
War die schöne Helena, die Zeus-Tochter aus dem antiken Sparta, schwarz? Christopher Nolan, der Regisseur von „Oppenheimer“, hat in seiner Verfilmung der Odyssee, die im Juni ins Kino kommt, die Rolle der Frau, um die — angeblich — der Trojanische Krieg gefochten wurde, mit Lupita Nyong’o besetzt. Das ist eine in Mexiko geborene Kenianerin, also so ähnlich wie Barack Obama, bloß dass der in Hawaii geboren wurde und in Indonesien aufwuchs und nicht in Nairobi. Sie spielt Helena und deren ebenfalls schwarze Zwillingsschwester Klytemnestra.
Darf eine schwarze Frau die schönste Frau der damaligen Welt spielen? Wie man sich denken kann, ist in Amerika darüber der übliche Kulturkrieg ausgebrochen, geschürt davon, dass Elon Musk, selbst gebürtiger Afrikaner, auf Twitter Öl ins Feuer goss und forderte, dass die Helena blond und weißhäutig sein müsse.
Wenn Elon Musks Name genannt wird, dann fließen beim woken Amerikaner die Angriffssäfte, denn der frühere Trump-Freund und Elektroautobauer ist eine Art Voldemort der Westküste. Helena, sagen die Liberalen, könnte durchaus schwarz gewesen sein, denn das antike Griechenland trieb Handel mit Nordafrika. Zu den Glaubenssätzen der Amerikaner gehört es, dass ganz Afrika von Schwarzen besiedelt ist, außer, natürlich, Elon Musk. Nicht ganz klar, wie das auf eine Spartanerin abrubbeln würde, aber vielleicht greift ja die amerikanische one-drop-rule, wonach ein Tropfen schwarzen Bluts ausreicht, ganze Landstriche schwarz zu färben.
Es ist schade, dass Muammar Gaddafi nach seinem unrühmlichen Ableben (hust, Hillary, hust) so rasch in Vergessenheit geraten ist, andererseits würden die meisten Amerikaner Libyen wohl eher da verorten, wo Georgien ist, oder der Libanon.
Die echte Helena war wahrscheinlich schwarzhaarig, wie Elisabeth Taylor oder Carry Fischer. Und wer könnte sich Helena nicht in einem goldenen Bikini vorstellen? Homer beschreibt sie als „weißarmig“. Dazu meint der Spiegel beflissen, damit sei „aristokratische Herkunft“ gemeint. Vielleicht war sie ja gestreift wie ein Zebra.
Aber sind Griechen überhaupt weiß? Im Unterbewusstsein der Amerikaner verläuft eine gezackte Grenze durch Europa, die Weiße und Braune trennt. Südfranzosen sind weiß, Italiener nicht, Portugiesen sind weiß, Spanier nicht, wohl aber Pete Buttegieg, der einzige hierzulande bekannte Malteser. Ukrainer und Israelis sind, glaube ich, weiß, aber das kann sich stündlich ändern. Und die Griechen, ja, wer weiß das schon?
Die Iren, andererseits, waren früher mal schwarz und die Österreicher galten im Ersten Weltkrieg als nicht-ganz-weiß, da keltischen Ursprungs, was erstaunlich ist, denn bei den Nazis galten die Kelten als arisch. Vielleicht hätte die Nazis bei der Entwicklung ihrer Rassenlehre Twitter und Facebook zu Rate ziehen sollen.
Manche Liberale bestehen darauf, dass Helena ein mythischer Charakter war, der nie existiert hat. Also kann sie auch schwarz sein. Oder ukrainisch. Oder Sioux. Wahrscheinlich halten viele Amerikaner auch das antike Griechenland für einen Mythos, wie Atlantis oder den Obersalzberg, obwohl die Ruinen von Troja ja ausgegraben wurden, allerdings nicht von einem Amerikaner. Aber Troja ist weit weg, und wer weiß, ob außerhalb der USA wirklich etwas existiert.
Es gibt übrigens viele erfundene Charaktere in Filmen; Moses zum Beispiel — es gibt keinen Beweis dafür, dass er existiert hat —, Elsa und Anna von dem fiktionalen Frozenland Arendelle, Thor, der Comic-Gott von Marvel, die Black Panther von Wakanda, und, natürlich, Winnetou. Nur die Panther wurden mit schwarzen Schauspielern besetzt, darunter übrigens auch Nyong’o, die die Pantherin Nakia spielt. Könnte Nakia von einer Weißen besetzt werden? Tarzan ist ja weiß, auch Elon Musk, oder Gadaffi. Nein, sagte Nyong’o damals, das wäre eine kulturelle Verfälschung.
Columbia-Professor John McWorther und Hausschreiber der New York Times für schwarze Angelegenheiten findet wiederum, dass die schwarze Helena eine verdiente Entschädigung sei dafür, dass Afro-Amerikaner es in Hollywood immer schwer hatten. Also, hat sie die Rolle nun bekommen, weil sie so schön ist, oder war das bloß Affirmative Action? Dann hätte man auch Whoopi Goldberg nehmen können.
Außerdem, Nyong’o ist Mexikanerin, und dort wurde die Sklaverei schon weit vor dem Bürgerkrieg abgeschafft. Überhaupt, noch mehr vernachlässigt von Hollywood sind Indianer. Gibt es keine Frau aus dem Stamm der Comanchen, oder Apachen, oder Sioux, die Helena spielen könnte? Es handelt sich ja um eine fiktive Gestalt.
Und warum überhaupt eine heterosexuelle Cis-Frau? Wurde hier nicht eine Chance vertan, in Zeiten, in denen Transfrauen Schönheitswettbewerbe gewinnen und als Pin-Ups posieren? Dylan Mulvaney wurde noch keine tragende Rolle angeboten und er ist immerhin schwarzhaarig und selbst-identifiziert als Minderjährige, während Nyong’o schon 42 ist, zwei Jahre älter als Emilia Clarke, die Daenerys Stormborn Targaryen spielte, die Kahleesi, die etwas mehr so aussieht wie sich Elon Musk Helena vorstellt.
Was sagen denn die Griechen dazu? Eines haben linke und rechte Amerikaner gemeinsam, sie glauben, Amerika habe das Recht, die Welt kulturell auszuplündern, sie streiten sich nur über das Wie. Die Griechen aber sind not amused.
Die Zeitung Greek City Times schrieb: „Uns gibt es noch!“ Sie beschwerte sich, dass Nolan KEINEN EINZIGEN griechischen oder griechisch-stämmigen Schauspieler gecastet hatte, obwohl das Film größtenteils in Griechenland gedreht wurde, wobei seine Produktionsfirma happige Steuervergünstigungen in Anspruch genommen hat.
Die Website Cosmic Booknews hat es auf sich genommen, den gesamten Cast ethnisch zu sezieren. Odysseus wird von Matt Damon gespielt, der englische, schottische und finnische Vorfahren hat, und Agamemnon von Ben Safdie, ein syrisch-askenasischer Jude (Maseltoff!). Den Eumaeus spielt John Leguizamo, ein Nachfahre von Konquistadoren aus Kolumbien, der bisher stets betont hat, dass nur Latinos Latinos spielen dürfen. Ja, ich habe meins, und jetzt nehme ich deins.
Himesh Patel, ein britischer Inder, gibt den Eurylochus. Und die afrikanisch-deutsch-schottische Zendaya ist Pallas Athene, die quintessentielle griechische Göttin, nach der Athen benannt ist. War Jennifer Aniston nicht verfügbar? Tina Fey? Zach Galifianakis? Und Elliot Page, Hollywoods bekanntester Transmann, soll den Achilles spielen — heißt es (noch nicht bestätigt). Welch ein Aufstieg!
Die Linke in Amerika präsentiert Rassenblindheit als Antirassismus, aber nur, wenn es um Europäer geht. Nichtweiße haben eine kulturelle Identität, Weiße nicht. Weiße spiegeln den weiß-amerikanischen Schmelztiegel der Wurzellosen wieder, und dieser wird auch Europa übergestülpt: Das antike Griechenland als Mini-Amerika. Dass das imperialistisch ist, verstehen die Liberalen nicht, sie sind ja die Guten. Und die, die sich an einer ahistorischen Besetzung stören, sind die Rassisten.
Andererseits, Griechen sind in der Vorstellung von Amerikanern nicht richtig weiß, sollte für sie nicht das gleiche gelten wie für Wakanda? Wie kompliziert das ist, erlebten wir, als Rachel Zegler Schneewittchen spielte. Zeglers Eltern sind spanisch und polnisch mit Null Tropfen indianischen Bluts, oder, in anderen Worten, weiß. Gleichviel empörten sich die Rechten, dass eine Nicht-Weiße Schneewittchen spiele, während die Linke dies unter dem Banner von Multikulti verteidigten.
Und Hollywood? Hollywood will Geld verdienen. Mehr nicht-Weiße Charaktere bedeuten mehr Zuschauer über alle Ethnien hinweg, das ist die Kalkulation. Aber das könnte schiefgehen. Die Neuauflage der kleinen Meerjungfrau, mit der schwarzen Schauspielerin Halle Bailey konnte nicht das Ged zurückverdienen, was die Produktion und die Werbung gekostet hat. Und Dr. Who wurde mit Ncuti Gatwas, dem schwarzen schwulen Doktor unrettbar an die Wand gebrettert.
Daraufhin zog Disney schnöde den Stecker. Wie und ob es weitergeht, weiß keiner. Denn wenn kein Geld verdient wird, dann wird auch der wokeste Studio-Exekutive ganz schnell traditionell. Und schottisch.
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Naja, Jesus wird in vielen Filmen etc. fälschlicherweise als Weißer dargestellt wird, obwohl er ein farbiger Kanake war. Einer – der laut Merz nicht ins Stadtbild passt.
Dann kann die Helena auch ruhig schwarz sein. Spielt doch eigtlich keine Rolle, oder? Mensch ist Mensch – egal welche Hautfarbe.
Die nächste 3. Reich Verfilmung sollte auf jeden Fall auch einen schwarzen Hitler beinhalten. Schließlich sind wir ja alle so schön divers, da spielen Fakten und Geschichte eh keine Rolle mehr. Der Hitler sollte auch standesgemäß aus Russland kommen und die Deutschen sollten die Rolle der Roten Armee stellen.
@PfefferundSalz
(von 14.29 Uhr)
Gut gewürzt! Bravo!
Mit diesem prächtigen Kommentar werden Sie nicht nur auf brillante Weise dem eigentlichen thematischen Hintergrund des Artikels gerecht, sondern Sie demonstrieren auch, dass Sie Ihren hiesigen Namen zurecht tragen.
Hm, Elliot Page mit 165 cm Körperlänge als Achilles? Da hätten die Bühnen- & Kameracrews aber einiges zu tun, um ihn immer aus dem passenden Blickwinkel herausragend zu inszenieren.
Ansonsten Lupita Nyong’o als Helena, warum nicht. Hoffentlich hat die Schauspielerin ihre Neigung zu schlimmen Kopfbedeckungen überwunden (siehe Foto) oder die Modeberatung gewechselt…
Helena ist lediglich Objekt. Ein schöner Vorwand kollektiven Raubmord zu begehen. Das ist wie Mädchen befreien in Afghanistan. Jede rassistische Festlegung auf diesem Gebiet, könnte das Geschäftsmodell gefährden.
Anders verhält es sich bei Winnetou. Während durchaus vorstellbar ist, dass Helena durch eine Griechin verkörpert wird, ist es nahezu undenkbar, dass jemals ein waschechter Apache in die Rolle Winnetous schlüpft.
Echte Indianer als Indianer verkleidet, das hält Bad Sägeberg nicht aus. Da zerspringt die schöne Illusion wie eine Seifenblase.
intressant, intressant und amüsant. Aber:
dass es in den usa Linke gäbe, in der poli-
tischen Klasse, war mir neu. – Hieß es nicht, die usa würden von einer rechten Partei mit zwei konkurierenden Flügeln regiert, einmal dem und einmal dem an-
deren.
Also ich finde es lustig. Die Griechen der frühen europäischen Antike hinterließen der Welt ein literarisches Erbe, dass irgendwas um die 2.500 Jahre überdauerte. Musste erst mal bringen.
Wenn wir es durch göttlichen Beistand oder irgendeinen andern glücklichen Umstand schaffen, mehr als eine atomaren verseuchte Welt zu hinterlassen und dann noch lebende Menschen, also vielleicht 5.000 Jahre nach Homer, Zugriff auf unsere Überlegungen haben, wie sie uns die Autorin vorstellt, dann werden die sich vor Lachen auf dem Boden wälzen.
Ansonsten würde ich, wenn das nicht schon eine sehr fragliche Sache wäre, sagen, dass die Schauspielerin erkennbar stark aussieht und die Rolle mit ihr vielleicht gar nicht so falsch besetzt ist. Und überhaupt, Homer, wenn es ihn als einzelne Person überhaupt gab, soll blind gewesen sein. Dem sollte die Hautfarbe seiner Helden doch egal sein?
Hmm, worum ging es jetzt genau, eigentlich? Disney? Reden wir hier ernsthaft über irgendwas, was bei Disney unter Disney-Regeln in den immer noch von latentem Rassismus triefenden USA produziert werden sollte? Der Antike war Hautfarbe übrigens grösstenteils ziemlich schnurz, soweit ich weiss, und Nordafrika war integraler Bestandteil der mediterranen Welt.
Doctor Who wurde auch nicht mit Ncuti Gatwa an die Wand gebrettert, sondern mit den zu einem grossen Teil extrem schwachen Drehbüchern für Jodie Whittaker’s Doktor (die als Schauspielerin eine wirklich gute Besetzung für die Rolle war), was stellenweise wie Pädagogik mit dem Zaunpfahl, gewinkt mithilfe eines Holzhammers, wirkte, sowie gegen Ende den ganzen Handlungsrahmen etwas zertrümmerte. Russell T Davies hat es dann mit einem neuen Konzept versucht zurückzuholen. Sexualität war bei Doctor Who nie so sonderlich im Mittelpunkt, da es in erster Linie für Kinder und Jugendliche konzipiert ist, mit Erwachsenen als Beifang. Da es sich hier ja um einen humanoiden Ausserirdischen handelt, sind all zu menschliche Kategorien angewandt auf diesen Charakter eh ein bisschen albern. Was bedeutet denn „schwul“ bei einem Ausserirdischen, der bei Regenerierung auch das Geschlecht wechseln kann? Wenn also in einer Fernsehserie mit der Offenheit des Publikums fúr leicht schräge Konzepte gespielt werden kann, dann ist Doctor Who genau der richtige Platz dafür. Mich hat da eher das fliegende Goblin-Schiff etwas irritiert, aber hey, ich finde Russel T Davies Klasse, und es knüpfte ein wenig an die „gotische“ Phase Mitte der 70er an. Eine Serie, die mit ein paar Pausen seit Anfang der 60er Jahre läuft, muss sich wohl mal hin und wieder etwas Neues einfallen lassen, und die Bedingungen bei der BBC sind mittlerweile auch nicht mehr so toll für nonkonformistische Sachen, könnte also wieder eine längere Pause geben.