
„Mindestalter und Steuern rauf!“ Was sagen die wissenschaftlichen Fakten?
Das von mir so genannte Alkoholparadox geht in die nächste Runde: Obwohl die Menschen in Deutschland und vielen anderen Ländern immer weniger Alkohol trinken, warnen Fachleute und Fachgesellschaften – oder diejenigen, die sich dafür halten – immer lautstärker vor dessen Risiken. Es scheint so, als würde das jahrtausendealte Genussmittel desto gefährlicher, je weniger wir davon trinken.

Beschreibung: Noch Mitte der 1970er-Jahre tranken die Deutschen ab 15 Jahren durchschnittlich 16,8 Liter reinen Alkohol pro Jahr. Das entspräche einer Menge von 336 Litern Bier (5 Prozent Alk.) beziehungsweise 140 Litern Wein (12 Prozent Alk.). Seitdem ist der Pro-Kopf-Konsum um 38 Prozent auf nur noch 10,5 Liter reinen Alkohol (210 Liter Bier beziehungsweise 88 Liter Wein) gesunken. Der Trend zeigt weiter nach unten. Datenquellen: vor 2010 Alkoholatlas, ab 2010 Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen/Destatis
Ab den 1990ern bis vor wenigen Jahren hieß es noch, Frauen könnten mit durchschnittlich 15 Millilitern reinem Alkohol – entsprechend einem Glas Bier mit 300 Millilitern – am Tag „risikoarm“ konsumieren. Für Männer galt die doppelte Menge. Damit kämen Frauen auf 5,5 und Männer auf 11,0 Liter reinen Alkohol pro Jahr. Zum Vergleich: In den 1980er-Jahren gab es noch die Empfehlung, nicht mehr als zwei Liter Bier am Tag zu trinken, also gut dreimal so viel!
Die auf der Abbildung dargestellten Pro-Kopf-Werte werden aus den Verkaufszahlen errechnet und lassen sich darum nicht per Geschlecht unterscheiden. Da Frauen (vor allem Wein und Sekt) im Schnitt aber weniger trinken als Männer (vor allem Bier), senkt ihr Konsumverhalten den landesweiten Durchschnitt; und es gibt natürlich auch Nichttrinker. Das heißt, obwohl der Durchschnittswert pro Kopf nahe bei der Grenze der „risikoarmen Menge“ liegt, trinken viele mehr als das.
Laut dem Alkoholatlas des Deutschen Krebsforschungszentrums von 2022 waren das im Jahr 2021 jeweils rund 15 Prozent der Frauen und Männer. Auch diese Werte sind in den letzten Jahrzehnten stetig gesunken. Bei Frauen war der höhere, „riskante“ Alkoholkonsum übrigens im Süden der Bundesrepublik am häufigsten, nämlich in Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg. Bei den Männern war das tendenziell im Osten häufiger der Fall, vor allem in Sachsen. Allerdings folgte darauf mit kurzem Abstand Bremen und war der „riskante“ Konsum dafür in Berlin unterdurchschnittlich häufig.
Alles neu macht die Weltgesundheitsorganisation
Die letzten Abschnitte bezogen sich, wie gesagt, auf die inzwischen veralteten Empfehlungen. Anfang 2023, passend zum Social Media-Phänomen des „Dry January“, veröffentlichte die Weltgesundheitsorganisation eine neue Leitlinie unter der Überschrift: „No level of alcohol consumption is safe for our health“. Ins Deutsche übersetzte man das etwas umständlicher mit: „Beim Alkoholkonsum gibt es keine gesundheitlich unbedenkliche Menge„.
Man könnte sagen, dass diese Schlussfolgerung eigentlich schon in der alten Bezeichnung „risikoarm“ steckte. Jetzt drehten Gesundheitswissenschaftler die Kommunikation aber in die Richtung, dass wir alle am besten gar keinen Alkohol mehr trinken sollen. Nebenbei bemerkt: Nichts im Leben ist risikofrei, auch nicht Fahrrad- oder Autofahren oder der Austausch einer Lampe.
Binnen weniger Jahre sprang die Mehrheit der Fachleute und -gesellschaften auf diese Kommunikationsstrategie auf. Ein Schelm, wer denkt, dass man für die Aufmerksamkeit der Medien und für das Einwerben von Forschungsgeldern eine neue und griffige Botschaft brauchte. Dann das, was alle schon wissen, ist langweilig.
Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen passte schon 2023 ihre Empfehlung an: „Ergebnisse der Wissenschaft zeigen, dass es keinen potenziell gesundheitsförderlichen und keinen sicheren Alkoholkonsum gibt.“ Etwas später folgte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung mit dem griffigen Slogan: „Am besten null Promille„. Als „risikoarm“ gelten dort nur noch ein bis zwei kleine Gläser Wein beziehungsweise ein bis zwei kleine Flaschen Bier pro Woche.
Damit senkte man, wohlgemerkt, die Empfehlung auf einen Schlag auf nur noch ein Siebtel im Vergleich zu den zwanzig Jahren davor! Mit dem Befolgen der alten Richtlinien fällt man jetzt schon in die höchste Risikokategorie, nämlich ab 0,8 Litern Wein oder zwei Litern Bier pro Woche.
Was war die Rechtfertigung für diesen meilenweiten Umschwung?
Wissenschaftlicher Durchbruch?
Laut einer alten Faustregel bedürfen starke wissenschaftliche Aussagen auch starker wissenschaftlicher Daten. Ob es so etwas im Bereich der Ernährungswissenschaften überhaupt gibt, ist aber fraglich. Wissenschaftstheoretisch gilt, dass man zur Entdeckung von Ursache-Wirkungs-Beziehungen unter kontrollierten Bedingungen – idealerweise im Labor – intervenieren muss.
So würde man zum Beispiel eine Anzahl von Versuchspersonen nach dem Zufallsprinzip auf zwei (oder mehr) Gruppen verteilen: In einer Gruppe würden die Teilnehmenden gar keinen Alkohol trinken, in einer anderen etwas und in einer dritten etwas mehr. Die Personen dürften sich in keinen anderen Faktoren voneinander unterscheiden, insbesondere nicht im gesunden Lebensstil; und man würde den tatsächlichen Alkoholkonsum unabhängig kontrollieren.
Die epidemiologischen Auswertungen in den Ernährungs- und Gesundheitswissenschaften erfüllen in der Regel gar keine dieser Anforderungen. Stattdessen befragt man Personen nach ihrem Alkoholkonsum und erhebt dann weitere Daten zum Lebensstil und der Gesundheit. Aufgrund dieser Selbstangaben und mehr oder weniger objektiver Daten zur Demografie und Gesundheit errechnet man dann, wie stark der Alkoholkonsum und bestimmte Erkrankungen gemeinsam auftreten.
Für den Umschwung im Jahr 2023 gab es gar keine neuen Untersuchungen, sondern nur eine andere Art der Auswertung. Über Jahrzehnte galt die J- oder Hockeyschläger-Kurve in der Epidemiologie des Alkoholkonsums als Konsens. Das heißt, bei moderatem Konsum im Vergleich zur völligen Abstinenz waren die Personen sogar etwas gesünder. Das war sozusagen die Delle nach unten im J oder Schläger. Erst ab höheren Mengen nahmen die Krankheitsrisiken zu.
Forschende aus dem Bereich der Gesundheitswissenschaften im englischsprachigen Raum werteten die bekannten Daten dann anders aus. Dafür entfernten sie aus der Gruppe der Abstinenten diejenigen Personen, die vorher viel Alkohol getrunken und krank geworden waren. Allein durch diese Maßnahme verschwand das J- oder Hockeyschläger-Muster und kam man auf eine steigende Linie der Krankheitsrisiken, mit der sich jetzt behaupten lässt: Es gibt keinen risikofreien Konsum, das Krankheitsrisiko steigt mit jedem Tropfen Alkohol!
Darauf, wie ehrlich diese Form der Kommunikation ist, komme ich am Schluss zurück. Erst will ich auf die gesellschaftlichen Folgen der neuen Empfehlungen eingehen.
Politischer Umschwung
Die neue Botschaft wird nicht im luftleeren Raum verbreitet. Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten zur Aufbesserung der Staatsfinanzen werden immer wieder auch Konsumsteuern erhöht. Genussmittel wie Alkohol und Tabak sind hierfür beliebte Ziele. Wenn die Wissenschaft immer wieder auf deren Gesundheitsrisiken hinweist, lassen sich damit Steuererhöhungen begründen: Man wolle nur die Bürgerinnen und Bürger vor sich selbst schützen.
Auch hier gibt es eine gewisse Paradoxie: Wenn nämlich der (angeblich) gesundheitsfördernde Effekt eintritt und tatsächlich weniger Menschen die Mittel kaufen, fallen auch weniger Steuern an. Die Kalkulation geht aber insbesondere dann nach hinten los, wenn durch zu hohe Preise der Schmuggel zunimmt. Das ist jetzt schon in manchen Ländern bei Zigaretten der Fall. Anstatt die Staatsfinanzen zu verbessern, fallen dann im Gegenteil höhere Kosten für Zollkontrollen, Gerichtsverfahren und Gefängnisstrafen an. Geschmuggelt wird übrigens trotzdem, solange das finanziell lukrativ genug ist. Dazu ein anderes Mal mehr. Bleiben wir hier beim Alkohol.
Laut Medienberichten ist es für Deutschland jetzt eine ausgemachte Sache, dass das für Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren sogenannte „begleitete Trinken“ verboten wird. Hierüber gibt es viele Missverständnisse. Man liest häufig, Jugendliche dürften erst ab 16 Jahren alkoholhaltige Getränke kaufen und trinken, Letzteres unter Aufsicht der Erziehungsberechtigten aber schon ab 14 Jahren.
- 9 im Jugendschutzgesetz regelt aber nur die Abgabe und den Konsum alkoholischer Getränke „in Gaststätten, Verkaufsstellen oder sonst in der Öffentlichkeit“ (Absatz 1). Meines Wissens ist der Konsum alkoholischer Getränke unter 16 Jahren im Privaten in Deutschland gar nicht geregelt. Das heißt, der Umgang mit Alkohol obliegt dann der elterlichen Fürsorgepflicht.
Wenn jetzt zum Beispiel neben vielen anderen Medien Tagesschau.de (12.08.2026) vom seit Generationen üblichen „Glas Sekt für den Enkel bei Opas rundem Geburtstag oder auch ein Bier bei der Jugendweihe“ berichtet, das laut Kabinettsbeschluss abgeschafft werden solle, verfehlt das schlicht das Ziel. Schon die Überschrift „Kein Alkohol mehr für 14- und 15-Jährige“ verrät mangelnden Sachverstand in der Redaktion.
Sinn oder Unsinn?
Schon am 26. September 2025 hatte der Bundesrat auf Initiative der Landesgesundheitsminister die Abschaffung der genannten Ausnahme im Jugendschutzgesetz gefordert. Wenn das Bundeskabinett und schließlich der Bundestag dem folgt, wird das aber am Trinken im familiären Kreis nichts ändern. Insofern sind zahlreiche Medienberichte irreführend, die ein Verbot des Alkoholkonsums unter 16 Jahren beschreiben.
Wenn das Gesetz aber ein großer Wurf mit einem allgemeinen Verbot werden sollte, handelt sich der Gesetzgeber ein neues Durchsetzungsproblem ein. Sollen dann Kontrolleure der Gesundheitsministerien oder besser gleich die Polizei Stichproben auf Familienfeiern vornehmen, um den Alkoholpegel Jugendlicher festzustellen? Das dürfte dem Verhältnis von Staat und Bürgern kaum förderlich sein.
Doch auch hier gibt es ein Alkohol-Paradox: Der Konsum des Genussmittels ist nämlich auch bei Jugendlichen zunehmend „out“. Hatten, so der Alkoholatlas, im Jahr 2001 noch 84 Prozent der zwölf- bis 15-jährigen Jungen und 80 Prozent der Mädchen schon einmal Alkohol getrunken, waren es zwanzig Jahre später nur noch 44 beziehungsweise 40 Prozent. Das heißt, in nur einer Generation hat sich der Konsum auch ohne Gesetzesänderung halbiert.
Der Verweis auf die angeblichen Gefahren für die Gehirnentwicklung ist unglaubwürdig. Würde ein gelegentlicher Konsum von geringen Mengen Alkohols das Gehirn kaputtmachen, dann wären wir Menschen schon vor Jahrtausenden ausgestorben. Übrigens enthalten auch reife Früchte geringe Mengen des „Nervengifts“. Sollen Kinder und Jugendliche darum auf Obst verzichten?
Somit weckt die geplante Gesetzesänderung schon auf der Begründungsebene erhebliche Zweifel. Mit Blick auf die zu erwartenden Folgen sieht das Bild aber noch schlechter aus. Ein Blick ins Nachbarland Niederlande, wo gerade beim Jugendschutz schon länger strengere Regeln gelten, macht das deutlich. Damit und den inneren Widersprüchen der Gesundheitswissenschaften beschäftigen wir uns im zweiten Teil.
Der Artikel wurde zuerst auf dem Blog „Menschen-Bilder“ des Autors veröffentlicht. Von Stephan Schleim ist im hogrefe-Verlag das Buch „Zwischen Norm und Neuron. Altersgrenzen, Verantwortlichkeit und das Gehirn in rechtlichen Kontexten“ erschienen.
Ähnliche Beiträge:
- Alkohol soll nach dem niederländischen Gesundheitsrat schwerer zugänglich gemacht werden
- Zum Wohl!
- Haben wir ein Alkoholproblem und was könnte dagegen helfen?
- Saufen – die kurze Geschichte eines Menschenrechts
- Alkohol: Prävention oder Gesundheitswahn?



Ist doch bei Kinderpornografie genauso. Die BRD hat immer weniger Kinder, aber es gibt immer mehr Kinderschützer, die sich berufen fühlen.
Es gibt immer weniger Alkoholkonsum. Dafür dann immer mehr Antialkoholiker. Wir war das eigentlich mit dem Rauchverbot? Sanken da die Verkäufe nicht auch schon vorher.
Nicht schlecht, das Nervengift im Obst gegen Ende war aber kein wirklich überzeugender Bringer.
Was fehlt, ist die Korrelation von Konsum zur Abhängigkeit. Bedeutet weniger Alkoholkonsum grundsätzlich eine geringere Ausbildung zur Alkoholkrankheit
im Alters-, und Bevölkerungsdurchschnitt ? Rein rechnerisch ja, sozialisationsbedingt nein. Wer es sich leisten kann, säuft nicht, bzw. weniger oder teurer. Dann fehlt die Konsumverschiebung Jugendlicher vom Alkohol zu anderen Substanzen. Wenn Alkohol „uncool“ ist, sind dann Speed, Chrys, und Keta cooler, oder what ?
Ich finde es leichtsinnig Jugendliche als
Saubermänner darzustellen. Die verschwinden vielleicht zunehmend aus der Alkoholstatistik, tauchen aber anschließend woanders auf, die kleinen Racker.
Wenigstens wurden die 8 Tonnen Koks
in Wilhelmshaven auf ihrem Weg nach Berlin beschlagnahmt. Wir befänden uns sonst bereits im dritten Weltkrieg.