Der Links-Blinker

Keir Starmer und Andy Burnham. Bild: No 10 Downing Street/Open Government Licence v3.0

Der Labour-Politiker Andy Burnham wird der neue Premierminister Großbritanniens. Den Niedergang seines Landes und den seiner Partei wird er wohl nicht aufhalten können.

Wenn sich nur ein Bewerber für ein öffentliches Amt meldet, entfällt die Wahl und er wird zum Sieger ausgerufen – so eine allgemein gültige Regel im Institutionensystem Großbritanniens. Als am Montag, den 13. Juli 2026, feststand, dass Andy Burnham, der bisherige Bürgermeister von Groß-Manchester, der erst einen Monat zuvor durch einen Nachwahlsieg in dem Wahlkreis Makerfield triumphal ins Parlament in London zurückgekehrt war, die Unterstützung von 349 der insgesamt 403 Abgeordneten der Labour-Fraktion hatte, war klar, dass es schon rein mathematisch keinen Gegenkandidaten zu ihm bei der Wahl zum Labour-Parteichef mehr geben kann (ein solcher würde die Unterstützung von mindestens 81 Labour-Parlamentariern brauchen). (1)

Burnham wird also am kommenden Freitag, 17. Juli (einen Tag nach Ablauf der Nominierungsfrist), zum Sieger der „Wahl“ gekürt und vermutlich noch am selben Tag von König Charles III. mit der Regierungsbildung beauftragt werden.  Dieses Szenario hatte sich schon seit Wochen abgezeichnet, und es schrammt schon hart an einer Schmierenkomödie vorbei. Als der bisherige Premier und Labour-Chef Keir Starmer, aus den verschiedensten Gründen seit langem unter schwerem öffentlichen Beschuss, dem Druck seitens der Medien, des Partei-Establishments und dem von zahllosen enttäuschten Labour-Wählerinnen und Wählern schließlich nachgab, wurde Burnham allseits zum Retter in der Not hochgejazzt: zum Retter der in diversen Teilwahlen seit 2024 schwer abgestraften Labour Party – und nicht zuletzt auch zum Retter des Vereinigten Königreichs selbst, dem, wenn nicht noch ein Wunder geschieht, in den kommenden Jahren und Jahrzehnten der Absturz auf den Status eines De-Facto-Drittweltlandes droht.

Dass Andy Burnham, der vermeintliche Heilsbringer, dieses Wunder vollbringen wird, ist allerdings extrem unwahrscheinlich. Nichts, aber auch gar nichts in dessen bisheriger Karriere deutet darauf hin, dass die Politik, die er verfolgen wird, sich signifikant von der seines Amtsvorgängers unterscheiden wird. „New Boss, same as the old Boss“, ätzte Diane Abbott, eine ehemalige Wortführerin des linken Labour-Flügels im Unterhaus, die vor ein paar Monaten wegen ihrer permanenten Kritik an der Parteiführung aus der Fraktion ausgeschlossen wurde, auf „X“ (2) – und mit dieser Einschätzung steht sie keineswegs allein. Und der beeindruckende Wahlerfolg in Makerfield im Juni (ein Vorsprung von rund 20% gegenüber dem Kandidaten der rechtspopulistischen „Reform UK“-Partei) relativiert sich bei genauerer Betrachtung deutlich: Massenhaft haben offenbar Wähler der Konservativen, der Liberaldemokraten und der Grünen dort aus taktischen Gründen für Andy Burnham gestimmt – um einen Sieg des Parteigängers von Nigel Farage zu verhindern. (3)

Bei allgemeinen Gesamterneuerungswahlen wird sich eine derartige „antifaschistische“ Brandmauerfront ziemlich sicher nicht realisieren lassen – zu unterschiedlich sind die politischen Positionen der genannten Parteien. Die Meinungsumfragen seit der Makerfield-Nachwahl und dem angekündigten Amtsverzicht Starmers lassen bisher auch keinen Trend zugunsten der Labour Party erkennen: Nach wie vor liegt Reform UK in Führung, so genannte seat projections geben der Partei von Farage bei eventuellen Neuwahlen immer noch über 200 Sitze – nicht genug für eine absolute Mehrheit, aber vermutlich ausreichend, um eine Koalition oder ein Tolerierungsabkommen mit dem zu bilden, was von der traditionsreichen Conservative & Unionist Party dann noch übrig sein wird. (4)

Ein Mann des Partei-Establishments

Andy Burnham ist ein Mann aus dem Dunstkreis des ehemaligen Labour-Premiers Tony Blair, der wegen seiner servilen Haltung gegenüber den neo-imperialistischen Ambitionen der damaligen US-Regierung von seinen linken Kritikern gern „Bushs Pudel“ genannt wurde. 2003 sprach sich auch der spätere Bürgermeister von Manchester für den Krieg gegen den Irak aus, zu einer Zeit, als Dutzende von seinen Labour-Kollegen im Unterhaus (Burnham war damals schon einmal Abgeordneter) sich strikt pazifistisch positionierten. 2015 war Andy Burnham dann der stimmenstärkste Konkurrent von Jeremy Corbyn bei dessen (überraschender) Wahl zum Parteichef. (5)

Ihn heute als „linke“ Alternative zu Keir Starmer einzustufen, ist deshalb bestenfalls naiv, im schlimmsten Fall reine Faktenverdrehung. Richtig ist, dass Burnham mit der grandios gescheiterten „Rechts blinken, rechts abbiegen“-Strategie („Labour ist die NATOPartei!“) Starmers brechen will – und sie ersetzen will durch die geradezu „klassische“ Strategie vieler sozialdemokratischer Parteien in Europa in den letzten hundert Jahren: „Links blinken, rechts abbiegen“. Ob das heute, im Jahr 2026, noch einmal funktioniert, ist extrem zweifelhaft; die Erfahrungen vieler Bruderparteien Labours auf dem Kontinent, die sich von einem historisch schlechten Wahlergebnis zum anderen hangeln und trotz allem Sozial-Gesäusel kein Bein mehr auf den Boden bringen, deuten ja wohl eher auf das genaue Gegenteil hin. Und die von manchen britischen und deutschen Medien, nicht zuletzt aus der „gemäßigt links“ gepolten Ecke, ausgerufene „Andy-Mania“ (6) ist zumindest momentan ein reines Propaganda-Phänomen – siehe oben erwähnte Umfragen.

Und dass der neue Regierungschef keinen Hehl daraus macht, einen Wieder-Beitritt seines Landes zur EU anzustreben (7), dürfte wohl kaum die Millionen von Arbeiterwählern zurückholen, die in den letzten Jahren zu Nigel Farages Truppe übergelaufen sind. Die übergroße Mehrheit dessen, was von der britischen working class übrig ist, stimmte 2016 für den „Brexit“ (8) – und schon damals fühlten sich viele ihrer Angehörigen von der Führung der Labour Party, die sich in den Jahren danach bei der Diskussion über die konkrete Ausgestaltung des Austrittsprozesses in schier endlosen taktischen parlamentarischen Manövern verhedderte, schlicht verraten.

Sicher, Großbritannien ist ökonomisch unübersehbar auf einem abschüssigen Weg – aber dies trifft auch auf die Schwergewichte der Rest-EU zu, insbesondere auf Deutschland und Frankreich. Die Wachstumsraten im Vereinigten Königreich überstiegen seit dem „Brexit“ meist diejenigen der beiden letztgenannten Staaten (9), und für die zum Himmel schreienden sozialen Zustände im einstigen Geburtsland des Kapitalismus ist keineswegs das Ausscheiden des Landes aus der Europäischen Union verantwortlich, sondern die geradezu obszöne, ungenierte Umverteilung von unten nach oben (etwa durch die von den neo-liberalen Spin Doctors in Downing Street No. 10 ausgebrütete Steuerpolitik), die unter dem Multi-Millionär und (konservativen) Premier Rishi Sunak (2022-24) ihren bisherigen Höhepunkt erreichte. (10)

Grundsätzlich bleibt das politische Programm, das der neue Premier Andy Burnham bisher der Öffentlichkeit vorstellte, vage und ziemlich unverbindlich, mit einer Ausnahme: „Dezentralisieren“ will er das Vereinigte Königreich, insbesondere nun auch den englischen Landesteil – ein Projekt, das auch schon sein ehemaliger Mentor, Tony Blair, als Regierungschef verfolgte. Von „der größten Umverteilung der Macht, die unser Land je erlebt hat“ ist da die Rede, vom „Entschlacken des Staates“; in Manchester, seiner Trutzburg, will er sogar eine Art Außenstelle des Londoner Regierungsapparats einrichten. (11) Was das allerdings konkret den Millionen von Niedriglöhnern, Gelegenheitsarbeitern, alleinerziehenden Müttern und Vätern, den vielen Armutsrentnerinnen und -rentnern und den in bettelarmen Haushalten aufwachsenden Kindern, die buchstäblich ums tägliche Überleben kämpfen (12), bringen soll, steht in den Sternen. Und in den (seinerzeit von Tony Blair etablierten) Regionalkabinetten in Schottland und Wales regieren mittlerweile die (deutlich links von Labour stehenden) Separatisten, die mittelfristig (die SNP in Schottland) und langfristig (die Plaid Cymru in Wales) die Unabhängigkeit ihrer Territorien von Großbritannien anstreben…

Noch mehr Rüstung, noch mehr Sozialabbau?

Gerüchteweise ist sogar zu hören, dass Premier Keir Starmer vor allem deshalb von seinen Partei-„Freunden“ und der ökonomisch-politischen Elite des Landes fallengelassen wurde, weil er zögerte, noch mehr Staatsgelder in die militärische Aufrüstung zu stecken – finanziert durch einen noch forcierteren Sozialabbau. (13) Ein Indiz für diese These könnte sein, dass sein Verteidigungsminister John Healey knapp zwei Wochen vor Starmers Rücktrittsankündigung selbst das Handtuch warf – und zwar exakt mit Hinweis auf Starmers Haltung in dieser Frage.

Überrascht sollte deshalb niemand von einem eventuellen künftigen Szenario sein, das in etwa wie folgt aussehen könnte: Markige Durchhalteappelle des neuen britischen Premierministers in Richtung Ukraine, noch massivere militärische Unterstützung des Selenskij-Regimes (beispielsweise durch die Zustimmung einer Lizenzfertigung der Storm Shadow-Marschflugkörper, die Ziele tief in Russland erreichen können, durch ukrainische Firmen), eine Zunahme von Provokationen und Piratenakten gegenüber der russischen „Schattenflotte“ in Nord- und Ostsee – und das alles flankiert durch die üblichen, sattsam bekannten „Gürtel-enger-schnallen“-Kürzungen im Sozialhaushalt. Neuwahlen zum Unterhaus (die laut Gesetz erst 2029 stattfinden müssen) zwecks Erlangung eines erneuerten politischen Mandats durch die Bevölkerung lehnt Andy Burnham – wen wundert’s? – natürlich strikt ab. Sollte sich das alles tatsächlich so realisieren, wäre die Labour Party dann allerdings in drei Jahren noch gut bedient, wenn sie von ihren derzeit 400 Abgeordneten im Parlament noch 100 behalten darf…

 

Fußnoten:

1) „Burnham will be the next Prime Minister after 349 MP’s back him as Labour Leader“, ITV News, 13. Juli 2026

2) Diane Abbott auf „X“, 21. Mai 2026

3) Die Konservativen stürzten bei der Nachwahl am 18. Juni von 10,9% auf 2,2% ab, die Grünen von 4,4% auf 0,7%, die Liberaldemokraten von 6,8% auf 0,4% – alles klare Indizien für taktisches Wählen: „2026 Makerfield by-election“ auf https://en.wikipedia.org

4) „Current Prediction: Reform short 118 of majority“, ElectoralCalculus, 27. Juni 2026

5) „The Iraq war votes for Andy Burnham“, TheyWorkForYou (ohne Datum); Michael Walker, „Is Burnham Just Starmer 2.0?“ (Interview mit Jeremy Corbyn), Novara Media, 26. Juni 2026

6) Etwa Mick Antoniw, „Andy Burnham could be the saviour of the soul of the Labour Party“, Labour Hub, 6. July 2026, oder Peter Rudkowski, „Nach Starmer-Rücktritt: Labour-Politiker Burnham könnte vier Jahrzehnte neoliberaler Wegelagerei zurückdrehen“, Frankfurter Rundschau, 22. Juni 2026

7) „I want to rejoin the EU. (…) People prosper more when they’re part of unions“: Andy Burnham auf dem Labour-Parteitag 2025, zitiert nach Guido Fawkes auf https://order-order.com (15. Mai 2026)

8) „Among those in lower-working class professions, 64 percent voted to leave, and 36 percent to remain“: „Brexit votes by social class 2016“ auf www.statista.com

9) Office for National Statistics, „Gross Domestic Product (GDP)“ auf www.ons.gov.uk; „French Economy Dashboard“ auf www.insee.fr; „Germany Full Year GDP Growth“ auf https://tradingeconomics.com

10) „Rishi Sunak’s plan to fund tax cuts by curbing benefits will backfire badly“, Big Issue, 9. Januar 2024

11) Cécile Ducourtieux, „Le premier discours programmatique du travailliste Andy Burnham, dirigeant britannique en devenir“, Le Monde, 29. Juni 2026; „Andy Burnham kündigt bei Wahl ‚größte Umverteilung der Macht‘ an“, Die Zeit, 29. Juni 2026

12) Ein wirklich erschütternder Bericht über die sozialen Missstände im heutigen Großbritannien, insbesondere über die grassierende Kinderarmut, erschien am 15. September 2025 in der linksliberalen Tageszeitung Guardian; Verfasser war der ehemalige Labour-Premierminister Gordon Brown (!): „Nothing prepared me for the child poverty I see in Britain (…)“

13) Robert Stevens/Chris Marsden, „Burnham’s ‚Manchesterism‘ and „Productive State’-Agenda: Austerity, privatisation and war by another name“, World Socialist Web Site, 1. Juli 2026

Norbert Faulhaber

Norbert Faulhaber fing nach einem Studium der Politikwissenschaften, Rechtswissenschaften und Soziologie 1991 bei der Konstanzer Tageszeitung „Südkurier“ an: als freier Mitarbeiter für TV- und Filmkritik, Konzertberichte und CD-Besprechungen. Ab 1998 arbeitete er auch als Vertretung des TV-Redakteurs, von 2004 bis 2006 als Verantwortlicher für die tägliche TV-Programmseite. Von 2006 bis März 2023 arbeitete er als Redakteur am NewsDesk See-West in Konstanz.
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