Des Kaisers neue Kleider

Des Kaisers neue Kleider. Bild: Märchenmuseum Bad Oeynhausen & Hanna Dose/ CC BY-NC-SA-4.0

Was hat uns Hans Christian Andersens berühmtes Märchen heute noch zu sagen?

 

Man mag sich immer wieder wundern: Jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand muss doch merken, dass Donald Trump viel Blödsinn redet, besonders dann, wenn er vor großem Publikum, von einem stets chaotischen Bewusstseinsstrom angetrieben, ins Schwadronieren gerät. Jeder kritisch gebildeter Mensch muss doch wissen, dass Benjamin Netanjahu unbeschwert, aber im Brustton gespielt-emphatischer Überzeugung wie gedruckt lügt und perfide manipuliert. Ich habe mich auch schon seit meiner Jugendzeit gefragt, wie die Massen den wie wahnsinnig kreischenden Adolf Hitler ernstnehmen konnten; Charlie Chaplin hat seinen polternden Auftritten die adäquateste Karikatur zu verleihen vermocht. Gleiche Verwunderung galt auch der clownesk-theatralischen Gestik Benito Mussolinis; wie konnte sie für bare Münze genommen werden?

Gängige Antworten darauf besagen zum einen, dass das Publikum diese Figuren deshalb so bejubelt, weil es aus ihrem Munde hört, was es als Befestigung der “eigenen” Meinung hören will, wobei der jeweilige Führer zuvor genau erkundet hat, was das Publikum hören will. Nicht minder bedeutend als die Analyse der intellektuellen Kritik seitens Gegner und Feinde ist diesen Politikern die Erfassung des Stammtischgedröhns des Wahlvolkes – das unreflektierte Zetern, Lamentieren oder Nachplappern von Klischees und Vorurteilen, wie es zumeist Kneipenrunden zugeschrieben wird. Zum anderen ernten diese Führungsgestalten ihren Erfolg, weil das Spektakel bzw. die Show mit all ihren Tricks und Gimmicks das kulturindustriell vollends eingeübte Publikum, das sich die inhaltliche Lektüre von Parteiprogrammen bzw. die intellektuelle Auseinandersetzung mit Ideologien zum großen Teil erspart, genau die Bedürfnisse bedient, die sich aus dieser Struktur ergeben: Man will unterhalten werden, sich zerstreuen, den autoritären Neigungen frönen, den angebeteten Führer glorifizieren, sich seinem Charisma ausliefern etc. Politik verkauft sich schon längst wie jede andere Ware im Kapitalismus, die Wahlkampagnen folgen den Verhaltensnormen und strukturellen Regeln Hollywoods.

Aber diese Erklärungsmuster beantworten noch nicht die eingangs gestellte Frage, wieso dem so sei: Wieso sieht man Trump sein Gequatsche nach, lässt sich von Netanjahu belügen, begeistert sich für kreischende und theatralisch auftretende Führer. Es sei hier auf ein Märchen von Hans Christian Andersen zurückgegriffen, das den komplexen Zusammenhang von Lüge, Täuschung, Selbsttäuschung, Konformismus und der sozialen Produktion von Wahrheit in prägnanter Weise widerspiegelt: “Des Kaisers neue Kleider” von 1837. Zur Erinnerung, eine kurze Inhaltsangabe.

Ein Kaiser ist nicht an seinen politischen Aufgaben interessiert, sondern ausschließlich an seiner Kleidung. Zwei Betrüger kommen an seinen Hof und behaupten, sie könnten ein ganz außergewöhnliches Gewand herstellen, dessen Stoff indes für Menschen unsichtbar bleibe, die unfähig, dumm oder für ihr Amt ungeeignet seien. Der Kaiser lässt die angeblichen Weber arbeiten. Obwohl niemand einen Stoff sehen kann, behaupten zunächst die beauftragten Beamten, später auch der Kaiser selbst, ihn zu sehen. Niemand will eingestehen, dass er nichts sieht, denn damit würde er seine eigene Dummheit oder Amtsuntauglichkeit offenbaren. Schließlich zieht der Kaiser die angeblich vorhandenen Kleider an und schreitet in einer Prozession durch die Stadt. Auch das Volk schweigt zunächst, weil niemand als dumm erscheinen möchte. Erst ein Kind ruft: “Aber er hat ja gar nichts an!” Daraufhin erkennen auch die Erwachsenen die Wahrheit – der Kaiser aber setzt seinen Umzug fort.

Das eigentlich Interessante an Andersens Märchen ist, dass die beiden Betrüger zwar die ursprüngliche Lüge produzieren, sie aber nicht allein aufrechterhalten können. Es geht darum, dass die Lüge zur sozialen Realität gerinnt. Dabei entwickelt sich eine Dynamik, die mehrere Etappen durchläuft: Vom Betrug zur Angst vor Bloßstellung, worauf eine Phase der Anpassung folgt, die zur kollektiven Selbsttäuschung führt, welche dann die scheinbare Wahrheit ermöglicht. Jeder Einzelne weiß möglicherweise nicht sicher, ob die anderen tatsächlich etwas sehen, weshalb er sich so verhält, als ob er das Kleid selbst sehe. Damit entsteht eine eigentümliche Form von sozialer Realität: Etwas wird nicht deshalb wahr, weil es wahr ist, sondern weil niemand wagt, seine Unwahrheit auszusprechen.

Dabei kommt den verschiedenen Protagonisten der Geschichte unterschiedliche Rollen zu. Die Weber personifizieren den Betrug; sie wissen, dass es keinen Stoff gibt und konstruieren bewusst eine falsche Wirklichkeit, um daraus einen persönlichen Vorteil zu ziehen. Das ist der eigentliche Betrug. Sie erzeugen eine falsche Behauptung und verbinden sie mit einer Drohung: Wer den Stoff nicht sieht, ist dumm oder für sein Amt ungeeignet, womit sie die Opfer ihres Betrugs zugleich zu dessen Mitproduzenten werden lassen. Die Hofbeamten verkörpern die Lüge; sie wissen oder vermuten, dass sie nichts sehen, und sagen dennoch, sie sähen den Stoff. Ihre Äußerung ist eine klassische Lüge: Sie sagen etwas, von dessen Unwahrheit sie zumindest überzeugt sind. Aber ihre Lüge hat einen besonderen Charakter, indem sie nicht primär dem materiellen Gewinn dient, sondern der Selbsterhaltung. Beim Kaiser wird die Sache komplizierter, denn er möchte nicht erkennen, dass er nichts sieht. Er befindet sich daher zwischen bewusster Lüge und Selbsttäuschung. Er muss sich selbst davon überzeugen, dass er das Gewand sieht, weil die Alternative für ihn unerträglich wäre: Wenn ich nichts sehe, bin ich vielleicht nicht geeignet, ein Kaiser zu sein. Die Täuschung wird somit psychologisch verinnerlicht.

Andersen beschreibt erstaunlich genau den Mechanismus des Gruppendrucks, den die moderne Sozialpsychologie später vielfach untersucht hat: Niemand möchte der Erste sein, der die gemeinsame Illusion zerstört. Das Entscheidende dabei ist, dass jeder Einzelne die Reaktion der anderen beobachtet. Der Beamte denkt: Wenn alle anderen den Stoff sehen, muss ich vielleicht tatsächlich unfähig sein; der Kaiser denkt: Wenn meine Beamten ihn sehen, sollte ich ihn ebenfalls sehen; das Volk denkt: Wenn alle anderen schweigen, sollte ich ebenfalls schweigen. Was dabei entsteht, ist eine Kettenreaktion der Konformität.

In diesem komplexen Zusammenhang fungiert das Kind als Gegenfigur, da es gegenüber der Erwachsenenwelt einen entscheidenden Vorteil besitzt: Es hat kein soziales Interesse daran, die Illusion aufrechtzuerhalten; es fragt nicht, was die anderen denken werden; es befasst sich nicht mit der Frage, was seine Aussage für seine gesellschaftliche Stellung bedeutet, oder ob er mit ihr dem Kaiser widerspricht. Es sieht lediglich einen Sachverhalt und spricht ihn unverblümt aus: Der Kaiser ist nackt. Das Kind fungiert daher als Instanz einer unmittelbaren Wahrheit, die der gesellschaftlichen Konstruktion der Unwahrheit gegenübersteht. Wichtig ist dabei, dass das Kind nichts geheimnisvoll Verdecktes entdeckt, sondern lediglich das sagt, was alle hätten sehen können.

Das Märchen besitzt somit eine ausgesprochen politische Struktur. Der Kaiser steht an der Spitze einer hierarchischen Gesellschaft. Um ihn herum befindet sich ein Hof, dessen Mitglieder von seiner Anerkennung und seinem Urteil abhängig sind. Die Frage lautet deshalb nicht nur, wer lügt, sondern welche gesellschaftlichen Bedingungen Menschen dazu bringen, eine offensichtliche Lüge zu bestätigen. Gezeigt wird in suggestiver Weise eine Herrschaftsordnung, in der die Wahrheit nicht einfach unterdrückt werden muss; es genügt, die sozialen Kosten des Wahrsprechens hoch genug anzusetzen: Wer sagt, der Kaiser sei nackt, riskiert seine Stellung bzw. sein Ansehen; wer schweigt, schützt sich. So kann eine offensichtlich falsche Behauptung die gesamte Gesellschaft durchwirken.

Der vielleicht tiefste Moment des Märchens kommt nach dem entlarvenden Ausruf des Kindes. Denn nun ist die Täuschung eigentlich beendet, die Wahrheit ist ausgesprochen, und dennoch setzt der Kaiser seine Prozession fort. Andersen suggeriert damit, dass die Erkenntnis der Wahrheit nicht automatisch zu einer Änderung des Verhaltens führt. Der Kaiser kann seine Rolle nicht einfach verlassen, er darf nicht plötzlich sagen: “Das Kind hat recht; ich bin nackt.” Seine gesellschaftliche Position zwingt ihn vielmehr dazu, die Inszenierung fortzusetzen, als habe es den Ausruf des Kindes nicht gegeben. An dieser Stelle erweist sich die die nahezu tragische Dimension des Märchens: Die Wahrheit kann erkannt sein und dennoch praktisch wirkungslos bleiben.

Man kann das Märchen als kleine Theorie der gesellschaftlich erzeugten Unwahrheit lesen. Es gibt zunächst eine objektive Realität: Der Kaiser ist nackt. Darüber wird eine sprachliche Realität gelegt: Der Kaiser trägt ein außergewöhnliches Gewand. Und schließlich entsteht eine soziale Realität: Alle verhalten sich so, als trüge der Kaiser dieses Gewand. Damit unterscheidet Andersen drei Ebenen, namentlich die der Realität, der Behauptung und der gesellschaftlichen Anerkennung der Behauptung. Und es ist gerade diese dritte Ebene, die die Geschichte so modern macht. Denn eine Lüge muss nicht von allen geglaubt werden, um gesellschaftlich wirksam zu sein; es kann genügen, dass alle glauben, die anderen würden sie glauben. Das macht das Märchen besonders ergiebig: Die ursprüngliche Lüge der Betrüger wäre wirkungslos geblieben, wenn die Gesellschaft sie nicht durch Angst, Eitelkeit und Konformismus selbst weiterproduziert hätte. Und genau darin liegt vermutlich die stärkste Pointe des Märchens: Die Macht der Lüge entsteht nicht allein aus der Fähigkeit des Lügners zu täuschen, sondern aus dem Bedürfnis der Getäuschten, getäuscht zu werden.

Man muss allerdings bedenken, dass Andersens Erzählung sich im Kontext einer offenbar absolutistischen Monarchie abspielt. Das ist insofern von Bedeutung, als diese politische Ordnung die Beziehung zwischen den Protagonisten entscheidend einfärbt. Macht und Befugnisse des Kaisers bleiben unangefochten, ungeachtet der Frage, welche Politik er betreibt bzw. ob er sie überhaupt betreibt. Man denke in diesem Zusammenhang an Ludwig XVI. am Vorabend der Französischen Revolution, dessen Passion allerdings nicht der Kleidung, sondern der Schlosserei galt. Auch er war an seinen politischen Aufgaben nur beschränkt interessiert: Am 14. Juli 1789 verzeichnete er im Tagebuch: “Rien”; er hatte an diesem Tag nichts erjagt.

Das Verhalten des Hofstaates, so intrigant es unter sich handeln mag, leitet sich von der formalen Loyalität dem Kaiser gegenüber ab. Mag er noch so skurril bzw. versponnen wirken (man denke an Ludwig II. von Bayern), sein Adel und auch das Volk wird sich selten einfallen lassen, die Ordnung, deren Oberhaupt er (eventuell von Gottes Gnaden) ist, infrage zu stellen. Bis es dann geschichtlich dennoch geschah, womit sich die feudal-aristokratischen Verhältnisse im Westen von Grund auf veränderten. Gerade deshalb ist das Kind, Verkörperung der unschuldigen Gegenfigur in Andersens Märchen, von entscheidender Bedeutung. Im Märchen jedenfalls. Zu fragen wäre, ob ein im Absolutismus erzogenes Kind sich hätte einfallen lassen können, die Nacktheit des Kaisers zu entlarven. Solche Funktionen waren institutionell gemeinhin dem Hofnarren vorbehalten, aber selbst er hätte sich nicht erlauben können, den Kaiser öffentlich bloßzustellen – er wäre nicht lange privilegierter Hofnarr geblieben.

Auf unsere Gegenwart bezogen stellt sich die theoretische Frage: Wer wären heute die Funktionsträger von Lüge, Betrug, Täuschung, Selbsttäuschung und Konformität? Die jeweiligen Protagonisten, wie sie noch in Andersens Märchen erscheinen, haben sich historisch gewandelt, aber die von ihnen verkörperten Funktionen haben sich erhalten. Lüge, Betrug und Täuschung werden heute nicht zwangsläufig den Staatsoberhäuptern angetan, sondern vielmehr von ihnen selbst unentwegt produziert, zuweilen mit Befugnissen und Machtvollkommenheiten ausgestattet, die denen des absolutistischen Monarchen ähneln. Die Konformität des modernen “Hofstaates”, parlamentarische Minister und Ministerinnen, ist durch die Abhängigkeit von den Führern bzw. durch die Verpflichtung auf Parteiloyalität von vornherein gesichert. Wie effektiv die Lüge verinnerlicht und der Betrug gesellschaftlich anerkannt wird, hat die Ideologieforschung im 20. Jahrhundert mit erschreckender Deutlichkeit zutage gefördert. Die politische Propaganda ist dabei nur ein Teil des Problems, denn die Bereitschaft zu ihrer Aufnahme ist schon mit der Wirkmächtigkeit der kapitalistischen Werbeindustrie zutiefst eingeübt. Man braucht heute keine “Weber” mehr, die Websites haben sie beerbt, InfluenzerIn ist eine anerkannte Medienfunktion mit beträchtlichem Renommee, welches sich durch Abrufquoten quantitativ bemessen lässt.

Das im Märchen als Träger der Wahrheit erscheinende Kind ist auch nicht mehr so unberührt da; heutige Kinder sind oft kaum noch so naiv, wie die Kinder früherer Generationen – TV-Sendungen und Internet haben die meisten von ihnen eingefangen und dressiert, mithin ihrer Naivität vermehrt beraubt. Und maß sich früher die “freie Presse” das Attribut des “Watchdog of democracy” bei, können sich heute nur noch die wenigsten Medien dieser Tugend rühmen – zu oft und allzu leicht wurden sie aufgekauft, vereinnahmt oder schlicht als “Lügenpresse” verschrien. Die sozialen Medien treten heute als Alternative auf, aber es stellt sich immer mehr heraus, dass sie als solche in jede Richtung ausschlagen können – auch die der Lüge, Täuschung und des Betrugs.

Und die Wahrheit, um die es bei Andersens Märchen immerhin geht? Was ist mit ihr? Das ist die vielleicht größte Tragödie der Moderne – dass diese Kategorie der Erkenntnis in der akademischen Philosophie, im alltagssprachlichen Diskurs, im hochgejubelten Relativismus, in der sogenannten neuen Unübersichtlichkeit (Habermas) und im universellen Verblendungszusammenhang (Adorno) so erschüttert worden ist, dass ihre schiere Erwähnung heute bereits nur noch ein fahles Lächeln hervorzubringen vermag. Denn wenn der Spruch “Es gibt kein richtiges Leben im falschen”, der seinerzeit von Adorno in emanzipatorischer Absicht formuliert wurde, heute nur noch die Frage zeitigt “Was soll das überhaupt sein – das richtige Leben”, dann ist es offenbar auch egal, ob die Betrüger noch weben, alle ihren herrlichen Stoff bewundern und der Kaiser nackt dasteht.

Zu fragen gilt es abschließend: Ist es zulässig, Trump und Netanjahu auf gleicher Ebene mit Hitler und Mussolini zu stellen, wie ich es eingangs getan habe. Statt einer eigenen dezidierten Antwort darauf, sei hier auf einen Artikel von David Smith in The Guartian vom 3.10.2026 hingewiesen, der den Titel trägt “When is the right time to compare US politics to the Nazi era? This expert on Christian nationalism [Dr. Robert P. Jones] says: now”.

Moshe Zuckermann

Moshe Zuckermann wuchs als Sohn polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in Tel Aviv auf. Seine Eltern emigrierten 1960 nach Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel im Jahr 1970 studierte er an der Universität Tel Aviv, wo er am Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas lehrte und das Institut für deutsche Geschichte leitete. 2018 wurde er emeritiert. Sein Buch In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Florian Rötzer geschrieben hat, ist im Januar 2026 erschienen.
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