Die Rückkehr der Bombe – ohne die Rückkehr der Angst

Demonstration im Bonner Hofgarten 1981 gegen Aufrüstung. Bild: Rob Bogaerts / Anefo/CC0

Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine wird offen über nukleare Abschreckung, atomare Aufrüstung und europäische Schutzschirme gesprochen. Atomwaffen sind zurück auf der Tagesordnung. Nur eines blieb aus: die Angst vor dem Atomkrieg.

Atomwaffen erleben derzeit eine Renaissance. Russland verweist auf sein Nukleararsenal, die USA investieren Milliarden in die Modernisierung ihrer Atomwaffen, und in Europa wird über nukleare Abschreckung und einen erweiterten französischen Schutzschirm diskutiert. Spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 ist der nukleare Aspekt zum festen Bestandteil internationaler Sicherheit geworden.

Dennoch unterscheidet sich die Aufmerksamkeit von jener des Kalten Krieges. Zwar wird über Atomwaffen gesprochen – allerdings vor allem in wissenschaftlichen Fachkreisen. Was verschwunden ist, ist ihre gesellschaftliche und ethnische Präsenz.

Während der Kalte Krieg von der Angst vor der nuklearen Vernichtung geprägt war, erscheinen Atomwaffen aktuell als ein abstraktes Element geopolitischer Macht. Die Bombe ist wiederaufgekommen – ohne die Rückkehr der Angst.

Als der Atomkrieg zum gesellschaftlichen Thema wurde

Für die Generationen des Kalten Krieges war ein Atomkrieg keine theoretische Überlegung. Die nukleare Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion gehörte zum Alltag. Weltweite Krisen (wie die Kuba-Krise 1962) wurden stets mit dem Hintergedanken einer Eskalation zwischen den beiden Supermächten registriert.

Die atomare Bedrohung prägte das Bewusstsein ganzer Generationen. Die Vorstellung, dass Fehlentscheidungen in einer globalen Endzeit münden könnten, war allgegenwärtig. Diese Furcht spiegelte sich in der Popkultur wider. Musik, Film und Literatur griffen das nukleare Wagnis auf und machten sie der Allgemeinheit zugänglich.

Popkultur als Spiegel sozialer Ängste

Die 1980er-Jahre waren beeinflusst von einer musikalischen Verarbeitung der atomaren Gefahr. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist das 1985 veröffentlichte Lied „Russians“ von Sting. Mit der berühmten Zeile „I hope the Russians love their children too“ stellte der Sänger die gemeinsame Menschlichkeit auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs in den Fokus. Das Lied war ein Appell gegen Feindbilder und Ausdruck der Sorge, dass die Logik nuklearer Abschreckung aus den Fugen geraten könnte.

Auch das Kino beschäftigte sich intensiv mit den Folgen eines Atomkriegs. Filme wie Threads, The Day After oder WarGames erreichten ein Millionenpublikum und machten klar, dass nukleare Konflikte keine abstrakten Planspiele militärischer Strategen waren und ein reales Pulverfass für die Bevölkerung darstellten. Atomwaffen waren nicht bloß ein außenpolitischer Gegenstand. Sie waren Teil des künstlerischen Gedächtnisses westlicher Gesellschaften.

Vom Schreckensszenario zum Sicherheitsinstrument

Mit dem Ende des Kalten Krieges verschwand die atomare Gefährdung rasch aus der medialen Öffentlichkeit. Abrüstungsverträge und die Friedensdividende vermittelten den Eindruck, die nukleare Ära sei endgültig überwunden.

Andere Herausforderungen rückten in den Mittelpunkt: Terrorismus, Finanzkrisen sowie Digitalisierung bestimmten fortan die Agenda. Atomwaffen wurden als historisches Thema betrachtet.

Aber sie verschwanden keineswegs aus der internationalen Politik. Vielmehr wandelte sich ihre Wahrnehmung. Aus dem Symbol existenzieller Angst wurde staatliche Sicherheitspolitik. Atomare Diskussionen werden rein sachlich und technokratisch geführt. Die Bombe ist bagatellisiert worden.

Der Ukrainekrieg und die Rückkehr nuklearer Macht

Der russische Angriff auf die Ukraine hat veranschaulicht, dass Atomwaffen gewiss kein Relikt sind. Russland nutzt sein Nukleararsenal sowohl zur Abschreckung als auch als Druckmittel. Die nuklearen Signale aus Moskau haben die Grenzen westlicher Unterstützung für die Ukraine maßgeblich gesteuert.

Auch in den USA ist die nukleare Frage wiederaufgeflammt. Donald Trump hat bereits in seiner ersten Amtszeit mehrfach mit militärischer Eskalation und der Überlegenheit des amerikanischen Atomwaffenarsenals kokettiert. Seine Rückkehr ins Weiße Haus wirft Zweifel an der Verlässlichkeit amerikanischer Sicherheitsgarantien auf. Für die europäischen NATO-Staaten gewinnt die Auseinandersetzung über strategische Abhängigkeiten und einen europäischen Nuklearschirm an Bedeutung.

Die Entwicklung seit Anfang 2022 zeigt ebenfalls, dass die nukleare Thematik längst nicht nur die Beziehungen zwischen den Großmächten betrifft. Beim deutsch-französischen Ministerrat in Brühl haben Bundeskanzler Friedrich Merz und der französische Präsident Emmanuel Macron angekündigt, ihre militärische Zusammenarbeit weiter zu vertiefen. Erstmals sollen deutsche Streitkräfte an einer französischen Nuklearübung teilnehmen. Zudem wollen beide Länder ihre Kooperation bei der nuklearen Abschreckung und der europäischen Verteidigungsfähigkeit ausbauen. Die Kontroverse über einen europäischen Nuklearschirm, die vor Februar 2022 als unvorstellbar galt, ist derweil in der Mitte der europäischen Außenpolitik angekommen.

Bemerkenswert ist, dass all dies bislang keinen Widerstand ausgelöst hat, der mit jener der 1980er-Jahre ansatzweise vergleichbar wäre. Es gibt kaum Protestbewegungen und keinen breiten intellektuellen Disput. Damals gab es riesigen Widerstand gegen den NATO-Doppelbeschluss. Allein 300.000 Menschen demonstrieren am 10. Oktober 1981 im Hofgarten in Bonn gegen Atomwaffen.

Die Normalisierung der Bombe

Die eigentliche Veränderung liegt mitnichten in der globalen Sicherheitsordnung, sondern in unserer Einordnung der nuklearen Gefahr.

Atomwaffen sind weit weniger emotional aufgeladen als vor vierzig Jahren. Ihre Existenz erscheint vielfach schlichtweg als geopolitische Realität. Die Tatsache, dass seit 1945 keine Atomwaffen im Krieg eingesetzt wurden, hat paradoxerweise zur Gewöhnung geführt. Die nukleare Abschreckung gilt inzwischen als überaus notwendig. Dass sie auf der permanenten Möglichkeit einer globalen Katastrophe beruht, wird zweitrangig.

Die Bombe ist zurück – und wir haben uns an sie gewöhnt

Das Außergewöhnliche ist nicht die Rückkehr der Atomwaffen. Sie waren nie verschwunden. Neu ist ihre Normalisierung. Während der Kalte Krieg die Bombe zum Sinnbild der Unsicherheit machte, erscheint sie heute als außenpolitisches Mittel zum Zweck. Die kulturelle und gesellschaftliche Dimension der Kernwaffen ist verloren gegangen.

Wir leben noch immer unter dem nuklearen Damoklesschwert – wir haben lediglich aufgehört, es als solches aufzufassen.

Julia Engels

Julia Engels ist Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Sicherheits- und Abrüstungspolitik und promoviert an der RWTH Aachen zur nuklearen Abschreckung in der Internationalen Politik. Sie veröffentlicht regelmäßig Beiträge u. a. in Telepolis, Frankfurter Rundschau und der taz.
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2 Kommentare

  1. Im wesentlichen sabbelt nur Putin-Russland und seine Propaganda-Willis über Massenvernichtungswaffen und Wunderwaffen.

    Wenn man sich viel russische Propaganda rein knallt kann man schon den Eindruck verfallen als würden das alle tun.

    1. Sicherlich ist Donald der Verrückte unwesentlich. Bleibt der Fakt dass dir USA als einziges Land der Welt bisher Atimwaffen eingesetzt haben.

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