Die „leckeren Ziele“ sind 100-150 km hinter der Front

Screenshot von Video von @DefenceU

Widersprüchliches aus dem Drohnenkrieg. Ukrainische Drohneneinheiten wollen extrem erfolgreich sein, viele haben ein ganzes Jahr lang keine Drohne abgeschossen. Und der Drohnenkrieg könnte mit gezielten Tötungen weit im Hinterland durch FPV-Drohnen eine neue Stufe erreichen.

Die Selenskij-Regierung propagiert, dass die ukrainischen Streitkräfte trotz Personalmangel vor allem wegen der besseren Ausstattung mit Drohnen den russischen Truppen höhere Verluste zufügen, als diese neue Soldaten rekrutieren können. Überdies gibt es die Erfolgsmeldungen, dass stets fast alle russischen Drohnen abgefangen würden. So sollen in der Nacht vom 29. auf den 30. April bis 8 Uhr morgens von 206 unterschiedlichen russischen Kampfdrohnen 172 Drohnen abgewehrt worden sein. Im Westen wiederholt man gerne diese Erfolgsmeldungen, schließlich setzt man weiter auf Krieg und glaubt wie der Bundeskanzler, dass die Ukraine mit weiteren Waffen- und Geldlieferungen schon Russland in die Knie zwingen wird, was von Beginn an das Ziel war.

Die Ukrainska Pravda (UP) hat nun ein Interview mit Oberst Pavel Elizarov veröffentlicht. Er ist seit Beginn des Jahres stellvertretender Kommandeur der Luftstreitkräfte – mit Schwerpunkt auf die Abwehr von Drohnen oder die „kleine Luftabwehr“. Er war ursprünglich Fernsehproduzent, schloss sich zu Kriegsbeginn der Armee an und baute die Drohneneinheit „Lasars Gruppe“ auf. Angeblich ist sie für die Zerstörung von russischem Kriegsgerät im Wert von 14 Milliarden Dollar verantwortlich und gilt als die erfolgreichste ukrainische Drohneneinheit.

Erfolge der Lasar’s Group im Wettbewerb

Elizarov bestätigt die 14 Milliarden. Zuerst sei der Erfolg der Drohneneinheit nicht geglaubt worden: „Also fing ich an, ein Notizbuch anzulegen und notierte: Koordinaten, was zerstört wurde, von welcher Brigade, von welcher Drohne, Drohnennummer. Wir gaben den Drohnen sogar Namen. Dann reichte das Notizbuch nicht mehr aus – wir erstellten eine Excel-Tabelle. Und all die Jahre haben wir alles dokumentiert. Zu jedem Treffer gibt es einen Videoausschnitt. Wenn Sie diese Tabellen öffnen, können Sie genau sehen, was passiert ist und warum das Ziel getroffen wurde.“ Er muss allerdings einräumen. Dass etwa ein Panzer, wenn er von einer Drohne getroffen wurde, deswegen noch nicht zerstört ist, das sei aber normalerweise der Fall.

Der Verteidigungsminister betont, dass die Ukraine den Vorsprung im Drohnenkrieg verloren habe: „Leider haben wir unseren Drohnenvorsprung verloren. 2022/23 hatten wir die Chance, entscheidende Dinge zu erreichen. Wir konnten die Russen stoppen, einen Großteil ihrer Ausrüstung zerstören und die Lage stabilisieren – damit hatten sie nicht gerechnet. Aber wir haben das Gebiet nicht zurückerobert. Wäre der ‚Stoffwechsel‘ damals schneller gewesen, hätten wir sogar einige Gebiete zurückerobern können. Diesen Moment haben wir verpasst.“ Mit dem Stoffwechsel meint Elizarov, dass es Probleme in der Armeeführung gegeben hat, auch jetzt gebe es noch Konflikte zwischen dem neu ernannten Michail Fjodorow und der Armeeführung unter Syrsky.

Aber jetzt sei man erfolgreich. Jeden Monat würden 35.000 Russen getötet: „Wenn sie den Durchfluss erhöhen, wird auch die Anzahl der Verluste steigen. Wenn sie sich langsam bewegen, wird sie sich auf 30.000 bis 35.000 belaufen.“ Man könnte mehr töten, behauptet er, doch es gebe zu wenige Ziele, also russische Soldaten, die an Front kommen: „Es fehlen ihnen die Leute. Wir könnten planmäßig mehr schaffen. Aber wissen Sie, Äpfel in einem Obstgarten zu pflücken, wo es keine mehr gibt, ist schwierig.“ Man brauche auch nicht mehr Personal, das vorhandene müsste nur „effektiv eingesetzt“ werden.

Die Lage an der Front entspricht freilich dem Gesagten nicht. Elizarov selbst untergräbt seine Propaganda, wenn er sagt, dass in einer Region 28 Luftabwehrteams mit Abfangdrohnen eingesetzt waren, die im ganzen Jahr 2025 „keine einzige Drohne abgeschossen“ hätten.  Das scheint trotz der Erfolgsmeldungen der Luftwaffe über die abgewehrten Drohnen verbreitet gewesen zu sein: „Wir haben alle uns unterstellten Besatzungen einbezogen – es waren über 300. Von ihnen schossen 66 mehr als 10 ‚Shaheeds‘ ab, die übrigen weniger als 10. Und 170 Besatzungen schossen im gesamten Jahr keine einzige ab.“

Auch die Einschätzung der Lage an der Front, die sich stabilisiert habe, entspricht nicht dem Erfolgsbild: „In der modernen Kriegsführung ist ein Vorrücken für beide Seiten sehr schwierig. Es gibt technologische Lösungen, die die Situation verändern können – sowohl unsere als auch ihre. Die Frage ist, wer sie schneller umsetzen wird und wie die Gegenseite darauf reagieren wird. Doch großflächige Durchbrüche wie früher – Dutzende von Kilometern mit Säulenbewegung – sind heute praktisch unmöglich.“

Er will weiterhin die Möglichkeit sehen, dass die ukrainischen Truppen auch technisch effektiver werden können. Wenn sich „die Verluste des Feindes – sowohl an Ausrüstung als auch an Personal – erhöhen, könnte dies zu seiner inneren Demoralisierung führen. Und dann schließe ich eine Gegenoffensive nicht aus.“

Die Killzone mit von Piloten gesteuerten Kampfdrohnen mit größerer Reichweite wird erweitert

Der ehemalige GUR-Chef und jetzige Leiter des Präsidialbüros Budanov sagte vor kurzem, die Russen hätten Drohnen nun mit KI ausgerüstet, mit der sie autonom fliegen und Ziele ausfindig machen können. Offenbar gibt es diese in der Ukraine noch nicht, aber in einem halben Jahr wäre auch die Ukraine so weit.

Zudem würden nun die russischen Shahed- und Gerbera-Drohnen auch weiter als bisher fliegen können, schrieb Sergei Beskrestnov („Flash“), seit Januar Berater des Verteidigungsministers Fedorov für Technologie und Innovation. Bislang war die Reichweite für die Steuerung durch die Erdkrümmung auf 220 km beschränkt. Das ging auch nur, wenn die Drohne sehr hoch fliegt. Jetzt  würden die Russen auf Mesh-Netzwerke setzen, mit denen sich Ketten von Drohnen mit Funkmodems bilden lassen, die sich gegenseitig als Repeater nutzen und es so ermöglichen, über größere Entfernungen die Drohne manuell mit Navigationsinstrumenten zu steuern. Elektronische Kriegsführungssysteme, die die Satellitennavigation stören, greifen dann nicht mehr. Die Russen würden, damit die Signale stark bleiben, Ketten von nur zwei oder drei Drohnen bilden. Mittlerweile sollen 20 Prozent der Shahed-Drohnen mit Mesh-Routern ausgestattet sein. Die mit Kameras ausgestatteten Drohnen würden versuchen zu manövrieren, um den Abfangdrohnen zu entgehen.

Beskrestnov wies auf ein Video hin, das zeigt, wie eine tief fliegende Drohne ein Luftabwehr-Fahrzeug angreift. In diesem Fall hatten die Ukrainer Glück, weil sie beim Aufprall nicht explodierte. In einem anderen Fall nicht. Die Taktik sei, die die Besatzung einer mobilen Luftverteidigungsgruppe durch eine Drohne abzulenken, um mit einer weiteren anzugreifen.

Das von Drohnen zerstörte Haus von Beskrestnov. Bild: Facebook-Account von Beskrestnov.

Und er sagt auch, dass die Russen versucht hätten, ihn zu töten. Vier Jet-Shahed-Raketen seien am 20. April eingesetzt worden, eine habe die Mauer seines Hauses im Oblast Kiew durchschlagen, das Haus und sein Wagen seien zerstört worden. Er wurde verletzt. „Das ist das erste Mal, dass ich gesehen habe, wie der Feind versucht, jemanden mit Drohnen vom Typ Shahed auf so gezielte Weise zu eliminieren“, behauptet er. Er habe damit zwar gerechnet, aber „die Tatsache, dass der Feind 5 Jet Shaheds in das friedliche Zuhause meiner Familie schicken würde, um sie alle zu töten, war jenseits meiner Vorstellung“. Er scheint sich nicht sicher zu sein, wie viele Drohnen eingesetzt wurde, erklärt aber, dass zwei der Drohnen in Höhe von 2200 m flogen, die Signale an zwei weiteren Drohnen übermittelten, die sein Haus dann angriffen.

Das würde die Kriegsführung auf eine neue Stufe heben, indem auf einzelne Personen mit Drohnen nicht nur in der Killzone, sondern auch im Hinterland Mordanschläge ausgeführt werden. Man nennt das spätestens seit dem Drohnenkrieg der Amerikaner in Afghanistan nach israelischem Vorbild „gezielte Tötungen“, die aber mit großen, hoch fliegenden Drohnen und Hellfire-Raketen ausgeführt wurden.  Die Ukrainer haben dies noch nicht gemacht, sondern bislang mit Sprengfallen oder Anschlägen Militärs oder Kollaborateure hinter der Front in Russland getötet. Man müsste allerdings sagen, dass die Killzone mit von Piloten gesteuerten Kampfdrohnen mit größerer Reichweite einfach erweitert wird.

Das kündigt auch Beskrestnov an. Man habe bereits neue FPV-Drohnen getestet, mit denen die Killzone auf 100-150 km von der Frontlinie erweitert werde. Dort befinden sich die „leckeren Ziele“, es werde immer mehr immer mehr „Langstrecken-Drohnenangriffe“ geben. Und er drohte, das sei ein Präzedenzfall, man habe auch „operative Daten darüber, wer die Militärverbrecher Russlands sind und wo sie leben“.

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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2 Kommentare

  1. Der Drohnenkrieg ist real, brutal und mörderisch. Aber die Erfolgsmeldungen beider Seiten sollte man mit äußerster Vorsicht genießen. Wenn die eine oder andere Seite tatsächlich so überlegen wäre, wie sie es täglich behauptet, müssten wir viel stärkere Frontbewegungen sehen. Stattdessen sehen wir vor allem einen zermürbenden Abnutzungskrieg mit kleinen Geländegewinnen, Gegenangriffen, hohen Verlusten und enormer Propaganda. Drohnen verändern den Krieg massiv, aber sie entscheiden ihn offenbar nicht allein. Sie machen das Töten präziser, billiger und allgegenwärtiger — aber sie schaffen noch keine strategische Überlegenheit. Beide Seiten verkaufen ihre Treffer als große Wende. In Wahrheit spricht die relativ starre Front eher dafür, dass sich beide Armeen gegenseitig schwer zusetzen, ohne entscheidend durchbrechen zu können. Genau deshalb sollte man weder ukrainische noch russische Erfolgsmeldungen ungeprüft übernehmen. In diesem Krieg ist fast jede Zahl auch eine Waffe.

    Gerade deshalb ist es höchste Zeit, dass sich beide Kriegsparteien ernsthaft an den Verhandlungstisch setzen. Wenn keine Seite in der Lage ist, den Krieg militärisch eindeutig zu entscheiden, dann bedeutet jedes weitere Zögern vor allem eines: noch mehr Tote, noch mehr Verstümmelte, noch mehr zerstörte Städte und noch mehr gesellschaftliche Verrohung. Ein Frieden wird vermutlich für keine Seite perfekt sein, aber ein endloser Abnutzungskrieg ist die schlechteste aller Optionen. Wer in dieser Lage Verhandlungen grundsätzlich als Schwäche diffamiert, nimmt faktisch in Kauf, dass weiter Menschen verheizt werden — für Geländegewinne, die oft kaum über ein paar Kilometer hinausgehen. Jetzt braucht es nicht noch mehr Siegesrhetorik, sondern den politischen Mut, einen Waffenstillstand und einen tragfähigen Frieden auszuhandeln.

  2. Alle Zeichen stehen auf Eskalation mit maximaler Geschwindigkeit. Und dass die gezielten Tötungen nicht längst, wie es der jüdische Staat und die Amerikaner seit Jahren vormachen, Usus sind ist nur dem Moralwahn des russischen Präsidenten geschuldet. Offensichtlich hat man seit den jüngsten weltpolitischen Entwicklungen jetzt doch keine Lust mehr auf Moral….

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