagen verpflichtend machte.
    Vor 2017 existierte das Förderinstrument der gleitenden Marktprämie. Das EEG 2017 steht für den Paradigmenwechsel von der staatlich administrierten zur wettbewerblich ermittelten Förderhöhe.
    (Zwischen-)Fazit
    Der Ersatz alter Windkraftanlagen ist kein Selbstläufer bemerkenswerter Effizienz, sondern ein erneuter, kapitalintensiver und entscheidungsabhängiger Infrastrukturzyklus.
    • Eine große Zahl alter Windenergieanlagen erreicht das Ende der 20-jährigen EEG-Förderung. Gleichzeitig sind die erzielbaren Erlöse über das Marktprämienmodell (selbst mit aktuell wieder gestiegenen Zuschlagswerten von ca. 7 ct/kWh) für viele Binnenlandstandorte mit mäßigem Winddargebot nicht auskömmlich, um einen kompletten Neubau (inkl. Fundamentrückbau) zu finanzieren.
    • Die Konsequenz: Es droht ein ersatzloser Rückbau von mehreren Gigawatt installierter Leistung, noch bevor neue Anlagen an anderen Standorten überhaupt genehmigt und errichtet sind. Diese Kapazitätslücke trifft auf ein System, das gleichzeitig konsequent Kohle- und Kernkraftwerke stilllegt. Es entsteht eine zeitliche und räumliche Deckungslücke gesicherter Leistung.
    2. Das physikalische Trägheitsrisiko (Momentanreserve-Verlust)
    Das Risiko ist heute größer als noch vor wenigen Jahren:
    • Status quo: Jedes stillgelegte Kohle- oder Kernkraftwerk entzieht dem Netz eine große Synchromaschine mit physikalischer Schwungmasse. Jede neu installierte Wind- oder PV-Anlage speist über Umrichter ein und stellt inhärent keine Momentanreserve bereit, wenn sie nicht explizit mit netzbildenden Wechselrichtern ausgerüstet wird – was heute die absolute Ausnahme ist.
    • Die Risikoverstärkung: Künftige Szenarien (Netzentwicklungsplan) gehen für das Jahr 2037 von einem Netzbetrieb mit geringen bis gar keinen großen Synchrongeneratoren in bestimmten Regionen aus. Sollte der Zubau von netzbildenden Batteriespeichern oder Phasenschiebern nicht im geplanten Maße gelingen, steigt die Gefahr eines extrem schnellen Frequenzabfalls (hoher RoCoF) bei einem Kraftwerksausfall oder einer plötzlichen Windflaute dramatisch an.
    3. Das Dunkelflauten-Infrastrukturrisiko (Netz & Speicher)

    Es fehlen Speicher und ausreichende Leitungen.
    • Das Risiko: In einer winterlichen Hochdrucklage (Dunkelflaute, Dauer >5 Tage) muss die gesamte Residuallast von steuerbaren Kraftwerken und Importen gedeckt werden. Geht man von konservativen Annahmen aus, erfordert dies eine gesicherte Leistung von über 60 GW, verfügbar an jedem Punkt des Landes.
    • Die Verschärfung: Die dafür vorgesehenen Backup-Kraftwerke (H₂-ready-Gaskraftwerke) müssen im Süden Deutschlands gebaut werden, weil der Windstrom aus dem Norden aufgrund der Netzengpässe nicht in den Verbrauchsschwerpunkt transportiert werden kann. Der politische Beschluss und die Investitionsanreize für diese Kraftwerke konkretisieren sich gerade erst. Gleichzeitig werden Speicherkapazitäten, die mehrere Tage Dunkelflaute überbrücken könnten (z. B. Großbatterien im GWh-Maßstab oder Wasserstoffspeicher), erst in den 2030er-Jahren in ersten nennenswerten Umfängen erwartet. Bis dahin bleibt die physikalische Abhängigkeit von wetterbedingten Erzeugungswellen und den bestehenden Gaskraftwerken (die wiederum auf Importe angewiesen sind) ein operationelles Risiko erster Ordnung.
    4. Das Marktrisiko für die Wirtschaftlichkeit (Synchronisation von Angebot und Nachfrage)

    Ein weiteres subtileres aber fundamentales Risiko:
    • Kannibalisierungseffekt: Je mehr Wind- und Solaranlagen gebaut werden, desto häufiger produzieren sie alle gleichzeitig. Der Börsenstrompreis fällt dann stark ab, gegen Null oder wird sogar negativ. In diesen Stunden erhalten die Betreiber keine Markterlöse, und auch die Marktprämie gleicht nur bis zum anzulegenden Wert aus. Das untergräbt die Wirtschaftlichkeit, sobald die Prämie ausläuft (nach 20 Jahren) – und erschwert schon den Neubau, weil Investoren diese vielen Null- oder Negativpreisstunden in ihre Kalkulation einpreisen müssen.
    • Das Risiko: Es entsteht eine paradoxe Situation: Das System braucht mehr Wind- und Solaranlagen, um die fossilen zu ersetzen. Je mehr es jedoch werden, desto unattraktiver wird es finanziell, sie zu bauen, weil sie sich gegenseitig den Preis ruinieren, solange keine ausreichende Speicherkapazität existiert, die diesen Überschussstrom zwischenspeichert und später vergütet.
    • Die Entschädigungszahlungen für die zwangsweise Abregelung von Windkraftanlagen aufgrund von Netzengpässen beliefen sich im Jahr 2025 auf fast 435 Millionen Euro. Dieser Betrag wurde an die Betreiber gezahlt, weil ihr Strom nicht ins Netz eingespeist werden konnte. 2024 waren es ~ 315 Millionen Kosten für „ungenutzten“ Strom, was schlicht an weniger Wind in 2024 lag…

  4. Den Anspruch weg von den Klimakillern zu kommen, hin zu den Erneuerbaren Energien, den gibt es schon lange. Mindestens seit zwanzig Jahren.
    Jetzt daraus eine „Kriegsvorbereitung“ zu entwickeln ist einfach nur dämlich durchschaubar.

    Die Energiewende ist notwendig in Friedenszeiten, ist notwendig in Krisenzeiten. Sogar in Kriegszeiten wäre sie notwendig, weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

  5. Den Anspruch weg von den Klimakillern zu kommen, hin zu den Erneuerbaren Energien, den gibt es schon lange. Mindestens seit zwanzig Jahren.
    Jetzt daraus eine „Kriegsvorbereitung“ zu entwickeln ist einfach nur dämlich durchschaubar.

    Die Energiewende ist notwendig in Friedenszeiten, ist notwendig in Krisenzeiten. Sogar in Kriegszeiten wäre sie notwendig, weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

  6. Die Zahl der Windkraft und Solaranlagen
    wächst weiter. [?] Offenbar ganz ohne menschliches Zutun. Einmal in die Welt gekommen, [ bei einem Meteoriten- Ein – schlag ?] vermehren sie sich von selbst.

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