Die neue Macht der Magie

Lakandonischer Führer im Selva Lacandona bei Palenque. Bild: MandoBarista/CC BY-2.0

Magisches Denken nimmt in der gesellschaftlichen Debatte einen Platz ein, der ihm nicht zukommt. Wie Zauberei funktioniert, habe ich dank Christian Rätsch von den Lakandonen gelernt.

Die Lakandonen sind ein Mayavolk im Staat Chiapas im Süden Mexikos. Als ich vor bald vierzig Jahren dort reiste, standen stets einige Lakandonen an den Parkplätzen der Hauptsehenswürdigkeiten – also v.a. der Ruinenstätte Palenque – und boten den Touristen Flitzebögen und Pfeile feil. Sie waren leicht zu erkennen an ihren langen, offenen Haaren und weißen Tuniken, was ihnen das Erscheinungsbild von Sektenmitgliedern verlieh. Diejenigen, die ich dort an den Straßen sah, wirkten auf mich verloren, hilflos und entwurzelt.

Einige Jahre später stöberte ich in der Unibibliothek irgendwo in der ethnographischen oder psychologischen Abteilung. Da erregte ein schmaler Band meine Neugier: „Bilder aus der unsichtbaren Welt: Zaubersprüche und Naturbeschreibung bei den Maya und Lakadonen.“ Magie hatte mich stets fasziniert, und auch ein lebhaftes Interesse für die Mayas hatte ich mir von den Mexikoreisen behalten. Also blätterte ich ein wenig.

Ich wurde enttäuscht. Dass mir der Autor Christian Rätsch das Zaubern nicht beibringen konnte, hatte ich fast erwartet. Aber die Zaubersprüche der Lakandonen, die er seitenweise dokumentierte, waren zudem ausnehmend dröge. „Der Arm ist heil. Der Arm ist ganz. Du führst kraftvolle Schläge. Du ergreifst den Bogen. Der Arm ist heil“ – in ungefähr dem Stil ging es fort und fort. Das sollte Magie sein? Einschlafzauber?

Die Magie, so erläuterte Rätsch dazu, funktionierte, indem man die Welt bzw. den Zustand, den man erreichen wollte, ganz genau beschrieb. Und zwar im Indikativ, so, als wäre er bereits Wirklichkeit. „Der Arm ist heil“ – und wenn man das lang und oft genug sagt, und ganz fest daran glaubt, dann fügt sich die Wirklichkeit der Vorstellung, und der Arm wird heil.

Ich stellte das Büchlein ins Regal zurück. Ich wollte Abrakadabra, oder wenigstens Poesie. Christian Rätsch habe ich trotzdem nie ganz vergessen. Jahre später hat er mich mit seiner monumentalen, gelehrten und gründlichen „Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen“ begeistert. Sein engagierter Einsatz für den legalen und verantwortungsvollen Umgang mit psychoaktiven Pflanzen war beeindruckend. Bei der Recherche habe ich erst entdeckt, dass er im September 2022 überflüssigerweise gestorben ist. Er war ein Exot, ein Exzentriker, ein mutiger Denker. Die Welt ist langweiliger und ärmer ohne ihn.

Sprich es nicht aus!

Die Weise, auf welche die Lakandonen zauberten, erschien mir weder interessant noch wirksam. Umso erstaunlicher finde ich, wie weit verbreitet sie ist.

Ob die Lakandonen heute noch so zaubern, weiß ich nicht. Schon in den frühen 80ern, als Rätsch bei ihnen lebte und forschte, gab es nur noch wenige, die nicht missioniert und assimiliert waren. Dafür aber zaubern heute Millionen von Menschen in den westlichen Ländern auf ihre Weise. Und nicht etwa in aller Heimlichkeit, in verschrobenen Hexenzirkeln zu kurz gekommener Hausfrauen. Oh nein! Magie ist heute wieder eine Grundströmung des westlichen Denkens geworden.

Es ist heute anerkannte Wahrheit, dass ein Mann zur Frau wird, indem er als Frau bezeichnet wird. Ebenso wird Weißrussland ein klein wenig freier, wenn man es Belarus nennt. Und indem wir nicht mehr von Negern sprechen, sondern von Schwarzen, Afroamerikanern – oder wo die Euphemismus-Tretmühle gerade stehengeblieben ist -, wird die rassistische Diskriminierung dunkelhäutiger Menschen wirksam abgeschafft.

Überhaupt zeigt sich das magische Denken vor allem in der Neu-Etablierung des Tabus. Das, was Menschen fürchten, benennen sie nicht aus Angst, es damit zu beschwören. So entstehen Euphemismen, die das Gefährliche besänftigen sollen: Wie der Bär auf Russisch ursprünglich einmal hieß, ist sogar in Gelehrtenkreisen vergessen; er heißt jetzt медведь – Honigesser. Es fragt sich, wovor diejenigen Angst haben, die sogar im Familienkreis sich weigern, „Neger“ zu sagen oder „Zigeuner“. Vor Negern und Zigeunern, oder doch vor ihrem eigenen unbewussten Rassismus?

Eine andere beliebte Zauberpraktik ist die Bannformel. „Das ist ein russisches Narrativ!“ hat in magiepraktizierenden Kreisen die Macht, beliebige Tatsachen verschwinden zu lassen. Ähnliches gilt für das Zauberwort „Antisemitismus“. Und nah verwandt mit dieser Beschwörungspraxis ist der Glaube, dass der Inhalt einer Aussage dadurch wahr oder falsch werde, wer die Aussage macht. Die Welt ist nicht mehr, was der Fall ist, sondern was die Demiurgen der verschiedenen Stämme über sie sagen.

Wirklichkeiten formen

Es gibt durchaus Gelegenheiten, bei denen Worte Wirklichkeit schaffen. Linguisten sprechen dann von „performativen“ Äußerungen. Sie beschreiben nicht die Welt, sind also auch weder wahr noch falsch, sondern verändern die Welt. „Ich verspreche es Dir“ ist selbst das Versprechen. Es erzeugt eine Verpflichtung. Ebenso bewirkt das Ja-Wort vor dem Standesbeamten eine Ehe. Diese magische Macht performativer Äußerungen ist aber beschränkt auf den ureigensten Bereich der Sprache: auf zwischenmenschliche Beziehungen. Es gibt keinen Sprechakt, der den Himmel grün färben könnte.

Der Glaube jedoch, dass genau das möglich sein sollte, dass Worte eine direkte Wirkung auf die materielle Welt haben sollten, ist laut Bronislaw Malinowski, einem der Begründer der Ethnologie, allem magischen Denken gemein. Die Wirklichkeit ließe sich demnach formen durch die Redeweise. „Rassen“ sollen verschwinden, indem wir nicht mehr von ihnen sprechen. (Die Verschiedenheit der Menschen ist für manche Leute anscheinend etwas Schlimmes.) Männer und Frauen werden einander gleich, wenn wir sprachlich nicht mehr zwischen ihnen unterscheiden. (Dito. Als wäre der Unterschied nicht Ursprung des Lebens und fast aller seiner Freuden.)

Überhaupt ist die Geschlechtlichkeit des Menschen das größte Wirkungsfeld der Magie – vielleicht immer gewesen. Ungeachtet aller biologischen und anatomischen Tatsachen werden Männer und Frauen heute durch Sprechakt erschaffen. Die umstrittene Philosophin Judith Butler ging so weit, dieses Vorgehen explizit zu rechtfertigen: „Der Ausruf der Hebamme ‚Ein Mädchen!‘ ist demnach nicht nur als konstative Feststellung zu verstehen, sondern auch als direktiver Sprechakt: ‚Werde ein Mädchen!‘“ Doch dass die soziale Zuschreibung die Geschlechtsidentität nicht ändern kann, ist seit Jahrzehnten bekannt. (Interessanterweise hat andernorts ausgerechnet Butler die Normen der Political Correctness als magisches Denken bezeichnet. Denn diese ignorierten, dass die Bedeutung von Wörtern von ihrem Kontext und der Sprechabsicht abhängt.)

Schutzmauern aus Strohhalmen

Zauberei durch Affirmation widerspricht einem aufgeklärten, wissenschaftlichen Weltzugriff. Ziemlich sicher funktioniert sie nicht. Trotzdem ist sie menschlich verständlich und wohl nie ganz verzichtbar. Denn die Welt ist chaotisch, fraktal, unvorhersagbar, gefährlich, verwirrend und einfach nicht geheuer. Der Bereich darin, den wir kontrollieren können, ist immer begrenzt, und jenseits warten die Monster. Dort, wo die rationale Kontrolle versagt, nimmt selbst der strammste Rationalist Zuflucht zur Magie: segnet seine Kinder, bekreuzigt sich vorm Flugzeugstart, kauft Apple-Produkte. Gerade in unsicheren Zeiten flicht sich der Mensch Schutzmauern aus Strohhalmen.

Die psychologische Forschung bestätigt das. Unsicherheit lässt v.a. kontrollbegierige Menschen abergläubischer werden. In einer sehr eleganten Studie wurden die Teilnehmer entweder kaum oder kräftig gestresst; dann wurden ihnen Fragen gestellt von der Art: „Hat in Ihrer Familie schon einmal jemand Lungenkrebs gehabt?“ Die Antworten auf die Fragen waren unwichtig. Was gezählt wurde, war: wie oft die Teilnehmer bei der Antwort auf Holz klopften. Die Gestressten taten das häufiger als die Entspannten, und Leute mit hohem Kontrollbedürfnis besonders häufig.

Magisches Denken ist nämlich keine Eigenheit von Lakandonen und ähnlichen „Wilden“. So dachte man früher: Der Mensch habe sich in seiner Erkenntnisfähigkeit höherentwickelt vom Mystizismus über die Religion bis zur modernen Wissenschaft, deren Repräsentant mit bescheidenem Stolz diesen Fortschritt erkennt. Doch schon frühe Anthropologen wie Bronislaw Malinowski widersprachen. Sie fanden bei den vermeintlichen „Primitiven“ eine ebenso gute Gabe der Beobachtung natürlicher Zusammenhänge wie bei Physikordinarien. Magie ersetzte diese kritische Weltkenntnis nicht, sondern ergänzte sie dort, wo sich die Verhältnisse dem eigenen Einfluss entzogen.

Unter genau denjenigen Bedingungen also, unter denen umgekehrt auch der aufgeklärte Geist zum magischen Denken neigt. Sinnlos, das verbieten zu wollen: Magie und Aberglaube haben ihren festen Platz in der Seelenhygiene des Menschen. Aber eben auch nur dort.

Magiefreie Zone

Im Abendland verbinden wir die Epoche der Aufklärung und des Neohumanismus mit der Austreibung von irrationalen Methoden. Die Philosophen der Aufklärung propagierten den vernünftigen, erleuchteten Menschen, die Philosophen des Humanismus den weltzugewandten, selbstverantwortlichen Menschen: einen Menschen, der sich von überkommenen Zwängen frei macht und nach vernünftiger Abwägung entscheidet. Dieses Ideal ist mitnichten auf das Abendland beschränkt; anderswo und anderswann ist es unter anderen Namen ebenso vertreten worden. Denn es ist die Voraussetzung für ein Gemeinwesen, in welchem die Menschen Streitfragen in friedlicher, inhaltsbezogener Weise debattieren.

Mag sein, dass sie auf dem Weg zum Parlament, zum Pnyx, zum Langhaus Tieropfer bringen und Fastengelübde ablegen in der Hoffnung, dadurch zum besseren Redner zu werden: Wenn sie dann reden, zählt nur noch das Argument. In einer vernünftigen Debatte ist magisches Denken ein Fremdkörper. Es hat den logischen Stellenwert von Gebrüll.

Daher müssen wir gerade heute, da magisches Denken wieder salonfähig geworden ist und uns als neueste wissenschaftliche Weisheit präsentiert wird, ihm hartnäckig seinen Platz weisen. Der ist im privaten Ritual, nicht in der Öffentlichkeit. Wir unterminieren das Fundament von Aufklärung und Humanismus, wenn wir Politik so betreiben wie die Lakandonen Heilkunst.

Konrad Lehmann

Konrad Lehmann studierte Biologie und Verhaltensforschung, promovierte in Neurobiologie und absolvierte seine Habilitation in Zoologie. Heute lehrt und forscht er an der Friedrich Schiller-Universität in Jena darüber, wie Umweltbedingungen die Formbarkeit des Gehirns beeinflussen. Als studierter Verhaltensforscher, promovierter und habilitierter Neurobiologe vermag er alle großen Themen der Hirnforschung lebendig und im Zusammenhang darzustellen. Wie Kreativität im Gehirn entsteht, hat er in seinem bei Springer erschienenen Buch „Das schöpferische Gehirn“ unterhaltsam verständlich gemacht, und in „Für mein Gehirn bin ich selbst verantwortlich“ dargelegt, wie die Gehirnentwicklung zeitlebens durch die Umwelt beeinflusst wird. Zuletzt erschienen: „Das Bewusstsein der Tiere.
Eine neurobiologische Exkursion zu den Gipfeln des Geistes“.
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4 Kommentare

  1. Ein positives Beispiel für magisches Denken ist die Rückkopplung von Gedanken „Ich werde gesund“ eines Todkranken mit dem Abklingen seiner Krankheit. Funktioniert nicht immer, aber es gibt so etwas. Genau das Gleiche gilt für den Vertrag, den ein Krebskranker mit seinem Krebs macht: „Wenn ich sterbe, stirbst Du auch. Also wuchere nicht weiter.“ Soll auch funktionieren.
    Da fällt mir ein Spruch aus der Bibel ein: „Wenn Euer Glaube nur groß genug wäre, könntet Ihr Berge versetzen.“

    1. Bibel: „Wenn Euer Glaube nur groß genug wäre, könntet Ihr Berge versetzen.“

      Genau in diesem Wahn schwelgt unsere westliche Elite in Politik, Medien und Kultur.

      1. @garno
        „Wenn Euer Glaube nur groß genug wäre, könntet Ihr Berge versetzen.“
        „Genau in diesem Wahn schwelgt unsere westliche Elite in Politik, Medien und Kultur.“

        Wer keinen Flughafen, keinen Bahnhof und keine Brücken bauen kannd, der kann erst recht keine Berge versetzen und wenn er noch so fest daran glaubt 🙂

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