Doppelsieg der Demokraten?

Kapitol. Bild: debaird/CC BY-2.0

Historisch gesehen hat es nach dem Krieg bei den bisher 20 Midterm-Wahlen in USA in 18 Fällen Verluste für die amtierende Partei gegeben. Im Repräsentantenhaus betrugen die Einbußen im Mittel etwa 27 Sitze und im Senat etwa 4.

Dafür gibt es bei der aktuellen Wahl  u.a. zwei Gründe. Erstens möchte man der Regierung einen Denkzettel verpassen für die Unzufriedenheit mit der allgemeinen  Politik. Hier ist vor allem der Irankrieg zu erwähnen, der im Februar von Trump ohne Not begonnen wurde und durch die Blockade der für den Öltransport kritischen Seestraße von Hormus die Energiepreise stark in die Höhe getrieben hat. Bei Normalbenzin beträgt die Steigerung etwa 50 Prozent, bei Diesel sind es im Mittel sogar 70 Prozent. Nach Berechnungen der Ratingagentur Moody`s belaufen sich die kriegsbedingten Zusatzkosten für Benzin, Diesel und Heizöl pro Haushalt ungefähr auf 1100 Dollar in den letzten acht Monaten. Nimmt man die weiteren Belastungen für Nahrungsmittel, Mieten oder Zinsen hinzu, dann kommt man auf etwa 2000 Dollar, also etwa 250 Dollar im Monat. Bis zur Wahl ist hier keine Besserung in Sicht.

Ein zweiter Grund für die Gewinne der Opposition besteht meist darin, dass deren Wählerschaft oft stärker mobilisiert und motiviert werden kann. In diesem Fall spielt zudem die niedrige Popularität von Donald Trump eine besondere Rolle. Die Beliebtheitsrate d.h. die Differenz zwischen Befürwortern und Gegnern seiner Politik liegt bei minus 22 Prozent. Trump hat die drohende Gefahr offensichtlich erkannt und versucht, mit kurzfristigen Handlungen das Steuer herumzureißen. So will er den Wählern für einen Wahlsieg der Republikaner jeweils 5000 Dollar überweisen. Damit rechnet natürlich fast keiner, weil er ein ähnliches Versprechen nach den Zollerhöhungen im Vorjahr nicht eingehalten hat. Viel schwerwiegender – insbesondere auch außenpolitisch – ist sein neuerlicher Dieseldeal mit Putin, der im Oktober noch schnell 300.000 Tonnen Diesel schicken soll. Das würde nicht einmal für einen Tag reichen.

Die Bedeutung dieser Wahlen für die restliche Amtszeit von Donald Trump ist groß. Sollten die Demokraten eine oder sogar beide Kammern zurückgewinnen, hätte dies weitreichende Folgen.

Ohne eine eigene Mehrheit werden für die Regierung Gesetzesvorhaben und Budgetbeschlüsse wesentlich schwerer. Mit der sehr wahrscheinlichen demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhaus könnten z.B. parlamentarische Untersuchungsausschüsse eingesetzt werden. Der Senat entscheidet hingegen u.a. bei der Besetzung von Richterposten und hochrangigen Regierungsstellen. Insgesamt würde der Handlungsspielraum von Donald Trump erheblich verringert werden.

Jetzt zur Wahlstatistik ( Stand Mitte Oktober). Im Repräsentantenhaus sind alle 435 Sitze und im Senat 35 der 100 Sitze neu zu wählen. Diese Duelle werden bei den Prognoseplattformen meist in sieben Klassen eingeteilt, je nach Vorsprung des Führenden. Zwischen einem Anteil von 60 bis 75 Prozent spricht man von einer leichten Führung, bei 75 bis 90 Prozent von einer mittelstarken Führung und bei über 90 Prozent von einem sicheren Vorsprung. Am interessantesten ist die Klasse bis 60 Prozent. Hier sieht man den Wahlausgang als noch unentschieden an, ähnlich wie bei den sog. swing states in der Präsidentschaftswahl. Es gibt jetzt täglich zehn und mehr Umfragen, speziell aus den umkämpften Bezirken. Diese müssen sinnvoll verarbeitet werden, in Form von Modellen, Wahlbörsen oder Expertenschätzungen.

Das neue, von uns wegen seiner vielfältigen Einflussfaktoren hochgeschätzte Prognosemodell des bekannten Wahlanalysten Nate Silver sieht die Demokraten im Abgeordnetenhaus bei 239 Sitzen und Die Republikaner bei 196. Die beiden erfolgreichen Prognosemärkte Kalshi und Polymarket haben etwas geringere Werte für die Demokraten. All drei Institute schätzen deren Erfolgswahrscheinlichkeit auf 90 Prozent und darüber. Sie liefern täglich oder sogar stündlich neue Zahlen. Beim Prognoseportal 270towin werden die Ergebnisse von sieben großen Analyseinstituten zusammengeführt. In dieser Konsens-Voraussage erhalten die Demokraten bisher 220 Sitze und die Republikaner 200, während 15 Duelle noch als offen eingeschätzt werden. Nur eines der Institute hat vorläufig die Republikaner knapp vorn. Selbst die Trump nahestehenden Fox News sehen Vorteile bei den Demokraten.

Unsere Prognose: Demokraten 232 Sitze und Republikaner 203 Sitze.

Die Situation im Senat, wo die Republikaner zurzeit 53 von 100 Sitzen halten, ist wesentlich offener, weil jetzt nur 35 Sitze neu besetzt werden. Bei den verbleibenden 65 Sitzen haben die Republikaner 34 und die Demokraten 31 inne. In den Neuwahlen müssten die Demokraten somit mindestens 20 der 35 Duelle gewinnen, weil in einer Pattsituation der Vizepräsident die Entscheidung trifft. Nach den Prognosen von Nate Silver und den beiden Wahlbörsen könnten die Demokraten insgesamt 51 oder 52 Sitze erringen mit einer Erfolgswahrscheinlichkeit zwischen 62 und 75 Prozent, was allerdings deutlich weniger als beim Repräsentantenhaus ist. Dass es knapp werden könnte, zeigt die gegenwärtige Konsens-Prognose aus sieben Instituten bei 270towin. Dort steht es zurzeit 48 zu 47 für die Demokraten bei noch fünf offenen Entscheidungen. Wieder hat sich dasselbe Institut wie bei den Repräsentantenwahlen auch hier knapp für die Republikaner entschieden. In den letzten Tagen und Wochen bis zum Wahltermin sind durchaus noch Verschiebungen möglich.

Unsere Prognose: Demokraten 51 Sitze und Republikaner 49 Sitze.

Von den zwölf untersuchten Prognoseplattformen haben fast alle bei der Wahl zum Repräsentantenhaus die Demokraten vorn. Beim Senat ist es nur eine knappe Mehrheit. In den letzten Wochen hat sich die Situation für die Demokraten stabilisiert. Trump und den Republikanern hilft im Endspurt nur noch ein politischer Paukenschlag.

Es wird immer wieder bei solchen Wahlen die Frage gestellt, ob es nicht systematische Verzerrungen gibt, weil in Amerika wie auch in Deutschland ein deutlicher Herdentrieb bei den Instituten zu beobachten ist. Die Prognoseergebnisse bei der Zwischenwahl 2018 waren sehr gut bis gut und gelten als eine der bisher präzisesten. Im Jahr 2022 waren sie eher durchwachsen, aber insgesamt noch befriedigend. Während die hochwertigen Umfrage- und Prognoseinstitute ein knappes Rennen voraussagten, gab es in den letzten Wochen vor der Wahl eine Schwemme von parteiischen Umfragewerten für die Republikaner, die von den Medien oft nicht hinterfragt wurden. Da diese massiven Voraussagen nicht eintraten, entstand 2022 in der Öffentlichkeit das Bild von einem Versagen der Demoskopen. Allerdings gab es hier keine methodische Verzerrung bei den überparteilichen Instituten.

Daher ist es in Amerika sehr wichtig, umfangreiche Qualitätsanalysen aller Umfrageinstitute vorzunehmen, was wir für Deutschland schon seit über zehn Jahren regelmäßig durchführen.

Mögliche Aktualisierungen unserer Prognosen findet man auf X unter https://x.com/ProfWalterMohr

Das wichtigste Wahlkampfthema dieser Midterms sind die wirtschaftlichen Verhältnisse. Zum einen die extrem angestiegene Staatsverschuldung von nunmehr 40 Billionen Dollar. Vor allem sind es jedoch die hohen Verbraucherpreise, die im September im Vergleich zum Vorjahr bei 3,7 Prozent liegen. Für Wähler ist die Bezahlbarkeit ihres Lebensunterhalts ein fundamentales Problem geworden. Der Ausspruch aus dem Wahlkampf von Bill Clinton 1992 ist wieder einmal relevant: „It`s the economy, stupid.“ Daher werden diese Zwischenwahlen im Supermarkt und an der Zapfsäule entschieden. Die Teuerung ist für Trump ein übermächtiger Gegner und natürlich – er selbst.

Walter Mohr und Frank Püschel

Walter Mohr und Frank Püschel
Prof. Dr. Walter Mohr absolvierte ein Studium der Mathematik und der Wirtschaftswissenschaften. Seine Lehr- und Forschungstätigkeiten an Fachhochschulen und Universitäten führten zu über 50 Veröffentlichungen – insbesondere in den Bereichen Zeitreihenanalyse und Wirtschaftsprognosen.

Dr. Frank W. Püschel studierte Mathematik und Wirtschaftswissenschaften. Er ging Lehrtätigkeiten im Hochschulbereich nach. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf den Gebieten der Zeitreihenanalyse und Wirtschaftsprognosen.
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Ein Kommentar

  1. Früher, sehr viel früher, hat man zum Zweck der Vorhersage der Zukunft in
    Eingeweiden gelesen, oder den Vogel-flug beobachtet, oder ähnlichen Stumpf-sinn veranstaltet. Gewisse Leute können so scheints damit nicht aufhören. Lässt sich damit so viel Geld machen ?

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