
Oder: Wie ich einmal unter nette Leute gelangte.
Über Südfrankreich um diese Jahreszeit wölbt sich ein strahlendblauer, sonniger Himmel, im Kontrast mit dem Mistral, ein eisig-kalter Wind, der von den Tälern der Rhone herabweht, so stark, dass er mich fast zum Mittelmeer gezerrt hätte.
Nach Südfrankreich kommt man mit einer Handvoll sortierter Billigfluglinien, die leider in der Woche vor Ostern ganz und gar nicht billig sind. Deshalb nehme ich den Nachtzug. Von Paris über Marseille nach Nizza, Liegewagen Erste Klasse, 68 Euro.
Man sagt den Franzosen nach, sie sprechen keine Fremdsprachen, sondern nur Französisch, aber mein Liegewagen-Nachbar spricht fließend britisches Englisch. Er klingt wie Jean-Luc Picard. Er sei vier Jahre in Amerika gewesen, sagt er, den Akzent aber habe er bereits an seiner Schule in Frankreich erworben.
Stillstand kurz vor Draguignan
Früher habe man französischen Schüler, auch ihm, beigebracht, dass die französische Sprache die präziseste und beste der Welt ist, sagt er noch, deshalb dächten viele, warum eine Fremdsprache lernen? Aber das habe sich geändert.
Auch mit der französischen Eisenbahn SNCF, der Société nationale des chemins de fer français zu fahren, ist anders. Die SNCF ist pünktlich, zuverlässig, sauber, hat funktionierendes WiFi und eine mehrsprachige App. Die fragt einen beim Kauf jeder drei-Euro-Fahrkarte, ob man wirklich diese Strecke fahren will, ob man wen mitnehmen will oder vielleicht noch eine weitere Fahrkarte benötigt, oder eine Versicherung, ob man mit Apple Pay bezahlen will oder doch lieber mit PayPal. Dann ist der Zug weg, aber in einer Viertelstunde kommt der Nächste.
Aber noch sind wir in Paris. Der Nachtzug nach Nizza fährt vom Gare D’Austerlitz, der sich schwer in Bauarbeiten befindet. Er ist allerdings nicht pünktlich, sondern hat eine knapp einstündige Verspätung bereits bei der Abfahrt. Am nächsten Morgen, die Sonne ist schon auf, ist er in Marseille, danach in Toulon. Dann bleibt er vor Les Arcs stehen, kurz vor der alten Department-Hauptstadt Draguignan. Ich merke das aber erst, als sich der halbe Zug draußen versammelt hat, um den Schaffner.
Der Schaffner erklärt, dass es auf der Strecke vor uns einen riesigen Unfall gegeben habe, in den ein Lastwagen, ein Feuerwehrauto und eine steinerne Brücke verwickelt waren, mindestens. Jetzt ist die komplette Linie von Marseille nach Nizza durch die Berge gesperrt, wer weiß, für wie lange. Er erklärt das auf Französisch, aber es finden sich sofort ein paar Franzosen, die mir das bereitwillig übersetzen.
Die meisten Gestrandeten sind Franzosen, aber auch ein paar Ausländer sind darunter, darunter drei Studenten aus Kalifornien, die kalifornische Gelassenheit verströmen. Der Unfall, das ist nicht schön, aber die Stimmung ist gut. Niemand beschwert sich, zumindest nicht lautstark. Stattdessen schwärmen alle aus. Der Schaffner weist uns zu einem Café entlang den Gleisen, wo die Besitzerin, überrascht, aber gefasst, im Akkord Espresso ausschenkt.
Simultanübersetzung in Les Arcs
Manche Reisende sitzen auf den Gleisen und klappen ihre MacBooks auf. Andere strecken sich im Zug auf ihren Liegen aus. Viele telefonieren oder gucken ins Internet. Über den Unfall nichts, nada. Dann beschließt die SNCF, den Zug die paar Kilometer nach Les Arcs rollen zu lassen. Dort sei Schluss. Ein Bus werde kommen.
Der Bahnhof von Les Arcs ist voller Franzosen, die eigentlich nach Cannes und Nizza fahren wollten. Auf großen Tafeln wird erklärt, dass die Strecke bis morgen Abend unterbrochen ist, mindestens. Wir, die Gruppe aus dem Zug, sammeln uns draußen vor dem Bahnhof unter dem Schild, wo die Busse abfahren. Es kommen auch tatsächlich Busse, aber nur bis Draguignan. Und von dort? Das weiß keiner.
Dann taucht ein neuer Schaffner auf, in der blauen Uniform der SNCF, und erklärt, wie es weitergeht. Er wird aus dem Publikum gebeten, das auf Englisch zu wiederholen, aber das übersteigt seine Fähigkeiten ein wenig. Also, die SNCF, nicht so klasse im Kommunikationsdepartment, aber die Leute! Auf der Stelle sammeln sich die englischsprechenden Franzosen, und das sind gar nicht so wenige, um uns paar Ausländer und übersetzen simultan, was die Uniformierten sagen.
Man muss nicht einmal darum bitten, die behalten uns im Auge und erklären gleich alles, sobald es was Neues gibt. Ein paar der übrigens auch sehr netten Franzosen schütteln leise den Kopf; das sei aber nicht in Ordnung, dass die SNCF niemanden schickt, der Englisch kann. Aber keine Sorge, sie helfen uns!
Es gibt ein kleines Café neben dem Bahnhof, da sitzen wir nun, und warten. Alle sind gelassen, niemand blockiert mit seinem Gepäck einen Sitzplatz. Inzwischen berichtet auch das Internet über den Unfall. So ganz genau weiß es immer noch keiner.
Nach einer Stunde kommt tatsächlich der Bus, zwei Busse sogar, einer nach Nizza, einer nach Cannes und Antibes. Die Stimmung ist nun ein bisschen müde. Aber niemand drängelt oder schimpft, es wird dafür gesorgt, dass jeder mitkommt und auch einen Platz im richtigen Bus findet. Kurz nach zwei Uhr ist unser Bus in Nizza am Bahnhof angelangt.
Mehr Frankreich wagen?
Wie überall an den großen französischen Bahnhöfen patrouillieren Soldaten. Keine Rauschgifthändler, keine aggressiven jungen Bettler. Alles ist sauber. Es fühlt sich alles sehr sicher an, wenngleich so ein properer Bahnhof für Deutsche ein ungewohnter Anblick ist.
Im Hotel gucke ich rasch auf die SNCF-Webseite, die mich flüssig zum Beschwerdeformular weiterleitet, das mir 75 Prozent des Fahrpreises als Rückerstattung verspricht. Eine Viertelstunde nach dem Abschicken habe ich die Antwort: Wegen der Schwere des Unfalls gibt mir die SNCF das ganze Geld wieder.
Ich stelle mir gerade vor, das wäre in Deutschland passiert: Ein schwerer Unfall mit Streckensperrung zwischen Frankfurt und Köln. Ich glaube, das wäre nicht so ein sonniger Tag geworden. Mehr so ein innerer Mistral.
Dabei ist das ganz erstaunlich, denn die Deutschen, Weltmeister darin, über sich selber nachzugrübeln, werden von ihren Politikern und ihren Medien Tag und Nacht bepredigt, bessere Menschen zu werden, weltoffen, tolerant, rücksichtsvoll.
Von der steten Vergangenheitsbewältigung bis zum Kampf gegen Hate Speech erleben wir eine pausenlose Volksumerziehung zum besseren Menschen. Worte werden markiert, die vermieden werden sollen. Mikroaggressionen werden unterbunden. Wir werden inklusiv, und woke. Und das Ergebnis ist gleichbleibend, dass die Deutschen das muffeligste und unfreundlichste Volk Europas sind. Ganz besonders in den rot-grünen, multikulturellen Hochburgen wie Berlin.
Vielleicht sollten wir es mal andersherum versuchen. Wir fluten unser Land mit Schokoladenbrötchen, bringen die Deutsche Bahn auf Vordermann und erzählen einander, dass die deutsche Sprache die präziseste und beste der Welt sei. Was die Vergangenheit betrifft, waren wir alle im Widerstand. Dazu noch ein strahlenblauer Himmel, und das Leben ist schön und wir brauchen uns nicht anzupampen.
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„Wir werden inklusiv, und woke. Und das Ergebnis ist gleichbleibend, dass die Deutschen das muffeligste und unfreundlichste Volk Europas sind. Ganz besonders in den rot-grünen, multikulturellen Hochburgen wie Berlin.“
Und Overton Magazin leistet seinen Beitrag dazu, indem es zu einem denkwürdigen Artikel von Jeffrey Sachs keine Kommentare zulässt.
CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann hat doch zum Thema USA/Israel umfassend informiert. Warum dann noch diskutieren? Bei Stasi- Mielke war es ebenso: „..warum diskutieren Genossen, ich habe doch alles gesagt…“.
Ich weise nochmals explizit auf die Kommentarregeln hin:
https://overton-magazin.de/kommentarregeln/
Kommentare haben sich zum Artikel zu äußern – in dem oben genannten geht es nicht um Jeffrey Sachs. Bitte beachten Sie das. Danke.
Ihr werdet immer mehr wie Telepolis. Und das ist nicht als Kompliment gemeint.
Schämt Euch.
Genau. Ich habe Zeit verschwendet, um einen Kommentar zu Jeffrey Sachs zu schreiben. Dann habe ich bemerkt, dass die Kommentarfunktion geschlossen ist. Das macht keinen guten Eindruck. Ich finde, Sie könnten wenigstens erklären, warum Sie das tun. Aber den Kommentar dürfen Sie trotzdem lesen.
Ich war wirklich gespannt, was Overton zu dem Waffenstillstand bringt. Schreiben sie, dass Amerika in diesem Krieg keinen Soldaten verloren habe, und dass die Zerstörungen im Iran sich in Grenzen hielten, dass Trump mit Hilfe seiner Drohungen einen Deal erzielte, und dass die Zerstörung einer Brücke genügte, um zu demonstrieren, dass sie ernst gemeint sind?
Mit dem Hetzartikel von Jeffrey Sachs hat sich die die Redaktion geschickt aus der Affäre gezogen.
Auf den Mist, den Jeffrey Sachs hier über Trump ausschüttet, möchte ich nicht eingehen. Nur über einen Punkt muss ich meine Überraschung ausdrücken. Jeffrey Sachs ist nicht in der Lage, zwischen persönlicher Religiosität, die er den amerikanischen Führern unterstellt, und verfassungsmäßiger Religiosität zu unterscheiden, die Israel und Iran zu Theokratien macht.
Israel leitet sein Existenzrecht aus der Bibel ab und begeht alle seine Verbrechen als das auserwählte Volk Gottes, woran anscheinend fast seine ganze Bevölkerung glaubt, und legt in seiner Verfassung fest, dass jeder Jude auf der Erde als Bürger Israels zu betrachten ist, wodurch es zu einem ungebremsten Bevölkerungswachstum gekommen ist, das weiter stattfindet, wodurch der Expansionszwang Israels entsteht. Was Jeffrey Sachs über Netanjahu sagt, könnte stimmen, trifft aber auch das ganze Volk Israel, das diesen Verbrecher an der Macht hält.
Der Oberayatollah im Iran regiert tatsächlich als der Vertreter des im Verborgenen weilenden zwölften Imam, was einen Vergleich mit dem Papst oder dem Dalai Lama nahelegt. Das Regime unterhält eine Scheindemokratie, in der ein geistliches Gremium, der Wächterrat, die Kandidaten für die Wahl zulässt. Die Bevölkerung wird mit Terror unterdrückt. Immer wieder predigt der Iran die Zerstörung Israels, weiß Allah warum, denn die Palästinenser sind doch Sunniten und halten die Schiiten für Ketzer oder gar Kafir. Der Iran unterhält Milizen im Irak, im Libanon und im Jemen, die immer wieder Angriffe ausführen.
Inwieweit amerikanische Interessen durch das Regime im Iran betroffen sind, weiß ich nicht, aber gewiss ist nicht nur der Druck durch Israel der Grund, warum Trump diesen Krieg angefangen hat. Aber eines halte ich für ganz sicher. In den Augen von Trump ist Israel ein Störfaktor ersten Ranges. Er kann aber gegen Israel keinen Krieg führen. Das machte stellvertretend der Iran, indem er für den amerikanischen Angriff Israel bestraft. Ich gehe davon aus, dass Israel sehr geschwächt ist, und sein Pulver verschossen hat, weshalb Raketen von Hisbollah und Huthi jetzt einschlagen können.
mit freundlichen Grüßen
Torwächter
„waren wir alle im Widerstand“
Auf jeden Fall. Schweitzer war sogar an vorderster Trump-Front im Widerstand: („Bomb Bomb Bomb Iran“)
„wir brauchen uns nicht anzupampen“
Ganz richtig. So etwas Pampiges würde uns nie einfallen:
„Nun wäre es ein glücklicher Tag, wenn die Ajatollahs weg wären. Und wenn die Frauen im Iran jeden einzelnen davon kopfunter aufhängen, so wie Mussolini und seine Geliebte und sie daran ersticken lassen, dass sie ihnen ihre eigenen Eier abschneiden und in Mund und Nase stopfen, das wäre großartig.“
Das war so wenig pampig, dass nicht mal der sonst so achtsame Etikettenreiter RDL aufmerksam wurde. Deshalb hatte RDL auch nicht geschrieben:
„[Anm. der Redaktion: Wir haben eine Passage dieses Artikels nachträglich entfernt. Es entspricht nicht dem Leitbild dieses Magazins, die brutale Tötung – egal von wem – als Umstand zu betrachten, der gefeiert werden sollte.]“
Die Bahnhofsdarstellungen der Autorin kann ich widerlegen. Zu Ostern Marseille-Saint-Charles gewesen. Überall Drogenhändler und alles voll Graffiti. Ein besonders kunstvolles stach dabei heraus:
„Schwtzr lck 🥚🥚“