
Diese Rezension von Gilbert Achcar, The Arabs and the Holocaust. The Arab-Israeli War of Narratives, New York 2009, ist bereits 2011 erschienen. Sie hat gleichwohl nichts von ihrer Relevanz und Aktualität verloren.
Es gibt Bücher, deren Zweck sich in ihrer schieren Niederschrift und Publikation bereits erfüllt, noch ehe sie rezipiert, inhaltlich erörtert und diskutiert worden sind. Ein solches Buch ist „The Arabs and the Holocaust. The Arab-Israeli War of Narratives“ von Gilbert Achcar. Dass dies behauptet werden darf, liegt primär in der historischen, aber eben auch aktuell fortwirkenden Neuralgie der Konstellation, um die es thematisch in diesem Buch geht: „Die Araber und der Holocaust“.
Die Neuralgie manifestiert sich zum einen im realen historischen Zusammenhang der Konstellation: Von Deutschen ist an Juden – also im europäischen Raum und Kulturbereich – Monströses verbrochen worden. Die Katastrophe ließ die sich bereits vor der Shoah als dringlich abzeichnende Errichtung einer nationalen Heimstätte für Juden nach der Shoah zur historischen Notwendigkeit werden.
Verwirklicht wurde dies Notwendige indessen nicht in der realen (abendländischen) Hemisphäre der Katastrophe, sondern im Nahen Osten, und zwar so, dass das auf dem Territorium des zu errichtenden zionistischen Staates lebende Kollektiv der Palästinenser den Akt der nationalen jüdischen Emanzipation mit einer eigenen Katastrophe, der Nakba, bezahlte. Selbst wenn man sich darauf berufen möchte, dass die zionistische Emphase als eine von der Shoah getrennte zu denken sei, kann man kaum in Abrede stellen, dass der Holocaust den zionistischen Staatsgründungsakt mit einer welthistorischen Bedeutung auflud, die bald genug zur Wahrnehmungsmatrix der Etablierung Israels als Judenstaat sowohl in dessen eigenen politischen Kultur samt der ihr zugrunde liegenden Staatsideologie als auch in Zugang und Haltung großer Teile „der Welt“ zu Israel avancieren sollte.
Zum anderen lag aber eben darin auch der Grund für die allseitige ideologische Einfärbung dieser historischen Konstellation, welche den realen politisch-territorialen Konflikt zwischen den Arabern/Palästinensern und den Juden Israels zu dem von Gilbert Achcar postulierten „War of Narratives“ hat werden lassen. Nicht von ungefähr unternahm es Azmi Bishara bereits in den frühen 1990er Jahren, die dem Topos „Die Araber und die Shoah“ implizite Konjunktion zu problematisieren, indem er darauf hinwies, dass sich die arabische Wahrnehmung des Holocaust grundlegend von der der „Deutschen“ und der der „Juden“ unterscheide. Denn weder seien die Araber selbst Opfer des Holocaust gewesen, noch blickten sie auf die Vernichtung der Juden mit Schuldgefühlen. Gleichwohl insistierte Bishara auf die (und sei’s politisch begründete) Unabdingbarkeit einer Auseinandersetzung der arabischen Welt mit der geschichtlichen Katastrophe der Juden. So auch, wenig später, Edward Said, der das in der arabischen Welt gängige Festhalten an der Vorstellung, „der Holocaust und das Leiden der Juden seien nichts weiter als eine propagandistische Lüge“ bzw. „eine Erfindung des Zionismus“ heftig kritisierte.
Weder Bishara noch Said standen dabei im Verdacht, die von israelischen Juden verursachte Leiderfahrung der Palästinenser herunterspielen zu wollen. Im Gegenteil. Aber sie waren eben auch nicht bereit, in den Chor der ideologisch Verblendeten auf arabischer Seite einzustimmen, sondern sahen sich einer im Kontext besagter neuraligischer Konstellation nicht leicht zu bewirkenden politischen Aufklärung kompromisslos verpflichtet.
Gilbert Achcars Buch ist aus gleichem Geist geboren, darf aber in Anspruch nehmen, das bei den vorangehenden Autoren zwar pionierhaft angerissene, jedoch keinesfalls ausgeschöpfte „Thema“ nunmehr umfassend erweitert, vertieft und eingehend erörtert zu haben. Es dürfte zum Standardwerk künftiger Auseinandersetzung mit der längst fälligen Konjunktion von Arabern und Holocaust im Kontext des Nahostkonflikts werden. Denn nicht nur bietet Achcar in der Einleitung seines Buches eine profunde Diskursivierung der oft unbedacht verwendeten Begriffe „Shoah“, „Holocaust“ und „Jewish Genocide“ (jüdischer Völkermord) bzw. „Zionismus“, „Kolonialismus“ und „Uprootedness“ (Entwurzelung), um anschließend zum Begriff der „Nakba“ überzugehen; sondern er macht sich dann daran, in beiden Teilen seines Buches, welche jeweils den Zeitraum von 1933 bis 1947 („Die Zeit der Shoah“) und den von 1948 bis zur Gegenwart („Die Zeit der Nakba“) umschließen, arabische Reaktionen auf den Nazismus und den Antisemitismus bzw. arabische Haltungen gegenüber den Juden und dem Holocaust zu durchforsten, systemmatisch zu gliedern und inhaltlich (auch ideologiekritisch) zu durchleuchten.
Dabei bietet er eine differenzierte (mithin schon darin aufklärerische) Auflistung der unterschiedlichen Gesinnungsströmungen in der arabischen Welt, die den ideologisch pauschalisierenden Begriff „die Araber“ ebenso zu hinterfragen bzw. zu dekonstruieren vermögen, wie denn die Periodisierung der Zeit nach 1948 dem Autor ermöglicht, die chronologischen Phasen der arabischen Rezeption von Juden und Holocaust in ihrer jeweiligen realen politisch-historischen Einbettung entwicklungslogisch überzeugend darzustellen und zu erörtern. Denn so wie, Gilbert Achcar zufolge, westlich-liberal ausgerichtete, marxistische, nationalistische und reaktionäre bzw. fundamentalistisch panislamistische arabische Wahrnehmungen von Juden und Holocaust untereinander strikt zu unterscheiden sind, so muss auch die diesbezügliche Rezeption in den Zeiten vor und nach dem 1967er Krieg und vor wie nach der ersten palästinensischen Intifada (1988) differenziert auseinandergehalten werden. Nicht zuletzt darin liegt die große Errungenschaft von Achcars Buch.
Die Demontage homogen-monolithischer Zuschreibungen, wie es eine ideologisierende Apostrophierung der „Araber“ als unabweisbare Gesinnungsbrüder des europäischen Antisemitismus oder gar als Nachfolger der Nazis allzu gern und oft generalisierend betreibt, ermöglicht es zum einen die Komplexität der divergenten Wahrnehmungen historischer und gegenwärtiger Leiderfahrungen beider Kollektive, zugleich aber auch den fortwährenden Wirkzusammenhang der Repressionsstrukturen im Nahostkonflikt sensibel-adäquat auszuleuchten.
Von selbst versteht sich dabei, dass Gilbert Achcars Gesamtausrichtung sich einer aufklärerisch beseelten Emanzipationsemphase des Friedens zwischen Juden und Arabern verpflichtet weiß. Es mag fraglich erscheinen, ob es gerade die von ihm in diesem Zusammenhang hervorgehobenen, in Israel lebenden orientalischen Juden (die er als „arabische Juden“ ansieht) sind, die die „Rolle der Vermittlung zwischen den gegnerischen Lagern“ (von Juden und Arabern) erfüllen können; gegenwärtig sind es gerade viele unter ihnen, die sich durch ein besonders wirkmächtiges antiarabisches Ressentiment auszeichnen.
Voll zuzustimmen ist hingegen seinem abschließenden Befund: „Die beiden Gesichter des Janus in der römischen Mythologie schauen in zwei entgegengesetzte Richtungen – eines blickt auf die Zukunft, das andere in die Vergangenheit –, und sind doch untrennbar voneinander. Das Symbolische liegt auf der Hand: Es ist nicht möglich, eine friedliche Zukunft anzustreben, bevor man sich mit der Vergangenheit auseinandergesetzt und ihre Lehren verinnerlicht hat. Damit aber die Anstrengungen derer, die um ein gegenseitiges Verständnis zwischen Juden und Arabern bemüht sind, erfolgreich sein können, muss es zur Beendigung der Gewalt kommen; erst dann werden die vom universalen Erbe der Aufklärung inspirierten politischen Strömungen, in deren Segeln gegenwärtig, in der arabischen Welt wie in Israel, die Winde manigfaltiger Formen von politischem und religiösem Fanatismus blasen, sich wieder zurückbewegen können.“



