
Der Aufklärer und freidenkende Atheist Bertrand Russell hat vor fast einhundert Jahren den Text „Warum ich kein Christ bin“ geschrieben. Für Helmut Ortner war es sein atheistisches Erweckungserlebnis. Jetzt hat er ihn noch einmal gelesen – und empfiehlt ihn zur Lektüre. Unbedingt!
Wir wissen alle: Es ist nicht einfach mit Gott und der göttlichen Wahrheit. Der religiöse Glaube ist zwangsläufig an einen Absolutheitsanspruch gebunden, der keine Abweichungen und Kompromisse verträgt, sonst stürzt das ganze Glaubenskonstrukt in sich zusammen – und damit die Hoffnung auf eine Erlösung und ein Leben nach dem Tod. Und so unterlassen es die enthusiastischen Gläubigen konsequent – mitunter radikal und fanatisch! – den Gottesbeweis zu erbringen. In dieser Warteschleife lebt der gläubige Mensch.
Was mich betrifft, war ich schon als Siebzehnjähriger zu ungeduldig für diese nebelige Warteschleife. Ausgestattet mit einer soliden katholischen Grundausstattung durch eine meine südtiroler Sozialisation, habe ich – zuvor noch eifriger Ministrant – den Hort der „Heiligen Kirche“ dann aber doch auf schnellstem Weg verlassen. Zuviel kam da zusammen: die absurde Apfelgeschichte aus dem Paradies, die kruden Erzählungen von Gottes Leihmutter Maria, vom heiligen Geist und einem doppelten Schöpfer, der aus Jesus und seinem Vater bestand; allerlei abstruse Auferstehungs- und Wundergeschichten, dazu die ständige Sünden-Drohung samt (freilich nicht mehr funktionierender) Erzeugung und Nutzbarmachung des schlechten Gewissens.
Zwei schmale Taschenbücher waren verlässliche Begleiter bei der Flucht aus ”meiner“ Kirche: Joachims Kahls längst vergessenes Bändchen Das Elend des Christentums und Bertrand Russells Kompendium Warum ich kein Christ bin, beide bei Rowohlt erschienen (der sich damals noch traute, spannende, erhellende, erfrischend „links-krawallige“ Bücher zu veröffentlichen). Russell, britischer Philosoph, Mathematiker und Literatur-Nobelpreisträger, widerlegt darin geistreich und unterhaltsam religiösen Irrglauben jeglicher Couleur, dazu liefert er Thesen, die mich damals erst zum Grübeln, dann zum Gruseln brachten. Das Buch wurde zu meinem atheistischen Erweckungserlebnis.
Für Russell ist der christliche Gottesidee mit ihren Moralgeboten und Erlösungsversprechen „eine Lehre der Grausamkeit“, verwurzelt in altorientalischer Despotie und eines freien, selbstbestimmten Menschen unwürdig. Am Beispiel der katholischen Sexualmoral zeigt er uns die Fortschrittsfeindlichkeit der katholischen Kirche und ihr Verhindern von Lebensglück. Vollends mit seinem Rationalismus unvereinbar ist die Angst als Fundament der Religion: „Angst vor dem Geheimnisvollen, Angst vor Niederlagen, Angst vor dem Tod. Angst ist die Mutter der Grausamkeit, daher nimmt es nicht Wunder, dass Grausamkeit und Religion stets Hand in Hand gegangen sind“, schreibt er.
Russell hat den Text, der ursprünglich 1927 als Vortrag vor der National Secular Society gehalten wurde, erstmals 1957 zusammen mit etlichen anderen seiner religionskritischen Schriften herausgebracht. Seither ist er in immer neuen Auflagen und Ausgaben zu einem Klassiker der modernen Religionskritik avanciert. Vor einigen Wochen habe ich im hinteren »Reste-Regal« meiner Buchhandlung den Titel nun als schmales Taschenbuch entdeckt – und gleich gekauft. (Bertrand Russell: „Warum ich kein Christ bin“, Matthes & Seitz, 188 Seiten, 12 Euro).
Russell beschreibt die Geschichte des Christentums als eine von flächendeckender körperlicher und seelischer Grausamkeit, von gnadenloser Machtpolitik und Unterdrückung. Dass es beinahe einhundert Jahre nach Russells Befund kein Ende damit hat, zeigen die jüngsten Aufdeckungen weltweit verübter Missbrauchsverbrechen von Priestern an Schutzbefohlenen. Eine Kontinuität des Grauens: die Kirche ein religiöses Schreckenshaus, in dem grässliche Dinge passiert sind und passieren. Die Russellʼsche Kritik gipfelt im Vorwurf, dass „die christliche Religion in ihrer kirchlich organisierten Form der Hauptfeind des moralischen Fortschritts in der Welt war und bis heute ist“.
Stattdessen setzt Aufklärer Russel seine Hoffnung auf Rationalität und Intelligenz, um angstfrei im Diesseits zu leben. Wer Gott neben sich wünscht, der sollte dazu bereit sein, den eigenen Verstand auszuknipsen. Zum Beispiel die ungelöste Grundfrage, warum es so viel Grausamkeit und Ungerechtigkeit, Barbarei und Elend auf der Welt gibt, wenn doch alles von einem liebenden und allmächtigen Gott geschaffen wurde? Selbst die intensiv Religiösen tun sich hier mit einer plausiblen Antwort schwer. Sie sind gezwungen, sich dümmer zu stellen, als ihr lieber Herrgott sie geschaffen hat.
Wissen statt Glauben, das ist Russells Credo. Statt auf metaphysischem Wahrheits-Anspruch setzt er auf rationale Wirklichkeits-Wahrnehmung. Die Lektüre des schmalen Bändchens ist unbedingt empfehlenswert. Russells Bekenntnistext ist ein zeitloser, ja aktueller Text. Ein Buch ohne Verfallsdatum. Nach wie vor lehren Religionen das Fürchten, stehen als Quell für Intoleranz, Gewalt und körperlichem und seelische, Missbrauch einem menschenwürdigen Zusammenleben im Wege. Ihr Einfluss auf Politik und Gesellschaft ist stark, noch häufiger unheilvoll.
Vielleicht würde der große Aufklärer und freidenkende Humanist Russell heute einen Text über die Wahn- und Gewaltgeschichte des Islam mit dem Titel „Warum ich kein Moslem bin“, schreiben. Es wäre ein wichtiger Text zur rechten Zeit.



So lange es die Religionen gibt, wird es auch immer Krieg, Elend und Exklusion auf dieser Welt geben.
Nichts neues erzählt Ortner. Da waren Kant und Nietzsche schon deutlich weiter. Ich hab, obwohl katholisch erzogen, bereits mit 14 den Verein verlassen und keine Sekunde bereut, verstehe mich selbst allerdings als Agnostiker.