Die Eulen sind nicht, was sie scheinen

Screenshot von Überwachungskameras vom Brand der Hütte Petrochan.

Das bulgarische Twin Peaks erschüttert und spaltet die Bulgaren  – Massenmord oder kollektive rituelle Selbsttötung lautet die Frage.

 

Als bulgarische Medien um die Mittagszeit des Montags, 2. Februar 2026, die Nachricht vom Fund dreier Leichen vor einer teilweise ausgebrannten Berghütte am Petrochan-Pass im Balkangebirge verbreiteten, ahnte niemand, dass sich daraus der bizarrste Kriminalfall in Bulgariens jüngster Geschichte entwickeln würde. Wie kein zweiter erregt er die Bulgaren und Bulgarinnen und spaltet sie in zwei Lager. Die einen glauben an ein grausames Verbrechen, die anderen gehen vom tragischen Ende einer Sekte aus.

Die drei Männer – ein Anwalt, ein Buchhalter und ein IT-Spezialist um die fünfzig Jahre – waren als sogenannte Rangers einer Nichtregierungsorganisation namens „Nationale Agentur zur Kontrolle der geschützter Territorien“ (NAKST) aktiv. Auf ihrer inzwischen nicht mehr zugänglichen Website posierten sie bewaffnet in schwarzer Uniform mit geländegängigen Fahrzeugen.

Wie noch am Tag ihres Auffindens klar wurde, war der 51-jährige Eigentümer der Berghütte Petrochan Ivailo Kaluschev ihr Anführer. Er blieb aber zusammen mit einem jungen Mann und einem fünfzehnjährigen Jungen zunächst verschwunden. Dies legte den Verdacht nahe, dass er verantwortlich für den Tod der Männer von Petrochan war. Erst am darauffolgenden Sonntag, 8. Februar, wurde auch seine Leiche und die leblosen Körper seiner Begleiter in einem Camper unterhalb des Balkangipfels Okoltschitsa gefunden.

Im Jahr 2010 war der Höhlenforscher Ivailo Kaluschev der bulgarischen Öffentlichkeit als Held bekannt geworden. Zusammen mit Kollegen befreite er damals eine tagelang in der Höhle Duchlatsa gefangene Gruppe Erwachsener und Kinder. Sechzehn Jahre danach steht seine Persönlichkeit nun im Fokus des mysteriösen Falls der sechs Leichen von Petrochan und Okoltschitsa.

In den Tagen seiner Absenz verlautbarten die ermittelnden Behörden verstörende Informationen zu Kaluschev, die Medien sensationslüstern ausschmückten. Bereits seit Anfang der 1990er Jahre habe er Ferienlager organisiert, in denen er Kindern und Jugendlichen das Leben in der Natur nahebrachte und Extremsportarten lehrte wie Höhlentauchen. Klettern und Drachenfliegen.

Zum Buddhismus bekehrt sei er gegenüber seinen Gefolgsleuten als „Lama Ivo“ aufgetreten. Einige Jahre habe er in Mexiko Tauchexpeditionen für Touristen durchgeführt. Und stets habe er seine homosexuellen Neigungen mit Minderjährigen ausgelebt.

Für politische Irritationen sorgte, dass der den bulgarischen Grünen angehörende Umweltminister Borislav Sandov im Frühjahr 2022 mit der erst wenige Wochen zuvor amtlich registrierten NAKST eine Kooperationsvereinbarung zum Schutz der Natura 2000-Gebiete im westlichen Balkangebirge abgeschlossen hatte. Unmittelbar danach gab es Klagen darüber, dass sich die NAKST-Rangers gegenüber Wanderern autoritär verhielten und ihnen zuweilen Wege in der Nähe ihrer Hütte verwehrten.

Konfrontiert mit diesen Klagen erklärte Ex-Minister Sandow, bei der unterzeichneten Absichtserklärung habe es sich lediglich um „ein Blatt Papier“ gehandelt, das NAKST „keine tatsächlichen Vollmachten übertrug und keine finanziellen Leistungen einbrachte“. Vor Unterzeichnung der Vereinbarung habe er die NAKST-Leute nicht gekannt, sie später aber auf ihrer Beghütte Petrochan besucht.

Als dann noch publik wurde, dass der dem liberal-konservativen Parteienbündnis „Wir setzen den Wandel fort“ (PP) und „Demokratisches Bulgarien“ (DB) nahestehende Bürgermeister der bulgarischen Hauptstadt Sofia Vassil Tersiev NAKST mit einigen zigtausend Euro gesponsert hatte, war für die politischen Gegner der Grünen und PP/DB klar, dass diese offenbar gemeinsame Sache machten mit pädophilen Sektierern. So wurde die Tragödie mit den sechs Toten politisch instrumentalisiert und zum schmutzigsten  Wahlkampfthema für die Mitte April anstehenden achten Parlamentswahlen in fünf Jahren.

Naturschützer, religiöse Eiferer, Schleuser oder Drogenhändler?

Angehörige und Nahestehende reagierten empört auf die publik gewordenen Verdachtsmomente und Vorwürfe gegenüber den Toten. Sie empfinden sie als Diskreditierung von Leuten, die sich nicht mehr wehren können. Ihnen zufolge handelte es sich bei Kaluschev und seinen Mannen um idealistische Umweltschützer, deren Causa der Schutz der Wälder im Balkangebirge vor Wilderern und Holzdieben war.

Der Vater des zunächst mit Kaluschev verschwundenen fünfzehnjährigen Jungen gab während dessen Abwesenheit gegenüber einem TV-Sender an, zwar habe er keinen Kontakt zu seinem Sohn, da dessen Telefon ausgeschaltet sei, doch sei er völlig ruhig, da er seinen Sohn bei Kaluschev „gut aufgehoben“ wisse. Nach dem Auffinden seines toten Sohns bei Okoltschitsa, sagte er, dies ändere seine Meinung zu Kaluschev nicht.

Doch manche schätzen die NAKST-Rangers nicht wie die ermittelnden Behörden als religiöse Eiferer mit sexuell abweichender Orientierung, sondern verdächtigen sie, im Auftrag der mexikanischen Mafia einen Kanal zum Schmuggel von Drogen ins nur fünfzehn Kilometer von Petrochan entfernte Serbien zu betreiben oder Migrantenschleuser zu sein.

Dagegen vermuten Angehörige und Freunde der Toten, die NAKST-Mitglieder könnten auf ihren Patrouillen etwas gesehen haben, was sie nicht hätten sehen dürfen, den Schmuggel von Drogen oder Migranten etwa oder auch ein anderes Verbrechen, und hätten dafür mit ihrem Leben bezahlt. Anstatt die Täter eines grausamen Verbrechens zu suchen, so werfen sie Staatsanwaltschaft und Polizei vor, schändeten sie das Andenken der Opfer.

Behörden sehen kollektiven und erweiterten Selbstmord

Es werde ergebnisoffen in alle Richtungen ermittelt, beteuern Innenministerium und Staatsanwaltschaft; Mord, Selbstmord und Anstiftung zum Selbstmord.  Auf ihrer Pressekonferenz lieferten sie am 18. Februar indes ein in sich schlüssiges Profil von Kaluschev und seinen Freunden. Bei ihnen habe es sich um eine schwer bewaffnete, paramilitärisch organisierte buddhistische Sekte gehandelt, deren Anführer sich sexuell zu minderjährigen Jungen hingezogen fühlte. Insbesondere darin, so insinuierten sie, sei das Motiv zu suchen für die Tragödie.

Autopsien und Schmauchspur-Gutachten hätten die Hypothese einer Kombination aus kollektivem und erweitertem Selbstmord erhärtet, erklärten die Ermittlungsbehörden und führten aus, während zwei der Toten von Petrochan jeweils Ein- und Ausgangsstellen von Pistolenkugeln an den Schläfen aufwiesen, habe sich der dritte Mann zunächst von unten ins Kinn geschossen. Da dies nicht sofort zum Tode geführt habe, hätte er sich anschließend in die Schläfe geschossen. Die Vorstellung eines Selbstmörders, der sich gleich zweimal die Kugel gibt, verstärkt den Unglauben skeptischer Kritiker der offiziellen Ermittlungen.

Noch bevor die Autopsien und Gutachten für den toten Lama Ivo und seine zwei Begleiter im Wohnmobil am Okoltschitsa-Gipfel fertiggestellt waren, erklärten die Ermittler zu ihnen ihre Hypothese, wonach Ivailo Kaluschev zunächst seine beiden Mitfahrer und dann sich selbst getötet habe.

Trotz über dreißigjähriger Erfahrung als Staatsanwalt sei er „entsetzt und schockiert“ über die ermittelten Aktivitäten und Lebensweisen der Toten, sagte Generalstaatsanwalt Borislav Sarafov bei seiner Pressekonferenz. Er spielte damit insbesondere auf den im Raum stehenden Pädophilie-Verdacht an. Die Geschichte erinnere ihn an die Kultserie Twin Peaks, so Sarafov.

„Nichts von dem, was Du hören wirst, ist wahr“

„Nichts von dem, was Du hören wirst, ist wahr, nicht einmal ansatzweise“, schrieb Ivailo Kaluschev am Sonntagmorgen, dem 1. Februar 2026, in einer kryptischen SMS an seine Mutter. Es war dies der Todestag von ihm und seinen fünf Gefolgsleuten. „Wir haben nicht mehr die Kraft, gegen diesen Schweinestall anzukämpfen … Es ist nicht der Grund, es ist nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“, schrieb er.

Kündigte er damit seinen Freitod an oder gab er vielleicht einem Bedrohungsgefühl Ausdruck? Dies ist nur eine von vielen offenen Fragen. Schwer zu interpretieren ist auch, dass er am selben Tag als seinen letzten Facebook-Eintrag das Gedicht Borba (Kampf) des bulgarischen Poeten und Revolutionär Dichters Hristo Botev postete. Der war nämlich am 21. Mai 1876 ebenfalls am Okoltschitsa-Gipfel unter mysteriösen Umständen gewaltsam ums Leben gekommen.

Zweifel an der Behördenversion

Die Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft gerieten bald wegen ihrer willkürlich und widersprüchlich erscheinenden Informationspolitik in Kritik. Daraufhin gingen sie in die Offensive und übergaben rund einhundertfünfzig Seiten Vernehmungsprotokolle und andere Ermittlungsergebnisse den Abgeordneten der Bulgarischen Volksversammlung. Damit sorgten sie dafür, dass der Tod der sechs Personen endgültig zum Stoff schmutziger politischer Auseinandersetzung wurde, ein beispielloser und unrechtmäßiger Vorgang in der bulgarischen Kriminalgeschichte.

Weitere Zweifel erregte der von den Ermittlungsbehörden veröffentlichte dreistündige Zusammenschnitt aller Video-Aufzeichnungen der Überwachungskameras vom 1. Februar, die den Brand in der Hütte Petrochan unbeschadet überstanden hatten. Aus ihnen soll hervorgehen, dass außer den Mitgliedern der NAKST am 1. Februar kein Außenstehender das Gelände um die Hütte Petrochan betreten hat. Eine Sequenz soll zudem zeigen, wie sich die drei später tot aufgefundenen Männer gegenseitig verabschiedeten und versprachen, sich im Jenseits wieder zu begegnen. In den Nachtstunden aufgenommene Bilder sollen schließlich belegen, dass sie selber ihre Hütte in Brand steckten.

Trotz aller Autopsien, Gutachten und Videoaufnahmen glauben viele Bulgaren nicht, dass es sich beim Tod der sechs NAKST-Rangers um einen Akt des rituellen kollektiven und teilweise erweiterten Selbstmords handelt. Außer den Angehörigen und Freunden der Toten halten auch manche unbeteiligten Beobachter diese Version für unplausibel.

In seiner auf Facebook geposteten Analyse der veröffentlichten Filmaufnahmen glaubt der prominente investigative Journalist Grigor Lilov in dem publizierten Filmmaterial zahlreiche Merkwürdigkeiten zu entdecken bis hin zu klaren Manipulationen wie fehlenden Sekunden. Sein Befund ist eindeutig. „Petrochan ist eine Verschwörung“, sagt er und zitiert dazu das geflügelte Wort aus Twin Peaks „The Ownls are not what they seem“. „Die veröffentlichten ´vollständigen` Videoaufnahmen entsprechen nicht dem, was uns die Behörden präsentieren wollen“, konstatiert Lilov.

Stattdessen erwiesen die Bilder, „dass Staatsanwaltschaft und Innenministerium den Fall eher verschleiern als aufklären wollen, denn der Selbstmord der drei in der Hütte Getöteten war eine brutale Exekution und kein religiöses Todesritual“, so Lilov. Erkennbare Blutspuren deuteten darauf hin, dass „die Toten nach ihrer Ermordung zum Ort ihrer Auffindung geschleppt worden“.

Lilov ist mit seiner Theorie nicht der Einzige. Die Wahrheit über Petrochan und Okoltschitsa wird nie ans Licht kommen, befürchten viele. Bulgariens lange und reiche Tradition an unaufgeklärten Kriminalfälle ist Anfang Februar um eine besonders mysteriöse Variante bereichert worden.

Frank Stier

Frank Stier lebt seit 2006 in Sofia. Er hat 1994 in Berlin sein Studium der Geschichte und Soziologie abgeschlossen und war dort als Historiker und Stadtführer tätig. Seit 2002 veröffentlicht Stier als freier Korrespondent für Südosteuropa überwiegend in Print- und Onlinemedien wie „Tagesspiegel“, „Cicero“ und „Telepolis“.
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6 Kommentare

  1. paramilitärisch organisierte buddhistische Sekte

    WTF? Dann hätten sie das mit dem Nirwana mal vollständig nicht verstanden.

    »erweiterter Selbstmord« mit zwei finalen Kopfschüssen?
    Auch so eine richtig gelungene Umschreibung wie „kollateral“ oder „Fenstersturz“.

    @ Frank Stier:
    Danke für den Artikel, den Krimi kannte ich noch nicht.
    Geht er weiter?

    1. Wer liest denn heute noch Krimis?
      Wie z.B die von Schorlau,
      oder von Dominique Manotti,
      oder von Camilleri?
      Auch die von Pierre Lemaitre haben mir gefallen.
      Aber wer kennt die schon noch – und jetzt die bulgarischen.

      1. Paul Auster hat eigentlich das Genre »Krimi« in der New-York-Trilogie abgefrühstückt.
        Für mich.

        Der Artikel behandelt eher die vielschichtig verwobenen Layer des Begriffs „kriminell“ bzw. „verbrecherisch“.

        Und in ihrer (leicht frankophilen, aber ok) Liste ist der »Krimi« doch nur ein Aufhänger einer zu erzählenden Geschichte, oder?

        1. Sie bringen mich zum Grübeln. Ja, Sie haben recht, was Camilleri, Lemaitre betrifft (man könnte auch noch F.Vargas nennen): Bei ihnen stellt der Krimi den Spannungsbogen einer Erzählung her.
          Nicht aber, wenn es um Schorlau und Manotti geht, dort wird das Genre „Kriminalroman“ benutzt, um Themen zu behandeln, Wahrheiten auszusprechen, für die man als Journalist wahrscheinlich zensiert würde. Dort ist die Realität im Spannungsbogen aufgehoben.
          Ähnlich in dem Text oben, der zeigt, wie verschiedene Varianten der Korruption – zudem reale -, ineinander verwoben sind, nur dass es dafür keine hilfreiche Auflösung gibt. Oder?

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