Die Nachbarn wehren sich gegen Rheinmetall im Wedding

Bild: Gaby Weber

Neuer Film über die Proteste gegen Waffenkonzern, der den Weddinger Autoteile-Hersteller Pierburg gekauft hat, um dort fortan Artilleriemunition zu fabrizieren.

Im Berliner Norden, im einst „Roten Wedding“, wurde Mitte Juli protestiert. Gegen die Firma Rheinmetall. Vom Gesundbrunnen aus wollte man zum Werkstor ziehen, aber die Polizei versperrte den Zugang zur neuen Fabrik seit Wochen mit NATO-Draht gesichert. So blockierte man danach das Stadt-Büro von Rheinmetall am Brandenburger Tor. Auch die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg war dabei.

Zwei Tage lang diskutierte im Humboldthain das Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion über weitere Schritte. Es hatte sich Anfang 2025 gegründet, als bekannt wurde, dass der Waffenkonzern den Weddinger Autoteile-Hersteller Pierburg gekauft hatte, um dort fortan Artilleriemunition zu fabrizieren. Die deutsche Automobilindustrie macht Verluste, Werke schließen und Wirtschaftsführern wie Politikern fällt als „Ausweg“ nichts besseres ein – als auf Rüstung umzusatteln, dort fließt ja Geld ohne Grenzen. Und die mächtige IG Metall spielt mit.

Rheinmetall gehört zu den großen Gewinnern. Sein Aktienkurs schoss in ungekannte Höhen. Weltweit hat er 34.000 Beschäftigte, das Geschäft mit Kriegsgerät aller Art boomt. Der weltgrößte Vermögensverwalter, der US-amerikanische BlackRock, besitzt inzwischen 7 Prozent der Aktien, ist damit größter Investor. Vor drei Jahren wurde Rheinmetall, passend zur „Zeitenwende“, in den DAX aufgenommen. Dabei ist, laut seiner Eigentümer-Struktur, die Firma gar kein deutsches Unternehmen mehr. Aber warum die Bundesregierung große Teile ihrer Wehr-Strategie in die Hände eines – de facto – ausländischen Unternehmens legt, bleibt ihr Geheimnis. Nicht erst die Trump-Regierung hat verkündet, dass ihre Interessen nicht mit den europäischen identisch seien.

Das Bündnis trifft sich einmal im Monat im Nachbarschaftscafé, man geht an die Haustüren und zu den Kirchen. „Wir merken immer wieder, dass viele Leute nicht wissen, dass in der Nachbarschaft Waffen produziert werden sollen. Die Allermeisten sind, wenn sie davon erfahren, schockiert. Wie? Hier in meiner Nachbarschaft?“ Das will das Bündnis ändern.

Im Film kommen die – meist jungen – Aktivisten zu Wort, die gegen die Militarisierung und für eine bessere Welt auf die Barrikaden gehen. Sie organisieren Schulstreiks und beraten junge Männer, wie sie sich angesichts der drohenden Wehrpflicht verhalten können. „Die Regierung rüstet sich für den nächsten großen Krieg“, meint ein 18-Jähriger, der gerade den Fragebogen der Bundeswehr erhalten hat. Doch von 300.000 Männern seines Jahrgangs, die die Bundeswehr angeschrieben haben, hatten nur 530 Interesse angemeldet, 0,18 Prozent. Das Interesse der Jugend hält sich also in Grenzen, die Zahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung steigt rapide:

„Die Militarisierung betrifft alle Jugendlichen, nicht nur mich und junge Männer ab 18 Jahre mit deutscher Staatsbürgerschaft. Ich studiere an der Technischen Universität. Das Hauptgebäude hat zugemacht, die Bibliothek war lange zu, bei mir im Mathematik-Gebäude tropft es von allen Decken. Wo ich wohne, gibt es keine Jugendklubs mehr, wo man als Jugendlicher hingehen und Zeit verbringen kann. Weil das alles vom Senat weggekürzt wird. Die Schulen verfallen. So wird eine Perspektivlosigkeit bei den Jugendlichen produziert, und am Ende wissen Jugendliche nicht mehr, was sie machen sollen, und dann wirkt die Bundeswehr wie ein attraktiver Arbeitgeber, der mit hohen Gehältern lockt. Bei der Bundeswehr kann man umsonst seinen Führerschein machen, was sonst immer teurer wird.“

Bild: Gaby Weber

Es ging auch um das heikle Thema der deutsch-israelischen Zusammenarbeit:

„Rheinmetall verdient an den eklatantesten Menschen- und Völkerrechtsbrüchen. Die Firma unterstützt den Genozid in Palästina und das völkerrechtswidrige Vorgehen von Israel in den besetzten palästinensischen Gebieten, in Syrien, im Libanon und im Iran ideologisch und materiell. Deutschland ist der 2. größte Waffenlieferant an Israel und macht sich an den Verbrechen in Gaza mitschuldig. Rheinmetall kooperiert seit vielen Jahren mit Israel Aerospace IAI, mit Rafael Advanced Defense Systems und mit Elbit Systems bei der Entwicklung von 150 Millimeter Artilleriesystemen.“

Eine Lehrerin aus Neukölln, Mitglied der GEW (die die Aktionstage und die Demonstration unterstützt hat), spricht über die zunehmenden Auftritte von Offizieren im Unterricht.

„Die Bildungssenatorin hat eine Kooperationsvereinbarung zwischen Bundeswehr und den Berliner Schulen abgeschlossen. In Deutschland sind 11 Bundesländer bei dieser Kooperation dabei. Die Senatorin hat gesagt, es sei freiwillig, sie kommen nur, wenn sie von den Lehrkräften eingeladen werden, und so bleibe es. Aber wozu musste dann diese Kooperationsvereinbarung abgeschlossen werden? In Bayern gibt es bereits eine Kooperationspflicht zwischen Schulen und Bundeswehr. So eine Vereinbarung ist ein Schritt in Richtung Pflicht. Allerdings ist sehr erfreulich, dass es Proteste gab.“

Eigentlich sollte man annehmen, dass die deutschen Gewerkschaften dagegen auf die Barrikaden steigen, und in der Satzung der mächtigen IG Metall steht die Rüstungskonversion. Doch sie glänzte im Wedding durch Abwesenheit. Dabei hatte sich das Bündnis ebenfalls für den Erhalt der Arbeitsplätze stark gemacht; aber dazu fehlte wohl der politische Wille:

„Es gab schon länger Gespräche über die mögliche Umrüstung des Werkes, beispielsweise auf Wärmepumpen oder Solarindustrie. Es gab verschiedene Ideen, darunter den Vorschlag, Zulieferer für Züge zu werden. Aber gemäß der erklärten ‚Zeitenwende‘ hat man sich entschieden, als Tochterfirma von Rheinmetall Artilleriemunition herzustellen. Dagegen haben wir uns gegründet. Wir sind sehr enttäuscht von der IG Metall, in deren Grundsatzprogramm steht, dass Rüstungskonversion ein grundlegendes Ziel sei. Rüstungskonversion bedeutet die Umrüstung von militärisch genutzten Fabriken in zivilen Fabriken. Jetzt passiert hier genau das Gegenteil, und die IG Metall bejubelt dies und sagt, ‚wir freuen uns, dass die Arbeitsplätze geschützt werden‘.“

Bild: Gaby Weber

Die IG Metall ignorierte die Proteste gegen Rheinmetall. Ich habe versucht, für meinen Film ihren Ersten Bevollmächtigten – Constantin Borchelt – oder den Bezirksvorsitzenden – Jan Otto – zu interviewen. Ich habe ihnen von der Enttäuschung der Friedensaktivisten erzählt und wollte wissen, warum sie den jungen Leuten ihre Solidarität verweigern. Vergeblich. Die Geschäftsstelle antwortete mir: „Ein Interview können wir Ihnen derzeit leider nicht anbieten.“ Sie schickte mir lediglich eine Pressemitteilung.

„Die IG Metall Berlin respektiert die unterschiedlichen Positionen in dieser Debatte. Unsere Satzung verpflichtet uns, uns für Frieden, Abrüstung und Völkerverständigung einzusetzen. Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, die Interessen der Beschäftigten zu vertreten. Die Kolleginnen und Kollegen haben nicht über die strategische Neuausrichtung ihres Unternehmens entschieden. Sie haben aber ein Recht auf sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen und eine starke Mitbestimmung. Für die Beschäftigten bedeutet die Umstellung nach Einschätzung des Betriebsrats vor allem den Erhalt der Arbeitsplätze, Investitionen in den Standort sowie umfangreiche Qualifizierungsmaßnahmen.“

Wieso sie die Aktionstage gegen Rheinmetall nicht unterstützt hatte – im Gegensatz zur GEW, Verdi und der IG Bau, Steine, Erden? Dazu kein einziges Wort.

Erschienen war im Wedding der AKI, der Arbeitskreis Internationalismus in der IG Metall. Allerdings darf der sich inzwischen nicht mehr so nennen, hat die Führung der Berliner IG Metall entschieden. Zwar lagen keine konkreten Vorwürfe gegen den AKI vor, aber das Wort „Internationalismus“ klingt irgendwie verdächtig. Fragen wie Krieg und Frieden und Rüstungsproduktion würden entweder totgeschwiegen oder nur als eine Möglichkeit zur Schaffung von Arbeitsplätzen erwähnt – nach dem Motto: wir können uns nicht aussuchen, was produziert wird, so Peter Vlatten vom AKI, der eine „politische Positionierung“ einfordert.

„Diese Fokussierung, die heute in der internationalistischen Arbeit notwendig wäre – nämlich gegen den Kriegskurs und den Imperialismus weltweit zu kämpfen – wird ungern gesehen. Man darf vielleicht ein bisschen internationalistische Folklore machen, aber sobald es um die Frage Ukraine oder Völkermord in Gaza geht, wird ein Mantel des Schweigens über diese Ereignisse gedeckt.“

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Und, wie immer, das Spendenkonto, da der Film (natürlich) ohne Finanzierung entstanden ist: Paypal (ja, ich weiß…) gaby.weber@gmx.net oder über Bank auf den Namen Gabriele Weber, IBAN DE43120300001207441294, bic BYLADEM1001

Gaby Weber

Gaby Weber
Weber studierte Romanistik und Publizistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1982 am Lateinamerika-Institut. Seit 1978 ist die Mitgründerin der taz als Journalistin und seit 1986 als freie Korrespondentin tätig, zuerst aus Montevideo und ab 2002 aus Buenos Aires. Außerdem hat sie mehrere Reportagen und umfangreiche Recherchen zur Geschichte nachrichtendienstlicher Aktivitäten veröffentlicht. 2012 erschien ihr Buch „Eichmann wurde noch gebraucht“.
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10 Kommentare

  1. Die Gewerkschaftsbosse haben im übrigen schon vor 1914 dafür gesorgt, dass die SPD, voran deren Reichtagsabgeordneten, Richtung Krieg umkippten.
    Darüber hat sich z.B. Rosa Luxemburg auf dem Jenaer Parteitag 1913 ausgelassen.
    Dafür hat sie die SPD 6 Jahre später umbringen lassen

  2. Es kommt immer zusammen, was zusammen gehört!
    Ihr müsst das Werk besetzen, keinen Film darüber drehen wie ihr demonstriert, so wie wir, damals gegen Bubis im Häuserkampf.
    !Widerstand“ geht anders!

    1. @Adel verpflichtet
      Der Adel muß voranschreiten sonst wird das nichts. Offenbar ist der Adel aber nur dazu in der Lage seine Fußtruppen vorzuschicken und hält sich selbst vornehm im Hintergrund.

    2. „Ihr müsst das Werk besetzen,“

      Wieder einmal nötigen Sei mich werter @monotoner, Ihren Beitrag korrigieren zu müssen. Bei dem Dutzend auf dem Photo handelt es sich „Aktivisten“, die die Ost-Berliner Parteizentrale des BSW dort (eigen-) medienwirksam aufgestellt hat. Währenddessen warten die Werktätigen auf die schnellstmögliche und reibungslose Umrüstung der Hallen auf Rüstungsproduktion: Sie sind dankbar, dass Herr Papperberger ihr strauchelndes Unternehmen als ehemaliger Autozulieferer vor der Insolvenz gerettet und die Werktätigen und ihre Familien im „Roten Wedding“ in Lohn und Brot bringt.

    1. Die KI: Twitter (X) lässt sich ohne Anmeldung kaum noch direkt nutzen, da die offizielle Plattform bei direkten Aufrufen fast immer einen Login fordert. Bitte deshalb um das Kennwort um mich einzuloggen, damit ich ihren Link mir ansehen kann.

    2. Ich beweifle, daß die Krieglosigkeit seitens der „Willigen“ gewahrt bleibt,
      sollten sich diese Putinschen U-Boote bestätigen.

  3. Aus aktuellem Anlass:
    Wer sich Trolle wie „Vende“ vom Leib halten will, trägt in ‚Meine Filter‘ bei
    uBlock Origin diese Regeln ein:
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    Letztere Regel ist für Letzte Kommentare.

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