
Viele beobachten nicht nur die Aufrüstung und die unheimliche Militarisierung der Gesellschaft in Deutschland und in Europa mit wachsender Sorge, angetrieben durch die Kriege in Russland, in der Golfregion und im Nahen Osten. Es breitet sich das Gefühl aus, dass wir durch die Unterstützung des Krieges in der Ukraine und die angeblich der Abschreckung dienende Aufrüstung sowie einem Ausfall der Diplomatie, des Völkerrechts und der internationalen Organisationen, allen voran den Vereinten Nationen und dem Internationalen Strafgerichtshof, in einen Krieg hineinschlittern zu scheinen.
Es liegt Krieg in der Luft und der Wille oder auch die Fähigkeit, gegenzusteuern und Alternativen jenseits der militärischen oder Machtlogik zu entwickeln, scheinen verschwunden zu sein. Donald Trump, der eigentlich angetreten war, Kriege zu beenden, und gleichzeitig das Militär zu stärken und damit nicht nur zu drohen, hat dies nicht verursacht, aber er agiert als destruktiver Charakter, als Frontmann derjenigen, die gegen das woke Phantom kämpfend nur an die Machtdurchsetzung des Stärkeren glauben, die Demokratie verachten und im eigenen Bereicherungsinteresse die Prinzipien der Aufklärung (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder Solidarität) und damit auch der Möglichkeit einer friedlichen (Welt)Gesellschaft zerstören. In den rechten Kreisen in den USA wird Empathie als „suizidal“ bekämpft. „Die grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation ist die Empathie“, sagte Musk. „Sie nutzen einen Fehler in der westlichen Zivilisation aus, nämlich die empathische Reaktion.“ Angesichts der westlichen Geschichte oder allein der Behandlung von Migranten seitens der Trump-Regierung ist das geradezu grotesk.
Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) ist eines der Überbleibsel einer noch von der Aufklärung geprägten Vernunft, die am Wohlergehen oder zumindest der Verringerung des Leids und der Einschränkung der Gewalt im Krieg durch die Genfer Konventionen orientiert ist. In seinem Bericht „Der humanitäre Ausblick 2026“ werden im Jahr 2024 130 bewaffnete Konflikte gezählt, mehr als zu Zeiten des Kalten Kriegs und mehr als doppelt so viel wie 2009. Über 20 Konflikte haben mehr als 20 Jahre angedauert. Die Welt, so der Untertitel, rutscht in den Krieg.
„Die Geografie des Krieges weitet sich aus und verändert sich. Die Frontlinien erstrecken sich über Hunderte von Kilometern und reichen in neue Bereiche, vom Cyberspace bis in den Weltraum. Der Einsatz von Drohnen, künstlicher Intelligenz und digitaler Kriegsführung definiert die Mittel und das Tempo des Krieges neu, oft mit verheerenden Folgen für die Zivilbevölkerung. Heute leben 204 Millionen Menschen in Gebieten, die vollständig oder umstritten unter der Kontrolle bewaffneter Gruppen stehen – ein Anstieg gegenüber 175 Millionen im Jahr 2022 –, außerhalb der Reichweite staatlicher Institutionen, Dienstleistungen und Schutzmaßnahmen. Ganze Gemeinschaften sind gefangen zwischen sich verschiebenden Linien der Kontrolle, des Zwangs und der Angst.“ – ICRC
Festgehalten wird, dass sich skrupellose Gewalt ausbreitet und Menschlichkeit erodiert. Das ist nicht nur in Kriegen zu beobachten, sondern auch im Alltag und in der Politik, die sich dem Anti-Woken wie Trump und Co., dazu gehört auch die AfD, verschrieben hat und damit gesellschaftliche Ungleichheit und Macht zementiert. Empathie, Mitleid, Solidarität oder Ausgleich landen auf dem Misthaufen, gemacht wird, was man machen kann, ohne Rücksicht auf andere. Kurios ist natürlich, dass Vertreter dieser Haltung wie Vance, Hegseth oder Thiel sich christlich nennen. Trump gehört sicher nicht dazu, hat aber schon symptomatisch klar gemacht, dass es keine moralische Instanz über ihn gibt: „There is one thing. My own morality. My own mind. It’s the only thing that can stop me.”
Die Kriegsführung Israels im Gazastreifen hat gezeigt, dass keine Rücksicht mehr auf internationale Regeln und auch nicht auf Menschlichkeit gesetzt wird. Das haben die Hamas bei ihrem brutalen Überfall auf Israel am 7. Oktober auch nicht gemacht. Ihr Abschlachten wirkte deshalb brutaler, weil ihre Waffen primitiver waren, als die KI-Systeme, Drohnen und Raketen des israelischen Militärs, das ohne Rücksicht auch massenhaft Zivilisten als Beifang tötete, fast alle Gebäude verwüstete, humanitäre Hilfe nicht ausreichend zulässt und ganz offensichtlich versucht, das Leben der Palästinenser im Gazastreifen unerträglich zu machen.
Die US-Regierung unter Trump, die auch Unmenschlichkeit gegen Einwanderer praktiziert, kümmert das nicht, die Europäer und Deutschland verurteilen weiter russische Kriegsverbrechen, vermeiden aber eine unabhängige Prüfung der Geschehnisse in Butscha oder übersehen die Kriegsverbrechen der ukrainischen Truppen und vor allem der israelischen IDF nicht nur im Gazastreifen, sondern auch im Westjordanland und im Libanon. Auch eine solche Einseitigkeit trägt zur Verrohung bei, zumal wenn sie von Deutschen mit ihrer Geschichte ausgeht, in der jede Moral außer Kraft gesetzt wurde.
Das Problem ist nur, dass eine Politik, die humanitäre und internationale Regeln nicht mehr oder einseitig beachtet, auf den Krieg zusteuert. Wenn rohe Macht oder Gewaltandrohung Recht setzt oder Realität schafft, scheint es realistisch zu sein, sich für den Krieg aller gegen alle zu rüsten und nicht nachzugeben. Das ist verinnert in dem allgegenwärtigen Spruch, dass war Frieden will, sich auf den Krieg vorbereiten müsse. Dabei wird aber vergessen, dass man sich zumindest auch auf den Frieden vorbereiten müsste.
„‘Hard Power‘ und ein Ansatz nach dem Motto ‚Recht des Stärkeren‘ erleben derzeit ein Comeback. Einige Staaten treten aus Verträgen aus oder drängen multilaterale Bemühungen in den Hintergrund, während andere kurzfristige Interessen über die kollektive Sicherheit stellen. Das Ergebnis ist eine Welt, die sich auf Krieg statt auf Frieden vorbereitet. Die weltweiten Verteidigungsausgaben erreichten im Jahr 2024 2,7 Billionen US-Dollar, während das gesamte humanitäre System lediglich um 50 Milliarden Dollar bat – ein Betrag, der dennoch nicht erzielt wurde.“ – ICRC
Der ICRC appelliert, die Kriegsregeln nach den Genfer Konventionen einzuhalten, das Völkerrecht zu wahren, Menschlichkeit zu verteidigen, Helfer nicht anzugreifen und überhaupt für den Frieden zu arbeiten und eine „globale Solidarität“ wiederherzustellen. Das wird die Menschen an den Schalthebeln kaum beeindrucken, aber auch keine nationalen oder gar globalen Friedensbewegungen von unten verstärken oder initiieren. Auch wenn die meisten Menschen Kriege ablehnen, sind sie auch nicht bereit, dem Gang in das Risiko eines Krieges Einhalt gebieten zu wollen.
„Heutzutage hat man das Gefühl, dass der Krieg zum Selbstzweck wird“
Mirjana Spoljaric, seit 2022 Präsidentin des ICRC, besucht jeweils beide Seiten, das ist auch die Aufgabe des ICRC, neutral zu sein und Hilfe nach den Genfer Konventionen allen zu gewähren. Sie sagte in einem Interview mit der New York Times, Kriege würden heute ohne anderes politisches Ziel vornehmlich zur Machterhaltung geführt werden: „Der Punkt ist, dass Krieg schon immer als Mittel zur Verfolgung eines politischen Ziels angesehen wurde. Er ist ein Mittel zum Zweck. Heutzutage hat man das Gefühl, dass der Krieg zum Selbstzweck wird und Kriege weitergeführt werden, weil die Menschen an der Macht bleiben wollen. Sie haben ein Umfeld geschaffen, in dem Krieg zur Voraussetzung dafür wird, dass sie weiter herrschen können, und das ist sehr gefährlich.“ War das nicht immer auch ein Grund? Kriege und Kriegsvorbereitungen schaffen nationale Einheit, Konformismus und lassen Opposition beiseitedrängen.
Nach Spoljaric ist die Bereitschaft erodiert, humanitäre Regeln einzuhalten. Wichtig aber ist, dass sie sagt, viele Politiker hätten keine Erfahrung im Verhandeln. Sie stimmt zu, dass die Fähigkeit, Konflikte zu lösen, abgenommen hat: „Wenn man zehn Jahre lang nicht verhandelt, verliert man seine Praxis. Es ist wie bei einem Herzchirurgen. Man hört nicht einfach auf zu operieren, kommt dann zurück, bekommt die Instrumente gereicht und macht einfach weiter.“ Das diplomatische Versagen lässt sich allerorten bemerken, auch in der Merz-Bundesregierung, die nicht einmal in der Lage ist, sich in der Koalition zu verständigen, geschweige denn Wege zu finden, etwa den Ukraine-Krieg zu beenden. Es wird nur auf Sieg und Durchsetzung gesetzt.
„Wir müssen uns von einer übermäßigen Fokussierung auf Waffen, Waffensysteme und Verteidigungstechnologien lösen. Aber wir müssen auch wieder eine positive Erzählung über die Menschlichkeit, über Frieden, über das Zusammenkommen, die Zusammenarbeit und das Zusammenleben entwickeln. Wir müssen wieder erkennen, dass es die Menschlichkeit ist, die uns zusammenhält, und dass wir sie heute vorrangig schützen müssen, denn wir entwerten fast alles.“ – Spoljaric
Man bleibt wie bei den Forderungen des Berichts aber auch hier ratlos zurück und in der Situation eines Beobachters von Vorgängen, die außerhalb unserer Beeinflussungsmöglichkeiten liegen. Spoljarics Forderungen oder Wünsche sind nachvollziehbar, wir haben aber haben die resignative Vermutung, dass sie fernab der Wirklichkeit bleiben, die zurückkehrt in den Hobbesschen Krieg aller gegen alle. Vielleicht, um dies zynisch anzumerken, ist Krieg und Kampf, permanent auch in Medien vorgeführt, interessanter als „eine positive Erzählung über die Menschlichkeit“. Zumindest könnte das in Gesellschaften mit hereinspielen, die lange Zeit keinen Krieg mehr erfahren oder ihn nur im Ausland geführt hat.
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Toxische Verhältnisse von Machthabern initiiert ,die sich normalerweise einer Psychotherapie unterziehen müssten um ihren Narzissmus aufzuarbeiten .
Ratlos bin ich schon lange. Danke Hr. Rötzer, dass Sie so unermüdlich helfen ein Bewusstsein zu schaffen.
Wir sollten anfangen die Systemfrage zu stellen, nicht die Personalfrage (btw .. das Personal ist nicht mehr zu therapieren). Langsam fange ich an bestimmte Vorgänge der Vergangenheit zu verstehen. Mit dem System können wir nicht verhandeln, es sieht bzw hört uns nicht.