
Die Metamorphose des SS-Hauptsturmführers Hans Ernst Schneider, der als Hans Schwerte zum Uni-Rektor und Vorzeigedemokraten mutierte. Die Historikerin Angelia Pils beschreibt, wie Karrieren belasteter Nationalsozialisten in der Bundesrepublik verlaufen konnten.
Spätestens Mitte 1945 beginnen die Funktions-Eliten des Naziregimes, ihre Fühler auszustrecken. Niemand will mehr Täter sein. Ein Volk müht sich, das zu vergessen, was es verschweigt: seine Bereitschaft zur Teilnahme an einem System der Barbarei. Geschichts-Verleugnung und Geschichts-Umdeutung haben Hochkonjunktur. Hitler allein soll es gewesen sein, verantwortlich für das Verderben der Deutschen und ihre Verbrechen. Wenn nicht allein, dann allenfalls eine kleine verbrecherische Nazi-Elite und ihre fanatischen Getreuen. Zur Bereinigung des kollektiven Scham- und Schuldenkontos, dient ein Bild: „der Führer“ in der Rolle als solitärer Verführer, Verursacher und Verbrecher. Ein Volk auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit – unter der Sündenbock-Schirmherrschaft Hitlers.
Und so gelingt in Westdeutschland einer großen Zahl der früheren NS-Eliten der erfolgreiche Übergang in das neue System. Justiz, Polizei, Geheimdienst, Armee, Ministerien, Schule, Universität, Kultur und Medien sind in der Bundesrepublik sind von alten Nazis durchsetzt. Sie kehren auf ihre alten Plätze zurück, setzen ihre Karrieren fort, gliedern sich nahtlos in die deutsche Nachkriegs-Welt ein. Bundeskanzler Adenauer ermöglicht nach einigen Jahren der Strafverfolgung und Entnazifizierung durch die Alliierten erste Amnestien: Gefälschte Identitäten können unter Zusicherung von Straffreiheit abgelegt werden. Bis zum ersten Stichtag im Frühling 1950 wollen nur 241 Personen reinen Tisch machen.
Das Verschwinden der Vergangenheit
Der ehemalige SS-Hauptsturmführer Hans Ernst Schneider gehört nicht dazu. Er nennt sich jetzt Hans Schwerte. Der Namenswechsel ist seine Überlebensstrategie. Falsche Papiere als Gefreiter der Wehrmacht samt einer Bescheinigung über eine angebliche britische Kriegsgefangenschaft helfen dabei. Eine unter seinem Oberarm tätowierte SS-Nummer diagnostiziert ein nationalgesinnter Arzt als „Schusswunde“. Seine Frau hilft ihm bei seinem eigenen Verschwinden und lässt ihn von einem Notar für tot erklären, um sie später – jetzt als eine verwitwete Frau – ein zweites Mal zu heiraten. In einer Zeit, in der viele amtliche Dokumente „durch Kriegswirren“ verlorengegangen sind, beschafft er sich notwendige Ersatzbescheinigungen, beginnt bald ein Germanistikstudium, wird danach Assistent an der Universität Erlangen, erlangt seinen Doktortitel- und macht eine akademische Karriere. Der Mann, der jetzt Hans Schwerte heißt, tilgt seine Vergangenheit. Eine Nazi-Biografie endet.
In Königsberg wird er 1909 in eine bürgerliche Familie hineingeboren. Er ist ein junger hochgewachsener, blonder Mann und träumt davon, Schriftsteller zu werden, Die Weimarer Republik lehnt er ab. Er sehnt sich nach Aufbruch. Während des Studiums der Germanistik lernt er die völkische Ideologie kennen, die als modern gilt – und ist begeistert. 1933 tritt er in die SA ein, 1937 in die SS, zu deren elitärem Arier-Orden sein Aussehen passt. Wenig später ist er auch Mitglied in der NSDAP, Parteiausweis Nummer 4923959. Nach seiner Promotion findet eine Anstellung im Rasse- und Siedlungshauptamt in Berlin, bereits 1940 arbeitet er im Persönlichen Stab Reichsführer-SS, Heinrich Himmler. Zielstrebig macht Schneider als Volks- und Ahnenforscher Karriere, wird SS-Hauptsturmführer. Er entgeht dem Fronteinsatz, verrichtet seine Forschungsarbeit daheim im Reich. Schneider ist ein Schreibtischtäter – tadellos bis zuletzt.
Als der Krieg fast vorbei ist, zieht er nicht nur seine Uniform aus. Er zieht auch einen Schlussstrich unter seine bisherige Biografie. Hans Schwerte, wie er sich nun nennt, widmet sich seiner zweiten Karriere. Aus dem Germanen-Forscher des „Dritten Reichs“ wird 1965 ein Germanistik-Professor an der Technischen Hochschule in Aachen, später deren geschätzter Rektor, der mit Ehrungen wie dem Bundesverdienstkreuz bedacht wird. Wie raffiniert seine Tarnung ist, zeigt sich schon während der Berufung. „Seine lautere Persönlichkeit, die sich besonders in seinem Verhalten während der Jahre 1933–1945 äußerte, gibt Gewähr, dass er eine erfreuliche Bereicherung der Fakultät bilden würde”, steht im Gutachten.
Kein richtiges Leben im Falschen
Er ist ein kluger Täuscher, ein umtriebiger akademischer Netzwerker. Das geht gut – bis 1993. Da erhält der längst emeritierte Schneider/Schwerte einen anonymen Brief, dem ein Foto seines alten Lebens in SS-Uniform beiliegt. Nicht nur Frau und Kinder, auch die Weggefährten wussten von dem doppelten Spiel. Schon seit den 1970ern ging das Gerücht, dass der Rektor ein alter Nazi ist. Einige Professorenkollegen der Universität – der Kanzler, der stellvertretende Kanzler, andere mehr – wussten Bescheid, aber niemand wagte sich ins Offene – weil unklar war, wer auf wessen Seite steht – und ob eine Anzeige nicht auch persönliche Karriere-Nachteile mit sich brächte. Geübter, gängiger Opportunismus. Es muss ja irgendwie weitergehen ….
Erst als zwei Jahre später niederländische Journalisten enthüllen, was an der Technischen Hochschule Aachen mindestens ein Jahrzehnt mühsam unter Verschluss und nur zaghaft verfolgt wurde, wagt Schwerte den Schritt nach vorne und gesteht öffentlich seine Lebenslüge, bevor das niederländische Fernsehmagazin „Brandpunt“ das tut. Danach bricht ein monströser Skandal über ihn herein. Er verliert Rang, Ehre und seinen Beamtenstatus samt Pension.
Der Enttarnte gibt nur zu, was sich nicht mehr abstreiten lässt. In sein Tagebuch notiert er: „48 Jahre der Versuch, jene 8–9 Jahre wieder gut zu machen. (. . .) Aber Hochstapelei nirgends. Promotion, Habilitation, Berufung, Wahlen usw. ganz regelhaft. Nur die ersten Angaben, ab Mai 1945, waren falsch.” Trotz Scham und Schande sucht er nach Rechtfertigungen und Erklärungen für sein Doppelleben. Doch gibt es ein richtiges Leben im falschen? Lassen sich „die Irrtümer von 1937–1945 abarbeiten”, wie er glaubt?
Akademische Korpsgeist und diskrete Schweigsamkeit
Achtzig Jahre nach Schneiders Verwandlung in Schwerte und dreißig Jahre nach seinem Auffliegen, hat die Historikerin Angelina Pils jetzt im Göttinger Wallstein Verlag ein umfangreiches – im besten Sinne aufklärendes – Buch über ein „westdeutsches Doppelleben“ vorgelegt. Sie hat erstmals die Tagebücher ausgewertet, die Schneider/Schwerte während 57 Jahren schrieb, auch die Akten der Technischen Hochschule in Aachen, an welcher der ehemalige SS-Mann so lange unerkannt und unbehelligt lehrte, als Rektor leitete. Pils beschreibt, wie solche Identitätswechsel und Karrieren möglich waren. Und sie zeigt, wie widersprüchlich der Weg von der Diktatur in die Demokratie war, wie aus einem eilfertigen NS-Wissenschaftsorganisator eine geschätzte Identifikationsfigur der demokratischen Nachkriegs-Germanistik werden konnte.
Bereits 1998 waren zwei Autoren dieser Frage nachgegangen: der Essener Sprachwissenschaftler Ludwig Jäger („Seitenwechsel – Der Fall Schneider/Schwerte und die Diskretion der Germanistik“, Wilhelm Fink Verlag) sowie der Politikwissenschaftler Claus Leggewie, der in Gießen lehrte („Von Schneider zu Schwerte – Das ungewöhnliche Leben eines Mannes, der aus der Geschichte lernen wollte“, Hanser Verlag). Sie zeichnen ein gegensätzliches Bild des ehemaligen SS- Hauptsturmführers: den Nazi- Ideologen, der wusste, was er tat (Jäger) und der bereits 1942 als Leiter des „Germanischen Wissenschaftseinsatzes“ zu einer treibenden Kraft in Himmlers „Ahnenerbe“-Projekt wurde und den „durchschnittlichen SS-Intellektuellen“, der „zufällig“ in diese Kreise geraten war, „eine Verkettung von Neigung und Zufall, Ehrgeiz und Laxheit“. wie Leggewie konstatiert.
Jäger, unversöhnlicher als Leggewie, verweist schon damals auf Material, das all die „diskreten“ Mitwisser entlarvt, die nach 1945 Schneider/Schwerte wiedererkannt haben müssen. Das „Nicht-Erinnern-Wollen“, die zaghaften Ermittlungen, das großzügige Verständnis – das alles war charakteristisch für die Nachkriegsgesellschaft vor allem dann, wenn es um sich um die NS-Tätigkeit von Kollegen handelte. Auf die heimliche Solidarität seiner Kollegen konnte Schneider /Schwerte also zählen: ein ausgeprägter akademischer Korpsgeist garantierte dafür. Die eingeübte Schweigsamkeit fand durchaus die Zustimmung der meisten Deutschen.
Erhellendes Psychogramm und Soziogramm
Angelina Pils analysiert und beschreibt in ihrer Studie die personellen Kontinuitäten, die strukturellen Bedingungen und die mentalen Anpassungsprozesse, die Karrieren wie die von Schneider / Schwerte ermöglichten. Auf der Basis dessen langjährigen Tagebuchaufzeichnungen zeichnet sie akribisch nach, wie der Identitätswechsel gelang und warum die Enttarnung erst so spät erfolgte. Ihr Buch lässt sich als aufschlussreiches Psychogramm eines „gespaltenen“ Intellektuellen lesen, als seinen Versuch, sich mit einem gelebten Doppelleben zu versöhnen – ebenso als erhellendes Sozigramm einer kollektiven Selbstverleugnung und Selbstentlastung.
Das Buch passt in unsere Zeit. Derzeit wird aufgeregt – freilich um Jahrzehnte verspätet – in Deutschland über Nazi-Verstrickungen in der eigenen Familie debattiert. Seit die National Archives in den USA im März die Mitgliederkartei von Hitlers NSDAP ins Netz gestellt haben (und die ZEIT und der Spiegel die Datenbank benutzerfreundlich aufbereiteten), sind Millionen von Karteikarten ehemaliger NSDAP-Mitglieder nun online auffindbar. Insgesamt traten zwischen 1925 und 1945 rund 10,2 Millionen Menschen in die NSDAP ein, etwa 90 Prozent davon lassen sich in den erhaltenen Mitgliedskarteibeständen wiederfinden. Doch was sagt das über ihre Rolle im Nationalsozialismus, wenn eigene Vorfahren in diesen Listen auftauchen?
Vor mehr als zwanzig Jahren belegte eine Studie des Sozialpsychologen Harald Welzer, dass nur 6 Prozent der Deutschen meinen, ihre Eltern oder Großeltern hätten ein positives Verhältnis zum Nationalsozialismus gehabt. Besonders die jüngeren Deutschen fühlten sich zwar durch Schule und Medien über die NS-Zeit gut informiert, häufig sogar übersättigt. Gleichzeitig aber waren sie davon überzeugt: „Opa war kein Nazi!“ Heute sind Opa und Oma mit wenigen Klicks entlarvt.
Auch eine Kartei auf den Namen Hans Ernst Schneider ist archiviert, der Mann, der zuerst überzeugter Nazi war und dann als Hans Schwerte zum Vorzeige-Demokraten mutierte. Er stirbt wenige Tage nach seinem 90. Geburtstag im Dezember 1999 in einem westdeutschen Seniorenheim – unter jenem Namen, den er der Öffentlichkeit ein halbes Jahrhundert lang vorenthalten hatte. Zuletzt notiert er in sein Tagebuch: „Von mir kommt nichts mehr, wartet nicht. Zwei Leben/zwei Mal gelebt, ein drittes nicht mehr.”

Angelina Pils: Schneider/Schwerte – Ein westdeutsches Doppelleben 1945–1999, Wallstein-Verlag, 312 Seiten, 32 Euro.
Von Helmut Ortner erschien zuletzt: GNADENLOS DEUTSCH – Täter, Helfer, Zuschauer – und die Entsorgung der NS-Zeit. Alibri Verlag



Die Meinhof hatte recht in der Analyse, versagte jedoch im Lösungsansatz völlig – vermutlich war sie emotional von der Ungeheuerlichkeit überfordert. Das gab es eben nicht nur unter den Talaren, sondern nach Abbruch der Entnazifizierung zur Einleitung des Kalten Krieges waren grosse Teile der Bundesrepublik wieder in Nazi-Hand. Der KGB brachte Bandera in München um.
Meine Mutter hat mir immer den Witz erzählt: Kommt ein Nazi bei den Nürnberger Prozessen vor Gericht: „Heil Hitler! Außer mir und dem Führer war niemand in der Partei!“