Die symbiotischen Antagonisten der Macht

Die sozialdarwinistische Elitegruppe verzichtet auf moralische Verbrämung und setzt auf das Recht des Stärkeren und die offene Machtdemonstration. In dieser Logik wird der Sieg im Wettbewerb bereits als Beweis für die Legitimität der Herrschaft gewertet. Bild: Weißes Haus

Die tiefergehende Auseinandersetzung mit der National Security Strategy 2025 in dem Artikel „Panam: Das Ende der europäischen Illusion“ führt über die rein geopolitische Lagebeschreibung hinaus. Hinter der Ebene der strategischen Neuausrichtung der USA öffnet sich eine zweite Ebene. Gegenstand dieses Artikels ist ein Modell der Antagonisten der Macht, das jene Architektur freilegt, die das Geschehen in der westlichen Hemisphäre jenseits der tagespolitischen Schlagzeilen bestimmt.

Aus der Perspektive dieses Modells handelt es sich bei dem gegenwärtigen Ringen der MAGA-Bewegung und anderer populistischer Bewegungen mit den globalistischen und moralistischen Bewegungen nicht um den Kampf zweier wesensfremder Politikentwürfe. Beide Seiten teilen vielmehr das fundamentale Verständnis einer hierarchisch durchorganisierten, autoritären Gesellschaft. Sie repräsentieren zwei Elitegruppen, die trotz oberflächlicher Gegnerschaft in ihrem Streben nach absoluter Macht wesensgleich sind. Die einen verstehen sich als „werteorientierte Denker und regelbasierte Lenker“, die andern als „draufgängerische Dealmaker“. Die einen sonnen sich im Lichte „unumstrittener“ Experten, die andern setzen auf Familie und Vertraute. Die National Security Strategy 2025 ist aus dieser Perspektive lediglich der Ausdruck eines momentan stattfindenden Wechsels der dominanten Elitegruppe.

Die antagonistischen Elitegruppen

Hinter dem öffentlich inszenierten Konflikt der beiden Elitegruppen verbergen sich gemäß dem Modell, das diesem Artikel zugrunde liegt, zwei archetypische Varianten des gleichen absoluten Herrschaftsanspruchs, die sich nur in ihrer Eigenrechtfertigung unterscheiden.

Die paternalistische Elitegruppe rechtfertigt ihren Herrschaftsanspruch durch eine Erzählung der moralischen Überlegenheit. Sie tritt als Hüterin von Werten, Sicherheit und Solidarität auf, nutzt jedoch technokratische Steuerung und die Kontrolle des Informationsraums, um den Einzelnen in ein vorgegebenes Raster zu pressen. Herrschaft wird hier als Fürsorge getarnt.

Die sozialdarwinistische Elitegruppe verzichtet auf diese moralische Verbrämung. Sie setzt auf das Recht des Stärkeren und die offene Machtdemonstration. In dieser Logik wird der Sieg im Wettbewerb bereits als Beweis für die Legitimität der Herrschaft gewertet. Die moralisierende Logik des intellektuellen Rechthabens weicht einer machiavellistischen Logik des pragmatischen Durchsetzens.

Beide Elitegruppen eint eine tiefe Abneigung gegen die demokratische Einhegung von Macht und ein mangelnder Respekt vor dem Souverän. Diese Haltung gründet auf einem gemeinsamen psychologischen Tiefenprofil. Das Modell nimmt eine manifeste soziopathische Persönlichkeitsstruktur als Triebfeder an. Die Instrumentalisierung von Willkür und das mitunter brachiale Brechen des dagegen opponierenden Widerstands in der eigenen Bevölkerung und in fremden Völkern bedient demnach die Sucht nach dem Erleben eigener Omnipotenz und nach der Bestätigung der eigenen Exzeptionalität. Im Kern geht es den jeweiligen Protagonisten um das exzessive Ausleben von Macht und immer mehr Macht.

Dabei verwenden beide Elitegruppen den Begriff der „Westlichen Hemisphäre“ in jeweils eigener Lesart: Die paternalistische Elitegruppe meint damit die tradierten transatlantischen Strukturen (Nordamerika und Europa), die sozialdarwinistische Gruppe den panamerikanischen Doppelkontinent. Den „Globalen Süden“ sowie Russland, China und Indien begreifen beide lediglich als Gegenstand ihrer Machtausübung. Für die paternalistische Elitegruppe ist er das Objekt ihrer Missionierung und „Regelbasierten Ordnung“, für die sozialdarwinistische Elitegruppe das Objekt ihrer Erpressung und offenen Unterwerfung.

Der „Schaukampf“ der beiden Elitegruppen stellt einen symbiotischen Antagonismus dar, der die fortgesetzte elitäre Machtausweitung gegenüber der eigenen Bevölkerung und fremden Völkern rechtfertigt. In ihrem konzertierten Agieren haben beide Elitegruppen die Ideale der Aufklärung und des Humanismus längst überwunden. Die Idee von Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Grundrechten, Menschenrechten, Völkerrecht sind längst zur hohlen Folklore verkommen.

Die Selbstdelegitimierung des tiefen Staats

Über Jahre hinweg hat die paternalistische Elitegruppe ein tiefes institutionelles Geflecht geschaffen, das sich durch alle Ebenen der Rechtsprechung, Verwaltung, Institutionen, Wissenschaft, Kultur, Medien und Nichtregierungsorganisationen zieht. Darüber hinaus wurde hoheitliche Durchsetzungsmacht an überstaatliche, halbstaatliche, nichtstaatliche und extrastaatliche Dritte ausgelagert.

Über Instrumente wie das „Debanking“, die Beauftragung sogenannter Faktenchecker oder die Alimentierung von Internetprangern entzieht sich der Staat der unmittelbaren Bindung an Grundrechte und Verfassung. Je tiefer all diese Strukturen reichen und je indirekter der Einfluss des unmittelbaren Wählerwillens wird, desto weiter klafft die demokratische Legitimationslücke. Diese wird von ungewählten Akteuren gefüllt, die fernab der öffentlichen Wahrnehmung die eigentliche Entscheidungsgewalt im Staat übernommen haben.

Der Wechsel der Folklore

Diese paternalistische Entfremdung und Entmündigung bilden den Nährboden für den Aufstieg der sozialdarwinistischen Elitegruppe. Der gegenwärtige Umschwung markiert den Übergang von einer Phase paternalistischer Dominanz hin zu einer Phase sozialdarwinistischer Dominanz. Der durch Wahlen artikulierte Wille der Bevölkerung perlt dabei jedoch an den zementierten tiefen Machtstrukturen ab.

Statt die Rechtsstaatlichkeit zu restaurieren und in ihrer Resilienz zu stärken, nutzt die sozialdarwinistische Elitegruppe die bereits weitgehend zersetzte Rechtsstaatlichkeit, um die eigenen Machtbereiche auszubauen und noch wirkungsvoller vor dem demokratischen Regulativ und der zu erwartenden Gegenwehr der paternalistischen Elitegruppe abzuschirmen. Sie ersetzt die verdeckte Herrschaft lediglich durch eine offene Herrschaft.

Während die Erzählung wechselt, schreitet die Demontage der Rechtsstaatlichkeit unabhängig vom Wählerwillen fort. Die Progression der Macht, ausgedrückt durch Überwachung, Zensur, Propaganda, Vereinzelung, Technologisierung, Technokratisierung geht ungebremst weiter. Der Souverän wird von der jeweils amtierenden Machtelite immer tiefer in die „freiwillige“ Gefolgschaft getrieben.

Das gegenwärtige Schauspiel

Donald Trump und mit ihm seine Wählerschaft bekamen den tiefen Staat während seiner ersten Amtszeit unmittelbar zu spüren. Der Washingtoner Sumpf ließ die Vorstöße von Donald Trump an sich abperlen. Geheimdienste, Ministerien, Medien und alle anderen Institutionen machten einfach weiter, als hätte es die anderslautende Wahlentscheidung nicht gegeben. Die Administration widersetzte sich den Anweisungen – nicht offen, nicht so, dass Donald Trump einzelne Widerstandsnester hätte lokalisieren und ausheben können. Er konnte zwar die politischen Ämter neu besetzen, doch die neue Führung konnte nicht an den paternalistisch durchtränkten Apparat andocken. Die neue Führung blieb ein Fremdkörper. Der Apparat ließ sie ins Leere laufen.

Donald Trump hat die Jahre zwischen seinen beiden Amtszeiten genutzt, um sicherzustellen, dass er diese Fehler nicht wiederholt. Im zweiten Anlauf ging er mit deutlich besserer Vorbereitung und maximaler Brachialität gegen den Apparat vor. Mit der Einrichtung des DOGE (Department of Government Efficiency) hat Donald Trump ein Instrument geschaffen, das den Apparat nicht mehr nur personell neu besetzt, sondern ihn abwickelt. Die Missachtung multinationaler Regeln und der demonstrative Ausstieg aus internationalen Institutionen markieren den endgültigen Bruch mit der paternalistischen Weltordnung und ihrem Regelwerk. Ob durch die militärische Fokusverlagerung auf Grönland als nördlichen Anker von Panam, die Delegation der Sicherheit an regionale Juniorpartner – Donald Trump setzt exakt das um, was er in der ersten Amtszeit als Hindernis identifiziert hatte. Die National Security Strategy 2025 und mittlerweile auch die National Defence Strategy 2026 sind dabei die Operationspläne für eine autarke globale Großmacht, in der Europa lediglich als tributpflichtiger Juniorpartner am Rande vorkommt. Donald Trump zerschlägt die alte multinationale Ordnung und nutzt die zurückbleibenden Trümmer als Baumaterial für seine Vision einer Festung Amerika.

Der Washingtoner Sumpf hatte während der ersten Amtszeit von Donald Trump demonstriert, dass er sich dem Paternalismus stärker verpflichtet fühlte als dem Wählerwillen. Die Ideologie hatte über die Demokratie triumphiert und zwar lange bevor Donald Trump an die Macht gekommen war. Dieses Geschehen steht exemplarisch für den symbiotischen Antagonismus der Macht. Das Wechselspiel der beiden Elitegruppen läuft letztlich auf die Abschaffung der Einhegung von Macht hinaus. Die Folklore, die die beiden Elitegruppen verbreiten, ist dabei zutiefst unlogisch. Zerstören sie doch mit ihrem Handeln genau das, was sie zu verteidigen vorgeben, nämlich die Errungenschaften der Aufklärung. Wer hier für einen der beiden Symbionten Partei ergreift, verkennt die tieferen Zusammenhänge und macht sich ungewollt zum Büttel der Macht.

Donald Trump führt gegenwärtig vor, wie eine globale Großmacht ihre relative Übermacht in bilateralen Konstellationen einsetzt, um den Rest der Welt zu dominieren. Diese Strategie funktioniert, weil sich die übrigen Mächte gegeneinander ausspielen lassen oder gar im Konflikt miteinander stehen. Jede Machtsphäre handelt in dem Wissen, dass die anderen Machtsphären im Zweifelsfall einen Handel zu Lasten dritter Machtsphären schließen werden und handelt selbst entsprechend. Donald Trump wiederum tut sein Bestes, um diese für ihn vorteilhafte Konstellation aufrechtzuerhalten. Nur so kann er seine Vision von Panam Wirklichkeit werden lassen.

Die auf der Bühne stehenden Machthaber in der Europäischen Union und in Großbritannien haben längst erkannt, dass sie sich vor den Karren der transatlantischen Machtelite haben spannen lassen und auch, dass die transatlantische Seilschaft nicht nur vorübergehend dysfunktional ist. Sie stecken in einem Dilemma. Geben sie zu, dass sie sich zu Lasten ihrer Bevölkerungen verspekuliert haben, verlieren sie ihre Macht sofort. Ihre Machtsucht treibt sie dazu, weiterzumachen, bis ihre Bevölkerung endgültig unter der Last zusammenbricht. Dabei verkaufen sie die gesteigerte Machtfülle, mit der sie die selbst geschaffenen Probleme bekämpfen, als alternativlos, um doch noch eine Lösung zu finden.

Wer genau hinschaut, sieht durch den Vorhang die Schatten einzelner „Philanthropen“, die es mit beiden Elitegruppen halten. Diese Oligarchen spielen virtuos auf der Klaviatur beider Lager. Ihre Macht wächst unabhängig von der Folklore, die gerade auf der Bühne gespielt wird.

Die auf der Bühne stehenden Machthaber werden von kleinen und großen Komparsen begleitet, die ein untrügliches Gespür dafür besitzen, wo sie aktuell ihr eigenes Machtbedürfnis am wirkungsvollsten ausleben können. Infolge des laufenden Umschwungs erkennen sie, dass sie ihr Machtbedürfnis immer weniger auf der angestammten Seite befriedigen können. Zunächst zögern sie noch, die Seite zu wechseln. Sie wissen, wie tief man stürzen kann. Schließlich sind sie es selbst, die die Abtrünnigen bisher ausschließen und deren Leben zerstören. Irgendwann werden einzelne dennoch ihrem Machtbedürfnis folgen und den Anfang machen. Bald darauf wird eine massenhafte Absetzbewegung einsetzen, weil keiner der Letzte sein will, der „von den sozialdarwinistischen Hunden gebissen“ wird.

Die Antiaufklärung als moderne Aufklärung

Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Nein, er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus“, so das dem italienischen Schriftsteller, Journalisten und Antifaschisten Ignazio Silone zugeschriebene Zitat.

Aufklärung ist ihrem Wesen nach der kognitive Prozess der Wahrheitssuche. Die Wahrheitssuche entspringt dabei einem fundamentalen naturalistischen Welt- und Menschenverständnis auf der Grundlage eigener Erfahrung und Vernunft sowie einer radikalen Vorstellung natürlicher Souveränität.

Seit sich die Macht aus den Fesseln gewunden hat, die ihr im Zuge der Aufklärung angelegt wurden, unterzieht sie die Aufklärung konsequenterweise einer Orwellschen Umdeutung. Was heute von der paternalistischen Elitegruppe als „moderne“ Aufklärung ausgegeben wird, nötigt die Bevölkerung, die Wirklichkeit so wahrzunehmen, wie sie von der Autorität verordnet oder von protegierten Experten und weisungsgebundenen Institutionen verkündet wird. Wer sich dieser Logik der Macht entzieht, muss mittlerweile wieder damit rechnen, mittelalterlich vogelfrei gestellt zu werden.

Die Renaissance der Aufklärung

Der aufgeklärte Mensch kann sich der Unlogik der Antiaufklärung widersetzen. Er kann weiter zwischen Herrschaft und Souveränität, Exzeptionalität und Emanzipation, Glaube und Wahrheitssuche unterscheiden und dadurch seine Integrität über den derzeit laufenden zivilisatorischen Regress hinwegretten.

Wer das Muster erkennt, das dem symbiotischen Antagonismus der Macht zugrunde liegt, verliert vielleicht den gewohnten Halt, gewinnt aber wertvolle Zeit. Zeit, die sonst in der Empörung über die amtierende Elite oder in der Hoffnung auf den nächsten Umschwung verloren ginge. Die auf diese Weise gewonnene Zeit lässt sich nutzen, um sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und daraufhin ins konstruktive Handeln zu kommen und zwar dort, wo man tatsächlich etwas bewirken kann, nämlich bei sich selbst sowie im nächsten und näheren Umfeld.

Die Einhegung der Macht, wie sie die Denker der Aufklärung noch für möglich hielten, entpuppt sich gerade als Illusion. Hierarchie und Macht sind zwei Seiten derselben Medaille. Wer keine früher oder später wieder Amok laufende Macht will, mag vielleicht über andere Formen gesellschaftlicher Ordnung nachdenken, die ohne Hierarchien auskommen. Dieser Gedanke drängt sich jedenfalls auf, wenn man das gegenwärtige Schauspiel auf sich wirken lässt.

Ruben Schattevoy

Ruben Schattevoy ist promovierter Physiker. Zuletzt war er als Organisationsberater tätig. Heute ist er im Ruhestand und nutzt die gewonnene Zeit, um sich mit der menschlichen Bedingtheit zu befassen. Er versucht auf dieser Basis sich selbst, seine Beziehungen und das System besser zu verstehen. Diese Beschäftigung ist für ihn so sinnstiftend, dass er sich immer wieder der anderen Dinge besinnen muss, die sein Leben erst in ihrer Gesamtheit lebenswert machen.
Mehr Beiträge von Ruben Schattevoy →

Ähnliche Beiträge:

55 Kommentare

    1. Der Artikel ist schon ziemlich beeindruckend und er knüpft etliche lose Enden sehr überzeugend zusammen.

      Ich habe nur einen Fehler erkannt, wo es um Trumps erste Amtszeit geht. Es war keineswegs nur der „tiefe Staat“, der ihn wieder und wieder auf die Sandbank schickte, sondern er hatte seine Regierungstruppe mit einigen versöhnlichen personellen Gesten zusammengestellt. Und diese Leute servierten ihn dann öffentlich und mit begeisterter Unterstützung der H.Clinton-treuen Medien ab.

      Es machte regelrecht verzweifelt, wenn man damals sah, wie die viel hintertriebenere Biestigkeit schon damals von der versammelten Anti-Trump-Seite ausging und er, der Super-Unsympath, immer wieder als Opfer da stand.

      Das was DOGE innerhalb der USA leistete, erledigte die Zerstörung von USAID auf internationaler Ebene. All die unzähligen Pressestellen in unzähligen Ländern, die während seiner ersten Amtszeit für den international orchestrierten Widerstand gegen ihn sorgten, waren zerschlagen und die ausländischen Medien, die quasi enthauptet plötzlich ihre eigenen Texte formulieren musste, waren auf ratlose und richtungslose Fassungslosigkeit zurückgeworfen.

      Ebenso die europäischen Staatenführer, denen letztlich nur der gemeinsame Kniefall vor Trump, vor Daddy, ihrem neuen Orientierungspunkt, einfiel. Seither ist klar, dass der Transatlantismus über die Jahrzehnte in Westeuropa Politikergenerationen aus Followern erzeugt hat, die zu keiner Idee, zu keinem Zielplan ohne die USA fähig sind. Außer dass sie nun das viele Geld, das Vorgänger wie, um die Deutschen zu nennen, Kohl, Schröder und Merkel noch für heimische Bereicherung generell heimischer Geldeliten umleiteten, nun gezielt zu heimischen Rüstungsfirmen umzuleiten suchen, soweit Trump das zulässt.

  1. Ich fands recht interessant. Paternalismus kannte ich noch nicht, scheint aber für Deutschland zu passen. Die Frage die sich stellt was ist besser. Mir scheint wir haben nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Demokratie sollte eigentlich ohne Eliten auskommen. Da läuft wohl grundsätzlich was schief. Mein Wahlspruch zurück zur griechischen Urdemokratie. Hier mal ein paar Auszüge:

    „Wie die Mitgliedschaft im Rat der 500 wurden auch die zahlreichen Ämter größtenteils per Los unter jenen Athenern vergeben, die sich dafür zur Verfügung stellten und ihr Bürgerrecht nachweisen konnten.“

    „Die Richter wurden in einem komplizierten Verfahren aus 6.000 athenischen Bürgern ausgelost, die über 30 Jahre alt sein mussten und für das jeweilige Jahr den Heliasteneid geschworen hatten. “

    „Jeder Prozess musste innerhalb eines Tages abgeschlossen sein. Für Verhandlung und Urteil in der Popularklage standen generell 9 ½ Stunden zur Verfügung; in Privatklagen konnte das zuständige Gericht bis zu 4 Verfahren pro Tag bearbeiten.“

  2. Ein Denker wie der Autor müsste doch mit der Dialektik vertraut sein, These, Antithese, Synthese. Also wird alles gut – oder auch nicht, wie Trump sagen würde. Hinter dem Artikel steckt der totale Nihilismus oder Kulturpessimismus, fundiert durch die Angst, sich irgendwie festzulegen.

  3. Recht anregend im Großhirn. Ich sehe machtergreifende Ursupatoren und die Entstehung neuer Staatsformen, die sich nicht Faschismus nennen, auch nicht so genannt werden können, auch nicht Antifaschismen, sondern uns selbst sagen, wie sie genannt werden wollen, von willfährigen Nutznießern und Schreiberlingen: Es sind die neuen Unseredemokratien, in denen Aufklärung, Wahrheit und Freiheit neu gedeutet wird. Wo das „uns“ den anderen ausschließt, obwohl er dazugehört.

    1. Oh! Ursupator verhält sich zu Usuppe wie Usupator zur Ursuppe. Mir ist sowas ja immer etwas peinlich, aber einer KI wäre das nicht passiert.

    1. Das ist jetzt sehr ernst gemeint und kein Einwand um des Einwandes Willen. Ich sehe nicht, dass man mit so einer klassischen marxistischen Beschreibung des Staates als Instrument der ökonomisch herrschenden Klasse zur Sicherung der Ausbeutung und der Profitgewinnung noch sehr weit kommt. Einmal gibt es keinen messbaren Widerstand der Ausgebeuteten, gegen den man den Staat in Stellung bringen muss. Jedenfalls nicht in den kapitalistischen Zentren. Schon gar keinen, der das System überhaupt in Frage stellt. Bestenfalls, dass man um einen Anteil, an dem was man erarbeitet, kämpft. In Frankreich vielleicht, in Deutschland nicht mal das.
      Wenn du dir nun das Agieren europäischer Regierungen anschaust, die sich nicht mal mehr um die realen Profitinteressen des eigenen Kapitals scheren, wird man neue Überlegungen zu dem, was da abgeht, anstellen müssen und darauf zu beharren, sich an zweihundert Jahre alten Texten festzuhalten, so klug diese auch sind, bringt es eher nicht.
      Wie dem auch sein – ich kann mit dem vorliegenden Text sehr viel anfangen und sehe, anders als du, grundlegende Konflikte beschrieben. Nur, dass ich den noch leise auf flackernden Optimismus nicht teile.

      1. Die „wahren Ursachen“ sind weiterhin, dass das Finanzsystem auch Kapitalismus genannt, des Westens am Ende ist und der Mehrwert nicht mehr zu erbringen ist.
        Nur hat sich die herrschende Klasse weitestgehend zusammengetan und beschlossen, das sie nur noch einen Bruchteil der „Human ressources“ benötigen und beschlossen zukünftig nicht mehr mit uns die letzten Ressourcen zu teilen.
        Das ist jedenfalls die Agenda der herrschenden Klasse, respektive des WEF, der UN und eben wohl auch der EU.

        1. Die „wahren Ursachen“ sind weiterhin, dass das Finanzsystem auch Kapitalismus genannt, des Westens am Ende ist und der Mehrwert nicht mehr zu erbringen ist.

          Die Ursache „Kapitalismus“ ist aber doch nicht vom Himmel gefallen wie ein Komet, sondern wurde von Menschen geschaffen und somit verursacht! Und zwar nicht von irgendwelchen, sondern von Psychopathen, also solchen, deren charakteristische Eigenschaften Egoismus, Empathielosigkeit und eine besondere Befähigung zur Manipulation sind . Letztere nutzen sie aus, um Zustimmung anderer und damit Macht zu erlangen. Macht, die Verhältnisse im Sinne ihres Menschenbildes zu gestalten (vgl. Maggie Thatchers „There is no such thing as society …“), was dazu führt, dass andere sich an diese Verhältnisse anpassen, sprich eben dieses Verhalten zeigen, das durch die psychopathischen Verhältnisse befördert wird.
          Lange genug waren diese Verhältnisse im Feudalismus verwirklicht, aber die Forderungen der Aufklärung (die man ja zwanglos als „antipsychopathisch“ bezeichnen kann, schließlich ist Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit genau das, was Psychpathen nicht wollen, weil es ihre Bedürfnisse unerfüllt lässt) waren zu attraktiv als dass oben Erwähnte sie sich nicht zu nutze gemacht hätten, um wieder Zustimmung zu generieren, und das hat das feudale System in Kapitalismus verwandelt, der die psychopathischen Bedürfnisse noch besser befriedigt.
          Der Kapitalismus ist also nicht nur Ursache, sondern insbesondere auch Symptom: Psychopathen machen Kapitalismus macht Psychophaten machen Kapitalismus macht Psychopathen …

          Keine Ahnung, ob das stimmt, aber so stell ich mir das vor.

            1. Genau! Wie gewohnt griffig formuliert von Dir!
              Wer von Geburt an unter gewissen Bedingungen aufwächst und keine anderen erlebt, dem kann man leicht weismachen, diese seien „natürlich“.

        2. @scm

          Der Egoismus ist ohne Zweifel das zugrunde liegenden Prinzip des Kapitalismus. Er ist aber auch ein substantieller Bestandteil des Menschseins. Entwicklungsgeschichtlich vielleicht sogar primär, wenn man sich die individuelle Entwicklung des Menschen anschaut (vom Säugling bis zum Greis).

          Überträgt man die individuelle Entwicklung des Menschen auf die Entwicklung als Gattung, auf die Entwicklung der Gesellschaftsformen, dann befinden wir uns bestenfalls auf der Stufe des Kindergartens, wo das Kind merkt, dass es noch andere Interessen als seine eigenen gibt. Als Krankheit (Psychopathie) würde ich diesen Zustand nicht bezeichnen, sondern als einen Zustand des Lernens aus Erfahrungen, der Auseinandersetzung mit der Realität, wodurch ein kollektives Bewusstsein entstehen kann, um damit den Egoismus zu überwinden.

          Nun ist es aber in der westlichen Welt so, dass der individualistische Liberalismus zur herrschenden Ideologie geworden ist. Er verhindert, dass sich die westlichen Gesellschaften aus dem Kindergarten-Dasein heraus entwickeln können. Die liberale (individuelle) Freiheit ist die Klammer, die die Gesellschaft im Kapitalismus festhält, sie verhindert die weitere Entwicklung der Gesellschaft über den Egoismus hinaus.

          Alle Ideologien, die die individuelle Freiheit als höchstes Gut verehren, befinden sich gesellschaftspolitisch in einer Sackgasse. Wozu ich auch libertäre und anarchistische Ideen zählen würde.

          1. Hi garno!
            Ja, ich hab‘ auch gezögert, den Ausdruck „Psychopath“ zu verwenden, es aber doch gemacht, weil er für mich die drei erwähnten wesentlichen Eigenschaften zusammenfasst. Ob die sinnvollerweise als Symptome einer Krankheit interpretiert werden können bleibt für mich dahingestellt …
            Wichtig scheint mir, dass wenn man in der unten beschriebenen Kette nur eines der beiden Glieder, den Kapitalismus entfernt, er als Wirkung der verbleibenden Ursache bald wieder in Erscheinung träte. Sprich, es wäre notwendig, zumindest die Wirkmacht der Psychopathologie zu bekämpfen, und das Mittel dazu scheint mir die Immunisierung der anderen gegen dessen Manipulationsversuche.

          2. Die liberale (individuelle) Freiheit ist die Klammer, die die Gesellschaft im Kapitalismus festhält, …

            Ja, aber ich würd‘s etwas anders formulieren:
            die Behauptung, der Mensch sei des Menschen Wolf und eben dies sein zu dürfen, sei Ausdruck höchster individueller Freiheit ist zentrales Element von mir erwähnter Manipulation.

          3. @scm

            Wollen Sie den im Westen liebgewonnenen Liberalismus retten indem Sie auf seinen Abkömmling dem Libertarismus lenken?
            https://www.infosperber.ch/politik/welt/die-usa-und-israel-verstehen-die-philosophin-ayn-rand-lesen/

            Es stellt sich doch die Frage ob der Libertarismus nicht eine zwangsläufige Folge des Liberalismus ist? Nämlich in dem Sinne, dass der Kapitalismus in seiner imperialistischen Ausprägung einer entsprechenden Ideologie bedarf – der Egoismus muss moralisch begründet werden.

            1. Wollen Sie den im Westen liebgewonnenen Liberalismus retten indem Sie auf seinen Abkömmling dem Libertarismus lenken?

              @ garno:
              Puh, kann ich jetzt schlecht beantworten, zumal ich diese Begriffe nicht verwenden möchte.
              Ich denke, Menschen haben zum einen ein Bedürfnis nach Teilhabe an einer Gemeinschaft, andererseits eines nach Ausleben ihrer empfundenen Individualität. Fallweise unterschiedlich ausgeprägt.
              Aus jeweils nur einem dieser beiden ein „höchstes Gut“ abzuleiten, dessen Verwirklichung alle Mittel rechtfertigt, also das will ich ganz sicher nicht!

              Es stellt sich doch die Frage ob der Libertarismus nicht eine zwangsläufige Folge des Liberalismus ist?

              Also „zwangsläufige Folge“ im Sinne von „läßt sich logisch folgern“ sicherlich nicht.
              Und wenn dem so wäre?
              Es läßt sich auch die Frage stellen, ob Scheiße nicht zwangsläufige Folge leckeren Essens sei …

              Gruß
              Pirx

  4. Das Modell beruht auf Beobachtungen, was ein großer Vorteil gegenüber purer Ideologie ist, sei sie links, sei sie rechts inspiriert.
    Nachteilig finde ich an dem Artikel, dass er den Ukrainekonflikt vollständig ausklammert. Schließlich spitzte sich dort der Konflikt zu zwischen Globalisten und Nationalisten (ich bleibe bei dieser Bezeichnung, die ich passender finde als Paternalismus, Sozialdarwinismus).
    Die Globalisten, mit ihrem Maidan, mit ihren massiven Investitionen in die Ukraine, die zum Frontstaat ihrer Militäraktion zur „Dekolonialisierung“ Russlands ausgebaut wurde mit hunderttausenden Toten, eine Aktion, für die sie ihre von langer Hand installierten EU Vasallen für ihre Zwecke mobilisierten.
    Dann die Nationalisten um Trump: Versuchte Trump, den Konflikt zu stoppen, hintertrieben die Globalisten mit ihrem tiefen Staat, EU gestützt, alles, was er in seiner ersten Amtszeit versuchte – bekanntermaßen bis hin zu einem Impeachmentverfahren wegen Russland-Nähe, verbunden mit etlichen weiteren Gerichtsverfahren, die ihn während der Biden Herrschaft fast ins Gefängnis gebracht hätten.
    Aus diesen Ereignissen ergeben sich klar und deutlich die Weltherrschaftsambitionen des Globalistenflügels, mit 800 Militärstützpunkten weltweit, mit einem weltumspannenden Ideologieapparat zum „Endkampf“ überzugehen, koste es, was es wolle.
    Deshalb entscheidet sich in der Ukraine, wer von beiden Fraktionen gewinnt.
    Gegen die EU-Vasallen der Globalisten tut sich die Trumpfraktion nach wie vor schwer – sie haben bisher alle Friedenspläne hintertrieben mit dem klaren Ziel, dort bis zur Niederlage Russlands weiterzumachen.
    Fazit: es ist nicht nur eine andere Art, in den USA zu regieren, es ist vielleicht die letzte Chance, mit der Trumpfraktion, so seltsam das auch klingen mag, das drohende technisierte Mittelalter mit absoluter Oligarchenherrschaft (die UNO als Herrschaftsinstrument haben sie ja bereits weitgehend übernommen) und IT-gestützter Vollkontrolle der Menschheit insgesamt noch aufzuhalten.

    Derzeit ist noch nicht einmal ausgemacht, ob sich die beiden Fraktionen – zumindest teilweise- nicht zusammentun. Wenn ein L. Fink von Blackrock angibt, den Friedensrat von Trump unterstützen zu wollen, ist dies eher ein beunruhigendes Signal.

    1. @Routard
      „Wenn ein L. Fink von Blackrock angibt, den Friedensrat von Trump unterstützen zu wollen, ist dies eher ein beunruhigendes Signal.“

      Bereits der „Friedensrat“ an sich ist ein höchst beunruhigendes Signal. Eigentlich müsste dazu viel mehr geschrieben werden. Was Trump da vor hat, ist monströs.

      1. @Zebraherz: Ergibt sich der Trump-Friedenrat nicht automatisch aus der Usurpation der UN durch die Globalisten? Eine ganz andere Frage ist, ob es so funktionieren wird, wie er das im Einzelnen umzusetzen versucht. Nachvollziehen kann ich es schon: die UNO in der sich überall Globalistenvasallen (Baerbock z.B., ich erinnere noch an die Rolltreppen-Episode) eingenistet haben, kann er nicht nutzen, also installiert er ein Trump-gesteuertes neues Gremium…

  5. 11-mal den Terminus „Aufklärung“ im Aufsatz verwendet. Hut ab! Dem bebrillten Physiker hat noch keiner erklärt, dass die bürgerliche Aufklärung des 19 Jhrdt begraben unter den Baracken von Auschwitz liegt.

    1. Wieso sollen diese Prinzipen und Werte “unter den Baracken von Auschwitz“ begraben liegen:

      • Beweis durch Überprüfen in Experiment und Quellenkritik statt durch Bezug auf Autoritäten!
      • Wissen statt Glauben!
      • Jeder soll seine Gedanken frei und ohne Bedrohung veröffentlichen  können!
      • Glaubensfreiheit (keine Verfolgung wegen Mitgliedschaft in einer abweichenden Religionsgemeinschaft oder wegen Atheismus)
      • Trennung von Kirche und Staat!
      ?????

  6. Zur aktuellen Situation in den USA ist das eine der klügsten und besten Analysen überhaupt.
    Mit weitem Abstand vor anderen hier veröffentlichten Texten.
    Danke!

    Zu ergänzen wäre allenfalls, in welcher Weise sich die zwei Elitenfraktionen auf eine jeweils unterschiedliche Klientel stützen.

    Damit ist allerdings keineswegs gesagt, dass diese Elitenfraktionen wirklich dauerhaft und nachhaltig die Interessen ihrer Anhänger bedienen werden. Andererseits können es sich beide Seiten aber auch nicht leisten, offen auf Distanz zur eigenen Anhängerschaft zu gehen.

    Hieraus erwächst zwar keine regelrechte Abhängigkeit, aber doch eine gewisse Beschränkung des eigenen Handlungsspielraumes. Auch ist denkbar, dass aus den Reihen der Anhängerschaft noch Aktionen kommen, die das Geschehen mehr und womöglich sogar gegen den Wunsch der Anführer der beiden Elitenfraktionen bewegen und vorantreiben.

  7. Ich sehe den Gegensatz zwischen den beiden Kapitalfraktionen noch deutlich grundlegender, und ich halte ihn NICHT für antagonistisch, weil sie nämlich beide gleichzeitig gemeinsame Hauptziele verfolgen.
    Zur Erläuterung:
    Ich würde die beiden Fraktionen lieber als Globalisten (bestehend vorwiegend aus Finanzkapital, beheimatet vorwiegend bei den Dems) und Isolationisten (berühmtester Verteter und Vormann Trump, Industrie, Rohstoffkapital und Militär) bezeichnen.
    In der Vergangenheit haben die Globalisten dominiert, freier Kapitalexport in die gesamte Welt hat ihnen Maximalgewinne beschert, auf Kosten der lokalen Kernindustriebereiche in den USA und der großen industrialisierten Vasallen.
    Jetzt hat sich das ökonomische UND politische Schwergewicht eindeutig verschoben zu den Isolationisten.
    Zwei Ursachen sehe ich dafür als entscheidend an: erstens die „Überdehnung“ der militärischen globalen Übermacht der USA, und zweitens CHINA.

    Der erste Punkt läßt sich daran ablesen, daß die US-Streitkräfte sicher noch in der Lage sind, weltweit militärische Schläge auszuführen, aber keine Landbesetzungen mehr ausführen können (s. Irak, Afghanistan, Iran, Venezuela…). Vielleicht kommen sie bei einer Verdoppelung des Militäretats durch Trump wieder dahin (aber die Kosten… Schulden… die Finanzmärkte…). Das kann eine Weile dauern, weil ja dafür erst wieder die industrielle Grundlage vulgo Produktionskapazität aufgebaut werden muss.
    Und auch das nordkoreanische Modell wird weltweit mit Interesse beäugt (hast du die Bombe in der Hand, bleibt Air Force weg von deinem Land….)

    Und zum zweiten, China:
    Die überaus erfolgreiche Industrialisierung Chinas (durch Produktionsverlagerung des Westens mitgetragen…) hat zu erheblichen Kapitalüberschüssen der VRC geführt. Und was machen die Chinesen jetzt damit? Sie kopieren das Geschäftsmodell der westlichen Globalisten, arbeiten mit und nach denselben Spielregeln des Weltmarktes und beginnen, nicht mehr nur Waren zu exportieren, sondern auch KAPITAL, und wollen damit Gewinne machen. (Kann sich noch jemand an Berichte über chinesische Firmeneinkäufe weltweit erinnern? na also…). Auch die Seidenstraßenprojekte sind eigentlich nichts anderes.
    Nach marxistischen Bewertungen würde also China jetzt das Kriterium eines Imperiums erfüllen – wenn es da nicht den Punkt des Kapital(Profit)-Rückflusses gäbe, der eben nicht wie bei einem typischen extraktiven Finanzimperium funktioniert.

    An diesem Moment spätestens gingen in den bisherigen Finanzimperien im Westen alle roten Lampen an: so war das ja nun nicht gedacht, Profite aus globalistischer extraktiver Finanzpolitik haben schließlich nur in den Westen zu fließen. Also war man sich mehrheitlich einig, daß jetzt wieder das andere Modell GEGEN China in Stellung gebracht werden muss, der Isolationismus, verbunden mit wirtschaftlicher Abschottung, auch durch Zölle, Hervorhebung der nationalen Fragen (MAGA, Rückholen der Industrie usw.) und Absicherung der Einflussbereiche und wirtschaftlichen Hinterhöfe („Südamerika ist unseres allein“). Und unbedingt eine Abtrennung und Schwächung der möglichen Verbündeten von China wie Russland, Indien, EU…
    Tatsächlich ist China das wirtschaftliche Hauptproblem für das westliche Finanzkapital, deswegen gehen die da (fast alle) mit und sind sich einig mit den Isolationisten um Trump (der ja die bekanntesten Multimilliardäre in seinem Team gebündelt hat).
    Also nix Antagonisten.
    Natürlich gäbe es bei dem ganzen Theater noch viele andere Facetten zu beleuchten, aber das soll hier erst mal reichen.

      1. nicht vergessen, aber nur implizit erwähnt: Kosten für Konkurrenten verursachen , ganz besonders für solche, die mit China rumhängen (wollen), und die man nicht selbst plattmachen kann.
        Man muss bedenken, daß die USA im Ukrainekrieg eben nicht direkt involviert sind und waren (klar, waren sie doch,, aber eben nicht mit Truppenkontingent und Bleisärgen auf dem Kennedy-Airport) , sondern daß die US-Rüstungskonzerne nur Gewinne abgeschöpft haben – denen ist egal, ob ein Krieg gewonnen oder verloren wird, Hauptsache die Gewinne sprudeln…)

    1. Guter Aufriss, wenn ich einpreise, das Publikum hat derart falsche Vorstellungen vom Geld, damit auch Weltgeld und „Dollar“, daß man in erster Instanz nicht damit argumentieren sollt.

      Aber das führt auf einen nicht vernachlässigbaren Fehler:

      Nach marxistischen Bewertungen würde also China jetzt das Kriterium eines Imperiums erfüllen

      Die „Kritik der politischen Ökonomie (des Kapitalismus)“ kennt kein „Imperium“, das ist eine militärpolitische Kategorie. Geht einer aber vernünftigerweis davon aus, daß dies militärpolitische Phänomen in Geld und Weltgeld und dessen Umläufen angelegt ist, dann hat er fest- und klar zu stellen, „China“ ist neben der EU zum bedeutensten Teil dessen aufgestiegen, was vor 1990 mit Fug „US-Imperium“ genannt werden konnte. Und es ist halt nicht die chinesische Staatsführung, die das möglichst schnell ändern will, die möchte (und „muß“ nach politökonomischen Kriterien) noch über einen erklecklichen Zeitraum Umbauten vornehmen, um daran was zu ändern, und das vor allem auf dem chinesischen Binnenmarkt. Die Konkurrenten nötigen die chinesische Staatsführung zum (Auf-)Bau einer militärpolitischen Gegenmacht, und diese Nötigung ist für sie aktuell deshalb so zerstörerisch, weil sie sie in ein Zwangsverhältnis zu einem anderen Antagonisten steckt: Russland.

  8. Das sagte auch bereits der später Ernst Jünger in Werken, wie „an der Zeitmauer“etc. Die ringenden Mächte (Ost-West) gehörten zu einem einzigen globalen Vorgang und seien wesensverwandt.

  9. Sehr guter Aufsatz mit einer den Blick öffnenden Perspektive auf zwei gleichartige Entwicklungstreiber (vulgo Eliten), aber (leider) ohne eine solche, die auf mögliche, vielleicht sogar lebenswerte Zukunftsszenarien gerichtet wäre.
    Wenn man die beiden Entwicklungstreiber psychologisch-neurowissenshaftlich betrachtet – natürlich stark vereinfacht, sind beide Großhirn, verbunden mit Reptiliengehirn (Egoismus, Gier und Macht, einmal in der materiellen Sphäre (Wirtschaft) zu Hause, einmal in der geistig-materialistischen Welt (Finanzen, Intellekt)) . Um in der psychologisch-neurowissenshaftlichen Sphäre zu bleiben, wäre als Befreiungsschritt aus diesem Dilemma ein Evolutionsschritt erforderlich, der uns aus dieser Situation befreit. Keine Mischung der Parameter der beiden Spielarten (Paternalismus/ Sozialdarwinismus) würde etwas besser machen. Es ist erforderlich, dass wir den Sprung zur nächsten evolutionären Gehirnebene schaffen, dem präfrontalen Cortex. Vereinzelte Exemplare der Art des homo sapiens sollen diesen Sprung schon vollzogen haben. Diese Gehirnebene zeichnet sich dadurch aus, dass sie nicht mehr mit dem Reptiliengehirn verbunden ist und für gemeinschaftliche, man könnte sagen spirituelle Lebensformen offen ist.
    Ich weiß, ich weiß, klingt völlig unrealistisch. Ist aber doch unsere einzige weiterführende Alternative?
    C.F. v. Weizsäcker hat schon gesagt: „Unsere künftige Welt wird spirituell sein oder sie wird gar nicht sein.“

  10. Also „Die antagonistischen Elitegruppen“

    Hinter dem öffentlich inszenierten Konflikt der beiden Elitegruppen verbergen sich gemäß dem Modell, das diesem Artikel zugrunde liegt, zwei archetypische Varianten des gleichen absoluten Herrschaftsanspruchs, die sich nur in ihrer Eigenrechtfertigung unterscheiden.

    = globalistischen und moralistischen Bewegungen/ „werteorientierte Denker und regelbasierte Lenker“/ paternalistische Elitegruppe / setzt auf „unumstrittener“ Experten/ rechtfertigt ihren Herrschaftsanspruch durch eine Erzählung der moralischen Überlegenheit. Sie tritt als Hüterin von Werten, Sicherheit und Solidarität auf, nutzt jedoch technokratische Steuerung und die Kontrolle des Informationsraums, um den Einzelnen in ein vorgegebenes Raster zu pressen. Herrschaft wird hier als Fürsorge getarnt.

    = populistischer Bewegungen / „draufgängerische Dealmaker“./ setzt auf Familie und Vertraute./ Die sozialdarwinistische Elitegruppe verzichtet auf diese moralische Verbrämung. Sie setzt auf das Recht des Stärkeren und die offene Machtdemonstration. In dieser Logik wird der Sieg im Wettbewerb bereits als Beweis für die Legitimität der Herrschaft gewertet. Die moralisierende Logik des intellektuellen Rechthabens weicht einer machiavellistischen Logik des pragmatischen Durchsetzens.

    Ich hoffe, ich habe die Attribute richtig zusammengestellt.

    Was der Autor aber mMn verkennt:

    das sind keine unterschiedlichen Elitegruppen, sondern das ist eine Aufeinanderfolge von Bedrückungsstufen, die alle von der gleichen Elite produziert werden: der Finanzoligarchie

    Dass die moralische Verbrämung von Macht nun von offen gezeigter Macht und Gewalt abgelöst wird, liegt nicht an verschiedenen dahiner stehenden Akteueren, sondern an verschiedenen Zeiten. Um den Zusammenbruch des Finanzsystems abzuwenden, werden nun die direktesten, massivsten, einschneidensten Mittel angewandt.

  11. Ich freue mich über die Resonanz auf meinen Artikel und die vielen Anknüpfungspunkte.

    Ich möchte nochmal klarstellen, dass der Artikel ein Erklärungsmodell vorstellt. Das Modell bezieht sich schwerpunktmäßig auf die Machtverhältnisse in der westlichen Hemisphäre. Der Artikel leitet das Modell nicht her, bewertet es nicht, wendet es nicht auf alle aktuellen Konfliktherde dieser Welt an und gibt keine Anleitung, welche Schlüsse daraus für das eigene Leben oder für die Gesellschaft zu ziehen wären. Er demonstriert die Funktionsweise des Modells an ausgewählten Beispielen.

    Ich verbinde mit dem Artikel die Hoffnung, dass er Leser anregt, die Welt aus dieser Perspektive zu betrachten und vielleicht etwas besser zu verstehen. Ein gutes Modell zeichnet sich dadurch aus, dass es mit wenigen Annahmen viele Beobachtungen erklärt. Ob das Modell taugt, zeigt sich daran, ob es beim eigenständigen Durchdenken aktueller und künftiger Entwicklungen hilft. Dieser Test liegt bei jedem Leser selbst. Wer das Modell für sich anpassen, erweitern oder auf andere Zusammenhänge anwenden möchte – umso besser.

    Ich würde mich freuen, wenn der eine oder andere Leser zu eigenen Gedanken, eigenen Anwendungen und auch zu eigenen Abwandlungen oder Widersprüchen kommt. Wer in dem Artikel eine Leerstelle verspürt, ist herzlich eingeladen, diese selbst zu füllen und andere daran teilhaben zu lassen.

  12. Guter Artikel, einige Ergänzungen:

    Die paternalistische Elitegruppe rechtfertigt ihren Herrschaftsanspruch durch eine Erzählung der moralischen Überlegenheit. Sie tritt als Hüterin von Werten, Sicherheit und Solidarität auf, nutzt jedoch technokratische Steuerung und die Kontrolle des Informationsraums, um den Einzelnen in ein vorgegebenes Raster zu pressen. Herrschaft wird hier als Fürsorge getarnt.

    Man darf bei der Betrachtung nicht vergessen, dass das nicht nur von den „Eliten“ ausgeht, sie reiten eine Mentalität, die in der Bevölkerung gerade stark ist bzw. war, m.E. auch und vor allem durch „social media“ und allgegenwärtig zugängliches Internet auf Smartphone. Gesinnungsethik ist die Moral der „kleinen Leute“, diejenigen, die nicht weiter als bis zur Nasenspitze denken können und über alles herfallen, was dem nicht entspricht. So etwas lässt sich natürlich sehr leicht instrumentalisieren!

    Die sozialdarwinistische Elitegruppe verzichtet auf diese moralische Verbrämung. Sie setzt auf das Recht des Stärkeren und die offene Machtdemonstration. In dieser Logik wird der Sieg im Wettbewerb bereits als Beweis für die Legitimität der Herrschaft gewertet. Die moralisierende Logik des intellektuellen Rechthabens weicht einer machiavellistischen Logik des pragmatischen Durchsetzens.

    Das ist m.E. nur teilweise das Selbstverständnis dieser Gruppe, es beschreibt eher das Verhalten Trumps, ich möchte zu bedenken geben, dass das nur eine Verhandlungsstrategie sein könnte, Prof. Rieck führt das näher aus:
    https://www.youtube.com/watch?v=017hayUS_Is
    Wir wissen halt auch nicht wirklich, was das Ziel ist, wir erfahren immer nur mehrfach vorgefilterte Bruchteile der politischen Ziele und Absichten, wir sind halt nur Publikum.

    Ob man die Trump-Seite mit „Sozialdarwinisten“ gut beschreibt, lasse ich mal dahingestellt, ich würde die eher als meritokratisch (nicht zu verwechseln mit „merkantilistisch“) umschreiben, es herrscht überwiegend der Glaube vor, dass besonderes Leistungsvermögen auch besonderes Ansehen und Macht verdient. Man mag das als naiv geisseln, was es teilweise sicher ist, aber die Antwort der Gegenseite, ein Gegendiskriminierungskastensystem zu schaffen, ist mindestens genauso ein Alptraum und m.E. noch viel schlechter für eine Gesellschaft.

    Davon abgesehen gab es nicht viele bzw. gar keine Alternativen, wenn man den woken Wahn erden wollte. Verdammt viele bodenständige und gutbürgerliche Amerikaner dürften Trump nur zähneknirschend oder zumindest leichtgläubig gewählt haben ohne seine Rüpelhaftigkeit zu mögen, er war halt der Einzige, der Willen und (finanzielle) Macht hatte, um den Kampf gegen die Verrückten durchzuziehen. Das scheindemokratische Zweiparteiensystem bietet halt keine Nuancen, daran krankt es durchgehend, bzw. ist genau das evtl. sogar die Absicht.

    Wo wir schon dabei sind, sei mal noch auf das Werk des italienischen Freimaurers Gioele Magaldi (Großmeister der Loge Oriente Democratico) verweisen, das m.W. nur in Verschwörungstheoretikerkreisen bekannt ist: „Massoni – Società a responsabilità illimitata: La scoperta delle Ur-Lodges“. Er beschreibt da, wie eine Art Superlogen die Welt regieren und dass es zwischen denen einen Konflikt gibt, zwischen konservativ-autoritär und progressiv-„demokratisch“ (natürlich nicht wirklich demokratisch, die wollen die Macht auch behalten). Er listet auch namentlich die Logen auf, in denen prominente Politiker (u.a. Merkel) drinsitzen bzw. saßen (das Buch ist mittlerweile nicht mehr ganz frisch). Es gibt m.W. leider keine deutsche ein zu eins Übersetzung, nur eine Heftreihe von Johannes Rothkranz („Superlogen regieren die Welt“) der ist aber kirchennah, die ist also nicht wirklich neutral. Dafür findet man es teilweise schon im Internet:
    https://archive.org/stream/superlogen-regieren-die-welt-teil-1-rothkranz-johannes/Superlogen%20regieren%20die%20Welt%20-%20Teil%207%20%20Rothkranz%2C%20Johannes_djvu.txt
    Die m.W. versprochene Fortsetzung des ital. Buches gab es bisher nicht, soviel ich weiß. Wird es vielleicht auch nie geben.
    Es sei angemerkt, dass es sich hierbei auch nur um Desinformation handeln könnte, man muss das also mit Abstand lesen und prüfen, was man prüfen kann. Es zeigt zumindest, was alles denkbar ist und sich unter der Oberfläche noch so verbergen könnte…

    1. Die wollen uns loswerden, aber für dich ist die Elite ja unfehlbar und hat mit allem nichts zu tun.
      Wir müssen die herrschende Klasse vernichten, sonst gehen wir unter!

      1. Die wollen uns loswerden

        Das hatten wir schon… mehr als einmal.

        für dich ist die Elite ja unfehlbar und hat mit allem nichts zu tun

        Weder das eine noch das andere stimmt, ich will sie lediglich nicht präventiv abschlachten und sehe keinerlei gangbare Systemalternative von deiner Seite. Mehr als ein infantiles Feindbild und eine sehr vage Vorstellung, was nach dem Sieg der Revolution stattfinden soll, kann ich nicht erkennen, du stehst quasi nackt da, hältst dich aber für ein hochbegabtes Genie, das 7 Tage die Woche die Leute belehren muss…

        Wir müssen die herrschende Klasse vernichten, sonst gehen wir unter!

        Du sollst doch nicht immer das Lithium absetzen, das wird noch ein böses Ende mit dir nehmen!

        1. ich sage seit dem 12.4. 2020. nur noch die Wahrheit!
          Doch die Anarchie ist wohl die einzige Alternative.
          Außerdem, wenn wir nicht bald was tun, gehen wir unter, ob mit oder ohne Alternative, denn die wollen UNS töten.

          1. Nein, du sagst das, was du für die Wahrheit hältst (wieso eigentlich erst seit 2020?)

            Das ist ein Unterschied, schon deshalb, weil das, was du als „einzige Alternative“ siehst, gar keine sein muss und sehr wahrscheinlich (hängt von den konkreten Details ab) nicht funktionieren würde. Radikale Systemumstürze sind i.d.R. ein tiefer Einschnitt, bei dem vollkommen unklar ist, ob der Zustand danach irgendwie besser und stabiler ist.

    2. Den Vorschlag, statt „sozialdarwinistisch“ von „meritokratisch“ zu sprechen, finde ich bedenkenswert. „Meritokratisch“ beschreibt das Selbstbild dieser Seite treffender und bildet einen klareren Antagonismus zu „paternalistisch“. „Sozialdarwinistisch“ beschreibt eher die Funktionsweise aus der Außenperspektive, so wie „sozialkonstruktivistisch“ bei der anderen Seite.

      Zum Punkt mit den Superlogen: Ich halte es für wichtig, zwischen personalisierter und systemischer Erklärung zu unterscheiden. Die These, dass mächtige Akteure im Hintergrund die Fäden ziehen, ist strukturell kompatibel mit dem Modell – ich erwähne ja selbst die „Philanthropen“, die auf beiden Seiten spielen. Aber ich sehe diese Akteure nicht als die eigentlichen Treiber, sondern als Symptome einer tieferen Dynamik. Sie sind personalisierte Verdichtungen systemischer Kräfte, austauschbare Rädchen in einem Getriebe, das sie nicht erschaffen haben, sondern das sie hervorgebracht hat.

      Hierarchische Systeme selektieren bestimmte Persönlichkeitszüge. Wer diese mitbringt, steigt auf. Wer aufsteigt, formt das System nach seinem Bild und verstärkt die Selektion. Hierarchische Systeme reproduzieren sich selbst, ohne dass es eines zentralen Plans, einer zentralen Steuerung bedürfte. Das erweckt den Anschein zentraler Steuerung, doch dahinter steckt kein übermenschlich kluger Plan, sondern systemisch bedingte Emergenz. Meiner Einschätzung nach ist dort auch die Ursache hinter der Ursache zu suchen.

      1. Danke für die Antwort.

        Sie sind personalisierte Verdichtungen systemischer Kräfte, austauschbare Rädchen in einem Getriebe, das sie nicht erschaffen haben, sondern das sie hervorgebracht hat.

        Das ist eine sehr deterministische Sichtweise, da sich aber offenbar zwei Strömungen bekämpfen, liegt m.E. nahe, dass es auch da eine gewisse Willensfreiheit und sehr verschiedene Weltbilder gibt.

        Ein Grundproblem bei „den Eliten“ ist natürlich, dass sie die Gesellschaft meist von oben herab (und damit entsprechend überheblich) wahrnehmen und (wie alle Menschen) anderen misstrauen und daher einmal erreichte Macht nicht gern teilen…

        Davon wird man sie auch mir Argumenten nicht abbringen können, wir müssen uns sukzessive Macht erkämpfen (z.B. Volksabstimmungen, erst lokal, dann im Land, dann im Bund usw.) und beweisen, dass das eher besser als schlechter funktioniert. Im Endeffekt wäre es ein echter Booster, wenn wir jemanden wie Musk auf unserer Seite hätten… und sei es nur, weil der sich von so einer Entwicklung vielleicht irgendwelche politischen oder finanziellen Vorteile verspricht.

        Hierarchische Systeme selektieren bestimmte Persönlichkeitszüge. Wer diese mitbringt, steigt auf. Wer aufsteigt, formt das System nach seinem Bild und verstärkt die Selektion.

        Das ist richtig, aber auch nicht das ganze Bild. Nehmen wir Leute wie Vance oder Musk, dann kommen die aus eher schlechten Verhältnissen, die wissen um Ungerechtigkeiten und Nachteile, sind aber wahrscheinlich zu hart in der Beurteilung von Leuten, die es nicht (so wie sie selbst) schaffen. Im Großen und Ganzen sind sie aber oft bodenständig und pragmatisch, wenn auch mit einem Hang zum Solipsismus.

        Betrachten wir Leute, die ihren Reichtum nur geerbt haben, da sieht m.E. die Situation oft ganz anders aus. Die sind nicht aus eigener Erfahrung aufgestiegen und je nach Offenheit, Intelligenz und Empathie, haben die entweder eine gewisse abgehobene Arroganz geerbt oder haben im Gegenteil sogar ein schlechtes Gewissen, dass es anderen nicht so gut geht, wie ihnen selbst… man erkennt das m.E. schon bei einigen Stiftungen und Aktivitäten, leider kann das halt auch beliebig nach hinten losgehen, wenn die Bodenhaftung oder Intelligenz fehlt (siehe Soros und Sohn).

        Das erweckt den Anschein zentraler Steuerung, doch dahinter steckt kein übermenschlich kluger Plan, sondern systemisch bedingte Emergenz.

        Jein. Wenn zwei Strömungen miteinander kämpfen, kann es offensichtlich nicht den einen „übermenschlich guten Plan“ geben (es sei denn, er sieht die Inszenierung des Konfliktes vor, wovon ich nicht ausgehe), d.h. aber nicht, dass wir uns in unserem Gefühl der Machtlosigkeit täuschen, ich halte die durchaus für sehr real.

        Wenn man Bernays „Propaganda“ liest, dann wird da das Selbstverständnis einer Hintergrundsteuerung mehr oder weniger offen angesprochen:

        „Es gibt unsichtbare Herrscher, die das Schicksal von Millionen kontrollieren. Es wird gewöhnlich nicht verstanden („it is not generally realized“) in welchem Maße die Worte und Handlungen unserer einflussreichsten öffentlichen Akteure von scharfsinnigen Personen diktiert werden, die hinter den Kulissen operieren.“

        usw.
        https://www.telepolis.de/article/Demokratie-als-Elitenverschwoerung-6165628.html?seite=all

        Selbst wenn es sowas wie „Superlogen“ gibt, agieren die letztendlich jedenfalls auch nur auf Sicht, was sie von uns unterscheidet, ist aber, dass sie wissen, wo sie hinwollen und dass sie die Instrumente haben, um dieses Ziel anzustreben (Massen agieren nicht intelligent auf gewisse Trigger, man kann sie sehr einfach steuern, z.B. über Angst).

        Das mit den Superlogen ist übrigens nicht die abgefahrenste Verschwörungstheorie, es gibt auch Leute, die selbst darüber noch Ebenen sehen, da wird es dann mit Belegen eher schwierig, aber Indizien dafür gibts durchaus auch. Aber das führt hier zu weit 🙂

        1. Bernays ist ein präziser Beobachter dessen, wie große Menschenkollektive funktionieren und wie Mächtige sie vermittels Propaganda in ihrem Sinne lenken können. Aber Bernays beschreibt Methoden und Techniken der Propaganda – empirisch gefundene Heuristiken und keine echten Ursache-Wirkung-Zusammenhänge. Auch Bernays „unsichtbare Regierung“ ist eine Beschreibung und keine ursächliche Erklärung. Woher kommen diese Machtmenschen? Warum gibt es sie immer wieder, über Generationen und Systemwechsel hinweg? Warum machen die Menschen das alles mit? Warum reproduziert sich dieses Muster, obwohl die konkreten Akteure, die Narrative und selbst die Territorien und Spielregeln der Macht immer wieder wechseln?

          Wer da tiefer bohrt, landet bei der Frage, was Hierarchien mit Menschen machen und was dem Menschen innewohnt, dass er stets Hierarchien errichtet und sich darin zwanghaft ausrichtet, egal, welche Position er gerade inne hat. Das wäre dann die Suche nach der Ursache hinter der Ursache.

          1. Hierarchien basieren auf Reichtum.
            Wenn aber keiner mehr „Reich“ werden kann fällt der Rahmen den der Kapitalismus bietet weg.
            Deswegen brauchen wir die Anarchie ohne Profit und vor allem ohne Staat.

            1. Hierarchien basieren auf Reichtum.
              Wenn aber keiner mehr „Reich“ werden kann …

              … so bleibt allemal die Gier danach, und die wird Mittel und Wege finden, neuen anzuhäufen!

          2. Bernays beschreibt Methoden und Techniken der Propaganda – empirisch gefundene Heuristiken und keine echten Ursache-Wirkung-Zusammenhänge.

            @ Ruben Schattevoy:
            Was wäre für Sie denn ein echter Ursache-Wirkung-Zusammenhang?
            Und welche spezielle Eigenschaft qualifiziert etwas als „echte Ursache“?
            Ist z.B. „Gravitation“ die „echte Ursache“ für die empirisch gefundene Erkenntnis, daß alles runterfällt, wenn man es loslässt? Ist Gravitation etwas anderes als das Gravitationsgesetz? Und ist Letzteres etwas anderes als eine (brilliant allgemeine) Formulierung der empirisch gefundenen Erkenntnisse?
            Wäre „Gier“ (nach Macht und Besitz) eine echte Ursache
            für Sie? Und wenn das jemand bestritte und nach der „echten Ursache“ für Gier fragte? Ließe sich die finden oder müßte man sie konstruieren?

            Ich bin mir nicht sicher, was genau Sie meinen, daß man mit einer „echten Ursache“ gefunden hätte!?

            Viele Grüße
            Pirx

            1. Vielen Dank für die spannende Frage.

              Was ich mit „echter“ bzw. tiefer Ursache meine: Eine Erklärung ist tief genug, wenn sie alle Beobachtungen konsistent beschreibt und keine Fälle übrigbleiben, die dem angenommenen Ursache-Wirkung-Zusammenhang widersprechen oder sich ihm entziehen. Man muss insbesondere sicher sein, dass man keiner Korrelation aufgesessen ist. Was man an Variation beobachtet, muss auf zufälliges Rauschen zurückzuführen sein. Solange es noch Ausnahmen vom Determinismus gibt, hat man die tiefe Ursache noch nicht gefunden. Dass man ein Symptom und keine Ursache identifiziert hat, merkt man beispielsweise daran, dass man die Wirkung nicht zuverlässig herbeiführen kann, wenn man am Symptom herumkuriert.

              Gravitation ist ein gutes Beispiel. Das Gravitationsgesetz beschreibt, was passiert – präzise und ausnahmslos im Geltungsbereich. Aber es erklärt nicht, warum Massen sich anziehen. Newton selbst hat das offengelassen. Einstein hat mit der Raumzeitkrümmung eine tiefere Ebene erreicht. Ob das für alle Zeiten die tiefe Ebene ist, wissen wir nicht. Aber für die Vorhersage fallender Äpfel reicht Newton, für GPS reicht Einstein.

              Gier (nach Macht) wäre für mich keine tiefe Ursache, weil man offenkundig fragen kann: Woher kommt die Gier? Nicht alle Menschen sind gleich gierig. Manche scheinen von Gier getrieben, andere nicht. Also muss es etwas geben, das erklärt, warum manche Menschen gierig werden und andere nicht. Gier ist ein Symptom, keine Ursache.

              Ein gutes Modell ist maximal einfach und erlaubt Vorhersagen, die sich prüfen lassen. Ein konstruiertes Narrativ wird mit der Zeit immer komplexer und erklärt nur rückwärts.

      2. „Den Vorschlag, statt „sozialdarwinistisch“ von „meritokratisch“ zu sprechen, finde ich bedenkenswert.“

        Okay, aber dann bedenke bitte die Implikationen:
        „Meritokratisch“ sind alle Hierarchien zu nennen, die nicht auf Geburts- / Herkunftsrechten beruhen, aber was sind die „Meriten“?
        In den herkömmlichen politischen und administrativen Hierarchien sind das einfach erfolgreiche Nutzungen der Aufstiegskriterien in der politischen Klasse und der ihr angelagerten Millieus (akademisch, kommerziell).
        In der EU und in den USA werden die „Meriten“ nun mit Macht klerikalisiert.
        Diese Klerikalisierung hat genau eine Quelle, behaupte ich, und ist auch gar nichts Neues, wir hatten das bis 1990 und noch einige Jahre danach im Krieg gegen den Systemfeind, weshalb ich seinerzeit vom 3. Weltkrieg sprach. Jetzt haben wir bereits den 5. Weltkrieg (nach dem „War on Terra“ gegen antiamerikanische Umtriebe).

        Aber es sind auch zuschüssige Momente und Kriterien der Klerikalisierung zu beobachten, die mit der Kriegsmobilisierung amalgamieren.

      3. Ruben Schattevoy

        (…)

        Zum Punkt mit den Superlogen: Ich halte es für wichtig, zwischen personalisierter und systemischer Erklärung zu unterscheiden. Die These, dass mächtige Akteure im Hintergrund die Fäden ziehen, ist strukturell kompatibel mit dem Modell – ich erwähne ja selbst die „Philanthropen“, die auf beiden Seiten spielen. Aber ich sehe diese Akteure nicht als die eigentlichen Treiber, sondern als Symptome einer tieferen Dynamik. Sie sind personalisierte Verdichtungen systemischer Kräfte, austauschbare Rädchen in einem Getriebe, das sie nicht erschaffen haben, sondern das sie hervorgebracht hat.

        Hierarchische Systeme selektieren bestimmte Persönlichkeitszüge. Wer diese mitbringt, steigt auf. Wer aufsteigt, formt das System nach seinem Bild und verstärkt die Selektion. Hierarchische Systeme reproduzieren sich selbst, ohne dass es eines zentralen Plans, einer zentralen Steuerung bedürfte. Das erweckt den Anschein zentraler Steuerung, doch dahinter steckt kein übermenschlich kluger Plan, sondern systemisch bedingte Emergenz. Meiner Einschätzung nach ist dort auch die Ursache hinter der Ursache zu suchen.

        Sehr richtig.

        Besser und zutreffender kann man es in aller Kürze nicht erklären, vermute ich mal.

        Als Beispiel könnte die Geschichte des Altägyptischen Reiches über 2500 Jahren herangezogen werden, die trotz Klimakatastrophen, äußeren Einflüssen (bspw. erste und zweite Zwischenzeit) und innenpolitischer und religiöser Brüche (bspw. Amenophis IV. – Echnaton) eine relative Stabilität aufwies und keinesfalls von den einzelnen Pharaonen (bspw. Ramses II.) oder Pharaonen-Dynastien abhing, sondern vom Gesellschaftssystem, in deren die Funktionseliten wie auch die restliche Gesellschaft ihren festen Platz einnahmen.

        Vielen Dank dafür!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert