
St.-Martin-de-Brômes. Ein Dorf im Süden von Frankreich, angeschmiegt an einen Hügel im Tal der Colostre, sechs Kilometer östlich des Kurortes Gréoux-les-Bains. Ein Turm aus dem 14. Jahrhundert, der durch eine weithin sichtbare Stahlkonstruktion vor dem Einsturz bewahrt wird, ein Kirchlein inmitten eines Friedhofes, ein offenes Bücherregal, Gässchen, ein paar Fensterläden in Lavendel-Lila, der Farbe der Provence. In der Dorfmitte ein Platz mit einem Brunnen, an dem eine alte Frau ihre Gießkanne mit klarem Wasser füllt. Am Haus gegenüber erinnert eine Gedenktafel an Burle Arsenc. Der wurde dort 1898 geboren und 1944 zwischen Gréoux-les-Bains und Valensole erschossen – „par les allemands“: Von den Deutschen.
Als ich eines morgens mit dem Fahrrad vom Nachbardorf Allemagne-en-Provence kommend, den Ortseingang passiere, sehe ich unter dem Ortsschild ein Bild wie aus einem Kinderbuch. Ein Baum, ein Haus, darüber eine Mondsichel, ein Kirchturm mit einem Fenster, aus dem ein Uhu hervorschaut. Alles ganz in Schwarz auf grauem Hintergrund. Darüber steht: „Extinction de l’eclairage public“. Es ist eine öffentlich Bekanntmachung, wie sie in vielen Dörfern in Frankreich anzutreffen ist, in denen es seit 2022 nachts keine Straßenbeleuchtung mehr gibt.
Wir campieren knapp 10 Kilometer entfernt in der „Domaine naturiste Verdon Provence“ auf baumbestandenen Felsen hoch über dem türkisblauen Stausee Lac d’Esparron. Als wir eines nachmittags ruhig am Pool liegen und lesen, donnern zwei Kampfjets über unsere Köpfe. Es bleibt der einzige Tiefflug während unseres Aufenthalts. Außerhalb der Saison ist das anders. Freunde aus der Gegend haben uns gesagt: „Das ist nichts Ungewöhnliches. In der Nähe gibt es eine große Militärbasis. Wenn dort Manöver stattfinden, rollt hier viel schweres Gerät durch die Dörfer.“ Als ich in der Morgensonne das schmale Sträßchen von St. Martin zum Campingplatz hoch strample, frage ich mich, in wie vielen Dörfern in Frankreich nachts die öffentliche Beleuchtung abgeschaltet werden muss, damit ein Kampfjet eine Stunde lang fliegen kann. Ich will es gar nicht wissen. Das Ergebnis könnte mich aufregen.
Es sind nicht nur die Kosten für das Gerät. Da ist zum Beispiel M., unser Nachbar auf dem Campingplatz. Er ist ein paar Jahre jünger als ich, aber seit 20 Jahren im Ruhestand. M. war beim britischen Geheimdienst. Er sagt, da gehe man, wie bei der kämpfenden Truppe, mit 42 Jahren in Pension; nur die Offiziere dienten länger. M. und seine Partnerin sind nett. Ich hole ein paar Flaschen eiskaltes „Braustübl“-Bier aus unserem mit Solarstrom betriebenen Kühlschrank und wir verbringen zu viert einen schönen Abend. Beiden geht es gut, sie haben schon 90 Länder bereist. Zu Hause spielt M. zwei Mal in der Woche Golf und zwei Mal „Paddle“, eine Mischung aus Squash und Tennis. Im Doppel fegt er mit seinem Partner auch junge Kerle vom Platz und feixt dann: „Wie sagt ihr es euren Müttern, dass ihr von zwei alten fetten Männern geschlagen worden seid?“
Nicht immer haben Berufssoldaten solches Glück. Auf einem unserer Montagsspaziergänge für den Frieden spricht mich ein älterer Mann an. Er war für die Bundeswehr als Scharfschütze im Kosovo. „Zwei oder drei habe da runtergeholt“ sagt er. „Was sollte ich machen? Wir oder die.“ Er klingt nicht wie ein Angeber, eher wie einer, der Verständnis sucht. Ihm geht es nicht so gut. M. erzählt, dass viele Soldaten nach ihrer Dienstzeit anfangen zu trinken. Wer die Personalstärke der Bundeswehr verdoppeln will, sollte die Kosten bedenken, die damit verbunden sind, nicht nur finanziell, sondern auch menschlich. Manchmal bin ich in Fabriken unterwegs, wo sich Mitarbeiter Jahr für Jahr in die Firma schleppen, um in lauten Produktionshallen den Betrieb am Laufen zu halten. Die sollen in Zukunft schuften, bis sie 70 sind. Für wen? Für die Aktionäre der Rüstungsfirmen, für das große Heer an Soldaten und Veteranen, ob sie nun Scharfschützen, Drohnenpiloten oder Stabsoffiziere sind? Ob es ihnen gut geht oder dreckig: In jedem Fall sind es teure Jungs.
Im letzten Jahr sind wir auf unserer Urlaubsreise mit unserem Gespann durch Biberach gekommen. Die ganze Straße war beflaggt, meistens in ukrainischem blau-gelb, daneben ein paar Fahnen der EU und welche mit dem baden-württembergischen Landeswappen. Schwarz-Rot-Gold habe ich nicht gesehen. Das Autoradio sagt, dass der „Minischterpräsident“ in der Stadt irgend etwas einweihen will. Dem gefällt das wohl so. Das Fahnenmeer spiegelt wieder, wie die politische Elite die Steuereinnahmen verteilt. Ich muss an den Spruch von Obelix denken: „Die spinnen, die Römer.“ Nur spinnen heute alle: Gallier, Briten, Belgier, Schweizer und vor allem wir Deutschen. Wir haben uns schon immer mit billigen Parolen von Treue und Moral an der Nase herumführen lassen. Aber mittlerweile ist es ein absurdes Theater. Der Amtseid, Deutschland treu zu dienen, wird da für so manch einen Dollbohrer zu einem Nazi-Schwur. Sich mit friedlichen Mitteln für die Interessen des eigenen Landes einzusetzen, ist kein Nationalismus, sondern normal. Dazu gehört, auch mal großzügig zu sein gegenüber Ländern, die schlechter dran sind als wir. Aber das heißt nicht, dass wir uns von korrupten Kiewer Clans ausnehmen lassen wie eine fette Weihnachtsgans. Das ist keine Demokratie, sondern ein unappetitlicher Kampf um die Milliarden aus dem Füllhorn der EU.
Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Es ist für Deutschland viel vorteilhafter, mit Russland wieder ins Geschäft zu kommen, als immer weiter ein völlig bankrottes Land zu finanzieren. Es muss endlich Schluss sein mit diesem elenden blau-gelben Gezeter nach noch mehr Geld und Waffen. Wir haben auch ohne den Krieg in der Ukraine genug eigene Probleme. Wenn die Babyboomer alle in Rente sind, bekommen sie im Schnitt nur gut die Hälfte ihres alten Nettolohnes. Sie zahlen dann auch nur die Hälfte an Krankenkassenbeiträgen, müssen aber häufiger zum Arzt. Ohne massive staatliche Zuschüsse ist dieses System am Ende. Allein deshalb können wir nicht immer mehr Milliarden in der Ukraine verbrennen. Die Ukraine soll in die EU? Guter Witz! Mit Mistgabeln und Traktoren werden sich die französischen Bauern dagegen wehren, dass billiger Weizen aus der Ukraine ihnen die Lebensgrundlage entzieht. Und die Sanktionen „für unsere Freiheit“? Was für eine Heuchelei! Die USA sanktionieren russisches Öl, weil sie es nicht brauchen. Russisches Uran sanktionieren sie nicht – weil es für sie unverzichtbar ist.
Noch funktioniert das wirtschaftliche Ökosystem in Deutschland, das in den letzten Jahrzehnte viele „hidden champions“ hervorgebracht hat, aber es knirscht bereits gewaltig. Irgendwann ist die Maschine kaputt, und es gibt niemanden, der sie wieder in Gang bringen kann. Dann können wir froh sein, wenn reiche Onkels und Tanten aus aller Welt unsere putzigen, mittelalterlichen Städte besichtigen und die Industrieruinen aus unserer früheren wirtschaftlichen Blütezeit bestaunen. Der selbstauferlegte Verzicht auf russisches Gas ist einer von mehreren Faktoren, der die Deindustrialisierung Deutschlands angetriggert hat. Die müssen wir stoppen. Unsere Eliten glauben, sie wären der Koch und hätten Russland im Kochtopf wie einen Frosch, der nicht aus dem Topf springt, weil man die Temperatur nur ganz langsam erhöht. Aber vielleicht hält sich Russland auch für den Koch – und wir sind der Frosch, der sich in der Ukraine immer weiter verausgabt, bis wir völlig pleite sind. Russland ist eine selbstbewusste Atommacht, das größte Land des Planeten mit unermesslichen Bodenschätzen. Frösche sehen anders aus.
In der EU marschieren alle im Gleichschritt gegen Russland: Von der Politik zur Industrie, von den Kirchen zu den Gewerkschaften und vorneweg die Medien, von der früher mal kritischen Frankfurter Rundschau bis zum französischen Satireblatt „Le Canard enchaîné“, von der FAZ bis zu Le Monde. Die zum Beispiel munkelt in großer Aufmachung vom „hybriden russischen Krieg“. [1] Der Artikel reiht Mutmaßungen französischer Offizieller aneinander. Einer davon, General Bonnemaison, zieht den Vergleich zum Kalten Krieg: Da hätte der KGB auch die „pacifistes antinucleaires“, die pazifistischen Atomkraftgegner gesteuert. Und schwuppdiwupp macht Le Monde eine Bewegung mit vielen Facetten en passant zur fünften Kolonne Moskaus. So wird diese ehrwürdige Zeitung zu „just another brick in the wall“ [2] bloß zu einem weiteren Backstein in der Mauer, mit der der Westen seine Bürger von anderen Sichtweisen abschottet. Da wird alles, was nicht dem Narrativ der Regierung entspricht, zur russischen Propaganda. Die gibt es natürlich auch, aber eine differenzierte Sicht, die beide Positionen gegeneinander abwägt, will heute keiner hören. „We don’t need no thought control.“ Diese Liedzeile von Pink Floyd ist aktuell wie nie zuvor.
Wie kommen wir raus aus diesem Schlamassel? Für die Montagsspaziergänge für den Frieden habe ich zwei weiße T-Shirts. Darauf steht vorne in dicken, fetten, schwarzen Buchstaben: „Die Waffen nieder“ und auf dem Rücken: „Frieden schaffen ohne Waffen.“ Die werde ich ab jetzt bei jeder Radtour tragen, sofern es das Wetter zulässt. Die Evolution hat dem Menschen beigebracht, Abweichungen sofort zu erkennen. Das ist eine Abweichung. Und was für eine!

Wir sind mit einem der Macher eines jungen Modelabels befreundet. Einmal habe ich ihm vorgeschlagen, T-Shirts mit Mahatma Gandhi zu bedrucken oder mit Martin Luther King und ihren Botschaften von Frieden und Gerechtigkeit. Die Antwort war: „Nein, das geht nicht. Wir haben auch Mitarbeiter der öffentlich-rechtlichen Medien als Kunden und bekannte Sportclubs. Die würden sofort ihre Verträge kündigen.“ Ich konnte es nicht glauben: „Wenn ihr Gandhi auf eure T-Shirts druckt???“ – „Aber sicher!“ So eng ist der Meinungskorridor bei uns bereits geworden. Es wird höchste Zeit, dagegen ein klares Zeichen setzen.
T-Shirts kann man überall bedrucken lassen, z.B. mit dem Spruch von Jesus: „Selig sind, die Frieden stiften“ – und dann ab damit zum Gottesdienst, zum Einkaufen oder zum Wandern. Dieser ruhige, stille Protest bringt die Bürger zum Nachdenken. Die Mächtigen macht er nervös – so wie damals der Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ die DDR-Führung nervös gemacht hat. Sie hat ihn dann verboten, obwohl er eine Skulptur eines sowjetischen Künstlers zeigt, ein Geschenk der Sowjetunion an die UNO in New York, wo sie noch heute steht. Auch die Montagsspaziergänge gegen die Corona-Maßnahmen waren ein solches Zeichen, von Polizei und Antifa genau beäugt, zurückhaltend von den einen, pöbelnd von den anderen. Je öfter und je unerwarteter solche Slogans auftauchen, desto eher wird es die Menschen zum Nachdenken anregen. Hier eine Liste mit zehn kurzen und prägnanten Vorschlägen:
Du sollst nicht töten!
Schwerter zu Pflugscharen!
Selig sind, die Frieden stiften!
Ohne Frieden ist alles nichts!
Die Waffen nieder!
Frieden schaffen ohne Waffen!
Ich kämpfe eure Kriege nicht!
Reden ist besser als schießen!
Nur der Frieden lässt uns leben!
Frieden jetzt!
Meine ersten Erfahrungen waren nicht schlecht. In Frankreich wissen natürlich viele nichts mit einem Spruch auf Deutsch anzufangen; manche Touristen wirken pikiert, aber ich habe auch in viele freundliche Gesichter geschaut. Sie schienen zu sagen: „Endlich ist mal einer da, der Flagge zeigt, gegen den ganzen Wahnsinn von immer noch mehr Krieg.“ Alle, die für Frieden sind, dürfen sich nicht verstecken, sondern sollten sich gegenseitig Mut machen. So können wir einen Umschwung herbeiführen. Die Politik folgt dann irgendwann automatisch.
[1]Berthone, Celine (24.7.2026) Paris hausse le ton face à la guerre hybride menée par Moscou. Entre sabotages et survols de drones, une vaste campaigne de cyberespionnage a été attribuée au renseignement intérieur russe. S 4 -5. Le Monde: Paris.
[2] Pink Floyd (1979) Another brick in the wall. Part Two. (Official music video)
https://www.youtube.com/watch?v=HrxX9TBj2zY




„Sehen wir den Tatsachen ins Auge: Es ist für Deutschland viel vorteilhafter, mit Russland wieder ins Geschäft zu kommen, als immer weiter ein völlig bankrottes Land zu finanzieren. Es muss endlich Schluss sein mit diesem elenden blau-gelben Gezeter nach noch mehr Geld und Waffen. “
Endlich wieder Deutschland und Russland zusammen gegen seine Nachbarn, da geht den Blaunen aber richtig einer ab.
Der Autor hat völlig recht. Es ist wirklich widerlich wie die Kriegspropaganda hier arbeitet und es kaum noch kritische Stimmen gibt. Und es wird immer noch von Angriffskrieg gesprochen, nachden der amerikanische Außenminister bezüglich der Kriegsverursachung bereits mit Asche auf dem Haupt dagesessen hat. Das ist Realitätsverweigerung. Versucht man dagegen anzuschreiben (in meinem Fall in der Zeit) werden solche Beiträge aus fadenscheinigen Gründen gelöscht. Politische Zensur. Wobei auffällt das dort kaum noch zum Ukraine Krieg geschrieben wird, es gibt einfach keine 2 Meinungen mehr dazu, welche von „der Zeit“ als legitim gesehen werden. Da braucht auch keiner mehr schreiben. Wenn das so weiter läuft, wird es das enorme übel „AFD“ möglicherweise an die Macht spülen. Das wäre dann ein GAU den insbesondere die nicht mehr ernstzunehmende pädagogische Prsse zu verantworten hat, und die EU mittels der Zensurgesetze des Digital Service Acts.