
Am Donnerstag war es endlich so weit. Fünfzig Jahre nach den Verbrechen begann in San Martín, einem Vorort von Buenos Aires, der Prozess gegen den früheren Produktionschef von Mercedes-Benz Argentina (MBA). Zahlreiche Zuschauer waren erschienen, vor allem von Gewerkschaften und Opferverbänden – obwohl die großen Zeitungen und das Fernsehen auf eine Berichterstattung verzichteten, die deutschen sowieso.
Die Staatsanwaltschaft beschuldigt Juan Ronaldo Tasselkraut (85 J.) nicht wegen der Ermordung von 14 Gewerkschaftsaktivisten während der Militärdiktatur (1976-83), und auch nicht wegen der Aneignung „seiner“ drei Kinder. Nein, es geht „nur“ um zwei konkrete Fälle: um die Auslieferung des Arbeiters Héctor Ratto an die Militärs, die ihn mitnahmen, folterten und anderthalb Jahre gefangen hielten, sowie um die Übergabe der Privatadresse des Gewerkschaftsaktivisten Diego Núñez. Von dort verschleppten ihn die Soldaten noch in derselben Nacht in die Kaserne Campo de Mayo. Seitdem fehlt von ihm jede Spur; er gilt als „verschwunden“. Diese beiden Taten, so die Anklageschrift, geschahen am 12. August 1977 im Büro Tasselkrauts.
Ratto hatte bereits 1985 im spektakulären Prozess gegen die Junta-Kommandanten als Zeuge über seine Festnahme und die Übergabe der Adresse an die Militärs ausgesagt, zusammen mit den Familienangehörigen der Verschwundenen. Und die Generäle wurden damals (auch aufgrund seiner Aussage) verurteilt. Doch dann kamen die Amnestiegesetze und der Mantel des Schweigens breitete sich über dieses Kapitel aus.

Ich begann 1999, damals für den WDR, diesen Fall zu recherchieren, und es war genau der richtige Zeitpunkt. Denn bis dahin war, wenn es um Menschenrechtsverletzungen ging, immer nur von den Militärs oder Polizisten die Rede, aber nicht von denen, die den Auftrag der systematischen Säuberung des Industriegürtels gegeben hatten, um durch diesen Terror die Produktion gewinnbringend voranzutreiben. Ich habe über diesen Fall Bücher geschrieben, für ARD (Hörfunk) und taz stetig berichtet und Filme gedreht (s.a. das Gespräch mit Rattos Rechtsanwalt, Pablo Llonto).
Die Strafanzeige in Deutschland gegen Tasselkraut wegen Beihilfe zum Mord, erstattet von Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck, scheiterte am Willen von Politik und Justiz. Das Zivilverfahren in den USA hatte mehr Erfolg, sämtliche Bundesrichter Kaliforniens wollten den Fall anhören; doch DaimlerChrysler rief den Supreme Court an und der ließ sich einschüchtern. Handelskammern und Banken aus aller Welt hatten mit einem Investitionsstopp gedroht, sollte das Verfahren in San Francisco eröffnet werden.
In Buenos Aires erstatteten die Hinterbliebenen 2002 Strafanzeige wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, beschuldigt wurden Mercedes-Benz, die Militärs und die Gewerkschaft SMATA. Diese war Komplizin gewesen, sie hatte für ihre Mithilfe bei den Säuberungen der Fabriken von aufsässigen Aktivisten 1 Prozent vom Verkaufsumsatz erhalten. So steht es im Tarifvertrag, mit allen Unterschriften aus dem Arbeitsministerium, der Gewerkschaft und Mercedes-Benz. Nach vier Jahren wurden die Ermittlungen nach San Martín abgegeben, wo 20 Jahre lang nichts mehr passierte – eben bis Donnerstag.

Tasselkraut betrat den Gerichtssaal, gebeugt, mit einem Rollator. Dabei war er noch bei der Ortsbesichtigung in der Fabrik im vergangenen Jahr – wie mir der Nebenklägeranwalt Pablo Llonto erzählte – als rüstiger Rentner aufgetreten. An seiner Seite saßen seine beiden Anwälte: Jorge Valerga Aráoz, der einst die Junta-Kommandanten abgeurteilt hatte, sowie sein Sohn; auf der anderen Seite die Staatsanwälte und die Vertreter der Nebenkläger, darunter die Menschenrechtsorganisation CELS und der Menschenrechts-Sekretär der Provinz Buenos Aires, die von den (oppositionellen) Peronisten regiert wird.
Tasselkraut war bereit, eine Erklärung abzugeben und sich von den Prozessbeteiligten befragen zu lassen. Er beschrieb die damalige Situation in der Fabrik in den Jahren vor dem Putsch als einen gewerkschaftsinternen Konflikt zwischen der offiziellen, d.h. von der peronistischen Regierung anerkannten Gewerkschaft SMATA und einer aufsässigen Truppe von neun Aktivisten („Los Nueve“), die beide bewaffnet auf Firmengelände ihr Unwesen trieben und die Produktion behinderten. Dass sein Unternehmen im Tarifvertrag SMATA ein Prozent des Umsatzes für die – so wörtlich – „Ausmerzung subversiver Elemente“ versprochen hatte, erwähnte er nicht. Dafür erklärte er lang und breit die Bedrohung des Managements durch die Guerilla; nachdem zwei Manager gekidnappt und nach Zahlung eines hohen Lösegeldes freikamen, wurden die deutschen Chefs abgezogen. Mit dem Putsch im März 1976 wurde zwar die Sicherheitslage besser, aber die Sabotage und Arbeitsverweigerung waren weiterhin ein Problem.

Der Ex-Produktionschef stellte sich vor Gericht als Opfer dar. Er habe unter Druck der Militärs nachgegeben, die in Zivilkleidung, aber bewaffnet in seinem Büro aufgetaucht waren, um Héctor Ratto mitzunehmen. Aber er habe auf einer legalen Festnahme bestanden. Diese hatte es nie gegeben, ein Haftbefehl wurde nicht vorgelegt, und nach mehreren Stunden kamen Uniformierte und nahmen Ratto mit. Dass er in diesem Zeitraum die Adresse des Arbeiters Diego Núñez weitergegeben hatte – was Ratto als Zeuge in mehrfachen Aussagen bekräftigt hatte – bestritt er. Ob er sich nach Rattos Festnahme um seine Familie gekümmert habe? Vielleicht sogar mit der Firmenleitung diskutiert habe, wie man diese Verschleppungen am Arbeitsplatz verhindern könne? Schließlich habe Mercedes-Benz nach den beiden Entführungen der deutschen Chefs verschiedene Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der oberen Etage ergriffen – wie Leibwächter, Umzug ins benachbarte Uruguay bis hin zur Rückkehr der Stuttgarter Manager. Nein, sagte Tasselkraut. Das sei nicht geschehen und angesichts von 4100 Arbeitern schwierig gewesen.
Aber so richtig zum Opfer sei er 1999 geworden, als er von einer Journalistin – er nannte mehrfach meinen Namen – im WDR der Beihilfe zu schweren Menschenrechtsverletzungen beschuldigt wurde. Ich habe praktisch „seine Familie zerstört“. Dies sei Ausdruck eines „absoluten Antisemitismus“, da ich ihn in einem späteren Interview als den „Juden, der für Mercedes-Benz die schmutzige Arbeit gemacht hat“ bezeichnet habe.
Seine „Antisemitismus-Keule“ traf auch Eduardo Fachal, einen der damaligen Betriebsräte, der überlebt hat. Er hatte in meinem Film über die Nazi-Geldwäsche durch die Daimler-Benz AG „Ein Geschenk des Himmels“ berichtet, dass die Belegschaft untereinander die deutschen Manager als „Nazis“ bezeichnet hatte (Min. 30), was viele von ihnen auch waren, wie die Archive belegen. Daimler hatte mich, was den Zeitraum 1949 bis 1959 angeht (also den Vorwurf der Nazigeldwäsche und die anschließende Zwangsverwaltung durch den argentinischen Staat), in sein Archiv in Untertürkheim gelassen – und in den inzwischen 27 Jahren, in dem ich den Fall umfassend publizistisch bearbeite, gegen meine Darstellung juristisch zu keinem Zeitpunkt protestiert; auch Tasselkraut hatte bis zu seiner Aussage am vergangenen Donnerstag mich in keinem Punkt zu einer Richtigstellung, Widerruf oder Unterlassung aufgefordert.
Der Prozess findet in den folgenden Monaten jeweils am Donnerstag statt.
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