Dissonanzen

Bild: Montecruz Foto, CC BY-SA 3.0

Warum Deutsche aus der Fassung geraten, wenn israelische Intellektuelle über die Entwicklung im eigenen Land entsetzt sind und darüber berichten.

Oft wird die Frage gestellt, warum israelische Intellektuelle und Aktivisten nach Deutschland reisen, um ihre kritische Sicht des Zustands in ihrem Land und des Nahostkonflikts einem nichtisraelischen Publikum darzulegen. Die Antwort darauf ist denkbar einfach: Weil sie um ihr Land besorgt sind. Entsprechend treten sie auch in Israel kritisch auf, kämpfen um dessen Emanzipation (und zahlen im heutigen Israel einen nicht geringen öffentlichen Preis dafür). Und weil sie über die Entwicklung im eigenen Land entsetzt sind, mithin die Hoffnung verloren haben, dass die israelische Bevölkerung es noch aus eigener Kraft schafft, den herrschenden Zustand umzuwälzen und den Frieden herbeizuführen, wenden sie sich an Öffentlichkeiten im Ausland, in der fahlen Zuversicht, dass eventuell „von dort“ die „Erlösung“ kommen mag. In Israels politischer Kultur ist dieses Vorgehen der Hinwendung zum Ausland mitnichten ungewöhnlich: Israel war seit seinem Anbeginn ein Land, das offiziell auf Spender und Sponsoren – seien es Juden in aller Welt, seien es geopolitische Schutzmächte, allen voran die USA – zählte.

Interessanter ist indes die Frage, was gewisse Deutsche derart aus der Fassung geraten lässt, wenn die israelischen Intellektuelle und Aktivisten in Deutschland auftreten, dass sie meinen, sie besudeln und mit orchestrierten Schmutzkampagnen verleumden zu dürfen, auf dass deren Aktivität lahmgelegt bzw. völlig delegitimiert wird. Auch darauf ließe sich eine einfache Antwort geben: Weil sie um Israels Wohl besorgt sind und in der massiven Kritik an seiner Politik Antisemitismus gewahren.

Diese Antwort ist allerdings verlogen: Denn besagte Deutsche scheren sich für gewöhnlich einen feuchten Kehricht um Israels Wohl; sie wissen kaum, was in diesem Land sich real zuträgt, oft genug haben sie das Land noch nie besucht, und wenn sie sich bequemt haben, es aufzusuchen, haben sie sich von jenen Leuten und Instanzen ins Bild setzen lassen, die sie mit all dem ausgestattet haben, was sie dann in ihrer perfiden Agitation in Deutschland gegen die israelischen Intellektuelle und Aktivisten in Anschlag bringen. Die sie „informiert“ haben, sind auch jene, die die Kritiker Israels im eigenen Land verfolgen bzw. jenes politische Elend generieren, das Gegenstand der jüdischen Kritiker geworden ist. Nicht auszuschließen, dass die deutschen Agitatoren in ihrer Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden Deutschlands von der israelischen Botschaft propagandistisch angeleitet, funktionalisiert und – wer weiß? – vielleicht auch von dieser bezahlt werden.

Und der Antisemitismus, den sie vorgeblich bekämpfen? Zu den ideologischen Schandtaten ihrer agitatorischen Praxis gehört, dass diese Deutsche den Begriff – zu Zwecken der eigenen Agitation instrumentalisierend – völlig ausgehöhlt haben. Indem sie wahllos in jedem und allem Antisemitismus wähnen, ohne Unterscheidung, ohne erstzunehmende Begründung, ohne handfesten Beleg, indem sie hinterhältig insinuieren und offenbar einen Lustgewinn an der infamen Beschmutzung der von ihnen ins Visier genommenen jüdischen Intellektuellen und Aktivisten haben, desavouieren sie sich selbst: Sie haben die instrumentalisierende Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfs mittlerweile dermaßen fetischisiert und verdinglicht, dass sich von selbst die Frage erhebt, was sie in ihrer schändlichen Politpraxis – über die hanebüchene rhetorische Begründung ihres schmählichen Tuns hinaus – wirklich antreibt.

Da wäre zum einen die unbestreitbare Tatsache, dass sie, ob sie es nun wollen oder nicht, dem Tätervolk angehören. In vergangenen Zeiten war dies sogar das von ihnen selbst proklamierte Motiv der Selbstsetzung. Sie probten den Aufstand gegen die schuldig gewordene Elterngeneration, forcierten die öffentliche Aufarbeitung der verbrecherischen Vergangenheit, andere skandierten gar „Nie wieder Deutschland!“. Sie verstanden sich dabei als Linke, erblickten im Antifaschismus ihre politische raison d‘être und sahen in der Bekämpfung der rechten politischen und sozialen Strukturen ihres Landes das Ziel ihrer emanzipativ beseelten Aktivität. In der BRD stellten die sogenannten Achtundsechziger (bzw. die Neue Linke) das handelnde Kollektivsubjekt dieser Ausrichtung auf Deutschland. Was immer man von ihnen heute halten mag, sie erfüllten eine bedeutende historische Rolle in der Prägung einer kritischen Öffentlichkeit im Wirtschaftswunder allzu schnell in die „Normalität“ hineingleitende Westdeutschland.

Und irgendwann trat bei vielen von ihnen eine Gesinnungswende ein. Mehrere Gründe mögen dabei eine Rolle gespielt haben. Zum einen integrierten sich die meisten ins bürgerliche Establishment. Die Hochschulreform erwies sich dabei auch als Möglichkeit der Sicherung eines eigenen Arbeitsplatzes. Man war nunmehr verbeamtet. Zum anderen war es nicht mehr opportun, an marxistischen bzw. sozialistischen Idealen zu halten, denn die Welt hatte sich verändert: Der Sowjetkommunismus war zusammengebrochen, kompromittierte mithin auf Jahrzehnte hinaus jegliche sozialrevolutionäre Emphase im nunmehr globalisierten kapitalistischen Westen. Es bedurfte schleunigst einer neuen Koordinate für diese Generation der mittlerweile „geläuterten“ alten Neuen Linken. Und sie fand sich in den „Juden“.

Die realen Juden spielten für die ehemalige Neue Linke kaum eine Rolle. In Deutschland lebten kaum welche, und insofern Israel mit ihnen gleichgesetzt wurde, galt es den Achtundsechzigern spätestens seit 1967 als Handlanger des Imperialismus und wohl kaum als geeignetes Objekt ihrer politischen Solidarität. Als aber die zeitgeistbedingte Gesinnungswende kam, konnten „Juden“, „Zionismus“ und „Israel“ ideologisch neu eingesetzt werden. Man wurde plötzlich guter (Anti)Deutscher, wenn man „Juden“ vor „Antisemitismus“ in Schutz nahm: Mit einem Mal war Deutschland überall „antisemitisch“ durchseucht, die nächste „Shoah“ lauerte gleichsam um die Ecke, wenn nur ein legitimierendes Zeichen dafür „von oben“ käme. Man verwandelte sich mitunter in Judits (die Männer bewahrten ihre deutschen Namen), die am besten wussten, was das Wohl der Juden ausmacht und wie man sie vor dem grassierenden deutschen Antisemitismus zu bewahren habe. Viele Juden wussten dabei gar nicht, wie ihnen geschah.

Es gab da aber ein Problem. Das zionistische Israel, welches man – der Ideologie dieses Landes willfahrend – mit „Juden“ gleichsetzte, erwies sich als etwas Anderes als die „Zufluchtsstätte“ für jüdische Opfer, als welche man es in Deutschland sehen zu sollen meinte. Es mutierte selbst zum Täter – eine jahrzehntelange Okkupation und nicht abreißende Knechtung der Palästinenser manifestiert dies unabweisbar, sosehr man bemüht ist, diesen Umstand zu ignorieren. Die allermeisten jüdischen Israelis tangiert dies kaum. Sie haben mit dem menschenrechtsfeindlichen Unfrieden längst ihren Frieden geschlossen. Aber es gibt eben auch jene, die, wenn sie an Israel, ihr Land, in der Nacht denken, um den Schlaf gebracht sind.

Und nun kommen sie nach Deutschland und maßen sich an, von dieser Barbarei und dem von ihr generierten Elend (samt den Auswirkungen auf Israel selbst) zu berichten. Und siehe da, jene, die einst ausgezogen waren, um ihr deutsches Land in emanzipativer Absicht kritisieren und verändern zu wollen, bekommen Schaum vor dem Mund, wenn sie dem Phänomen begegnen, dass Israelis Gleiches im Hinblick auf ihr eigenes Land tun. Wie erklärt sich das?

Zum einen ist da wohl eine narzisstische Kränkung am Werk: Wenn man ehemals selbst Israel (antizionistisch, wie es nur geht) kritisierte und dann die Gesinnungswende vollzog, um nun „Juden“ vor deutschem Antisemitismus zu schützen, indem man sich mit „Israel“ solidarisiert, dann kann man schon in tobenden Zorn verfallen, wenn man den Spiegel vors Gesicht gestellt bekommt. Was soll man bloß machen? Man will „links“ sein, emanzipativ wirken, und es stellt sich heraus, dass das, womit man sich solidarisiert, eigentlich mit größter emanzipativer Verve zu bekämpfen wäre. Wie gut, dass es da die „sechs Millionen“ gibt, deren es (israelsolidarisch) zu gedenken gilt.

Aber es mag da ein anderes Motiv mitspielen, zähflüssiger als das andere, nämlich die unbewusste Wut über das Opfer, das einen daran gemahnt, dass man selbst Täter ist. Dieses Grundmuster überträgt sich auf die Konstellation der Nachfolgegenerationen: Die Wut der Täternachkommen darüber, Verbrecher zu Vorfahren zu haben, wenn nicht familiengeschichtlich, dann als nationales Kollektiv, wird auf die Kinder und Enkel der historischen Opfer projiziert. Wie gern wäre man als Täternachkomme selbst Opfer! Und weil man es nicht kann, versucht man jene zu eliminieren, die in Anspruch nehmen dürfen, ohne eigenes Zutun es durch ihr schieres Dasein zu sein. Manche Deutsche wollen die Opfernachkommen als Täter sehen. Andere können es nicht ertragen, nicht selbst „Juden“ zu sein. In beiden Fällen wirkt sich horrenderweise Hitlers verlängerter Arm aus. Die Befindlichkeitsneurosen der Nachkommen sind beredtes Zeugnis davon.

Über den Siegeszug der AfD – bei nächster Gelegenheit.

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, erscheint demnächst.
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3 Kommentare

  1. Das stimmt, Israel wirbt um Touristen. Schaut es euch an, die angebliche Apartheid. Die Thunbergblase fährt natürlich nicht hin, was sie nicht daran hindert, frei erfundene Lügen über das Land zu verbreiten.
    Wir waren dort und durften mit einem Mietauto frei überall herumfahren. Glaubt man Zuckermann, dann hätte da ein indoktrinierender Politruk mitfahren müssen. Quatsch natürlich.
    Ich dachte erst, ob das vielleicht ein Problem sei, weil wir Deutsche sind. Überhaupt nicht. Wir wurden in Tel Aviv von links und rechts auf deutsch angesprochen. Von einer Frau, die als AuPair dort blieb und dann Angela Merkel wählte. Und einem Borussia Dortmundfan. Das sind alles sehr freundliche und aufgeschlossene Menschen. Was ihnen dann zum Verhängnis wurde. Sie waren dem perfiden Nazi nicht gewachsen.

    Einen Griesgram wie Zuckermann habe ich nicht getroffen. Der ist absolut untypisch.

    1. Nee, die „Thunbergblase“ wird auf offener See gekidnappt und bekommt einen leichten Vorgeschmack auf das, was Palästinenser tagtäglich erleiden müssen.
      Ehrlich, eine solche Blindheit wie die Ihre ist nur noch Mitleid erregend.
      Als spiritueller Mensch weiß ich, dass sie einmal damit konfrontiert werden und das wird sehr schmerzhaft sein.
      Offenbar müssen Sie einfach noch einmal die selbe Erfahrung des „Davon haben wir nichts gewusst“ = „Das wollen wir nicht gesehen haben“ Ihrer Vorfahren machen, bevor Sie erkennen, dass es kein reines Schwarz-Weiß gibt und Juden nicht qua Geburt vor Faschismus, Gier und Mordlust gefeit sind, sondern schlicht normale Menschen mit allen Möglichkeiten zu größtem Altruismus UND zu größter Grausamkeit. Und in dieser Zeit sind israelische Juden und die mit ihnen verbündeten jüdischen Lobbygruppen in anderen Ländern die Täter und nicht die Opfer.
      Und genau genommen ist auch das ein furchtbares Schicksal, das die Nachkommen belasten wird.
      Ihr „Lösungsweg“ aus dieser Belastung ist alles mögliche, nur keine Lösung, sondern das Gleiche wie das Ihrer Vorfahren mit ausgewechseltem Feindbild

    2. Exakt!
      Ich habe Israel vor einigen Jahren besucht und es war einfach nur super:
      von unterdrückten Palästinensern oder wie die heißen war weit und breit
      nichts zu sehen, aber es gab tolle Strände, leckeren Orangensaft und alle
      waren voll nett!!!
      Das lass‘ ich mir doch von einem Griesgram wie Zuckermann nicht miesmachen!

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