
Der unendliche Kreislauf der Geschichte durch Zweigs Linse.
Der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig beschreibt in seinem in den 1930er Jahren verfassten Werk „Ein Gewissen gegen die Gewalt“ (Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt) den unerbittlichen moralischen Kampf zwischen zwei entgegengesetzten Weltanschauungen und zwei historischen Figuren.
Jean Calvin ragt als eine starre, kompromisslose Autorität heraus, die Genf mit einer theokratischen Diktatur regiert und jeden Gedanken außerhalb seiner eigenen Wahrheit zur Häresie erklärt. Sébastien Castellio hingegen ist ein humanistischer Denker ohne politische oder militärische Macht, der der Willkür der Autorität allein mit seiner Feder, seinem Verstand und seinem Gewissen entgegentritt.
„Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten“
In Wirklichkeit sind weder die Calvins noch die Castellios gestorben; sie durchwandern weiterhin Jahrhunderte und Kontinente. Auch wenn Namen und Orte sich ändern, bleibt dieser fundamentale Konflikt zwischen Macht und Gewissen bestehen. Und das Gewissen wird seinen Kampf gegen die Gewalt bis in alle Ewigkeit fortsetzen.
Der Wendepunkt im Kampf zwischen Calvin und Castellio war die Verbrennung des spanischen Arztes und Theologen Michael Servet auf dem Marktplatz von Genf bei lebendigem Leibe – allein aufgrund seiner abweichenden religiösen Ansichten. Castellio wurde zu einer der wenigen Stimmen, die sich gegen diese Gräueltat erhoben. Nach Servets Hinrichtung formulierte Castellio jenen legendären Satz, der sich in die Geschichte einbrannte: „Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre verteidigen, sondern einen Menschen töten.“ Zweig betont, dass dieser Satz die größte Ohrfeige war, die je einem Regime verpasst wurde, das menschliches Leben für eine Ideologie opfert.
Jahrhunderte später zeigt sich derselbe historische und soziologische Kreislauf mit anderen Charakteren in der Türkei. Der dunkle Putschversuch vom 15. Juli 2016 und der darauffolgende Prozess verwandelten sich in einen kollektiven Bestrafungsmechanismus, der den fundamentalsten Grundsatz des universellen Rechts – das Prinzip der individuellen Strafsumme und der persönlichen Schuld – außer Kraft setzte.
In jenen Tagen war ich im Urlaub außerhalb von Istanbul. Als mein Bruder mich anrief und sagte: „Junge, geh nicht auf die Straße, sie werden euch lynchen“, begriff ich den Ernst der Lage. In den folgenden Tagen wurden die Weichen für eine kollektive Hysterie und Hassrede gestellt. In jener Nacht wurden Wehrpflichtige, die innerhalb der Befehlskette nicht verstanden, was geschah, auf der Bosporus-Brücke Opfer von Gewalt; Institutionen, Arbeitsplätze und Einzelpersonen wurden ohne konkrete Beweise kollektiv an den Pranger gestellt.
„Sobald eine Idee an ihre absolute Wahrheit zu glauben beginnt, hält sie jedes Mittel für erlaubt“
Unmittelbar nach dem 15. Juli gab es aus den Reihen der Betroffenen und der Zivilgesellschaft klare Appelle an die internationalen Medien, die Ereignisse bis ins kleinste Detail durch eine unabhängige und internationale Kommission untersuchen zu lassen. Die Regierung und der von ihr gesteuerte Medienapparat zogen es jedoch vor, anstelle eines fairen Gerichtsverfahrens und transparenten Ermittlungen einen Prozess der kollektiven Säuberung in Gang zu setzen.
Das Leben von Hunderttausenden Menschen, darunter auch mir, wurde über Nacht zerstört. Breiten Bevölkerungsschichten, die ihre verfassungsmäßigen Rechte wahrnahmen, in legalen Institutionen arbeiteten oder der Bewegung lediglich Sympathie entgegenbrachten, wurden im Sinne einer „Kollektivschuld“ bestraft, obwohl sie an keinen konkreten Straftaten beteiligt waren.
Der in jener Zeit an die Öffentlichkeit getragene moralische Leitspruch – „Selbst, wenn sie meinen Leichnam durch die Straßen schleifen, werdet ihr keinen Finger rühren und euch niemals an Gewalt beteiligen“ – wurde von dieser Menschenmenge trotz aller kollektiven Säuberungen, Haftprozesse und schweren Repressalien als ein Prinzip der absoluten Gewaltlosigkeit verinnerlicht. Millionen von Menschen lehnten Gewalt trotz des schweren Unrechts und der gesellschaftlichen Verfolgung völlig ab und bemühten sich, ihren Kampf ausschließlich auf rechtlicher, ziviler und gewissensbasierter Ebene zu führen.
Stefan Zweig schildert in seinem Werk mit eindringlichen Details, wie Calvin Genf nahezu in ein Freiluftgefängnis verwandelte: In Genf war es verboten, sich zu amüsieren, bunten Aufputz zu tragen, seine Gedanken frei zu äußern. Häuser wurden durch die Sittenpolizei durchsucht, Nachbarn gezwungen, einander zu denunzieren. Zweig stellt dazu fest: „Sobald eine Idee an ihre absolute Wahrheit zu glauben beginnt, hält sie jedes Mittel für erlaubt, um jede andere Idee zu vernichten.“
„Sicherlich liegt in der menschlichen Natur eine geheime Sehnsucht, in der Masse aufzugehen“
In der Türkei nach 2016 wurde eine ähnliche gesellschaftliche Atmosphäre geschaffen. Jede kritische Stimme, von oppositionellen Künstlern bis zur Zivilgesellschaft, wurde zensiert und unterdrückt. In einem weiteren Gespräch, das ich in jenen Tagen mit meinem Bruder führte, sagte er zu mir: „Junge, komm nicht hierher, sie werden dich anzeigen.“ In mein Heimatland konnte ich erst nach fünf Jahren Haft zurückkehren.
Zweig drückt die Haltung der Massen gegenüber der Autorität mit folgender prägnanter Analyse aus: „Sicherlich liegt in der menschlichen Natur eine geheime Sehnsucht, in der Masse aufzugehen und sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Die meisten Menschen erschrecken vor ihrer eigenen Freiheit und empfinden es als tröstlich, sich einer Autorität zu unterwerfen.“
Heute kämpfen in der Türkei Hunderttausende Menschen, die von Notverordnungsdekreten (KHK), Massenverhaftungen und einer Politik des „zivilen Todes“ betroffen sind, ohne Gewaltanwendung auf der Grundlage von Recht und Menschenrechten um ihre Existenz. Wie Zweig durch Castellio in Erinnerung ruft: „Menschen wegen ihrer Überzeugungen oder Zugehörigkeiten zu bestrafen, bedeutet, Unrecht unter dem Deckmantel heiliger Werte zu legitimieren.“ Unterdrückerische Regime kaschieren ihren Ehrgeiz stets mit dem Deckmantel von Vaterland, Religion oder Staat.
Zweig definiert den ungleichen Kampf zwischen Castellio und Calvin folgendermaßen: „Es ist der Kampf der Fliege gegen den Elefanten. Auf der einen Seite Calvin mit allen Mitteln des Staates, der Armee und den Gerichten; auf der anderen Seite ein einsamer Mann, der außer seiner Feder und seinem Gewissen nichts besitzt.“
Der dauerhafte Sieg in der Geschichte gehört jedoch nicht denjenigen, die die physische Macht oder den Staatsapparat in Händen halten, sondern den Einzelnen, die nicht vom Weg der Gerechtigkeit und des Gewissens abweichen. Die Geschichte wird nicht die autoritären Regierungen niederschreiben, die ihre Macht missbraucht haben, sondern die Castellios, die angesichts der Unterdrückung die menschliche Würde, die Gewaltlosigkeit und das Recht verteidigt haben.





Diesen Autor werde ich mir merken. Ein guter Text.
Ist schon seltsam und auch erschreckend, wie sehr man sich im Falle der Türkei an eine Normalität gewöhnt hat, die von den Zeitgenossen der Jahre vor 2000 noch als bedrohliche Entwicklung gefürchtet worden war.
Nun ist es so wie es ist und das Gros unserer Presse hat sich damit längst arrangiert.
„Sobald eine Idee an ihre absolute Wahrheit zu glauben beginnt, hält sie jedes Mittel für erlaubt“
Ganz genau! Das sollten sich auch mal Putin und die Freunde dessen Regimes hinter die Ohren schreiben.
„Der dauerhafte Sieg in der Geschichte gehört jedoch nicht denjenigen, die die physische Macht oder den Staatsapparat in Händen halten, sondern den Einzelnen, die nicht vom Weg der Gerechtigkeit und des Gewissens abweichen. Die Geschichte wird nicht die autoritären Regierungen niederschreiben, die ihre Macht missbraucht haben, sondern die Castellios, die angesichts der Unterdrückung die menschliche Würde, die Gewaltlosigkeit und das Recht verteidigt haben.“
Nur ein Beispiel. Aber. mein Gott , da trieft ja der ganze Text von „Gerechtigkeit“ und „Gewissen“, obwohl Moral hier verpönt ist.
Und weil es gerade passt, hier noch was zum Unterschreiben:
https://www.amnesty.de/pressemitteilung/istgh-strafgerichtshof-us-sanktionen
Und damit man auch weiß, bei wem man da unterschreibt, hier:
https://www.amnesty.de/pressemitteilung/ukraine-krieg-russland-vierter-jahrestag-angriff-kriegsverbrechen
Auf deutsch: seit 2016 nähert sich die Türkei immer mehr dem Dritten Reich an. Fast alle Grundrechte beseitigt, von Minderheitenschutz keine Spur mehr. Sehr gut, dass das mal zur Sprache kommt.
Da ist ja noch mehr. Dass es ohne Erdogan nie einen Islamischen Staat gegeben hätte, denn ohne dessen logistische und militärische Hilfe hätte dieser nie überlebt. Dann, was war das in Afrin 2018? Ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg auf Syrien, um dort die geschlagenen IS-Verbände loszuwerden. Genozid und Vertreibung der kurdischen Bevölkerung. Und auch dort uneingeschränkte Terrorunterstützung. Was sich dieser Erdogan alles erlauben darf, ohne dass jener Brüllaffenchor, der sich gegen Israel richtet, auch nur einen Pieps von sich gibt. Da wäre das Tausendfache.
Meine Frau will auch mal in die Türkei und ich würde sehr gern Göbekli Tepe besuchen. Aber ich scheue da zurück. Ich war auf den Kurdendemos und tat mich auch anderswo hervor. Erdogan bringt es fertig, mich in einen seiner Kerker zu werfen. Worauf die Bundesregierung exakt nichts tut. Allerbeste Beziehungen zu dieser Diktatur sind für sie oberste Priorität. Dass die wegen mir eine Sorgenfalte auf Erdogans Stirn riskieren, glaube ich nicht. Das wäre mehr als naiv.
•In Wirklichkeit sind weder die… noch die gestorben; sie durchwandern weiterhin [Anm.:seit Anbeginn bis zum bitteren Ende] Jahrhunderte und Kontinente. Auch wenn Namen und Orte sich ändern, bleibt dieser fundamentale Konflikt zwischen Macht und Gewissen bestehen. Und das Gewissen wird seinen Kampf gegen die Gewalt bis in alle Ewigkeit fortsetzen.“
Nun ja, wenn das Gewissen auf (bestenfalls) 20% gegen 10% „Macht in beliebiger Ausführung“ + 70% Mitschwimmende (soviel Zeit fürsGendern muss sein) aufgeteilt war/ist/bleibt, sind die Zukunftsaussichten berechenbar (selbst für den durchschnittlichen Dyskalkulatorenden/Pisa).
Im Übrigen ist das Erhalten/Erringen von Macht/Vermögen (welche sich wechselseitig bedingen) die einzige und tatsächliche Triebfeder.
Gewalt (in all ihren facettenreichen Ausführungen) ist „nur“ probates Mittel zum Zweck und/oder ein Goodie.
•Sicherlich liegt in der menschlichen Natur eine geheime Sehnsucht, in der Masse aufzugehen und sich der eigenen Verantwortung zu entziehen. Die meisten Menschen erschrecken vor ihrer eigenen Freiheit und empfinden es als tröstlich, sich einer Autorität zu unterwerfen.“
Diese aufgestellte Behauptung wird durch konsequentes Wiederholen nicht besser, zutreffender oder reflektierter.
In der Masse will Mensch aufgehen, weil es sich geschützter/anonymer anfühlt und unverbindlich ist.
Die geheime und tatsächlich immer währende Sehnsucht besteht jedoch in dem Wunsch/Bestreben, NICHT Teil der Masse sein zu müssen.
Nicht nur jene, die einen Platz am Trog gefunden haben, verteidigen diesen, sondern jeder, der sich ebenfalls einen solchen sichern könnte, täte nichts anderes.
•Die Geschichte wird nicht die autoritären Regierungen niederschreiben, die ihre Macht missbraucht haben, sondern die Castellios, die angesichts der Unterdrückung die menschliche Würde, die Gewaltlosigkeit und das Recht verteidigt haben.“
Ja, warum nicht (auch daran glauben).
Probate und alterwürdige Geschichtsschreibung wird neu erfunden, da sich diese unter erwachten/-hellten Gesichtspunkten an einem zwangsläufigen Wendepunkt/Bruch befinden MUSS; wider jeder historischen und kognitiven Erkenntnis.