Die Verwaltung des Leids

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Sind Depressionen, ADHS, Neurodivergenz primär medizinische Probleme?

In dieser (übrigens unerwartet wachsenden) Artikelserie geht es vor allem um Depressionen. Im ersten Teil behandelten wir einige Grundlagen, was das Störungsbild beinhaltet und dass die Häufigkeit der Diagnosen stark steigt.

Im zweiten Teil ging es um die sogenannten Antidepressiva, die immer häufiger verschrieben werden, die man aber besser als „Serotonin-Verstärker“ oder „Noradrenalin-Verstärker“ bezeichnet: Primär dämpfen sie Gefühle. Deswegen werden sie bei einer ganzen Reihe psychologisch-psychiatrischer Störungen angewandt, sind ihre Effekte also nicht spezifisch antidepressiv. Außerdem wirken sie laut den einschlägigen Studien wenig besser als Placebo.

Im dritten Teil zitierte ich erst einen anerkannten Depressionsforscher aus der Psychiatrie zur Bestätigung meiner Sichtweise. Dieser sagte ausdrücklich, dass die verschriebenen Medikamente vor allem „dämpfen“. Das würde auch die ärztliche Arbeit vereinfachen.

Danach ging es allgemeiner um die Nebenwirkungen der Psychopharmaka. Im vierten Teil wurden speziell die häufig vorkommenden, doch von den Fachleuten lange vernachlässigten sexuellen Störungen thematisiert. Diese können schon durch die Einnahme aber auch erst das Absetzen der Serotonin- oder Noradrenalin-Verstärker auftreten.

Die Beschreibung der Depressions-Epidemie führte zur allgemeineren Frage im fünften Teil: Wie objektiv ist die Psychiatrie eigentlich? Führende Fachleute stellen sie gerne als harte Naturwissenschaft dar, wozu Informationen über (angebliche) genetische Ursachen und biochemische Störungen im Gehirn beitragen.

Kritisch betrachtet zeigte sich aber, dass schon die Sicherheit der Diagnosestellung zu wünschen übriglässt – und laut den maßgeblichen Studien sogar immer weiter abnimmt. Das heißt, dass jemand mit derselben Problematik von unterschiedlichen Fachleuten verschiedene Störungsbilder diagnostiziert bekommen kann. An dieser Stelle machen wir mit einer alternativen Sichtweise weiter.

Alternative Systeme

Unausgegorene Wissenschaft kann Teil des Problems sein. Doch richtig gemacht kann sie zur Lösung beitragen. So lässt ein neuer forschungsbasierter Ansatz die vielen Hundert bekannten Störungsbilder hinter sich. Stattdessen unterteilt er die psychischen Probleme der Menschen in drei Hauptkategorien:

Das sind erstens internalisierende Störungen, bei denen Emotionen wie Angst oder Kummer im Vordergrund stehen und die oft mit einem Rückzug der Betroffenen einhergehen; zweitens externalisierende Störungen mit Aggressivität oder Impulsivität, zu denen auch die Substanzkonsumstörungen zählen; und drittens psychotische Störungen mit Denkproblemen oder Realitätsverlust.

Anstatt zu versuchen, für einen Patienten oder eine Patientin aus mehreren hundert Möglichkeiten das passende Störungsbild zu finden, geht es demnach um allgemeinere Problemmuster im Leben der betroffenen Person. Dieses als „Hierarchische Taxonomie der Psychopathologie“ (HiTOP) bekannte System basiert auf den neuesten wissenschaftlichen Verfahren und erfährt in der Forschung zunehmend Zuspruch.

An der Umsetzung in die Praxis wird gearbeitet – aber diese und andere Alternativen machen uns jetzt schon deutlich, dass der vorherrschende Ansatz nur eine Möglichkeit ist, um psychisches Leiden zu systematisieren.

Das traditionell gewachsene und heute zum Beispiel im amerikanischen Diagnosehandbuch DSM oder der ICD der Weltgesundheitsorganisation festgelegte System hinkt nicht nur an der im fünften Teil beschriebenen mangelhaften Zuverlässigkeit der Diagnosen. Auch dass sich die vielen Hundert Störungsbilder oft überlappen, ist ein Problem: Während man also die Probleme der Patientinnen und Patienten möglichst präzise einordnen will, wird man am Ende die Vagheit nicht los.

Nachdem man Betroffenen jahrzehntelang eingebläut hat, ADHS, Depressionen, Schizophrenien und so weiter seien „Erkrankungen im medizinischen Sinn“, die auf Stoffwechselstörungen im Gehirn beruhen würden und größtenteils genetisch bedingt seien, wäre ein Umstieg auf eine schlanke Alternative mit drei Hauptkategorien natürlich nicht ohne Probleme. Gerade für diejenigen, die sich mit der psychologisch-psychiatrischen Störung als festem Teil ihrer Identität eingerichtet haben, könnte das schwer sein.

Diagnosen als Teil der Identität

Inzwischen haben ganze Gruppen bestimmte Störungsbilder derart verinnerlicht, dass die Diagnosen zu einem, für manche dem identitätsstiftenden Kriterium geworden sind. Früher widersetzen sich emanzipatorische Bewegungen gegen die Medikalisierung ihrer Erfahrungen: Man denke an die protestierenden schwarzen Bürgerrechtler, deren Kampf für Gleichberechtigung von weißen Psychiatern erst mit Schizophreniediagnosen und dann schwersten Beruhigungsmitteln wie Haloperidol quittiert wurde. Laut der Forschung des Medizinhistorikers Jonathan Metzl, Professor an der Vanderbuilt University, war das in den 1960ern so „normal“, dass damals aus der Schizophrenie eine „schwarze Krankheit“ wurde.

Oder man denke an die unterdrückten Hausfrauen jener Zeit, denen massenweise die angstlösenden und schlaffördernden Benzodiazepine verschrieben wurden, um das Leben mit Heim und Herd als Mittelpunkt zu ertragen. Betty Friedan (1921-2006), eine bedeutende Feministin der zweiten Welle, fand dafür treffende Worte. Diese veranschaulichen gleichzeitig das Prinzip der Internalisierung:

„Es bedeutete, dass ich – wie jede andere Frau, die ich kannte – ein Leben auf der Basis einer Lüge geführt hatte; dass all die Ärzte, die uns behandelten, und die Experten, die uns untersuchten, diese Lüge aufrechterhielten; und dass unser Zuhause, unsere Schulen, Kirchen, Politik und Berufe auf dieser Lüge aufgebaut waren. […] Wenn eine Frau in den 1950er- und 1960er-Jahren ein Problem hatte, wusste sie, dass etwas mit ihrer Ehe oder mit ihr selbst nicht stimmen musste. Andere Frauen waren mit ihrem Leben zufrieden, so glaubte sie. Wenn eine Frau in den 1950er- und 1960er-Jahren ein Problem hatte, wusste sie, dass mit ihrer Ehe oder mit ihr selbst etwas nicht stimmen musste. Andere Frauen, so glaubte sie, waren mit ihrem Leben zufrieden. Was für eine Frau war sie nur, wenn sie beim Bohnern des Küchenbodens nicht dieses geheimnisvolle Gefühl der Erfüllung verspürte? Sie schämte sich so sehr für ihre Unzufriedenheit, dass sie nie erfuhr, wie viele andere Frauen sie teilten.“ (Friedan, 1963/1977, S. 4 und 14)

Mit Scham und Schuldgefühlen ist man schon auf gutem Wege in die Depression. Auch 60 Jahre später treffen Diagnosen der Angst- und depressiven Störungen viel häufiger Frauen. Doch auch bei den Männern – wo man öfter wegen Drogenproblemen in die Psychiatrie, ins Gefängnis oder ins Grab kommt – steigen die Fallzahlen. Neu ist die Abwesenheit des gesellschaftskritischen, emanzipatorischen Denkens. Kann die Neurodiversitätsbewegung diese Lücke schließen?

Neurodiversität und Neurodivergenz

Wie ich es im Buch über die Depressions-Epidemie genauer erkläre, verstand sich die Psychiatrie seit dem 19. Jahrhundert in mehreren Wellen immer wieder als „Gehirn-Medizin“. Die aktuelle Welle kam in den 1980ern zusammen mit dem Humangenomprojekt und neuen bildgebenden Verfahren für die Hirnforschung richtig in Fahrt. Die 1990er wurden zur „Dekade des Gehirns“ ausgerufen, was viel Geld in diesen Bereich umlenkte.

Durch die Kürzung öffentlicher Fördermittel bedroht, formten sich die Psy-Disziplinen (Psychologie, Psychiatrie) zunehmend zur Neuro-Forschung. Wer versprach, gesellschaftliche Probleme im Zeichen der Neuro-Zeit zu lösen, bekam den Zuschlag. Es war nur eine Frage der Zeit, bis diese Strategie von aktivistischer Seite übernommen würde.

So kam in den frühen 2000ern die Neurodiversitätsbewegung auf: Damals stand Autismus, vor allem in seinen hochfunktionalen Ausprägungen wie der Asperger-Störung, in der medialen Aufmerksamkeit. (Nur am Rande: Mit dem DSM-5 von 2013 wurde die eigenständige Asperger-Störung durch das breitere Autismus-Spektrum ersetzt.) Doch manche Betroffene wollten sich lieber nicht psychiatrisieren lassen. Sie hätten halt andere Gehirne. Aus der Kombination von „Neuro“ und „Diversität“, damals beides sehr positiv besetzte Begriffe, machte man „Neurodiversität“.

Damit handelte man sich Widersprüche ein: Man wollte einerseits „divers“ sein aber andererseits nicht unbedingt auf die Vorteile von Therapie oder eines Schwerstbehindertenausweises verzichten. Mit dem Hinweis, wir seien alle neurodivers, verabschiedete sich kürzlich Europas führende Autismus-Expertin von dieser Bewegung: Uta Frith, inzwischen emeritierte Professorin am University College London, erklärte den Umstieg aufs Autismus-Spektrum für gescheitert. Heute würden sich immer mehr Menschen mit sozialer Phobie, Hochsensibilität oder Überforderung unter diesen Begriff scharen.

So wurde die „Neurodiversität“ inzwischen von der „Neurodivergenz“ abgelöst. Zwar seien alle Gehirne anders, doch manche eben anders anders. Wohlgemerkt, wie ich es auch in dieser Artikelserie wieder mehrmals thematisierte, gibt es Trotz aller „Neuro-Affinität“ in der Sprache für all das keinen zuverlässigen neurobiologischen Test. Und zum Autismus gesellen sich jetzt die Aufmerksamkeitsstörung ADHS. Aus dieser Störung der Kindheit und Jugend wurde erst Erwachsenen-ADHS und in jüngerer Zeit insbesondere Frauen-ADHS.

Dass sich mit Autismus-Spektrum- und Aufmerksamkeitsstörung zwei gegensätzlich scheinende Muster unter den Begriff der Neurodivergenz scharen, ist frappant. Denn, salopp gesagt, brauchen Erstere Ordnung und leben Letztere im Chaos. Das lässt sich leicht beheben, indem man eben beide Störungsbilder gleichzeitig diagnostiziert. Dafür setzt sich jetzt die Bezeichnung „AuDHS“ durch, worüber die umsatzstarke Apotheken Umschau erst vor Kurzem informierte.

Diese hochdynamischen Veränderungen verdeutlichen einmal mehr das Wechselspiel zwischen gesellschaftlichen und psychiatrischen Trends. Und sie stellen einmal mehr infrage, dass man es in klinischer Psychologie und Psychiatrie mit ewigen medizinischen Wahrheiten zu tun hätte. Unser allgemeineres Thema ist, ob sich daraus ein gesellschaftskritisches Potenzial entwickelt, wie wir es oben bei der Bürgerrechtsbewegung oder der zweiten Welle des Feminismus angedeutet haben.

Gesellschaftskritik

Meiner Erfahrung nach geht es unter den Vorzeichen von Neurodiversität oder -divergenz neben der Identitätsstiftung primär um Aufmerksamkeit. Kritische Rückfragen sind unwillkommen. Hinweise auf gesellschaftliche Probleme werden dann nicht als emanzipatorisch wahrgenommen, sondern als Bedrohung des sorgfältig zurechtgezimmerten individuellen Selbstbilds:

Wenn man darauf hinweist, dass sich die Häufigkeit beider Diagnosen vor allem bei jungen Erwachsenen innerhalb weniger Jahre vervielfacht hat, heißt es lapidar, man diagnostiziere heute besser. Dass dieser Anstieg vor allem in die herausfordernde Zeit der COVID-Pandemie fiel? Zufall! Dass heute viele Erwachsene ADHS gerade dann an sich entdecken, wenn sie Kinder bekommen und ihr Alltag stressiger wird? Egal! Dass die Medikamentenverschreibungen seit Jahrzehnten unaufhaltsam steigen und es zuletzt in Deutschland noch einmal eine Zunahme bei den Stimulanzien wie Amphetamin („Speed“) und Methylphenidat („Ritalin“) von 45 Prozent in nur einem Jahr gab? Her mit dem Stoff!

Komischerweise spielt sich die Bewegung der Neurodiversen aber vor allem auf dem Terrain der Störungsbilder ab, die nicht nur die Individualität hervorheben, sondern auch besondere Begabungen. Das wären zum Beispiel die (angebliche) Kreativität von Menschen mit Aufmerksamkeitsstörung oder wie ihr „Hyperfokus“. Im Autismus-Spektrum geht es um Inselbegabungen sowie die hohe Intelligenz.

Solche Stereotypen wurden früher von Spielfilmen und Dokumentarfilmen kolportiert. Diese heben aber gerade das Außergewöhnliche hervor und nicht das Durchschnittliche, in diesem Sinne viel „Normalere“ eines Störungsbildes. Heute übernehmen die Betroffenen diese Aufgabe selbst auf Social Media – die nachweislich besonders falsch über die psychische Gesundheit informieren. Wahr ist, was online geklickt, geschaut und geteilt wird.

Einig ist man sich in der Wettbewerbs- und Leistungsgesellschaft darin, lieber nicht depressiv oder psychotisch sein zu wollen. Dabei könnte man, vom biologischen Paradigma aus gedacht, auch deren Gehirne als „neurodivers“ darstellen.

Breitere Perspektive

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die Psychiatrie kleidet sich gerne ins Gewand des wissenschaftlichen Realismus. Ihre Kategorien, die vielen hundert Störungsbilder, wären demnach so real wie Eisen- oder Sauerstoffatome. Dieses Bild vermittelt, wie in Teil 5 erklärt, Autorität und Objektivität; es unterstützt das Einwerben von Fördergeldern und somit Karrieren in der Forschung; und es beeindruckt schließlich in unserer „Wissenskultur“ auch viele Patientinnen und Patienten, die dann tun, was von ihnen erwartet wird, wie im vierten Teil dargestellt.

Immerhin lernen wir von klein auf, dass Wissenschaft nach Wahrheit strebt und für Fortschritt sorgt. Bis heute fehlen dazu in klinischer Psychologie und Psychiatrie aber passende Verfahren, die Störungen zu definieren, zu diagnostizieren und auch erfolgreich zu behandeln, so wie man Atome an der Anzahl ihrer Protonen festmacht und unterscheidet.

Die schlechte diagnostische Übereinstimmung und die unscharfen Grenzen zwischen den Störungsbildern sind Risse im Fundament der biologischen Psychiatrie. Es fehlt vor allem an guten Beispielen, um die realistische Sichtweise zu stützen. Dabei gibt es eine Fülle von Gegenbeispielen: Schizophrenie als „schwarze Erkrankung“ und die Medikalisierung von Geschlechtsrollen haben wir oben thematisiert. Das Beispiel par excellance bleibt aber die Pathologisierung männlicher Homosexualität.

Während in der Psychiatrie also auf der theoretischen Ebene ein Realismus angenommen wird, frönt sie in der Praxis einem Pragmatismus. Wahr ist, was nutzt – wobei die Frage bleibt, wessen Nutzen im Vordergrund steht. Dazu kommt die Macht sozialer Institutionen, die zentralen Kriterien festzulegen. Das sind hier vor allem die Kommissionen einflussreicher Psychiaterinnen und Psychiater, die in den wichtigsten Standardwerken die Diagnosen definieren: einerseits im nordamerikanischen DSM, das auch in vielen anderen Ländern maßgeblich ist, und andererseits in der ICD der Weltgesundheitsorganisation.

Die richtige Lobby

Der einflussreiche US-Psychiater Robert L. Spitzer (1932-2015), federführender Kopf hinter dem DSM-III von 1980, erklärte später, was für diese Entscheidungen maßgeblich ist: Es gehe nicht um Wissenschaft und Daten, sondern um eine starke Lobby: „Sie müssen eine Lobby haben, so geht das. Sie brauchen Truppen“ (Shorter, 2009, S. 168).

Unter Spitzer wurde erstmals ADHS ins DSM aufgenommen. Dafür gab es die passende Lobby. Ein Dr. Daniel Greenwald von einer Klinik in New Jersey setzte sich damals dafür ein, für Frauen mit unerfüllten Beziehungswünschen, mit Angst vor Enttäuschung und Verlassenwerden, die Kategorie „hysterische Psychose“ einzuführen. Ihm fehlte die Lobby. Doch der Psychiater und Medizinhistoriker Edward Shorter quittiert rückblickend, dass die neue Definition von Depressionen in Spitzers DSM diese Funktion erfüllte:

„Diese Frauen im Alter von 18 bis 35 Jahren, mit ihren trügerischen Lebenshoffnungen und ihrer Angst vor Instabilität in der Partnerschaft, erhielten die Diagnose ’schwere Depression‘ – oder würden sie heute erhalten. Dies stellte gewissermaßen eine epochale Errungenschaft dar, da dadurch ein großer Teil der Bevölkerung, der zuvor lediglich als ’neurotisch‘ gegolten hatte, weiter pathologisiert wurde – was wiederum eine anschließende Behandlung mit den damals neu in Mode gekommenen Antidepressiva vom Typ Prozac [Anm., dem ersten erfolgreichen Serotonin-Verstärker] nach sich zog.“ (Shorter, 2009, S. 153; dt. Übers.)

Diese Trends haben sich bis heute nicht verändert: Mit der Aktualisierung des DSM-5 von 2022 wurde lang anhaltende Trauer endlich als Störungsbild aufgenommen. Damit wurde die endlose Diskussion beendet, welche Formen von Trauer eine Depression sind und welche normal. Die Lobby der Forscherinnen und Forscher, die „langsames Denken“ (wortwörtlich: Denken im Schneckentempo, engl. Sluggish Cognitive Tempo) offiziell als Störung anerkannt wissen will, konnte sich bisher noch nicht durchsetzen. Jetzt versucht sie es mit den Namen „Kognitives Defizitsyndrom“ erneut. Angeblich sind 5 Prozent der Kinder davon betroffen und sollen ADHS-Medikamente helfen.

Bewacher der Normalität

Im ersten Teil der Serie habe ich daran erinnert, dass die Psychiatrie klassischerweise – neben Kirche und Polizei – die Aufrechterhaltung der Normalität zur Aufgabe hat. Noch bis in die 1970er-Jahre lässt sich die offizielle Funktion von Psychiatern nachweisen, Männer zum (angeblichen) Wohle der Gesellschaft zur Heterosexualität zu „therapieren“. Neben verschiedenen psychologischen Manipulationstechniken wie Konditionierung und Hypnose führte man in Einzelfällen sogar Gehirnoperationen durch. Die Besessenheit dieser Forscher ging mitunter so weit, dass man zum Beweis für den „Erfolg“ der Verfahren Prostituierte anheuerte, obwohl Sexarbeit verboten war. Der Zweck heiligt die Mittel!

Aber auch die kontinuierliche Veränderung oder gar das gänzliche Verschwinden von Störungsbildern, die einst massenweise diagnostiziert wurden, entlarven des Kaisers neue Kleider als Nacktheit: Hier sei nur kurz an Neurasthenie (Nervenschwäche), Hysterie oder multiple Persönlichkeiten erinnert. Die ersteren beiden waren bis ins frühe 20. Jahrhundert weit verbreitet. In einer militaristischen Gesellschaft wurden sie aber nicht länger toleriert. Im Ersten Weltkrieg konnte man als Neurastheniker noch Schonung erwarten; im Zweiten wurde man von Nazi-Psychiatern mit Elektroschocks zur Frontreife gefoltert.

Die multiple Persönlichkeitsstörung wurde in den 1970ern bis 1990ern medial vermarktet und erreichte damals – sogar laut den Fachleuten selbst – ein epidemisches Ausmaß. Nach der Anpassung der diagnostischen Kriterien im DSM-IV von 1994 und der Umbenennung in „dissoziative Identitätsstörung“ verschwand das Störungsbild wieder aus dem Rampenlicht. Das führt uns Mal für Mal vor Augen, dass die Psychiatrie, so gerne sie auch objektive Naturwissenschaft sein will, doch vor allem eine soziale Institution ist und bleibt.

Verwaltung des Leids

In dieser Artikelserie geht es primär um Depressionen und die sogenannten Antidepressiva. Dieser und der vorherige Teil stellten allgemeinere Probleme im theoretischen Unterbau von klinischer Psychologie und Psychiatrie dar. Ohne damit das Leiden der Betroffenen zu relativieren, stehen viele diagnostische und therapeutische Entscheidungen auf einem wackeligen Fundament.

Im dritten Teil führte ich – gewissermaßen als Zeugen – den anerkannten Depressionsexperten Gregor Hasler an, Psychiatrieprofessor an der Universität Freiburg (Schweiz). Vor Kurzem erklärte er in einem Podcast den „Nutzen“ der am häufigsten verschriebenen Psychopharmaka salopp wie folgt: Die Serotonin- oder Noradrenalin-Verstärker würden vor allem die Gefühle der Betroffenen dämpfen. Dann würden sie weniger ärztliche Hilfe einfordern und seien sie auch in Pflegeheimen einfacher zu betreuen.

Diese kritischen Einsichten werfen die Frage auf, was sich heute vor unseren Augen in der Gesellschaft vollzieht: Sowohl die Anzahl der psychologisch-psychiatrischen Diagnosen als auch die Medikamentenverschreibungen steigen und steigen. Im zweiten Teil verwies ich noch auf jährlich 1,8 Milliarden Tagesdosen sogenannter Antidepressiva, genug für die tägliche Behandlung von fünf Millionen Menschen. Das ist eine Verelffachung seit den späten 1980ern, als die Serotonin-Verstärker eingeführt wurden.

Laut dem neuesten Arzneiverordnungs-Report sind jetzt schon 2 Milliarden Tagesdosen erreicht, genug für die tägliche Behandlung von rund 5,5 Millionen Menschen. Und in vielen anderen westlichen Ländern sieht es ähnlich aus. Das alles geht, wohlgemerkt, nicht mit einer Abnahme von Krankschreibungen und Frühberentungen wegen psychologisch-psychiatrischer Störungen einher, sondern deren Zunahme! Und auch die Wartelisten für fachärztliche und psychotherapeutische Hilfe werden immer länger, obwohl in den wohlhabenden Ländern das Angebot viel größer ist als im Rest der Welt.

Das verdeutlicht die Tendenz des heutigen Systems, das Leiden eher zu verwalten als zu beheben. Doch das bietet wieder neue Möglichkeiten der Kapitalisierung und Vermarktung: Wer die heute populäre ADHS in sich entdeckt haben will, doch nicht privat krankenversichert ist, muss aufgrund des massenhaften Andrangs lange auf die Diagnostik warten. Schon für rund 140 Euro lässt sich aber eine erste Einschätzung kaufen. Für die vollständige Diagnose dürften eher 300 bis 400 Euro fällig werden. Natürlich zahlt man formal nur für die Untersuchung, nicht das gewünschte Ergebnis. Aber wer will schon die zahlenden Kundinnen und Kunden verärgern, zumal dann im Internetzeitalter auch negative Bewertungen drohen?

In meinem Buch über die Depressions-Epidemie habe ich diese Trends, ihre Geschichte und Hintergründe ausführlicher erklärt. Im nächsten und voraussichtlich letzten Teil der Artikelserie gehe ich noch der Frage auf den Grund, was diese Trends über unsere Gesellschaft aussagen – und wie ein Weg aus der Depressions-Epidemie aussehen könnte.

Achtung! Bei der Änderung oder dem Absetzen von Psychopharmaka oder deren Dosierung kann es zu unerwünschten Wirkungen kommen. Besprechen Sie die Möglichkeiten und Risiken im Voraus mit Ihrem behandelnden Arzt oder der Ärztin.

Der Artikel wurde zuerst auf dem Blog „Menschen-Bilder“ des Autors veröffentlicht.

Zum Thema s.a. sein Buch: Perspektiven aus der Depressions-Epidemie: Was Depressionen sind und wie man sie behandelt.

 

Quellen

  • Barlow, D. H. (1973). Increasing heterosexual responsiveness in the treatment of sexual deviation: A review of the clinical and experimental evidence. Behavior Therapy, 4(5), 655-671.
  • Friedan, B. (1963/1977). The Feminine Mystique. New York: Dell.
  • Hacking, I. (1995). Rewriting the Soul: Multiple Personality and the Sciences of Memory. Princeton: Princeton University Press.
  • Karasavva, V., Miller, C., Groves, N., Montiel, A., Canu, W., & Mikami, A. (2025). A double-edged hashtag: Evaluation of #ADHD-related TikTok content and its associations with perceptions of ADHD. PloS One, 20(3), e0319335.
  • Kotov, R., Krueger, R. F., Watson, D., Cicero, D. C., Conway, C. C., DeYoung, C. G., … & Wright, A. G. (2021). The Hierarchical Taxonomy of Psychopathology (HiTOP): A quantitative nosology based on consensus of evidence. Annual Review of Clinical Psychology, 17(1), 83-108.
  • Metzl, J. M. (2009). The Protest Psychosis: How Schizophrenia Became a Black Disease. Boston: Beacon Press.
  • Moan, C. E., & Heath, R. G. (1972). Septal stimulation for the initiation of heterosexual behavior in a homosexual male. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 3(1), 23-30.
  • Richter, H. (2026). Faktoren der Diagnoseninflation. sozialpsychiatrische informationen, 56(4), 35-39.
  • Schleim, S. (2026). Perspektiven aus der Depressions-Epidemie. Was Depressionen sind und wie man sie behandelt. BoD, Hamburg.
  • Shorter, E. (2009). Before Prozac: The Troubled History of Mood Disorders in Psychiatry. Oxford: Oxford University Press.
Stephan Schleim

Stephan Schleim ist studierter Philosoph und promovierter Kognitionswissenschaftler. Seit 2009 ist er an der Universität Groningen in den Niederlanden tätig, zurzeit als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologie. Sein Schwerpunkt liegt in der Erforschung von Wissenschaftsproduktion und –kommunikation. Schleim ist Autor mehrerer Bücher zu Neurowissenschaften, Psychologie und Philosophie.
Bild: Elsbeth Hoekstra
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Ein Kommentar

  1. Ich möchte hier eine persönliche Erfahrung ergänzen. Ich nehme Mirtazapin, allerdings nicht wegen einer ursprünglich bestehenden Depression, sondern weil ich angesichts meiner unheilbaren Krebsdiagnose überhaupt nicht mehr schlafen konnte. Ich lag zuvor tagelang wach. Seitdem schlafe ich wieder ausgesprochen gut. Besser könnte es für mich kaum sein.

    Die Kritik daran, gesellschaftliche Probleme zu individualisieren und vorschnell mit Medikamenten zu beantworten, kann ich nachvollziehen. Bei der Darstellung der Medikamente als Mittel zur Dämpfung und einfacheren Betreuung kommt mir allerdings die Perspektive der Betroffenen zu kurz. Ich nehme Mirtazapin, weil es mir ganz konkret hilft. Wieder schlafen zu können bedeutet für mich einen erheblichen Gewinn an Lebensqualität.

    Meine Krebsdiagnose verschwindet dadurch selbstverständlich nicht. Ganz bestimmt nicht! Aber muss ein Medikament die Ursache meines Leids beseitigen können, damit seine Anwendung sinnvoll ist? Auch eine nachvollziehbare Reaktion auf eine existenzielle Situation darf doch gelindert werden.

    Meine Erfahrung lässt sich nicht auf jeden übertragen. Sie gehört für mich aber ebenso in diese Diskussion: Was von außen wie eine „Verwaltung des Leids“ erscheinen mag, kann für den Betroffenen eine ganz wesentliche Erleichterung sein.

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