Der Fortschritt ist tot

Bild: Chicago 1934, Newberry Library/public domain

Eine kurze Biographie eines säkularen Gottes.

 

Alles, was geboren wird, stirbt.

Vielleicht deswegen haben die monotheistischen Religionen davon abgesehen, ihrem Gott eine Herkunft zu geben. Keine extravagante Geburt aus Schaum oder Schädel, nur Ewigkeit. Dieser Gott kann nicht sterben, er kann höchstens am Kreuz so tun. Allenfalls wird er verblassen, vergessen werden.

Doch was tut das, wenn er uns ohnehin schon nichts mehr zu sagen hat? Das Abendland hatte Gott längst ins Altersheim gesteckt und durch einen frischeren Nachfolger ersetzt. Einen, der sein Heil nicht erst für das Jenseits versprach, sondern schon für die diesseitige Welt. Einen, der mühelos kompatibel erschien mit Rationalismus und Wissenschaft. Sein Name: „der Fortschritt“. Rund zweihundert Jahre lang wurde er angebetet. Nun ist auch er von uns gegangen.

Das ist kein Wunder, denn seine Geburt ist gut bezeugt. Er ist ein Sohn der Aufklärung. „Fortschritte“ gab es in der deutschen Sprache bis dahin nur im Plural und nur ganz konkret: das Fortschreiten der Planeten auf ihrer Bahn, oder der Fortschritt des Uhrzeigers auf dem Zifferblatt. Wie aus dieser harmlos anmutenden Substantivierung eines Verbs der Name einer unpersönlichen Macht wurde, kann man – Schritt für Fortschritt, sozusagen – im Lexikon „Geschichtliche Grundbegriffe“ nachlesen.

Auf nach Weimar

Den entscheidenden, letzten Schritt kann man auch lesend miterleben, wenn man sich Johann Gottfried Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ vornimmt. Darin handelt Herder die Menschheitsgeschichte vom allerersten Anfang aus ab, und zwar nicht – wie man bei einem protestantischen Pfarrer erwarten könnte – von Adam und Eva an, sondern von der Entstehung der Erde über das Auftreten der Pflanzen und Tiere bis zum Menschen und seiner Kulturgeschichte. Die ersten Teile der Schrift erschienen 1784, genau ein Dreivierteljahrhundert vor „On the Origin of Species“. Freilich ohne sich Gedanken über Mechanismen der Artbildung zu machen, entwirft Herder ein historisches Panorama, in dem die menschliche Geschichte eine nahtlose Fortsetzung der Naturgeschichte ist.

Leitender Gedanke ist dabei, dass Gott diese Geschichte dahingehend gelenkt habe, dass sie zwangsläufig und zielgerichtet aufwärts führt zum Menschen, zum Christentum und, darf man wohl unterstellen, zu Herder nach Weimar. Meist ist „Gott“ sein Name für diese treibende Macht. Manchmal auch „die Vorsehung“. Und einige Male: „der Fortschritt“.

Das ist für Herder alles dasselbe. „Gott“, „Vorsehung“ und „Fortschritt“ sind für Herder synonym. Und sein Brotberuf in Weimar war Generalsuperintendent – also Leiter des dortigen protestantischen Kirchenkreises. Als evangelischer Theologe kannte er die von Luther erneuerte Vorstellung vom „verborgenen Gott“ (deus absconditus), der vom Gläubigen weder erkannt noch ergründet werden kann. „Gott“ ist eine unpersönliche, unverständliche, aber allumfassende Macht. Gott ist Fortschritt.

Auch wenn Herder selbstverständlich nicht als einziger Geburtshelfer des Fortschritts diente, ist es sicher kein Zufall, dass es ein evangelischer Theologe war, der den christlichen Gott durch den Fortschritt ersetzte. Der Fortschrittsglaube ist ein säkularer Protestantismus.

Uns nach! Wir folgen!

Sollte diese Erkenntnis nicht genügen, den hohlen Götzen implodieren zu lassen? Welche Macht hat ein erfundener Gott? Wie glaubwürdig ist ein geschaffener Schöpfer?

Doch Gewohnheiten sind hartlebig. Selbst Atheisten entfleucht einmal ein Stoßgebet. Der Glaube an den Fortschritt sitzt tief in den Seelen, denn er ist letztlich der Glaube an die eigene Überlegenheit. Es wird schmerzhaft sein, ihn auszubrennen.

Nehmen wir das Wörtchen:

„Noch“

Ein unschuldiges Wort, verwendet in scheinbar unschuldigen Aussagen. „Auch bei uns gibt es noch Rassismus / Sexismus / Transfeindlichkeit / …“ Ähnliche Sätze hören wir täglich in den Medien, gewöhnlich ohne zu bemerken, dass das „auch“ hier synonym ist zu „sogar“ – und dass das „noch“ eine Ideologie transportiert. Diese Ideologie verkündet: Wir, das Abendland, schreiten der Welt voran. Wir tragen das Licht, wir bahnen den Weg. Wir bilden die Vorhut auf dem Weg in die Zukunft. Oder eigentlich überall hin.

Voran ohne Ziel

Denn genaugenommen spielt die Richtung schon keine Rolle mehr. Die Zeit der Utopien ist vorüber. Utopien sind verpönt, einerseits, weil sie in der Vergangenheit zu oft enttäuscht haben, andererseits, weil sie ideologisch festlegen. Daher sagt der Fortschrittsgläubige von heute nicht mehr, wohin es gehen soll. Wichtig ist allein, dass es geht. Wie ein Radfahrer würde er umfallen, wenn er stehenbliebe. Hauptsache: Voran! Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Fest steht der Glauben, dass es dadurch besser werde, ohne dass jemals ein Ziel am Horizont erkennbar wäre. Wie schon Silly sangen: „Alles wird besser, uh, alles wird besser, aber nichts wird gut.“

Der zwiefache Verweis auf die DDR ist kein assoziativer Zufall. Laut Max Weber ward ja der Kapitalismus geboren aus dem Geiste des Protestantismus, und das gilt für seine beiden Ausprägungen, als Privat- wie als Staatskapitalismus. Der Glaube an den Fortschritt war im Sozialismus das Versprechen auf ein zukünftiges Paradies des Wohlstands für alle; im Pseudo- und Neoliberalismus unserer Tage ist er nur mehr ein Versprechen seiner selbst. Alles muss ständig besser werden. Ob es will oder nicht. Alles ist Bewegung, Stillstand ist Rückschritt. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ – Die faustische Gesellschaft strebt und müht, doch ist Erlösung – verräterisch theologisches Konzept – nicht in Sicht. Was tut’s? Gestrebt und gemüht muss werden. Wir erinnern uns: säkularer Protestantismus. Die Arbeitsethik wurde nahtlos übernommen. Das Ego wird getragen vom Hochgefühl der Selbstzucht. Wer voranstrebt, und dabei alles Ererbte zu opfern bereit ist, wer sich von allem frei macht, nur um noch leichter, noch schneller zu werden, nur der kann zu recht beanspruchen, die Vorhut zu sein. Nur der ist gewiss der Erste, der Beste, der Stärkste, der gottgewollte Anführer. Egal wohin.

Unerträgliche Demut

Was wären wir ohne Fortschritt? Nur eine Gesellschaft unter vielen. Nur eine etwas verschrobene Kultur im jahrtausendelangen Auf und Ab der Weltgeschichte, vergänglich, belanglos. Nur, dass wir den wahren Glauben in die Welt getragen haben, verleiht uns Wert.

Es fällt schwer, das aufzugeben, und demütig nur eine Kultur unter vielen zu sein. Den Afrikanern, Russen, Chinesen nichts von Demokratie und Minderheitenrechten erzählen zu können, erscheint Vielen unmöglich. Was wären wir noch ohne feministische Außenpolitik? („Die Hybris des Westens“)

Aber es ist geschehen. Der Fortschritt ist von uns gegangen. Er kränkelte schon, als der Club of Rome die „Grenzen des Wachstums“ veröffentlichte, und mit der fast zeitgleichen Ölpreiskrise das Wohlstandsversprechen des Kapitalismus auf Grund lief. Die Verheißung diesseitigen Heils für Alle ward unglaubwürdig. Für jenseitige Glückseligkeit war der Fortschritt nicht zuständig. Was blieb also? Seine Gläubigen versuchten es mit einer Frischzellkur; sie injizierten den Glauben an woke Ideale, an die respektvolle Gesellschaft, an Mikroaggressionen und ihre Überwindung. Zwar konnte das die Menge jener, die am Ende des Geldes noch Monat übrig haben, nicht begeistern. Dafür aber bot es denjenigen Halt und Trost, die sich ihres Wohlstands insgeheim schämen, weil sie doch eigentlich links und gut sein wollen. Mochte das schnöde Materielle sich dem Fortschritt widersetzen, blieb immerhin – wie sich das für eine Religion gehört – das Geistig-Moralische. Merke: Kein Gott kann so tot sein, dass er sich nicht noch für Pharisäertum und Holier-than-thou eignen würde.

Das Leben geht weiter

Einige Jahre ist nun dieser theologische Zombie durch die Länder des Abendlandes gewankt und hat nach Hirnen gehungert. Lange konnte das nicht gutgehen. Erst kommt bekanntlich das Fressen, dann erst die Moral. Unter der drückenden Realität steigender Preise und sinkender Löhne, knapper Energie und wachsender Zukunftsängste verließen die Menschen in Scharen die Kirche der Political Correctness. Wenn sie schon nicht beachtet werden, wollen sie wenigstens ihre Wut rausbrüllen dürfen. Zurück bleiben die Strenggläubigen, die Frömmler, die Bigotten. Wohlhabend sind sie und einflussreich, gewiss. Aber sie gewinnen keine Wahlen mehr. In diesem Zeichen siegt man nicht mehr.

Es hat sich noch nicht allgemein herumgesprochen, daher noch mal klar: Der Fortschritt ist tot. Er war nie mehr als ein Phantasma, belebt durch den Glauben einer hoffnungsvollen Masse. Ohne diesen Glauben ist er nicht mehr. Viele werden ihn noch einige Jahre lang anbeten, wie andere noch in die Kirche gehen. Das aber holt den Leichnam nicht aus der Erde. Auferstehung war immer ein Hoax.

Was bleibt? Die Veränderung, wie immer. Alles wird anders – nicht besser. Es geht weiter – nicht voran. Etwas vergeht, anderes entsteht. Nichts wird bleiben, wie es ist. Aber dazu brauchen wir keinen Gott. Nur Liebe und Mut und die Geschmeidigkeit, im steten Wandel mitzutanzen.

 

Konrad Lehmann

Konrad Lehmann studierte Biologie und Verhaltensforschung, promovierte in Neurobiologie und absolvierte seine Habilitation in Zoologie. Heute lehrt und forscht er an der Friedrich Schiller-Universität in Jena darüber, wie Umweltbedingungen die Formbarkeit des Gehirns beeinflussen. Als studierter Verhaltensforscher, promovierter und habilitierter Neurobiologe vermag er alle großen Themen der Hirnforschung lebendig und im Zusammenhang darzustellen. Wie Kreativität im Gehirn entsteht, hat er in seinem bei Springer erschienenen Buch „Das schöpferische Gehirn“ unterhaltsam verständlich gemacht, und in „Für mein Gehirn bin ich selbst verantwortlich“ dargelegt, wie die Gehirnentwicklung zeitlebens durch die Umwelt beeinflusst wird. Zuletzt erschienen: „Das Bewusstsein der Tiere.
Eine neurobiologische Exkursion zu den Gipfeln des Geistes“.
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16 Kommentare

  1. Der Glaube der Deutschen an Fortschritt ist stets perfektionistisch und auf eine Endlösung hin aus gerichtet. Deshalb mündet dieses Streben auch meistens in der Katastrophe. Mal sehen ob es nach dem Zusammenbruch der uns bevorsteht, nochmal so etwas wie eine Katharsis geben wird. Dann wäre auch wieder Fortschritt, Wirtschaftswunder und der Weltmeistertitel im Fußball drin.
    Wenn es danach noch eine Zukunft gibt.

  2. Ich glaube ja dass Utopien auch und gerade deswegen verpönt um nicht zu sagen tabu sind, weil zu offensichtlich wäre dass das Fortschreiten genau nicht zu solchen „guten Orten“ führt, sondern ganz im Gegenteil.
    Es ist zu offensichtlich dass die Ziele, – die doch nach wie vor ausgegeben werden – , unverholen sinistre sind.
    Man denke nur an die Abschaffung des Bargelds und viele ähnliche. Es wird nicht einmal merhr so getan als ob irgend eine Utopie, und sei es nur ein bequemerer Alltag, dahinter stehen würde.
    Eine Utopie wäre per Definition gut, wir haben es also mit der Abschaffung der Idee des Guten zu tun, nicht mehr und nicht weniger. Das hätte der Aufsatz noch deutlicher herausstellen dürfen für meinen Geschmack. Fortschritt trifft es nicht so ganz, der wird nach wie vor verkauft.

  3. „Was bleibt? Die Veränderung, wie immer. Alles wird anders – nicht besser. Es geht weiter – nicht voran. Etwas vergeht, anderes entsteht. Nichts wird bleiben, wie es ist. Aber dazu brauchen wir keinen Gott. Nur Liebe und Mut und die Geschmeidigkeit, im steten Wandel mitzutanzen.“

    Wie schön der Verfasser seine eigenen, durchaus überzeugenden Ausführungen zur aufklärerisch-liberal-westlich-woken (Pseudo-)Religion des Fortschritts im letzten Absatz selbst ad absurdum führt. Denn worin unterscheidet sich das hier skizzierte Idealbild („im steten Wandel Mittanzen“) von dem, was seiner eigenen Analyse nach auch die ziellosen Fortschrittsgläubigen tun? Und warum ist der Gott „(sinnloser) Fortschritt“ ein schlechterer Gott als der Gott „Liebe und Mut und Geschmeidigkeit“, wenn es nur ums Mittanzen geht? Anders gefragt – warum lauten die letzten Sätze nicht so: „Nichts wird bleiben, wie es ist. Aber dazu brauchen wir keinen Gott. Nur Hass und Hinterlist und die Entschlossenheit, im wilden Strudel diejenigen zu eliminieren, die unseren eigenen Wünschen und Plänen entgegenstehen“?

    Durchaus möglich, dass es keinen „Gott“ im Sinne des Autors gibt (was auch immer „geben“ hier heißen mag). Aber dass wir keinen „brauchen“, das stimmt nicht. Der Gott des Autors heisst offenbar „Liebe“ und „Mut“ und „Mittanzen“ (statt Umbringen o. ä.). Ist mir sehr sympathisch. Noch lieber wäre es mir, wenn er sich dieses Gottes auch bewusst wäre, statt sich nur aus Versehen zu ihm zu bekennen.

    1. Sehr guter Kommentar!

      Als eingefleischter Fortschrittsskeptiker habe ich den Artikel natürlich sofort inhaliert, vermisse aber philosophische Tiefe. Der Fortschritt kränkelt nicht erst seit den 1970ern und dem Club of Rome, sondern schon seit knapp 200 Jahren. Psychologische Genies wie Kierkegaard, Dostojewski und Nietzsche beharrten auf dem Primat der Subjektivität gegenüber sogenannter objektiver Erkenntnis. Glaube (an den christlichen oder sonst einen Gott oder irgendwas) scheint eine Grundbedingung menschlicher Existenz zu sein, auch wenn viele nichts davon wissen wollen. Und womöglich hat Glaube ja auch eine entheogene – Gott erschaffende – Qualität! Wer jetzt „das ist ja nur placebo“ sagt, verkennt die klinisch anerkannte Wirkung des Placeboeffektes.

      Wie heisst es in Easy Rider? „Wenn es keinen Gott gäbe, müsste man ihn erfinden.“

  4. Professor schreibt Buch. Warum? Für einen ordentlichen Verriss ist mir meine Zeit zu Schade. Deshalb nur kurz. Der Herr Professor, der diesmal Lehmann heißt, und nicht Boerne, stellt dem Fortschritt einen Totenschein aus, ohne zu definieren, was das ist. BIP, Glück, Tablett statt Griffel oder umgekehrt. Was ist Fortschritt? Statt dessen wird alles in einen Topf geworfen und ein wenig umgerührt, Herder, Faust, Club of Rome, Silly, Max Weber, natürlich alles ohne Quellenangaben, als unkündbarer Beamter steht man ab einer gewissen Gehaltsstufe über solchen Mühen der Ebene.

    Aber am Ende wird er ehrlich, der Herr Professor. Es geht ihm darum, „im steten Wandel mitzutanzen.“ Warum hat er das nicht gleich gesagt? Dann hätte ich mir die Lektüre sparen können. Aber die tolle Karikatur als Aufmacher hatte mir Hoffnung gemacht.

    Meine ganz persönliche Definition von Fortschritt: Es gibt ein Foto von mir als Kind zusammen mit meinem Großvater, aus den siebziger Jahren. Wir haben gerade Kuchen gegessen und mein Großvater schaut mich von der Seite als ob er sich fragt: „Na, ob du mal mehr Glück hast als ich?“ Diese Frage kann ich mit ja beantworten – klar und eindeutig. Das ist für mich Fortschritt. Und als leidenschaftlicher Nachfolger von Jesus mit genau dem Lebensmotto, das der Herr Professor so lächerlich macht, werde ich nach wie vor alles dafür tun, dass es meinen Enkeln trotz all der Vollpfosten, die da draußen herum laufen wenigstens nicht schlechter geht.

    1. Schöner Post.
      Danke.
      Besonders der Hinweis auf die Enkelkinder. Deren Schicksal sollte der Maßstab sein.

      Wenn ich meine Enkelkinder betrachte, dann frage ich mich: Werden sie genauso viel Glück haben, wie ich es hatte?

      Wer, wie unser Kanzler, Krieg mit Russland vorbereitet, der bereitet unseren Kindern und Enkelkindern eine Zukunft wie In der Ukraine.
      Wer wollte das „Fortschritt“ nennen?

  5. Auf die menschlichen Utopien bezogen mag der Autor in seiner pessimistischen Sicht des „Fortschritts“ recht haben – diese haben sich oft ad absurdum geführt – vermutlich auch, weil sie den Gehirnen einzelner Menschen oder kleiner Gruppen entstammen und nicht alle Menschen mitnahmen. Aber Gesellschaftsutopien gibt es ja erst seit der Renaissance – vorher lebte der Mensch einfach vor sich hin und der Fortschritt fand unbewußt statt. Trotzdem gab es ihn: Feuer, Pflug, Rad, Werkzeuge, Metallurgie, Schrift, immer komplexere Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens, etc. pp. Oft geschah dieser Fortschritt allerdings so langsam, daß es innerhalb einer Lebensspanne kaum merkbar war. Wenn wir in ganz großen Zeiten denken, können wir sehen, daß es in den letzten 13 Milliarden Jahren nicht nur eine Zunahme der Entropie gibt, sondern auch eine Zunahme der Komplexität der Materie (Elementarteilchen, Atome, Moleküle, Zellen, mehrzellige Lebewesen bis hin zu Säugetieren incl. den Menschen) und auch des Bewusstseins (wenn man z.B. Spin-Zustände und die Fähigkeit von Atomen, Informationen zu speichern und auszutauschen für Formen eines Protobewusstseins hält). Das Ganze nennen wir normalerweise nicht Fortschritt, sondern kósmische Evolution, die ganz ohne menschliches Zutun abläuft. Und diese Evolution wird auch weitergehen – als Menschen können wir sie ignorieren, unterstützen oder hemmen – das ist, sobald wir diesen Mechanismus erkennen, unsere Wahlfreiheit.

    Natürlich ist diese Evolution nicht linear, sondern hat – Versuch und Irrtum – viele Sackgassen hervorgebracht. Hegel glaubt, zumindest was die menschlich-gesellschaftliche Evolution betrifft, auch einige Gesetzmäßigkeiten erkannt zu haben, z.B. daß es nach einer Kumulation von Quantitäten zu qualitativen Sprüngen kommt, dass es Progressionsphasen, Plateaus und Regressionsphasen gibt. Wenn man es genau betrachtet, ist erkennbar, daß sich der Zivilisationsschwerpunkt dabei immer wieder verschiebt: vom Zweistromland, nach Ägypten, Griechenland, Römisches Reich, Frankenreich, Spanien, Italien, Holland, England, USA – und jetzt scheinbar nach Asien (China) (Andere Evolutionsstränge in Indien, Mittleamerika etc. lasse ich der Einfachheit halber mal weg). Demzufolge wird die westliche Welt nach dem Plateau der letzten 500 Jahre jetzt wohl in ihre Regressionsphase eintauchen. Nicht gerade super, wenn man davon betroffen ist, aber auch kein Grund zu Panik oder Zynismus, wenn man es global und in großen Zeiträumen betrachtet. Doch auch der Abstieg ist immer noch komfortabel: Autos, iPhones, Sinfonien, Demokratie, Gleichberechtigung, warme Wohnungen im Winter, ein einigermaßen gutes Gesundheitssystem – alles Dinge, von denn man vor 1000 Jahren nur träumen konnte. Währenddessen stehen die China-Reisenden nur da und staunen über den dortigen Komplexitätsgrad (unabhängig, ob gut oder schlecht), gegen den Berlin wie ein Dorf wirkt.

    Natürlich hat die Menschheit – weil der geistige Fortschritt leider nicht mit dem technischen Schritt gehalten hat – inzwischen die Macht entwickelt, die ganze Erde in die Luft zu jagen oder alles Leben zu vergiften. Falls es uns wirklich (durch eigene Dummheit und Gier) so gehen sollte, wie den Sauriern, wird die Evolution (ganz ohne unser Zutun!) in ein paar tausend Jahren schon Wege finden, eine noch komplexere und damit wirklich intelligente Spezies zu schaffen – wenn nicht auf der Erde, dann auf einem anderen Planeten – die dann vielleicht über die von uns zurückgelassenen Artefakte stolpert und sich wundert über diese geistig beschränkte Lebensform namens Mensch. Also: Kein Grund für Zynismus – don’t panik – der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten 😉

    1. „Doch auch der Abstieg ist immer noch komfortabel: Autos, iPhones, Sinfonien, Demokratie, Gleichberechtigung, warme Wohnungen im Winter, ein einigermaßen gutes Gesundheitssystem – alles Dinge, von denn man vor 1000 Jahren nur träumen konnte. “

      Diese Dinge würde ich nicht mal innerhalb des nächsten Jahrzehnts als gegeben vorraussetzen. Im übrigen auch Dinge die nur ein paar hundert km weiter östlich derzeit nicht mehr gegeben sind.

  6. Natürlich gab es den Fortschritt, man hat ihn uns nur geklaut. Die Tür in ein anderes Zeitalter stand offen. Die gigantischen Produktivitätszuwächse in der industriellen und im Übrigen auch in der landwirtschaftlichen Produktion hätten ohne Wohlstandsverlust eine Reduzierung der täglichen Arbeitszeit auf zwei Stunden ermöglicht. Diese Lebenszeit hat man uns millionefach geklaut. Schaut sie euch an die Nasen mit ihren Privatflugzeugen.
    Und wir hatten alle Voraussetzungen die gewonnene Zeit sinnerfüllt und glücklich zu verbringen. Ja, uns und unserer Zeit gemäßes Fluggerät hatten wir auch entwickelt, bestehend aus zwei Alustangen und einem Dagronsegel, wir haben das Freeclimben erfunden, das Mountainbiken und sind mit selbst zusammengeschweißten Booten in die Südsee gereist. Wir haben eine Musik geschaffen, die an Ideenreichtum und Virtualität sich nicht hinter den ganz großen klassischen Werken verstecken muss. Wir haben alles was zu Bewusstsein und seelischer Gesundung geeignet ist aus aller Welt zusammengetragen, praktiziert, damit experimentiert, wissenschaftlich damit gearbeitet. Wir haben den Sex revolutioniert, das Zusammenleben und und Weg zu Frieden gefunden.
    All das wurde uns wieder weggenommen, von Gestalten die komplett hirnkrank sind.

    1. Da haben sie irgendwie recht.
      Aber mal klar ausgesprochen, das wäre ja der Weg in den Sozialismus, Kommunismus. Und das fürchten die Menschen mehr als ein Sklavendasein. Denn in jedem ist unsterblich die Hoffnung selbst nicht zu den Sklaven, sondern zu den Herren zu gehören. Und so strampeln sie alle wie die Krabben im Korb.
      Der Große Irrtum der Kommunisten war, dass sie Annahmen Menschen wollen Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Nein, ist ihnen schnurz. Sie wollen nur nicht auf der Verliererseite stehen.
      Mach was draus.

  7. „Alles, was geboren wird, stirbt.
    Vielleicht deswegen haben die monotheistischen Religionen davon abgesehen, ihrem Gott eine Herkunft zu geben. “

    Was sie allerdings gemacht haben, denen die bei ihnen unterschreiben, eine „Garantie“ für ewiges Leben zu geben. 😉
    Die Hoffnung stirbt zuletzt.

  8. „Der Fortschritt der Menschheit besteht darin, alles zu beseitigen, was einen Menschen von dem anderen, eine Klasse von der anderen, ein Geschlecht von dem anderen in Abhängigkeit oder Unfreiheit erhält.“ Bebel (Die Frau und der Sozialismus)

    „Der Fortschritt lebt, um zu essen, und beweist zuzeiten, dass er sogar sterben kann, um zu essen.“ Karl Kraus

    Wenn die reale Möglichkeit von Fortschritt in der Geschichte negiert wird und durch den einfachen Entwicklungsgedanken ersetzt wird, dann ist auch der Standpunkt der Freiheit unhaltbar. Jene historische Freiheit, welche der qualitativ sozialen Unterscheidung von Sklaven, Leibeigenen und Lohnabhängigen, konkret in den Köpfen dieser Menschen vorweg stand. Ich wüßte nicht weshalb man sich heutzutage nicht gegen den Rückschritt verwehren sollte.

  9. Als Mediziner durfte ich täglich Fortschritt im Sinne einer Verlängerung bzw. Verbesserung des menschlichen Daseins erleben: Antibiotika, Herzschrittmacher, Gelenkersatz, Seuchenbekämpfung uvm.
    Der Glaube aber an ein ewiges Leben ist seit Menschheitsbeginn ein unausrottbarer Gehirnfurz und hat im Erkennen und Würdigung des Fortschritts, für den ich dankbar bin, nichts zu suchen.

  10. Natürlich gibt es Fortschritte. Aber es geht auch eine größere Spezialisierung und Systemabhängigkeit der Menschen damit einher. Das beinhaltet die Gefahr des großen Crashs für das Individuum, ( ausgeschlossen) aber auch die ganze Gesellschaft. (tot)
    Das prägende für den sozialen Zustand einer Gesellschaft sind die Produktionsverhältnisse.
    Der Kapitalismus ist schuld, wenn der Fortschritt nur zur Last wird für die Menschen.
    Und die Macht kommt aus den Gewehrläufen betrogener und korrumpierter.
    Und wie schon Jesus sagte: Wenn man die Macht nun mal nicht hat, woher soll man sie nehmen? (so nun aber das Salz (als Konservierungsmittel) dumpf wird, womit soll man’s salzen?

  11. Was ist denn Fortschritt?

    Fortschritt – im Sinne einer irgendwie gearteten halb ziellosen Weiterentwicklung und Ausdifferenzierung … oder …
    im Sinne einer qualitativen Verbesserung?
    Das ist doch die Frage!

    Anders formuliert: Fortschritt oder bloß Veränderung?

    Wenn ein Verkehrsmittel wie die Eisenbahn heute schneller fährt als vor 150 Jahren und wenn sie dabei mehr Passagiere transportiert, so ist das zweifellos eine Veränderung, ist es eine Fortentwicklung und Steigerung von bestimmten Techniken.
    Aber ist es ein Fortschritt?
    Das kann natürlich jeder beantworten wie er selbst will.
    —

    Für meine Begriffe hat es etwas von Irrationalität und von atheistischer Zivilreligion an sich, an einen qualitativen Fortschritt zu glauben.
    „Glauben“ ist hier das absolut passende Wort, denn es ist ja ein Glaube ähnlich dem der Gläubigen in den Kirchen und Tempeln.
    —

    Von daher spricht der Artikel von Herrn Lehman schon richtige und wichtige Dinge an.
    —

    Man sollte allerdings hinzufügen, dass ein endgültiges Ende unseres Fortschrittskultes, unseres halb religiösen Glaubens an die Macht und den Sinn eines verklärten sog. „Fortschritts“, für unsere atheistisch gewordenen westlichen Gesellschaften eine geistige Erschütterung und Irritation ungeahnten Ausmaßes darstellen dürfte. Das könnte ein Einschnitt sein, der an Bedeutung dem Aufbruch der Renaissance oder der Herausbildung des christlichen Europas im frühen Mittelalter gleichkommen könnte. Die Folgen sind nicht absehbar.

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