Der Militärisch-Industrielle Komplex in Berlin

Bild von der Webseite Militärisch-industrieller Komplex Berlin.

 

Erstmals seit Jahrzehnten sollen in Berlin wieder Rüstungsgüter produziert werden. Eine neue und junge Friedensbewegung will sich widersetzen.

Im Berliner Stadtteil Wedding rund um den Humboldthain, ist die militärische „Zeitenwende“ angekommen. Eine Autofabrik wird dort in eine Rüstungsschmiede umgewandelt. Über viele Jahre hinweg hatten die Pierburg-Motorenwerke ihren Sitz an dem abgelegenen Gelände entlang der Hussiten- und Scheringstraße. Auf ihrer Homepage stellte sich das Werk als „Spezialist für die Bereiche Schadstoffreduzierung, Luftversorgung und Drosselklappen“ vor. Doch in einigen Monaten sollen dort statt Motorenteile für angeblich umweltschonende Fahrzeuge Rüstungsgüter vom Band laufen.

Diese Konversion von Zivil- zur Rüstungsindustrie ist an vielen Orten im Gange. Auf der Webseite Orte der Aufrüstung sind mehrere Beispiele aufgelistet. So sind beispielsweise die Heidelberger Druckmaschinen AG und die Görlitzer Alston-Werke ins Rüstungsgeschäft eingestiegen. In letzteren sollen künftig Panzerersatzteile statt Straßenbahnen gefertigt werden. Das Weddinger Pierburg-Werk gehört bereits seit 1986 zum Rheinmetall-Konzern. Doch erst im Zuge der militärischen „Zeitenwende“ wird jetzt die Produktion umgestellt.

Seit wenigen Tagen gibt es eine weitere Webseite, auf der der militärisch-industrielle Komplex in Berlin aufgelistet ist. Beiden Webseiten sind das Ergebnis einer längeren Recherche. Zu jeder der aufgeführten Rüstungsbetriebe, Lobbyorganisationen und Behörden, die am Rüstungsgeschäft beteiligt sind, kann man auch die Quellen anklicken, die darüber berichten. Zudem wird auch noch zwischen reinen Rüstungsbetrieben und Dual-Use-Betrieben unterschieden, in denen Produkte für das Militär und die Zivilproduktion hergestellt werden. Zu den Rüstungsbetrieben gehört beispielsweise RuAG-GmbH, ein Schweizer Rüstungsunternehmen.

Neuer antimilitaristischer Widerstand

Die Veröffentlichung des militärisch-industriellen Komplexes in Berlin wurde im Rahmen einer Friedenskonferenz vorgestellt, die in einem vollbesetzten Kino im Berliner Stadtteil Wedding stattfand. Was dabei besonders auffiel, war der große Anteil der jungen Menschen, die von Freitagabend bis Sonntagvormittag über antimilitaristische Strategien diskutieren. Mehrere Arbeitsgruppen befassten sich mit dem Kampf gegen die wiedereingeführte Wehrpflicht, die natürlich besonders junge Menschen politisierte. Am 5. März fand bereits der zweite Aktionstag gegen die Wehrpflicht statt. Es gibt auch Tipps für die Kriegsdienstverweigerung von der DFG/K, die Internationale der Kriegsgegner*innen und hat einen eigenen Ratgeber herausgegeben.

„Die Wehrpflicht hat uns deutlich gemacht, dass die neue Kriegsfähigkeit was mit uns zu tun hat. Seitdem gehen auch junge Menschen wieder zu antimilitaristischen Protesten“, sagte ein junger Mann auf der Konferenz. Dem konnten viele andere auf der Konferenz zustimmen. Lange Zeit waren wenige junge Menschen auf Friedensprotesten anwesend. Das hatte viele Ursachen. Die Diskussion über die Bündnisse nach Rechts gehörten ebenso dazu wie die geopolitischen Diskussionen über die Stellung zur russischen Politik beispielsweise.

Doch auf der Berliner Friedenskonferenz präsentierte sich eine neue Friedensbewegung, die sich nicht in geopolitische Auseinandersetzungen verstrickte, für die auch klar ist, dass Antifaschismus und Kampf gegen Militarismus zusammengehören. Für die neue junge Friedensbewegung gilt die Devise: Krieg beginnt hier. Das fängt bei der neuen Wehrpflicht an und bezieht sich auch den militärisch-industriellen Komplex in Berlin und anderswo.

Doch meine Söhne geb‘ ich nicht

Doch auf der Friedenskonferenz wurde auch betont, dass man sich keineswegs von der alten Friedensbewegung abgrenzen, sondern an deren positiven Elementen anknüpfen will. Das wird auch an der Resolution deutlich, die zur Konferenz veröffentlicht wurde. Sie beginnt mit einer kurzen Beschreibung der aktuellen weltpolitischen Situation:

„Wir leben in bedrohlichen Zeiten. Die Gefahr eines neuen Weltkrieges wächst. Ob in der Ukraine, in Palästina, im Sudan oder in Venezuela: blutige Kriege werden weltweit geführt. 2024 war das Jahr mit den meisten militärischen Auseinandersetzungen seit dem Ende des zweiten Weltkriegs. Der Hintergrund ist eine Krise des westlichen Kapitalismus, der lange eine stabile Weltordnung unter Kontrolle der USA und NATO bestimmt hat. Nun verschärft sich ein Kampf um die Neuordnung der globalen politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse. Die Tage von Diplomatie und Abrüstung sind vorüber. Die Bundesrepublik will in dieser neuen Zeit eine stärkere Rolle spielen. Das Ergebnis: Wir alle sollen ‚kriegstüchtig‘ gemacht werden.“

Mit der neuen Konfrontation zwischen USA/Israel und Iran wurde die Diagnose noch einmal bestätigt. Ein exiliranischer Linker machte in seinem Redebeitrag auf der Konferenz deutlich, dass er den Angriff ebenso ablehnt wie das islamfaschistische iranische Regime, das mit seinem Massaker an der protestierenden Bevölkerung im Januar 2026 deutlich machte, dass es im In- und Ausland über Leichen geht.

Die Konferenz endete mit einer Choreographie zu Reinhards Meys Song „Nein, meine Söhne geb‘ ich nicht“. Doch jetzt kommen die Mühen der Ebene der antimilitaristischen Arbeit. Einige Termine stehen schon fest. So sind für den 10. und 11. Juli 2026 bundesweite Aktionstage gegen den Rheinmetallkonzern in Berlin geplant. Ziel ist Verhinderung der Waffenproduktion in dem Weddinger Werk. Anfang September 2026 wird es wieder die bundesweite Aktion der Initiative „Rheinmetall Entwaffnen“ geben.

Peter Nowak

Peter Nowak ist freier Journalist für verschiedene Zeitungen und dokumentiert sie auf seiner Homepage. Mit Clemens Heni und Gerald Grüneklee gab er im Juni 2022 das Buch „Nie wieder Krieg ohne uns … Deutschland und die Ukraine“ im Critic Verlag heraus.
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12 Kommentare

  1. wenn man Erstausgabe von Aktien der Göringwerke bei Berlin angeboten bekommt – gibt es diese Werke wirklich oder ist
    das so ein weißrussisches Fakeangebot?

  2. Ist das diese neue und junge Friedensbewegung, die ich bisher auf keiner Friedensdemonstration und keinem Ostermarsch gesehen habe, weil sie in typisch antideutscher Manier, jahrzehntelang im stillen Kämmerlein der Bits und Bytes des eigenen Smartphones nach einem bedeutenden deutschen militärisch-industriellen Komlexes in Berlin sucht. In den USA gibt es ja dergleichen nicht, weil das ja unserer Freunde sind, die uns vom Faschismus befreit haben.🤡

    1. Nee, ‚Rheinmetall entwaffnen‘ und ‚Hände weg vom Wedding‘ haben mit dem Antideutschtum nix zu tun. Ich glaube, hier hat Peter Nowak ausnahmsweise nicht seine alten antideutschen Glaubenslehren von hinten wieder reingeschmuggelt.

  3. Happenings mit dem Charme einer Tupperparty werden das Problem nicht lösen oder was ändern.

    Vollgas Richtung Krieg. Die Renditen warten und müssen nur noch aufgesammelt werden.

  4. @Noch hat er se alle: Das stimmt wirklich!

    Diese Kampagne ist nur dann antimilitaristisch, wenn sie sich nicht in Dienst der Werbung für
    einen „bedeutenden DEUTSCHEN militärisch-industriellen Komplex in Berlin“ stellt.

    Rheinmetall ist ein Teil des US MIK, denn dieser Konzern befindet sich mehrheitlich im Besitz von US-Aktionären und sieht seine profitabelste Hauptkundschaft in der US Armee.

    Ein EU MIK oder ein Deutsch MIK ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein EU Bläckrock

    = Hirngespinste, um die Steuergelder Deutschlands abzuzocken.
    Dafür sollen Antimilitaristen im Wedding nicht als Werbekulisse dienen!

    1. „mehrheitlich im Besitz von US-Aktionären“ Ist das so? Nach dem, was ich herausfinden konnte haben Institutionelle Anleger aus Nordamerika einen Anteil von 28%. Das ist nicht die Mehrheit.
      Bei Unternehmen mit einem hohen Anteil von Streubesitz reichen allerdings schon Anteile <10% aus, um maßgeblich Einfluss auszuüben.

  5. Die werden uns, respektive ganz Europa deindustrialisieren, so wie es auf ihrer Agenda steht.
    Vergesst nicht, der Krieg wird gegen uns geführt.
    Und, die brauchen uns nämlich nicht mehr.

  6. Ich lese hier schon wieder tausend Gründe warum man nichts tun will / soll / kann und so trotteln wir weiter dahin bis in den Untergang.
    Es scheint eine DEUTSCHE Eigenschaft zu sein ein Haar in jeder Suppe zu finden und sich spalten zulassen, ergo, die Kriegstreiber haben alles im Griff !

  7. Wie praktisch. Regierung, Verwaltung, Rüstung. alles dicht zusammen. Alles im Wirkbereich weniger Megatonnen, wirklich praktisch und so entgegenkommend. Echt nett, kann man nicht meckern.

  8. Ich frage mich wirklich, ob wir aus unserer Geschichte noch die richtigen Lehren ziehen oder ob viele Menschen einfach nur noch den Narrativen folgen, die ihnen täglich erzählt werden. Manchmal habe ich den Eindruck, dass kritisches Nachdenken immer seltener wird und vieles einfach übernommen wird, ohne die möglichen Folgen ernsthaft zu hinterfragen.

    Deutschland steht vor großen Herausforderungen, wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch. Gerade deshalb müsste doch besonders sorgfältig darüber nachgedacht werden, wohin wir unser Land steuern und welche Entscheidungen wir heute treffen. Stattdessen habe ich häufig das Gefühl, dass Entwicklungen begeistert begrüßt werden, ohne sich wirklich damit auseinanderzusetzen, was sie langfristig für unser Land bedeuten könnten.

    Es geht dabei nicht nur um aktuelle politische Entscheidungen, sondern um die Zukunft unseres Landes insgesamt. Und damit auch um die Zukunft unserer Kinder. Genau deshalb braucht es aus meiner Sicht mehr ehrliche Diskussionen, mehr kritische Fragen und weniger einfache Schlagworte. Denn am Ende sollte doch die wichtigste Frage sein, welche Entscheidungen tatsächlich Frieden, Stabilität und eine sichere Zukunft für unser Land ermöglichen.

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