Eine Stimme gegen den Chor

Ömer Faruk Gergerlioglu
TuruncuDemlik, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Das Gedächtnis der Gerechtigkeit: Von Zolas Marc zu Gergerlioğlu.

Einige Menschen leben nicht am Rand der Geschichte; sie stehen in ihrem Zentrum. Wenn man sie zum Schweigen bringen will, sprechen sie umso lauter. Wenn man erwartet, dass sie sich zurückziehen, gehen sie einen Schritt weiter. Denn sie wissen: Schweigen heißt, sich schuldig zu machen.

In Émile Zolas Roman Wahrheit gibt es einen Lehrer namens Marc. Er ist allein, weil er auf der Seite der Gerechtigkeit steht. Ein unschuldiger jüdischer Lehrer, Simon, wird Opfer einer Verschwörung. Kirche, Medien, Öffentlichkeit – alle vereinen sich, um ihn zu verurteilen. Inmitten dieses Lynch-Chores steht Marc allein und spricht die Wahrheit. Mit Dokumenten, mit Gewissen, mit Moral. Er weicht nicht zurück – weder um seiner Arbeit willen noch um seines Ansehens willen. Er ist nicht länger nur ein einzelner Lehrer; er wird zur Prüfung einer ganzen Gesellschaft. Jahre später wird Simons Unschuld endlich anerkannt. Er kehrt in die Stadt zurück, die ihn einst verurteilt hat – diesmal wird er mit Blumen empfangen. Die Menge, die einst an seiner moralischen Hinrichtung beteiligt war, versucht nun, sich reinzuwaschen. Noch eindrücklicher ist, dass auch die Kinder der damaligen Täter an diesem Empfang teilnehmen – als wollten sie eine moralische Schuld der Vergangenheit begleichen. Sie schenken Simon sogar ein Haus.

Wie es heute Tausenden in der Türkei ergeht

Doch die Menge schlägt plötzlich um. Ihre Wut richtet sich nun gegen den wahren Täter, einen Jesuitenpriester, und sie ist bereit, ihn zu lynchen. Marc stellt sich ihnen entgegen und hält sie auf. Denn Gerechtigkeit kann nicht durch Rache ersetzt werden. Selbst wenn die Wahrheit ans Licht kommt, muss das Gewissen seine Prinzipien bewahren.

Jahre später, in einer ganz anderen Geografie, begegnet uns ein Arzt: Ömer Faruk Gergerlioğlu.

Er ist kein gewöhnlicher Name in der politischen Landschaft seines Landes. Als Arzt, Menschenrechtsverteidiger und Abgeordneter wurde er zu einer der seltenen Stimmen, die unbeirrt auf das hinweisen, was viele nicht sehen wollen: willkürliche Entlassungen, gebrochene Biografien, Gefängnisse voller kranker Menschen und Babys, die ihre ersten Jahre hinter Gittern verbringen. Für diese Beharrlichkeit zahlte er selbst einen Preis – wurde verfolgt, zeitweise aus dem Parlament gedrängt und doch nicht zum Schweigen gebracht.

Sein Schicksal steht exemplarisch für eine Zeit, in der Gewissen selbst zum Gegenstand politischer Verfolgung wird.

Er spricht über Leibesvisitationen in Gefängnissen, über kranke Häftlinge, über Babys, die mit ihren Müttern eingesperrt sind, über Menschen, die wegen friedlicher Überzeugungen aus ihren Berufen entfernt wurden. Er spricht im Parlament – und ist doch oft stärker ausgegrenzt als jene außerhalb. Er spricht die Wahrheit. Genau wie Marc.

Was Simon widerfuhr, war kein Einzelfall, sondern die Systematisierung von Unrecht – so wie es heute Tausenden in der Türkei ergeht. Menschen werden aufgrund ihrer Identität, ihres Glaubens oder ihrer politischen Haltung zur Zielscheibe. Ihre Leben werden über Nacht zerstört, sie verlieren ihre Berufe, und ganze Familien werden mitbestraft. In einem System, in dem Angst das Recht ersetzt und Willkür die Gerechtigkeit, wird Unschuld oft zu etwas, das verteidigt werden muss.

Und wenn solche Ungerechtigkeiten zur Normalität werden, verändern sich Gesellschaften nicht sofort, wenn die Wahrheit ans Licht kommt. Sie zögern. Sie vergessen. Oder sie reagieren abrupt, um sich selbst zu entlasten.

Genau hier beginnt die eigentliche Prüfung.

Der Stift der Wahrheit

Die Stimme derjenigen zu sein, die wegen ihrer religiösen, ethnischen oder politischen Identität verfolgt werden, bedeutet Einsamkeit. Doch sowohl Marc als auch Gergerlioğlu tragen diese Einsamkeit wie ein Zeichen der Ehre.

Während Marc für Simon kämpfte, verteidigte er nicht nur einen Menschen – er verteidigte die Gerechtigkeit selbst. Ebenso verteidigt Gergerlioğlu nicht nur die Opfer, sondern hält das Gewissen einer ganzen Gesellschaft am Leben. Er wartet nicht, bis die Mehrheit ihre Meinung ändert. Er spricht dann, wenn es am schwersten ist – nicht dann, wenn es sicher ist. Beide zahlen einen Preis. Marc wird von der Gesellschaft ausgegrenzt; Gergerlioğlu aus dem Parlament ausgeschlossen. Doch die Geschichte verzeichnet sie nicht als „Randfiguren“, sondern als Namen des moralischen Widerstands im Zentrum.

Wenn man heute Zolas Roman liest und an Marc denkt, erscheint vor dem inneren Auge eine Gestalt: jemand, der mit Petitionen vor dem Parlament steht, der in den Sozialen Medien von neuem Unrecht berichtet, der versucht, Festnahmen zu verifizieren … Gergerlioğlu.

Die Geschichte hat diese beiden Namen zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben – aber mit demselben Stift: dem Stift der Wahrheit.

Und vielleicht wird leise, ganz leise, noch etwas anderes geschrieben: Eine Zukunft, in der Menschen, die einst still aus ihrem Land gerissen wurden, zurückkehren können. Nicht als Verdächtige, sondern als Zeugen. Nicht mit Angst, sondern mit Würde.

Vielleicht werden sie eines Tages wieder durch die Tore von Flughäfen gehen – nicht mit Unsicherheit, sondern mit der Ruhe, akzeptiert zu werden. Und vielleicht werden sie, wie Simon, von einer Gesellschaft empfangen, die gelernt hat, und von einer neuen Generation, die bereit ist, sich der Vergangenheit zu stellen.

Bis dahin liegt die Verantwortung auf den Schultern derjenigen, die sich weigern zu schweigen.

Denn manchmal ist eine einzige Stimme nicht nur Widerstand – sondern der Anfang einer Zukunft, die noch nicht gekommen ist.

Cevdet İnan

Cevdet İnan ist Autor und lebt in Deutschland. Er arbeitete zehn Jahre lang als Journalist bei der türkischen Tageszeitung Zaman. Nach dem 15. Juli wurde er zu 8 Jahren und 3 Monaten Haft verurteilt und verbrachte über fünf Jahre im Gefängnis. Nach seiner Entlassung sah er sich anhaltendem Druck ausgesetzt und war gezwungen, nach Deutschland zu emigrieren. Er ist Autor des bislang unveröffentlichten Buches „Özgürlüğü Gömün Vicdan Kalsın“, in dem er seine Gefängniserfahrungen verarbeitet. Seine Texte wurden unter anderem auf Plattformen wie ZNetwork veröffentlicht. Cevdet İnan ist Vater von zwei Kindern.
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2 Kommentare

  1. Der Stift der Wahrheit, ist ein guter Stift.
    Mein anderer Kommentar vor ein paar Minuten, wartet auf den ‚Stift der Wahrheit‘, um frei geschaltet zu werden.
    Der Artikel hebt exakt das vor, was die heutige Realität ist.
    Ich selbst habe häufig festgestellt, sage ich die Wahrheit, haben viele Menschen Zweifel an meiner Aussage und lassen sich dann lieber vom Lügner über den Tisch ziehen. Welch eine Ironie des Lebens.

    1. Sie wissen doch: „Die Wahrheit ist oftmals unbequem.“
      Und die Menschen wollen es halt lieber cosy (oder „gemütlich“ wie die Älteren sagen).
      Sie können die Einsicht, dass das Bett aus Nägeln besteht, nur für einen Fakir ist und dabei brennt, wiklich nicht abverlangen.
      (End of sad ironie)

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