Eine Pille gegen die angebliche Epidemie der Einsamkeit?

Bild: Bert Kaufmann/CC BY-2.0

Manche sehen das „Liebes- oder Kuschelhormon“ Oxytocin als Lösung an, wenn denn Einsamkeit ein neuronales Problem des Einzelnen bzw. eine Krankheit ist.

 

Klar ist, dass sich Einsamkeit ausbreitet, vor allem unter älteren Menschen, aber auch nach Studien mehr und mehr unter jungen. Manche sagen, Einsamkeit sei eine Epidemie. Als Erklärung wird vieles aufgeboten: Vom Zerfall der Familien und der forcierten Individualisierung über Medien, das Internet oder home office bis hin zum mobilen Leben mit nur einem zeitweisen Niederlassen oder der kapitalistischen Konkurrenz mit der neoliberalen Forderung der allseitigen Eigenverantwortung und der Auflösung von Zwangsgemeinschaften.

Bekannt ist jedenfalls, dass ungewollte Einsamkeit krank macht und die Lebenszeit verkürzen kann. Neben zahlreichen psychischen Symptomen wie Depression, Angst oder Hyperaufmerksamkeit für soziale Bedrohungen soll sie zu einem höheren Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Diabetes oder Demenz führen.

Nach einer Studie ist das Problem massiv: 25 Prozent der Deutschen über 18 Jahren sagen, sie seien sehr einsam, 47 Prozent fühlen sich moderat einsam. Nur 28 Prozent versichern, sich nicht einsam zu fühlen. Nach einer Studie des vom Bundesfamilienministerium geförderten Kompetenznetzwerkes Einsamkeit sollen es „nur“ 8 Millionen oder 10 Prozent sein.

Nun könnte es sein, dass das Leiden an Einsamkeit chic ist und sich deswegen mehr Menschen als einsam bezeichnen. Es könnte auch sein, dass die Erwartungen gestiegen sind und von Beziehungen mit anderen Menschen mehr erwartet wird als „konventionelles“ Verhalten, mehr Leidenschaft, Intensität, Öffnung, Authentizität etc., man sich geißelt, die Erwartungen an ideale und erfüllte zwischenmenschliche Beziehungen nicht leisten zu können, die die Mitmenschen auch nicht einem gegenüber einlösen. Es könnte auch die Panik vor Einsamkeit  bzw. das Ressentiment gegenüber Menschen mit weniger Kontakten und Freunden angestiegen sein. So könnte das Zugeben von Einsamkeit mit Scham verbunden sein. Die ubiquitäre Präsenz von Smartphones in der Öffentlichkeit könnte auch die Bedeutung haben zu demonstrieren, nicht alleine oder zumindest beschäftigt zu sein.

Natürlich treten neue Experten auf die Bühne, um das Problem der Einsamkeit durch Vorschläge zu lösen, die Leiden reduzieren oder eine gesellschaftliche zwischenmenschliche Norm realisieren sollen. Die Frage ist natürlich, ob die Zunahme von Einsamkeit eine Folge gesellschaftlicher Strukturen oder Prozesse ist oder ob der Einzelne gewissermaßen versagt oder krank ist. Wir tendieren zumindest beim Lösen des Problems beim Einzelnen anzusetzen, der sich verändern muss, um  wieder sozial kompatibel oder gesellig zu werden. Wenn es ein psychisches Problem ist, dann käme eine Verhaltenstherapie mit Vorgaben in Betracht, was der an Einsamkeit Leidende machen sollte: Kontakte suchen, Menschen treffen, Veranstaltungen besuchen etc.

Am einfachsten und profitabelsten wäre es, wenn Einsamkeit wesentlich Folge eines neurologischen oder körperlichen Problems wäre. Dann könnte man letztlich mit Medikamenten oder mit operativen Maßnahmen etwa mittels Gehirn-Computer-Schnittstellen eingreifen, um Einsamkeit abzuschalten. Das scheint die bevorzugte Option unserer Gesellschaften zu sein, die sich nicht ändern und die Anormalen an den Rändern mit den günstigsten und einfachsten Mitteln normalisieren wollen.

Schon länger sucht man daher nach einem Medikament oder einer Pille zur Vertreibung der Einsamkeit. Da ist beispielsweise Pregnenolon, Ausgangsstoff für zahlreiche Stereoidhormone und Neurotransmitter. Die Neurowissenschaftlerin Stephanie Cacioppo sieht Einsamkeit so ähnlich an wie Durst: „Wie der Durst ist auch die Einsamkeit ein biologisches Signal, das sich zum Schutz unseres Überlebens entwickelt hat.“ Man könne nicht Einsamkeit eliminieren, aber das Gefühl der Einsamkeit oder des Durstes. Bei letzterem trinkt man etwas, bei ersterem könnte die Einnahme von Pregnenolon helfen, das die bei Einsamkeit oft überhöhte Aufmerksamkeit für soziale Bedrohungen mindern und die Wahrnehmung anderer sowie Emotionsregulierung fördern soll. Nach klinischen Versuchen wirke die Einnahme auf entsprechende neuronale Prozesse. Aber aktuell hört man nichts mehr davon.

Dafür wurde nun das vielseits gehypte „Liebes- oder Kuschelhormon“ Oxytocin in Spiel gebracht, das bei intimer körperlicher Nähe ausgeschüttet wird. Deutsche und israelische Wissenschaftler haben eine Studie über ihre Versuche veröffentlicht, einsamen Menschen das Hormon in Form eines Nasensprays neben Gruppentherapiesitzungen zu geben. Eine Kontrollgruppe erhielt ein Placebo. Wirklich erfolgreich waren die Auswirkungen offenbar nicht, die wahrgenommene allgemeine Einsamkeit und der empfundene Stress wurden nicht reduziert, nur das akute Gefühl der Einsamkeit, was aber Monate nach Einnahme noch angehalten haben soll.

Hervorgehoben wird, dass Oxytocin-Dosierung die positive Bindung zwischen den Gruppenmitgliedern verstärkt habe. „Das ist eine sehr wichtige Beobachtung, die wir gemacht haben – Oxytocin konnte die positive Beziehung zu den anderen Gruppenmitgliedern stärken und von Beginn an die akuten Einsamkeitsgefühle reduzieren. Es könnte daher hilfreich sein, Patientinnen und Patienten zu Beginn einer Psychotherapie damit zu unterstützen“, so die Mitautorin Jana Lieberz von der Universität Bonn.

Hier wurde das Hormon zur Unterstützung der Gruppentherapie gegeben. Sollte der wenn auch geringe Effekt in weiteren Studien bestätigt werden, wird das sowieso allseits wegen seiner positiven Wirkungen gepriesene Hormon auch alleine genommen und verschrieben werden. Schweizer Wissenschaftler wollen bei Patienten auch einen Oxytocin-Mangel festgestellt haben, bei Gesunden erhöhe der Hormonspiegel „pro-soziales Verhalten und eine Zunahme an Empathie sowie gleichzeitig eine Reduktion von Angstsymptomen“.

Absurd scheint es allerdings trotzdem zu sein, Einsamkeit mit einem Medikament bekämpfen zu wollen, was auch heißt, es als eine Art neuronale Krankheit eines Einzelnen zu behandeln. Auch wenn das Gefühl der Einsamkeit gedämpft werden kann, verschwindet ja die tatsächliche Einsamkeit von Menschen, die keine oder zu wenige Kontakte zu Mitmenschen, haben nicht. Da müsste sich dann auch das Verhalten verändern. Natürlich lässt sich Verhalten auch medikamentös beeinflussen. Aber bei Einsamkeit geht es nicht nur um die Befindlichkeit, sondern um komplexe Verhaltensweisen, etwa wie man Kontakt aufnimmt, Beziehungen eingeht und aufrechterhält, wie man spricht und auftritt – und nicht zuletzt auch, wie andere Menschen reagieren. Zudem könnte es eine Frage der Kultur sein, ob Menschen, die aus welchen Gründen auch immer, zum Alleinsein neigen, diskriminiert und pathologisiert werden, oder ob dies auch als Lebensform geachtet und anerkannt wird? Es scheint zumindest so zu sein, dass Einsamkeit verstärkt im Zeitalter der Einbettung in digitalen Medien, mit denen immerzu Kontakt und Nähe zuhanden ist, zu einer Daseinsart wurde, die nur Panik auslöst. Wie wäre es mit einer Pille gegen die zwanghafte Dauerkommunikation mit dem Smartphone als Gott-sei-bei-uns zur Vertreibung des Teufels?

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47 Kommentare

  1. Bevor ich mir Pillen reinwerfe, bin ich lieber einsam. Ich komme nun schon 75 Jahre ohne Handy aus. Ab und zu TV, täglich eine gewisse Zeit am Laptop. Das reicht. Lesen, Spaziergänge, Garten, ab und zu einen Saufen, aber nicht übermäßig und meistens zu Haus. Auf Diskussionen mit den deutschen Mitbürgern verzichte ich gern. Wenn ich Scheiß-Gelaber hören will – was ich nicht will – mach ich für 5 Minuten Mario Barth an und schon weiß ich, wie schön Einsamkeit sein kann. Und bei meinem Hobby Schach stelle ich immer wieder fest, wie angenehm doch Ruhe sein kann.
    In diesem Sinne……….. Prost.

    1. 75 Jahre ohne Handy sind ordentlich. TV kannst du am Laptop auch aufzeichnen und nachträglich die Werbung rausschneiden, was allerdings offenbar verboten ist. Vom zu vielen Lesen und saufen wird man blind aber Spaziergänge und Garten geht immer – außer vielleicht direkt nach komplizierten Knieoperationen oder so weiter. Auf komplizierte Diskussionen mit biodeutschen Hardlinern verzichte ich auch gern und Mario Barth mach ich lieber erst gar nicht an, um meine psychische Hygiene nicht zu versiffen. Vielleicht können wir ja gelegnetlich mal in diesem Sinne zusammen was kleines zischen. Koba ist doch eigentlich dieser abtrünnige Kriegsschimpanse aus Planet der Affen, richtig? Voll der heiße Typ, gratuliere zu dem Nick!

      https://www.theartsdesk.com/sites/default/files/images/stories/FILM/Emma_Simmonds/14.jpg

      1. Das mit dem zischen iss ne gute Idee. Das mit dem Nicknamen…. da muss ich dich enttäuschen. Und wenn ich dir schreibe wessen Name das in Zeiten der Revolution war, willste wahrscheinlich aufs zischen mit mir verzichten.
        Aber egal………………. also: Koba (Von türkisch: der „Unbeugsame“, auch Namenskurzform für Jakob, Jakov) ist die Legende von einem kaukasischen Briganten, der in Georgien als Volksheld verehrt wurde.[1] Koba ist die Hauptfigur des 1883 veröffentlichten Romans Der Vatermord von Aleksandre Qasbegi, einem historischen Roman über die Zeit der Besatzung Georgiens durch das russische Zarenreich. Alexander Qasbergis während dieser Besatzungszeit am Ende des 19. Jahrhunderts verbotenen Roman las auch der junge Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, während seines Priesterstudiums am Orthodoxen Seminar in Tiflis. Die Geschichte, in der Koba als klassischer kaukasischer Banditenheld auftritt, hat das Leben des jungen Stalin entscheidend beeinflusst.
        Stalin wählte den Namen in jungen Jahren als – heute würde man sagen – Nickname.

  2. Die Erklärungsversuchsanstalt des Zwangsgebührenrundfunks schlägt offenbar vor, ein KI-Einsamkeitsbarometer einzuführen, dass die Einsamkeit jedweder Teilnehmerinnen misst und Verbesserungsvorschläge für die Lebensführung via Smartphone- oder Smartwatchapp unterbreitet, etwa freiwillig der Bundeswehr beizutreten oder wenigstens den Konsum von Panzerschokolade zu erhöhen.

    Und vergiss nicht: Der große Bruder sieht dich an.

    https://www.deutschlandfunk.de/70-todestag-von-george-orwell-1984-vom-grossen-bruder-und-100.html

    >> „Der Große Bruder sieht dich.“
    Auf anderen Plakaten die drei Parolen der Partei:
    „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“
    Nicht nur in seinem Büro und in Parkanlagen, sogar in seiner Wohnung hörte Smith Tag und Nacht auch eine Lautsprecherstimme:
    „Sie kam aus einer Metallplatte, die wie ein blinder Spiegel in die Wand eingelassen war … Man konnte das Gerät zwar leiser stellen, aber ganz ausschalten ließ es sich nicht …“ <<

  3. Absurd ist, wenn Narrative versuchen den Menschen zu okkupierelen.
    Der Mensch an sich, ist ein soziales Objekt und Subjekt, nur die stetige versteigerten medialen Ängste lässt das zu.

    Eine normale Gesellschaft sieht sich wieder in einer normalen Diskussion, über was im täglichen Leben besteht.
    Aber die westlichen Gesellschaften, sind in einem schrecklichen Zustand.
    Sie wissen oder wollen nicht erkennen, daß was die mediale Welt mit ihnen macht.
    Die suggerierte Angst über allem, ist letztendlich der Auslöser für eine desolate Gesellschaft.

    1. >> Aber die westlichen Gesellschaften, sind in einem schrecklichen Zustand. <<

      Besonders prekär wird es, wenn alle Individuen um dich herum in dieser Krankheit zum Opfer fallen. Auch Covid ist ja zum Teil auch eine Krankheit des zentralen Nervensystems mit unabsehbaren Langzeitfolgen. Das suggerierte Angst Gesellschaften destabiliert, ist auf der einen Seite natürlich richtig, in Kriegszeiten kann sie aber auch dazu dienen, in den Wahnsinn getriebene Kriegsteilnehmer zu mobilisieren, da Angst in beinahe jeden anderen, negativen Bewusstseinszustand transformiert werden kann, suizidales Heldentum beispielsweise…

  4. Einsamkeit entsteht, wenn man nicht mehr miteinander reden kann, wenn man nichts zustande bekommt, wenn man sehr kränkbar ist, wenn man das Gefühl hat, sich vor jedem in Acht nehmen zu müssen, wenn man sich ohnmächtig fühlt usw.. Aber diese Einsamkeitskampagne hat doch nichts damit zu tun, dass man Leuten helfen will. Telefonseelsorge macht doch nur noch einsamer mit beschwichtigendem Geschwätz. Nein, die Politik will zeigen, dass sie die Menschen versteht und für sie da ist, um vom sinkenden Lebensstandart und der durch Erziehungsexperimente und das Bildungssystem erzeugten Unfähigkeit und Hilflosigkeit abzulenken, und um die Bösartigkeit der Politiker zu kaschieren, die Deutschland in einen Krieg gegen Russland manövrieren und sowieso in jeder Hinsicht das Volk betrügen. Und fast hätte ich es vergessen, im TV hat schon einer verkündet, dass Einsamkeit rechtsradikal macht. Das ist wohl eine Drohung, dass man als Einsamer etikettiert wird, wenn man mit der AfD sympathisiert. „Du Einsamer“ wird wohl das neue Schimpfwort anstelle „Opfer“. AfD macht einsam wie Mundgeruch. Therapie bietet der Anschluss an den Mainsteam.

    1. >>AfD macht einsam wie Mundgeruch. Therapie bietet der Anschluss an den Mainsteam.<<

      Gegen Mundgeruch hilft weder die AfD noch der Anschluss an den Mainstream, sondern nur ausreichende Zahnhygiene mit so einem kleinen Wirbelwind von Elektrozahnbürste und In Fällen totaler Einsamkeit kann sich zudem als hilfreich erweisen, sich selbst zahnmedizinisches Werkzeuge und ein kleines Dentallabor zuzulegen.

      Für den Anfang reicht so eine kleine Schleifturbine vom Chinamann mit ein ein paar Diamantbohrern und etwas 2K-Metallkleber, um die Bohrungen damit wieder dicht zu kriegen. Für totale Anfänger ist das nichts.

  5. Sehr guter Vorschlag.

    Einsamkeit ist ein Anzeichen von dysfunktionalen Subjekten.
    Die landen dann letztlich bei den Querdenkern und Putinverstehern.

    Unzufrieden mit der Arbeit, den 10€ Stundenlohn, mit den Politikern, Friedensphantasten, ewige Zweifler, Alleshinterfrager, „Früher war alles besser“-Prediger, Reichenverachter, Klassengegner und und und.

    JETZT wissen wir wenigstens, dass es psychologische Ursachen hat und behandelbar ist.
    In harten Fällen kann man noch auf Elektroschocks & Lobotomie zurückgreifen.

    Die EU wird herrlich…………………. lauter glücklich lächelnde Menschen……..

    1. Ich würde vielleicht glücklich lächeln, wenn wir zusammen hier abhauen. Wir könnten in irgendwo in Nordostsibirien eine Familie gründen und dann könnten uns alle diese lobotomierten
      Smombies kreuzweise.

  6. Ein neues Geschäftsfeld für die Armee der Sozialvereine,NGO und sonstiger Empfänger von Steuergeldern…Die hunderttausende von „Geisteswissenschaftlern“, die jedes Jahr von den Universitäten produziert werden,brauchen einen gut bezahlten Posten.In den Bereichen „Kampf gegen rechts“ und „Integrationshilfe für Wirtschaftsmigranten“ ist kaum noch Wachstum möglich…Und zum arbeiten sind diese Personen nach 10 bis 15 Jahren an einer Hochschule nicht mehr fähig!

    1. >>In den Bereichen „Kampf gegen rechts“ und „Integrationshilfe für Wirtschaftsmigranten“ ist kaum noch Wachstum möglich…<

      Stimmt! Wesentlich bessere Wachstumschancen ergeben sich in den Bereichen rechtsradikale Volksverhetzung und Ostfront, weil man diese überbildeten Personen ja einfach nur wieder an die Ostfront schicken muss, um sie loszuwerden, nach 15 Jahren Hochschule, welche Verschwendung!

  7. Ungewöhnliches Thema in diesem Forum. Aber vermutlich kommt das Phänomen eben auch diesem Forum zugute.. Schreiben dazu könnt ich: dass ich schon länger, und insbesondere durch den Kontakt zu Menschen, die Deutsch lernen müssen, feststelle: in dieser Gesellschaft kann man leben ohne auch nur ein Wort zu sprechen., von der Zustimmung zu aufgezeichneten Telefongesprächen mal abgesehen. Einkaufen: Aufhäufen von Waren im Warenkorb geht wortlos. Bezahlen auch. Geld abheben: die Karte braucht keine verbale Ermunterung, um sich in den Schlitz beim Bankomaten stecken zu lassen.
    U-Bahn fahren: meist ohne Blickkontakt, da über 90 Prozent der Fahrgäste mit ihrem Handy beschäftigt sind.
    Spazierengehen: ähnlich (Was hab ich schon für tolle Vögel gesehen, während Dutzende von Fußgängern und sogar Radfahrer aufs Handy glotzend an mir vorbeirauschten).
    Also Menschen aus anderen Ländern zu raten, mit Deutschen zu kommunizieren, um die Sprachkenntnisse zu verbessern: ist absolut witzlos. Wir leben in einer Gesellschaft, in der kaum noch jemand im öffentlichen Raum mit einem anderen spricht. Demnächst: wird man nicht mal mehr im Supermarkt die Kassiererin noch fragen können, ob sie vielleicht noch Papiertüten hat, weil’s keine mehr gibt (Kassiererinnen). Was für Jobs wird es dann geben für die Leute, die das jetzt machen?
    Wer allein ist, wird hierzulande schnell einsam, das glaube ich gern.
    Ganz anders habe ich mit 60 einen einjährigen Aufenthalt in Mittel- und Südamerika erlebt und früher Spanien, wo ich einige Jahre arbeitete. Was dort stattfindet, nenne ich für mich „Zärtlichkeit des Alltags“, etwas, was uns hier völlig abgeht. Beispiel: Dreimal an derselben Bushaltestelle und schon stellt irgendein Wartender fest, dass man „auch wieder da“ sei. Fragt, wie es einem geht. Usw. Auf dem Wochenmarkt und in Geschäften: merken sich die Verkäuferinnen offensichtlich die Gesichter der Kunden. Ob man heute wieder Tomaten brauche, wird man gefragt, noch bevor man irgendeinen Wunsch geäußert hat. Oder auch: ob einem das gekaufte Buch gefallen habe.
    Nachbarn grüßen einen, fragen wie es einem geht. Fragen, wie man heißt. Fragen so gut wie nie: was man beruflich macht, eine sehr deutsche Frage, die dazu dient, den eigenen finanziellen Spielraum gleich mal mit dem anderen vergleichen zu können. Hier kann man auch jahrelang irgendwo wohnen, ohne dass irgendeiner aus dem Nachbarhaus grüßt. Vor allem dann wird nicht gegrüßt: wenn man allein ist. Denn da stimmt ja was nicht. Wieso hat die keinen oder der keine? Gibt’s da keine Familie dazu? usw. Und bei kulturellen Veranstaltungen: noch schlimmer, vor allem für Frauen, denn: bloß kein Gespräch anfangen, nachher klebt sie womöglich an mir. Schneller geht’s mit der Kommunikation, im Haus etwa, wenn irgendein realer oder empfundener Anlass für Beschwerden da ist.: Wem ghört eigentlich des Glomb do? Und ein Hund: hilft auch. Ärzte: fragen nichts mehr, schicken einen gleich zum Röntgen oder zum MRT, denn Maschinen informieren effizient. Was sollte es auch wert sein, wenn ein Patient erzählt: sein ganzes Leben schon habe er Knieprobleme. Sie hießen erst so, dann so, dann so…..
    Einsamkeit? Ja, effektiv und vermutlich massiv vorhanden . Immerhin gut zu wissen: dass man nicht alleine ist.

    1. Ärzte: fragen nichts mehr, schicken einen gleich zum Röntgen oder zum MRT

      Das ist, auf der anderen Seite das Erfolgsrezept der Heilpraktiker und ähnlicher Berufe.
      Der Erfahrung aus Südamerika kann ich absolut zustimmen, allerdings liegt mein mehrjähriger Aufenthalt dort schon fast 15 Jahre zurück, kann also nicht genau sagen, was sich dort inzwischen geändert hat.

  8. Der von Herrn Rötzer berichtete Befund, dass sich Menschen heute erstaunlich oft einsam fühlen, fordert eigentlich sofort dazu heraus, nach dem Warum zu fragen und mit früheren Verhältnissen zu vergleichen.

    Seltsamerweise hat aber zumindest bisher meines Erachtens niemand mit früheren Verhältnissen – sagen wir mal vor 30 oder vor 50 Jahren – verglichen.
    Warum eigentlich nicht?

    Auch die Ursachen der oft empfundenen Einsamkeit werden weder im Artikel noch in den meisten Kommentaren behandelt. Das finde ich seltsam.

    Liegt es daran, dass die Ursachenfrage allzu banal und simpel ist, sozusagen der Elefant im Raum, dass die Gründe unstrittig sind und lediglich nicht gern benannt werden?
    Mag sein.
    Für mich sind die Ursachen des Einsamkeitsproblems in der Tat ganz klar erkennbar und wohl kaum strittig. Nun ja, das mag auch bei anderen Lesern so sein.

    Etwas verwunderlich finde ich allerdings, dass hier dann hauptsächlich über bloße Symptombehandlung nachgedacht wird – bis hin zu medizinischen Maßnahmen.

      1. @Naturzucker
        Na, wenn Sie sich damals dort wohlgefühlt hätten, ist das Ihr Problem.
        Ich will das hier nicht kommentieren.

  9. @ Grubenhund
    Ja, eine Verschwendung von Lebenszeit.Vielen jungen Menschen wäre besser gedient,wenn sie erst mal eine ordentliche Ausbildung absolvieren würden.
    Wer sich dann zum Studium berufen fühlt,soll es dann machen.
    Aber in einer neoliberalen Gesellschaft,wo Facharbeiter,Handwerker,Pflegefachkräfte…systematisch herabgewürdigt ,ja geradezu als Aussätzige angesehen werden,ist das nicht opportun.Sozialrassismus wird nicht nur an Gymnasien gepflegt.Sehr oft in den Herkunftsfamilien und den Medien…
    Und dann haben wir eine riesige Zahl von Hochschulabsolventen,für die nicht wirklich Bedarf besteht…
    In dem Stadtteil,in dem ich lebe,leben Menschen aus fast 100 Nationalitäten
    Überwiegend kleine Leute,sozialversicherungspflichtig beschäftigt.Trotzdem werden regelmässig,wenn wieder eine Förderperiode für Mittel zum „Kampf gegen Rechts“ ansteht,die lokalen Medien mit Schauergeschichten über die „Nazihochburg“ geflutet( die Wahlergebnisse geben das nicht her !)Und schon fliesen die Steuergelder…
    Und da Geld nicht endlos zur Verfügung steht,wird eben das dortige Seniorenbegegnungszentrum geschlossen.Man muss eben Prioritäten.setzen.
    Aber gut,das es jetzt den „Kampf gegen die Einsamkeit“ gibt.Da können sich die „Kämpfer gegen Rechts“ mit den „Kämpfern gegen die Einsamkeit“ öfter treffen und sind beide Gruppen
    nicht mehr so einsam in ihrem gemeinsamen Kampf gegen die „Prollscheisse“(Originalzitat eines „Kämpfers gegen Rechts“)…

    1. Und wenn man schon an Medikamenten forscht, die gegen das Gefühl der Einsamkeit helfen, dann sollte es doch auch möglich sein, welche gegen das Rechtssein zu entwickeln? Die kann man dann in deinem Kiez dem Trinkwasser beifügen und dann werdet ihr chemisch Entnazifiziert. Und wenn du schreibst, dass der Kiez keine „Nazihochburg“ ist, kann ich das kaum glauben. In den offiziell lizensierten Wahrheitsmedien werden die sich doch das nicht einfach ausdenken.
      Oder…

      1. Die offiziell lizensierten Wahrheitsmedien haben mit der Realität genau so viel zu tun,woe ihnen ihre Besitzer erlauben-NICHTS

  10. @Wolfgang Wirth 30. Mai 2024 um 21:21 Uhr
    Das hätte ich dann gern ein wenig ausgeführt:

    Seltsamerweise hat aber zumindest bisher meines Erachtens niemand mit früheren Verhältnissen – sagen wir mal vor 30 oder vor 50 Jahren – verglichen.
    Warum eigentlich nicht?

    Also: Waren 1994 oder 1974 (vor 80 Jahren lassen wir mal beiseite) weniger Menschen einsam, und warum? Waren z.B. 1974 mehr oder weniger Menschen in der da- bis ehemaligen DDR einsam und wenn nicht, warum nicht? (Referenz evtl. die Bücher von Daniela Dahn)
    Und, angenommen, in der da- bis nunmaligen (West-)BRD seien mehr, weniger, oder genauso viele Menschen einsam gewesen, stellt sich auch die Frage nach dem wer, wieviel und warum?
    Welche Erkenntnisse oder Meinungen haben Sie anzubieten?

    1. @aquadraht

      Nur kurz, da es für mich schon sehr spät ist ist:
      Ja, früher waren die Menschen weniger einsam. Sie hatten mehr regelmäßige Kontakte, auch wenn das nicht unbedingt Wunschkontakte oder Freundschaften waren.

      – geringer gewordene Pflege verwandtschaftlicher Kontakte
      – Zunahme von Scheidungen und zerfallenden Familien
      – Zunahme von Singlehaushaushalten
      – Zunahme der räumlichen und beruflichen Mobilität
      – Zunahme der Verstädterung (Anonymität)
      – Abnahme des Vereinslebens, der betrieblichen oder gewerkschaftlichen Verbundenheit, der Kontakte in Kirchengemeinden usw.
      – Zunahme virtueller Kontakte bei gleichzeitiger Abnahme regelmäßiger(!) analoger Begegnungen
      – Zunahme von sehr unterschiedlichen sozio-kulturellen Milieus, die sich gegenseitig ablehnen
      – Abnahme der Befähigung zur Kommunikation mit Menschen aus anderen Zusammenhängen

      1. Zu ergänzen wäre noch die Demographie:
        Die Menschen werden älter als früher, haben aber weniger Kinder als früher, oft gar keine mehr.
        Freunde und Bekannte sterben weg oder man hat sich mit ihnen entzweit (was gerade bei älteren Grantlern oft vorkommt), neue, tragfähige Bekanntschaften sind im Alter schwerer zu finden. Und schon sitzt der ältere Mensch in der Einsamkeitsfalle.

        1. @Two Moon

          Richtig, die Gründe, die Sie anführen, kommen noch hinzu. „Einsamkeitsfalle“ bei älteren Menschen ist eine treffende und bittere Formulierung.

          Wenn man alle einsamkeitsfördernden Punkte zusammenfasst, dann kommt man dahin, dass letztlich der gesellschaftliche Modernisierungs- und Verfallsprozess (Verfall im Hinblick auf traditionelle haltgebende Sozialstrukturen von Familie und dörfliche Nachbarschaft bis zur Kirchengemeinde) mit seiner Betonung des flexiblen und hedonistischen „Lebenssinnes“ der Individuen und der Tendenz zur Verflüssigung oder gar Auflösung gewachsener Sozialstrukturen die Ursache ist. Demographische und technische Aspekte kommen noch verstärkend hinzu. All diese Prozesse wirken schon seit so einigen Jahrzehnten und spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, doch scheint mir, dass sich der Vorgang in den letzten drei Jahrzehnten noch beschleunigt hat.

          Der gegenwärtige Trend geht im Westen zur Atomisierung der Menschen, die vereinzelt, zusammenhanglos und wurzellos durch den weit gewordenen Raum treiben sollen und mitunter auch wollen. Einsamkeit ist dann eine schon beinahe zwangsläufige Folge.

          Einsamkeit in den Massen der Gegenwart.
          Mit Canetti ergibt sich dann die Tendenz, dass die vereinsamten Menschen durch ihr freiwilliges Aufgehen in der Masse einen Ausweg vor quälender Einsamkeit suchen.
          https://de.wikipedia.org/wiki/Masse_und_Macht

          Irgendwie erinnert dies alles auch an das, was Spengler schon vor gut 100 Jahren über die Menschen im späten Stadium einer zur „Zivilisation“ degenerierenden ehemaligen Kultur geschrieben hat. Er wird ja heute eher wieder mehr beachtet als vor 50 Jahren.

          @ aquadraht
          Sie interessieren sich bei diesem Thema für eine Differenzierung zwischen Ost- und Westdeutschland.

          Ich möchte mal annehmen, dass Einsamkeit in der DDR – allen Problemen dieser Diktatur zum Trotz – ein etwas geringeres Problem war als im Westen.
          Die oben genannten gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse im Hinblick auf Atomisierung machten sich in Ostdeutschland bis 1989 wohl weniger stark bemerkbar. Andererseits dürfte sich die Situation heute, nach mehr als 30 Jahren Wiedervereinigung, eher angeglichen haben. Von Frau Dahn habe ich noch nichts gelesen. Ich lese generell kaum zeitgenössische Autoren.

      2. @Wolfgang Wirth

        Früher haben sie sich auch nicht den ganzen Tag in Foren der Einsamen rumgetrieben.
        Da wurde mit den Nachbarn noch Hausmusik gemacht „Dumm Tüch“ gelabert:

        So, muß jetzt in den Garten

        1. @Otto0815

          Stimmt!
          Da quatschte man mehr am Gartenzaun, spielte Skat oder – wenn man jünger war – Fußball oder sonstwas Sportliches.
          Die ganz normalen Begegnungen haben abgenommen.

          Seien Sie froh, dass Sie den Garten haben.
          Kennen Sie den?!?

          „Wer einen Tag lang glücklich sein will, der betrinke sich.
          Wer einen Monat lang glücklich sein will, der schlachte ein Schwein und esse es auf.
          Wer ein Jahr glücklich sein will, der heirate.
          Wer ein Leben lang glücklich sein will, der werde Gärtner.“

          (Chinesisches Sprichwort)

    1. Ich schließe mich @ aquadraht an , möchte aber ergänzen, dass nicht alle Menschen ungern einsam sind. Es scheint mir eher so zu sein, dass die üblichen alten Vereinsamten, von denen ca. 5 % allein in ihren Wohnungen versterben und deren Leichname nach mehr oder weniger langen Zeiträumen entdeckt werden, dies auch so gewollt haben. Schließlich gibt es auch Kulturen, in denen ein einsamer Tod zum Leben gehört. Die genannte Quote von 5 % ist auch in Stadt und Land vergleichbar hoch. Wer keine kümmernden Nachbarn um sich haben will, kann das überall sicherstellen.
      Schon seit einigen Jahren verwende ich die sprachliche Formel von der kapitalistischen Landnahme, die sich inzwischen auf weite Bereiche menschlichen Lebens erstreckt und wesentlich zur Ausweitung des „Sozialbereichs“ beigetragen hat. Seit langem befassen sich Soziologen mit den Beschäftigungsverschiebungen zwischen den Wirtschaftszweigen.
      Die Betriebe und Mitarbeiter des Sozialmarkts erklären Menschen jeglichen Alters zu Behandlungsbedürftigen. Auch solche, die es nicht sind und/oder nicht sein wollen. „Corona“ war nur die Spitze eines Eisbergs. Eine Handvoll von „Wissenschaftlern“ aus den Sektoren Psychologie und Pharmakologie hat die Definitionsmacht über das menschenwürdige Leben errungen. Dabei wäre nach meinem Verständnis die freie Entscheidung des Einzelnen das Menschenwürdige. Wobei auch die individuelle Antwort: „Diese Fragen kümmern mich nicht“ eine selbst bestimmte, eine autonome ist. Ein Schreckensszenario: Leute wie Jens Spahn und Karl Lauterbach fühlen sich für mein Leben verantwortlich.
      Was NICHT sein darf: Dass allein der Geldbeutel den Entscheidungsraum bestimmt. Aber das finden ja gegenwärtig die meisten als „ganz natürlich“.

  11. Ich denke, dass viele der in den letzten Jahren vermehrt angeschafften Hunde Emotional Support Animals sind. Kann man, im Unterschied zu Kindern und Partner, bei Nichtgefallen auch wieder abgeben.
    Zu den vom Autor genannten Ursachen: Ich denke, dass es in vielen Fällen ein Zusammenwirken der genannten Faktoren ist, die ja zum guten teil auch unter sich in Verbindung stehen.

    Wie viele Beauftragte haben wir eigentlich schon? Da käme es auf einen mehr oder weniger auch nicht drauf an, aber bitte dann auch gleich auf Bundes- und Landesebene.

  12. Die Daten sind unbrauchbar. Man hätte fragen müssen: 1. Wie alt sind Sie? 2. Sind Sie Single? 3. Fühlen Sie sich einsam? So würde klar werden, ob es wirklich um allgemeine, soziale Einsamkeit oder um Partnerschaft geht. Ein bedeutsamer Unterschied. Wenn sich ein Kind einsam fühlt, ist es was anderes als bei einem Jugendlichem, einem frisch getrennten Erwachsenen oder bei einer 80jährigen Witwe.

  13. ich tendiere unbedingt zu Florian Rötzers Vorschlag aus dem 5. Absatz. Auf die Pille aus dem letzten Absatz brauche ich nicht warten: die ein oder zwei guten Einwürfe von F.R. lesen sich in drei Minuten, dann kann man das Smartphone beruhigt zu Seite legen und seiner Dinge gehen.

  14. Dieter Nuhr sprach vor Jahren in einem Bühnenprogramm über Oxytocin. Dort wies er darauf hin, daß das Hormon nach dem Liebesakt beim Mann ausgeschüttet wird, aber auch beim Baby nach dem Flaschi.

  15. Man darf schon gespannt sein wann es die Pille für das sozialverträgliche Ableben geben wird, denn wir können uns die Rentner nicht mehr leisten.
    Sarkasmus aus!

  16. Statt die Ursachen zu beseitigen werden ein paar bunte Wohlfühlpillen verschrieben, die man nicht bräuchte, wären die Lebensumstände nicht so menschenfeindlich wie sie sind. Schöne neue Welt. Im gleichnamigen Roman gab es auch Soma um den Plebs zu beruhigen.

  17. Warum wird Einsamkeit eigentlich so problematisiert?
    Ist Einsamkeit überhaupt etwas Negatives?
    Oder ist die selbstgewählte Ablehnung von Gruppenzwang und als übergriffig empfundener ‚Geselligkeit‘ nicht vielmehr Ausdruck von selbstbewusster Autonomie?
    Könnte man auch mal fragen…

    1. „Warum wird Einsamkeit eigentlich so problematisiert? Ist Einsamkeit überhaupt etwas Negatives?“
      Einfache und klare Antwort: Viele Menschen fühlen sich einsam und empfinden das als etwas Negatives. Menschen sind von ihrer Natur her eben nicht nur Individuen (wie der Liberalismus meint), sondern gesellschaftliche Wesen, die zum vollen Menschsein ein Kollektiv (von möglichst Gleichgesinnten) benötigen – und sei es nur in Form eines Forums wie dieses hier.
      Außerdem sollten Sie zwischen ungewollter Einsamkeit und gewolltem Alleinsein unterscheiden, das sind verschiedene Dinge.

  18. Auch auf Overton könnte, sollte, müsste man das Mutmaßen aufgeben. Wahrscheinlich bleibt es so wie es meistens ist: Die Überlegungen der Menschen laufen den willkürlich aber nicht unbedingt überlegt geschaffenen Tatsachen hinterher und geben sich Mühe, menschliches Verhalten als ein rationales zu beschreiben.
    Was kommt, wenn die Pandemie in jedem Land aufgearbeitet ist? Der Fernsehwerbung nach kommt dann die nächste Bedrohung vor allem älterer Menschen: Die Gürtelrose. Sobald die dafür vorsichtshalber vorproduzierten Impfdosen verkauft sind, findet man eine neue – selbstverständlich heilbare – Krankheit.
    Bis jetzt hat die Menschheit noch nicht unter Beweis gestellt, dass sie in der Lage ist für eine stetige Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu sorgen. Wahrscheinlich, weil sie es einfach nicht kann.

    1. „Bis jetzt hat die Menschheit noch nicht unter Beweis gestellt, dass sie in der Lage ist für eine stetige Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zu sorgen.“
      Wie kann man nur so einen Unsinn schreiben. Spricht nicht die einfache Tatsache, dass die Menschen immer älter werden, dagegen?
      Obwohl in einigen Ländern (wie in den USA) die Lebenserwartung aber auch schon wieder abnimmt, was für eine Verschlechterung der Lebensbedingungen spricht. Über wachsende antiliberale Tendenzen (wie Populismus) in der Hochburg des Kapitalismus muss man sich also nicht wundern.

      1. „dass die Menschen immer älter werden“ – Welche Menschen mit welchen Eigenschaften an welchem Ort der Erde unter welchen Bedingungen?
        Es gibt keine realen Zustände, die eine derartige monokausale Zuordnung für alle Menschen erlauben. Kann es sein, dass Ihnen entgeht, wie viele der Menschen eines Altersjahrgangs schon gestorben sind, wenn der Rest `Goldene Konfirmation´ feiert?
        Ich habe schon Frau Merkel für ihre wissenschaftliche Fähigkeit bewundert, jede ansteigende Zuordnung zweier Werte über 14 Tage für den Beginn einer Exponentialkurve und einen realen Wirkungszusammenhang zu halten. Sicher kennen Sie auch den Zusammenhang zwischen Schwangerschaften und Storchenüberflügen am südlichen Ufer der Ostsee.
        Was sind „Lebensbedingungen“? Was die maßgeblichen Zeitspannen? Die Auswirkungen von radioaktiver Munition weltweit schon untersucht? Wird die am Tag nach dem Einsatz messen, vielleicht in einem Radius von 200 km? Wer untersucht, berechnet und verbreitet die Ergebnisse? Außerdem wurde ein sehr wichtiges Wort überlesen: „stetig“. Was die Natur mit Seuchen nicht schafft, kann mensch mit Kriegen inzwischen doch ganz gut korrigieren.
        Auch ein Einbeiniger hat vielleicht noch lange Jahre bei bester Gesundheit vor sich, oder?
        Wie schaut´s aus mit der wachsenden Zahl von Menschen, die als „lebend“ bezeichnet werden können, weil das Leben inzwischen maschinell unterstützt nahezu beliebig verlängert werden kann? Wenn erst einmal jeder an so einer Maschine hängt, haben wir alle das ewige Leben?
        Sie können die durchnittlich bewältigte Lebenszeit bis zum Exitus gerne als Nachweis für eine Verbesserung der gesundheitlichen Lebensbedingungen verwenden. Ich tu´s nicht. Ist mir zu dünn.

    2. Der Herpes Zoster bedroht nicht nur Ältere, und die Inzidenz ist mit 9,6 je 1000 Menschen im Jahr nicht wirklich niedrig, das sind hunderttausende. Als es mich erwischte, hat ein unfähiger Arzt die Krankheit nicht diagnostiziert, was ein halbes Jahr ziemlich unangenehmer Schmerzen nach sich zog. Die Impfung ist nicht verkehrt, muss jeder selbst wissen. Rechtzeitig diagnostiziert helfen Virustatika gut, einfach durchstehen ist unschön. Ich sehe nicht fern, keine Ahnung, was da beworben wird.

      1. „keine Ahnung, was da beworben wird“ . Ich auch nicht, denn dann müsste ich mich täglich hauptsächlich mit gesundheitlichen und medizinischen Fragen, natürlich wissenschaftlich, beschäftigen. Die letzte die Menschheit bedrohende Seuche habe ich jedenfalls ungeimpft über offiziell 2 1/2 Jahre ohne Wintervirusbefall überstanden. Das macht doch Hoffnung, oder?

  19. Im Auftrag des Gesundheitsministeriums wurde ein „Einsamkeitsbarometer“ erstellt :
    https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/service/publikationen/einsamkeitsbarometer-2024-237576
    Daten und Statistiken, unter Nutzung des sozioökonomischen Panel, kann man sich als PDF herunterladen. Die Datenreihen beginnen 1992.

    Was mich erstaunt hat, ist, dass es seither nach dieser Erhebung einen erheblichen Rückgang der Einsamkeit gegeben hat. Ich sehe das zwar etwas skeptisch, aber kein Grund, es abzuschmettern, nur weil es nicht ins Weltbild passt.

  20. „Das [das Problem beim Individuum zu verorten] scheint die bevorzugte Option unserer Gesellschaften zu sein, die sich nicht ändern und die Anormalen an den Rändern mit den günstigsten und einfachsten Mitteln normalisieren wollen.“

    Es ist vorallem die bevorzugte Option des Kapitalismus, der alles und jedes monetarisieren möchte, um daraus Gewinne zu generieren. Dem Kapitalisten ist die Welt sozusagen eine Kuh mit unendlich vielen Zitzen, die es zu melken gilt. Naturgemäss haben die Nutzniesser der kapitalistischen Ideologie kein Interesse daran, das Problem Einsamkeit in durch sie selbst vorangetriebenen strukturellen gesellschaftlichen Veränderungen zu sehen. Im Kern funktioniert das System so – Umsatz machen und dabei Schaden anrichten, in der Folge bei der Behebung des Schadens weiteren Umsatz machen und dabei weiteren Schaden anrichten und so weiter, ad infinitum.

    1. 👍👍👍
      Wer die Kindheit und ihre vielerlei Infektionen viraler und bakterieller Art überstanden hat, ist für sein späteres Leben nach meiner Erfahrung gut gerüstet. Nicht selten sind auch psychische Erkrankungen genetisch verankert. Wer sich Vorbelastungen und Erfahrungen bewusst machen kann, gewinnt eigene Handlungsräume.
      Ob es richtig ist, sämtliche Kinder gegen so gut wie alles zu impfen und ihnen jegliches psychische Missbehagen zu ersparen, kann vielleicht die Zukunft erweisen.
      Fälle in denen das Leben überlebt wurde, sind – mit einer Ausnahme – bis jetzt nicht berichtet worden. Die kapitalistische `Produktion lebenslanger Gesundheit´ hat die von einer Religion übernommene Hoffnung auf Unsterblichkeit zu einem Erwerbszweig gewandelt. Dem muss man nicht folgen. Vor allem nicht als Materialist. Was aber nicht für alle Linken jeglichen Rottons gilt. Auch der `medizinisch-wissenschaftliche Fortschritt´ hat seine Grenzen. Wollen manche einfach nicht wahrhaben. Elon Musk z. B. , wenn man der Presse glauben will.

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