Die Friedensliebe der Rabbiner

Isidor Kaufmann (1853–1921). Bild:   public domain

Nach der Zerstörung des Jerusalemer Tempels 70 n.Chr. verstand sich das rabbinische Judentum in zwei Jahrtausenden als eine Religion des Friedens – und verabscheute die Mordwaffen des Krieges.

 

Das Imperium Romanum zerstörte im Jahr 70 der Zeitrechnung den Tempel zu Jerusalem und ließ – den Chronisten zufolge – durch seine Soldateska hunderttausende Juden ermorden. Die jüdischen Gelehrten und Weisen antworteten auf diese Katastrophe nicht mit einer Angleichung an das aggressive Programm Roms: „Münze – Macht – Militär“. Sie folgten vielmehr einer bis zu den Propheten Israels zurückreichenden Wegspur, in der die Zivilisation der Gewalt als sicherer Erweis von Gottlosigkeit gilt. Das seit jener Wendezeit in zwei Jahrtausenden maßgebliche rabbinische Judentum erweist sich in seinem Schrifttum als eine biophile Religion des Friedens.

Das jüngste Lesebuch der Schalom-Bibliothek enthält hierzu eine umfangreiche Spurensuche nach übersetzten Quellen. Einige thematische Felder der Sammlung sollen an dieser Stelle beispielhaft vermittelt werden.

Die Thora in einem Satz

Die sogenannte „Goldene Regel“ zur Wechselseitigkeit im zwischenmenschlichen Handeln besagt, anderen nicht anzutun, was einem selbst verhasst ist, bzw. sich den Mitmenschen gegenüber so zu verhalten, wie man selbst von ihnen behandelt werden möchte. Die Universalität dieser ethischen Wegweisung in den Religionen (Konfuzianismus, Hinduismus, Jainismus, Buddhismus, abrahamitische Religionen …) und allen Kulturen (Ägypter, Assyrer, Griechen, Römer, Perser …) beruht nicht auf einer Abhängigkeit der unterschiedlichen Überlieferungsströme.

Die talmudische Überlieferung zu Rabbi Hillel, der – wie nach ihm auch Akiba ben Josef – vor zwei Jahrtausenden die „Goldene Regel“ ins Zentrum gerückt hat, eröffnet eine Perspektive des interreligiösen Friedens, die an Offenheit schwerlich übertroffen werden kann. Hillel (gest. um 10 der Zeitrechnung) lehrte nämlich einem konversionswilligen Heiden: „Was dir verhasst ist, das tu keinem andern; das ist die ganze Thora, das andre ist Erklärung – geh hin und lerne.“ (Talmud. Schabbat 31a)

Der gemäßigte Reformrabbiner Abraham Geiger (1810-1874) trägt in seinem Werk „Das Judentum und seine Geschichte“ vor: „Allein das Judentum sollte … auch alle menschlichen Verhältnisse verklären und veredeln. … Der eigentliche Grund und Nerv der Lehre ist: Was dir missfällt, das tu auch deinem Nächsten nicht, das ist der Grund und die Wurzel der Lehre, das übrige ist die Erklärung: Geh hin und lerne sie, oder der Spruch: Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst, das ist der große umfassende Grundsatz der Lehre, oder der andre: … Mensch sein und überall den Menschen erkennen und alle Nachkommen [des ersten Menschen] gleich und ebenbürtig, – die Hillel, Akiba und Ben Soma, die solches aussprachen, sie sind die Säulen und Träger des Judentums, und wir müssen ihr Wort wohl beherzigen.“

Alle Wege der Thora führen zum Frieden

In einer talmudischen Auslegung werden der Berg Sinai und das ähnlich klingende hebräische Wort „Sinat“ (Hass) miteinander in Verbindung gebracht: „Moses empfing die Thora vom Hass [wegen des Hasses]. … Aus dem Hass unter den Menschen erwächst die Notwendigkeit der Thora. Die Thora als Buch des Friedens.“ (Arte-Filmdokumentation) Unsere Gattung ist nicht zwingend auf das ‚Böse‘ programmiert – und eine mögliche Güte des Menschen ist erwiesen durch viele Mitglieder der menschlichen Familie. Am Fest der Gesetzesfreude tanzen und singen die frommen Juden. Sie danken Gott fröhlich für die Weisung zum guten Leben; sie wissen: Gerechtigkeit lernt der Mensch in einem gerechten Gemeinwesen.

Mehr noch: Alle Wege der Thora, so bezeugt es das talmudische Schrifttum, führen hin zum Frieden: „Es sprach der Heilige, gelobt sei er: die ganze Thora lehrt Frieden und wem übergebe ich sie? dem Volke, das den Frieden liebt“ (Pesikta de Rab Kahana). – „Groß ist der Friede, denn Gottes Name ist Frieden“ (Perek Haschalom). – „Was die Lehre Israel befiehlt, hat nur den Zweck, unter Menschen gegenseitige Liebe und Frieden aufrechtzuerhalten“ (Sefer ha-chassidim). – „Die Thora verlangt bei keinem Gebot, dass man sich zu ihm drängen soll. Einzig beim Gebot zur Förderung des Friedens verlangt sie: Fordere den Frieden und jage ihm nach!“ (Midrasch zu 4. Mose 19).

Die talmudischen Sentenzen sind eindeutig: Frieden ist wichtiger als irgendeine „Ehre“, egal wie hoch sie im Rang gilt. Um des Friedens willen ist es sogar erlaubt zu lügen. Selbst wenn Israel dem Götzendienst anhinge, aber gleichzeitig am Frieden festhielte, so fände es doch Erbarmen. (Der entsprechende Ausspruch von Rabbi Eleazar klingt fast wie Ketzerei!) – „Möge Nahrung auch in Hülle und Fülle vorhanden sein, wenn aber der Friede fehlt, ist es wertlos“ (Silfra Beschukotai 1). – „Obwohl in der Thora über Kriege geschrieben wird, wird über sie um des Friedens willen geschrieben.“ (Midrasch Tanchuma Zaw 3). – „Der Priestersegen schließt ab mit ,Gott gebe dir Frieden‘, um zu sagen, dass kein Segen irgendeinen Wert hat, wenn nicht der Friede mit ihm verbunden ist“ (Bemidbar rabbah XI,7). – „Der Herr (er sei gelobt) verkündet den Söhnen Israels, dass sie nur durch den Frieden erlöst werden können“ (Midrasch zu 5. Mose).

Die Friedensstifter als Botschafter des Lebens

Die rabbinische Überlieferung überschlägt sich förmlich in der Glücklich-Preisung der Friedensstifter: „Es wird niemals über einen Verderben kommen, der Frieden stiftet zwischen Menschen, zwischen Eheleuten, zwischen einer Regierung und der anderen, zwischen einer Familie und der anderen, zwischen einer Stadt und der anderen, zwischen einem Volke und dem anderen“ (Mechilta z. 2. Buch Mose).

Die Akteure der Kriegsreligion machen – in ihrer Gottlosigkeit – die Welt zu einem traurigen Ort, doch die Botschafter des Friedens wirken aus einem Raum der Freude und bringen Freude (Sprüche / Mischle 12,20). Sie zeichnen sich aus durch jene Kraft, die der Rabbinersohn Erich Fromm (1900-1980) „Biophilie“ nennt: durch die Liebe zum Leben und ein Vermögen, um sich herum Leben zu mehren. Die innere Kraftquelle der ‚Schalom-Menschen‘ eröffnet eine Perspektive zur Heilung der ganzen Welt: „Wenn ein Mensch Frieden mit sich gemacht hat, dann ist er in der Lage, die ganze Welt zu befrieden“ (Numeri Rabba).

Dem gegenüber schmerzt es freilich um so mehr, dass sich die „Führer der Weltpolitik“ durch ein mehr als problematisches Psychogramm auszeichnen. Den meisten Beifall erheischen jene „falschen Götter“ (Arno Gruen), die uns in das sichere Verderben führen.

„Talmudist“: Postkarte um 1900-1914. Bild: Хомелка/CC BY-SA-3.0

Eine Menschheit – oder: Wie wir eine ganze Welt retten können

Hans Kohn schreibt in seinem Aufsatz „Judentum und Gewalt“ (1928) noch als Zionist: „Das Judentum […] hat den Krieg gehasst, den es seit zwei Jahrtausenden nicht mehr geführt hat, den organisierten Mord, wie jede Gewalttat überhaupt. […] In talmudischer Zeit wird diese Erkenntnis von der Einheit und Gleichheit des Menschengeschlechtes, von der Würde und Größe jedes einzelnen Menschen immer wieder betont. ‚Wo immer du die Spur eines Menschen wahrnimmst, dort steht Gott vor dir‘.“

Schon der jüdische Denker Philo von Alexandrien, ein Zeitgenosse des Juden Jesus von Nazareth, erläutert: „Wenn jemand einen Menschen getötet hat, so bezeichnet man das zwar (nur) als Menschenmord; in Wirklichkeit aber ist es ein Frevel am Heiligtum, und zwar der denkbar schlimmste; denn von allem Wertvollen und Kostbaren im Weltall ist nichts heiliger und Gott mehr ähnlich als der Mensch, seines herrlichen Bildes herrlicher Abdruck, weil nach dem Vorbilde der urbildlichen Vernunftidee geformt“ (Philo: De specialibus legibus III). Im Talmud – später auch im Koran – heißt es dann: „Deshalb ist [zuerst nur] ein einziger Mensch auf der Welt erschaffen worden, um dich zu lehren, dass: Wer auch immer eine Person vernichtet, es ihm angerechnet wird, als hätte er eine ganze Welt vernichtet, und [dass]: Wer auch immer eine Person erhält, es ihm angerechnet wird, als hätte er eine ganze Welt erhalten“ (Jerusalemer Talmud, Sanhedrin IV, 9).

Viel später drückte es der Gelehrte und Mediziner Schabbtai Donnolo (geb. 913) so aus: „Wer einen Menschen tötet, zerstört gleichsam das Weltall, weil der Mensch dessen und der Gottheit Bild ist, das sich darin kundgibt.“ Stellvertretend für die Theologen des 20. Jahrhunderts sei Rabbiner Ismar Elbogen (1874-1943) zitiert: „Die Lehre von dem einen Gott, dem die ganze Welt eignet, schließt eine Verengung grundsätzlich aus, und die Pharisäer haben keineswegs den Schöpfer des Himmels und der Erde zum Nationalgott herabgesetzt. Sie haben konsequenterweise gelehrt, dass alle Völker Gott angehören, überall wo es nur die Fußspuren von Menschen gibt, da ist auch Gott. Seine Hand ist hilfreich ausgestreckt für alle Menschen, er erhört das Hilfeflehen aller Weltbewohner.“

Mitfühlen – Fremden- und Feindesliebe

Das Mitfühlen mit dem Leid der ‚Anderen‘ – trotz des eigenen Schmerzes – ist Erweis einer Begegnung von Gott und Mensch; es gilt dem orthodoxen Rabbiner Samuel Raphael Hirsch (1808-1888) gar als eine „Bürgschaft“ für die „Allverwandtschaft in dem All-Einen“. So wird es seit der Frühzeit gelehrt: „Es ist uns zur strengen Pflicht gemacht, stets hilfreiche Hand zu leisten. So müssen wir jedem, der dessen bedarf, Wasser, Feuer, Nahrung verabfolgen, ihm den Weg zeigen, keinen unbeerdigt liegen lassen“ (Flavius Josephus: Gegen Apion II,29). – „Sei stets darauf bedacht, dass du niemand dein Mitleid versagst. Wer seinen Mitmenschen das Mitleid versagt, der gleicht dem Götzendiener, der Gottes Herrschaft von sich ablehnt“ (Sifre z. 5. Buch Mose 15,9). – „Man versorgt die Armen der Heiden zusammen mit den Armen der Israeliten …; man pflegt die Kranken der Heiden wie die Kranken der Israeliten; man bestattet die Toten der Heiden wie die Toten der Israeliten“ (Gittin 61a). – „Die Fremden werden von Gott geliebt, und überall hat sie die Thora Israel gleichgestellt“ (Mechilta z. 2. Buch Mose 21,8).

„Rabbi Simon ben Lakisch lehrt: Wer das Recht des Fremden leugnet, hat gleichsam das Recht Gottes geleugnet“ (Chagiga 5a). – „Wann werden alle Segnungen Gottes über dich kommen? Wenn du in Gottes Wegen wandelst. Welches sind Gottes Wege? Er ist barmherzig, er übt Barmherzigkeit auch gegen die Sünder, er ernährt alle Geschöpfe“ (Tanna debe Elijahu c. 26). – „Als Israel durch das Meer gegangen war, wollten die Engel einen Lobgesang anstimmen. Da sprach zu ihnen der Heilige, gelobt sei er: Meine Geschöpfe [die Ägypter] ertrinken im Meer, und ihr wollt da einen Gesang anstimmen?“ (Schemot rabba c. 23; Sanhedrin 39b).

Einhegung des Krieges – Absage an den Rachegedanken

Die einschlägigen rabbinischen Texte zur Einhegung von Kriegsgewalt beziehen sich in erster Linie auf Bestimmungen der Thora – wie Deuteronomium 24,5 (Kriegsbefreiung Jungvermählter), Deuteronomium 20,10-12 (Unterwerfungsangebot vor Bann), Deuteronomium 20,19 (Fruchtbaum-Fällverbot) oder Deuteronomium 21,10-14 (die schöne kriegsgefangene Frau). Die Ausdeutungen sind bisweilen deutlich pazifistischer als der biblische Wortlaut. (Wenn eine belagerte Stadt, die tributpflichtig werden soll, stets erst zum kampflosen Friedensschluss aufgefordert werden soll, geht es selbstredend um materielle Interessen, nicht um uneigennützige Friedensliebe.)

Das rabbinische Schriftgut gibt heute keine Basis her für eine Bändigung des modernen Krieges (mit all seinen Abgründen) zumindest im Sinne der Ideale des ‚Rechtspazifismus‘ (Kriegs-Konventionen, Internationale Friedensordnung). Die in der biblischen, philosophischen und talmudischen Überlieferung enthaltenen Voten wider militärische Massenmorde, Rachefeldzuge und Entmenschlichung des Gegners fallen gleichwohl eindeutig aus:

„Habe ich mich je gefreut über das Unheil meines Feindes, und war ich darüber freudig erregt, dass ihn Unglück getroffen hat? Ich habe ja vielmehr meinen Mund von der Sünde zurückgehalten, sein Leben zu verwünschen“ (Hiob 31,29-30). – „Keineswegs freuen wir uns, o Herr, über die Strafe, die unsern Feind getroffen hat; lehren uns doch deine heiligen Gesetze, die Unglücklichen zu bemitleiden“ (Philo von Alexandrien). – „Mild soll auch das Verfahren gegen die Feinde im Kriege sein. Der Gesetzgeber verbietet nämlich, ihr Land mit Feuer zu verwüsten, und gestattet auch das Fällen der Obstbäume nicht; ja selbst die Plünderung der in der Schlacht Gefallenen ist untersagt. Kriegsgefangene … will er vor Misshandlung geschützt wissen“ (Flavius Josephus: Gegen Apion II,29). – „Man darf mit niemand in der Welt Krieg beginnen, ohne ihm zuvor den Frieden angeboten zu haben“ (Talmud. Sifre zu 5. Buch Mose 20, 10). – „Wenn deinen Feind hungert, gib ihm Brot, und wenn ihn dürstet, reiche ihm Wasser. [Sprüche 25,21] Wenn du auch annimmst, dass er mit bösen Absichten gegen dich umgehe, er aber hungernd und dürstend in dein Haus kommt, gib ihm zu essen und zu trinken“ (Midrasch zu Sprüchen c. 27). – „Wer seinen Nächsten hasst, gehört zu denen, die Blut vergießen“ (Talmud. Derech erez c. IX). – „Unsere Meister lehrten: Man versorge die Armen aus den Völkern mitsamt den Armen Israels, und man besuche die Kranken derer aus den Völkern mitsamt den Kranken Israels, und man begrabe die Toten derer aus den Völkern mitsamt den Toten Israels, des Friedens wegen“ (Talmud, Gittin 61 a). – „Wenn man eine Stadt belagert, darf man sie nicht von allen vier Seiten umgeben, sondern eine Seite muss frei bleiben, damit alle, die sich retten wollen, dies tun können“ (Maimonides: Mischne thora hilchot Melachim VI,7).

Die Abscheu vor Waffen: Geistliches Schwert und wahres Heldentum

Alle Herrschaftsideologien, die den nur fünf Jahrtausende jungen Staatskomplexen bis heute schier unverzichtbar sind, proklamieren, der ‚Krieg‘ habe zu jeder Zeit – immer – bestanden, sei eine ewige Naturtatsache und werde auch bis ans Ende aller Zeiten Bestand haben. Demgegenüber scheint in der biblischen (und außerkanonischen) Überlieferung des Judentums die – wissenschaftlich allein haltbare – Erkenntnis durch, dass systematische Waffenproduktion und Kriegskomplexe erst ab einem ganz bestimmten Zeitpunkt der zivilisatorischen Entwicklung zum Durchbruch kommen (1 Mose 4, 22: Stadtstaaten – Metallschmieden) und die menschliche Gattung seitdem wie ein böser Fluch bedrücken.

Gegen das Idealbild eines ‚rabbinischen Pazifismus‘ mag manch ein Argument ins Felde geführt werden.

Der Antimilitarismus der Rabbinen – einhergehend mit einer regelrechten Abscheu vor allen Mordwaffen und einem geistigen Verständnis von Stärke – kann indessen nicht bestritten werden. Kriege und Kriegsmittel werden in der Bibelauslegung zu geistig-geistlichen – oft inneren – Vorgängen umgedeutet. Nicht die Militärs, sondern die Gottsuchenden beschützen die Stadt (Psalm 127). Als „Held“ wird der Mensch in dieser Traditionslinie der jüdischen Religion erst bezeichnet, wenn er den Zwang, der Erde Gewalt anzutun, Leben zu vernichten und die Welt zu verderben, überwunden hat:

„David sprach zu Salomo: Mein Sohn, ich hatte es im Sinne, ein Haus zu bauen dem Namen des Ewigen, meines Gottes. Da erging an mich das Wort des Ewigen also: Sehr viel Blut hast du vergossen und große Kriege geführt; du sollst kein Haus bauen meinem Namen, denn viel Blut hast du vergossen zur Erde vor mir“ (1. Chronik 22,6ff). – Zum Gegensatz Altar und Kriegsschwert finden wir „im Buch Exodus folgende Mahnung: Wenn du einen Altar für mich (Gott) baust, benutze keine behauenen Steine, denn dein Eisen ist gegen sie geschwungen worden, wodurch sie entweiht sind (Ex. 20,25). Hierzu pflegte Simon Ben Elazar zu sagen: Der Altar ist dazu gemacht, um die Jahre des Menschen zu verlängern, und das Eisen ist dazu gemacht, um die Jahre des Menschen zu verkürzen; es ist nicht richtig, zu schwingen, was das Leben verkürzt, gegen das, was das Leben verlängert. …“ (Zitat nach J. Milgrom). – „Man darf weder Schwert noch Bogen noch Schild noch Keule noch Speer (am Sabbat) tragen, und wenn doch jemand dergleichen mit sich führt, muss ein Sühnopfer dargebracht werden. … Die Weisen antworten (die Waffen können nicht als Ornamente angesehen werden, weil) sie widerlich seien, wie geschrieben steht: Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen schleifen und ihre Speere zu Rebmessern; Völker werden nicht mehr mit Schwertern gegeneinander kämpfen, noch werden sie je wieder Krieg erlernen. (Jesaja 2,4)“ (Mischna Sabbat 6,4). – „Der Herr (er sei gelobt) hat keine Waffe gefunden, die dem Volke Israel mehr Segen brächte als der Frieden“ (Babylonischer Talmud). – „Wer ist ein Held? Wer sich seinen Feind zum Freund macht“ (Abot de Rabbi Natan c. 23). – „Wer ist stark? Wer seine Leidenschaft bezwingt, denn es heißt (Sprüche 16,32): Besser ist der Langmütige, als ein Held, und [besser] wer sein Gemüt beherrscht, als ein Städtebezwinger“ (Mischna, Avoth IV,1).

Zum Waffenhandel hat der große Moses Maimonides (gest. 1204 in Kairo) eigens ausgeführt: „Alles, was man einem Heiden nicht verkaufen darf [Mordwerkzeuge], darf man auch einem gewalttätigen Juden nicht verkaufen, denn man unterstützt dadurch einen Gesetzesübertreter und veranlasst ihn zu straucheln …“ (Maimonides: Mischne thora hilchot Rozeach XII, 14). Dazu vermerkt Simon Bernfeld: „Große Vorsicht schreibt das talmudisch-rabbinische Recht beim Verkauf von Waffen vor, damit solche nicht in die Hände von gewalttätigen Menschen, gleichviel, ob Heiden oder Juden, gelangen.“

Die prophetische Friedensvision

 Bald nach Gründung des Friedensbundes „Brit Shalom“ (1925) durch pazifistische Zionisten schrieb der schon oben zitierte jüdische Historiker Hans Kohn (1891-1971) folgende Vision nieder: „Geschichtlich und geographisch ist Palästina ein Land des Friedens. […] Dies soll auch in seiner äußeren Stellung zum Ausdruck kommen, es soll ein neutrales Land unter dem Schutz des Völkerbundes werden, eine Stätte nationalen und internationalen Friedens, die durch Geschichte und Lage in naher Zukunft auch der Sitz des Völkerbundes sein sollte.“

Die Friedensbotschaft der Propheten (Jesaja 2,2-4; Micha 4,1-3) wird auch im frühen rabbinischen Schrifttum gewürdigt: „Die Propheten haben nichts so sehr von ihren Mitmenschen verlangt wie den Frieden“ (Sifre zu 5. Buch Moses 6,26). Das Verbot des Waffentragens am Sabbat (s.o.) wird ausdrücklich auch mit dem geweissagten Umschmieden der Waffen in Kulturwerkzeuge zur Nahrungsmittelversorgung begründet. Die Verheißungen zum „Tierfrieden“ finden ansatzweise ein Echo in der Formulierung von Rechten der nichtmenschlichen Geschöpfe.

In nachaufklärerischer Zeit haben einige Vertreter des modernen Judentums die prophetische Vision des Völkerfriedens im Sinne von Kants „Ewigem Frieden“ mit einem säkularen Fortschrittsoptimismus verbunden, der angesichts der Weltwirklichkeit wenig überzeugt. Heute wäre es überlebenswichtig, sich an jenen Denkern aus jüdischen Familien zu orientieren, die – wie Jan/Iwan von Bloch (1836-1902), Georg Friedrich Nicolai (1864-1974), Rudolf Goldscheid (1870-1931), Albert Einstein (1879-1955), Raphael Lemkin (1900-1959), Günther Anders (1902-1992 [Günther Siegmund Stern]), Hans Jonas (1903-1993) oder auch Jozef Rotblat (1908-2005) und Robert Oppenheimer (1904-1967) – das Prophetenwort auf den Ernstfall der Zivilisation beziehen: Ohne Entwicklung eines Weltfriedensgefüges ist – zumal seit Zündung der ersten Atombombe – eine Zukunft der menschlichen Gattung gar nicht mehr vorstellbar. Die einzige Alternative zu Jesaja und Micha bestünde in unermesslichem Leiden und einem künftigen Zeitalter der ‚Barbarei‘, das jedes Vorstellungsvermögen sprengt.

Befehlsverweigerung?

Im Übrigen kennt die rabbinische Überlieferung auch die richtige Antwort auf militärische Mordbefehle: „Es kam nämlich einer vor Rawa und sagte zu ihm: Der Befehlshaber meines Wohnortes hat zu mir gesagt: Geh und töte den Soundso! Wenn aber nicht, so töte ich dich. Rawa sagte zu ihm: Sie mögen dich töten, du aber töte nicht! Wie kommst du zu der Ansicht, dass dein Blut röter sei? Vielleicht ist jenes Mannes Blut röter“ (Talmud: Pesachim 25b).

Eindeutig fällt ebenfalls ein Gleichnis aus der mündlichen Thora aus: „Als das Eisen geschaffen wurde, begannen die Bäume vor Angst zu zittern. Aber das Eisen sagte: Gebt keine Griffe für die Äxte her, dann wird keiner von euch Schaden nehmen.“

Buchhinweise

Sei von den Schülern Aarons. Ein Lesebuch über die Friedensliebe der Rabbiner. Herausgegeben von Peter Bürger. (edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 15). Hamburg: BoD 2026. (ISBN: 978-3-8192-2601-4; Paperback; 312 Seiten; 13,99 Euro).

Simon Bernfeld (Bearb.): Sittlichkeit als Grundforderung des Judentums. Nach den Quellen: Gleichheit aller Menschen, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Frieden, Universalismus. (= edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien 12). Herausgegeben von Peter Bürger. Hamburg: BoD 2025. (ISBN 978-3-6951-7939-8; Paperback; 220 Seiten; 9,99 Euro).

Portal: Schalom-Bibliothek | Alle Publikationen des Regals „Pazifisten und Antimilitaristinnen aus jüdischen Familien“ erscheinen zunächst als Digitale Erstausgaben und sind frei abrufbar auf dem Projektportal  – dort auch alle Informationen zu den bisherigen Buchangeboten.

Peter Bürger

Peter Bürger (Jg. 1961), ist seit dem 18. Lebensjahr organisierter „Lumpenpazifist“ und versteht sich als christlicher Sozialist. Abgeschlossenes Hochschulstudium der katholischen Theologie (jedoch nie in bezahlten Kirchendiensten) und später Krankenpflege-Examen (1992). Nach psycho-sozialen Berufsjahren seit 2003 freier Publizist. Schwerpunkte seiner Forschungen/Veröffentlichungen: Westfälische Regionalgeschichte, Niederdeutsche Literatur (Rottendorf-Preis 2016), Krieg & Massenkultur (Bertha-von-Suttner-Preis 2006), Kriegsassistenz der staatlich subventionierten deutschen Großkirchen in Geschichte & Gegenwart, Friedenstheologie und Pazifismus, Imago der Einen Menschheit. – Leitbild für die eigene Schreibwerkstatt: Wer Quellen liest wird klüger; Mut zum Minderheitsvotum; keine Prostitutions-Dienstleistungen für den Medienapparat der Reichen und die militärische Heilslehre.
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8 Kommentare

  1. Es ist Wahnsinn, dass Trump schon wieder die Rüstungsausgaben erhöhen will. In Deutschland können die Rüstungsausgaben gesenkt werden, wenn eine Regierung aus AfD und Basis gebildet wird. Alice Weidel sollte mit Darwin Dante (Pseudonym) zusammenarbeiten.
    Bitte klicke auf „Lebensreformer“.

    1. @Jolantos

      Danke für den Hinweis, wie bereits erwähnt (monotheistische) Religion läßt sich für Pazifismus ebenso wie für Kriegstreiberei, ja sogar Kriegsverbrechen bzw. Massenmord (AT; „Jahwe als biblischer Rachegott“) rechtfertigen – da macht die jüdische Religion (leider) keine Ausnahme – wenn Mensch das mal alles ohne religiösen Kitsch betrachtet.

      Gruß
      Bernie

  2. „[…]Gegen das Idealbild eines ‚rabbinischen Pazifismus‘ mag manch ein Argument ins Felde geführt werden[…]“

    Eigentlich doch nur eines:

    „[…]Viele Religionen und Sekten sind antiquiert und in ihrer Existenz bedroht

    Die meisten Glaubensgemeinschaften sind heute nicht mehr attraktiv, weil sie veraltete Weltbilder transportieren und die Lebenswirklichkeit der modernen Menschen verkennen […]“

    Link:

    https://www.watson.ch/blogs/sektenblog/362644891-religionen-und-sekten-sind-antiquiert-und-in-ihrer-existenz-bedroht

    Und auch mal eine andere Sicht auf die (angeblich) friedliche Religion(en), die in Wahrheit (ohne religiösen Kitsch) überaus janusköpfig sind – mal zum Pazifismus neigen, oder zum Krieg aufrufen (Bibel z.B. oder Koran oder jede andere monotheistische Schrift):

    „[….]Sektenblog – Was hat der Prophet Mose mit dem Konflikt im Gazastreifen zu tun?[….]“

    Link:

    https://www.watson.ch/blogs/sektenblog/536729052-prophet-mose-was-er-mit-dem-konflikt-in-gaza-zu-tun-hat

    Gruß
    Bernie

  3. Und wer schon mal einen Menschen getötet hat, versteht worin es im vorliegenden Text geht.
    Demnach deutet dieser eine Thora-Satz “ was du nicht willst das man dir tut . . . “ auf die gemeinschaftliche gleichzeitige Existenz aller Menschen hin, vielleicht sogar aller Geschöpfe.
    Frage: Haben wir denn vielleicht Mörder unter uns? –
    Wenn man den Kapitalismus versteht als Krieg der ‚oben gegen die unten‘ dann gibt es diese MordsFührungsSchicht wohl schon lange. Jeder (abgesehen von Aussteigern und anderen Aussätzigen) wird gezwungen mitzumachen in der Ausbeutung von anderen Menschen sowie natürlichen Resourcen.
    Da ist Frieden doch nur erreichbar wenn man das System abschafft.
    Doch das ist aussichtslos ?

  4. Jede monotheistische Religion tendiert, wenn sie nur kann, zur Gewalt und zur Unterdrückung von Dissidenten und Andersgläubigen, das steckt ganz einfach im Monotheismus drin.
    Liest man das alte Testament, bekommt man einen Eindruck von diesen „friedliebenden“ jüdischen Ahnen. Ob die jüdische Religion besser ist als die christliche oder islamische? Man weiß es nicht, da sie meistens in der Opposition war und verfolgt wurde, ihre Greueltaten liegen zudem lange zurück – das macht sie in jedem Fall sympathischer und brachte viele ihrer Mitglieder der Aufklärung und dem Sozialismus nahe.
    Man sollte es mit Voltaire halten: „Wenn es … nur eine einzige Religion gibt, droht ein Despotismus;
    gibt es zwei, schneiden sie sich gegenseitig die Kehle durch; wenn es aber dreißig gibt, leben sie friedlich und glücklich miteinander“ (Philosophische Briefe, 6. Brief).
    Dass auch im jüdischen Monotheismus dieser Drang zum Despotismus steckt, zeigt die Geschichte von Spinoza, von Uriel da Costa im Amsterdam des 17. Jhdts, wo den Rabbinern das Recht einer eigener Rechtsprechung zugestanden wurde.

  5. Bitte den Titel „Die Friedensliebe der Rabbiner“ in

    Die Friedensliebe der Menschen, die zufällig religiös waren“

    ändern.

    Mittlerweile haben alle Religionen bewiesen, dass Religion selbst keine Gewähr für Frieden ist. Schmückt euch mit einer anderen Deko, aber hört auf, euch selbst (und andere) zu belügen.

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