Der Fortschritt ist tot

Bild: Chicago 1934, Newberry Library/public domain

Eine kurze Biographie eines säkularen Gottes.

 

Alles, was geboren wird, stirbt.

Vielleicht deswegen haben die monotheistischen Religionen davon abgesehen, ihrem Gott eine Herkunft zu geben. Keine extravagante Geburt aus Schaum oder Schädel, nur Ewigkeit. Dieser Gott kann nicht sterben, er kann höchstens am Kreuz so tun. Allenfalls wird er verblassen, vergessen werden.

Doch was tut das, wenn er uns ohnehin schon nichts mehr zu sagen hat? Das Abendland hatte Gott längst ins Altersheim gesteckt und durch einen frischeren Nachfolger ersetzt. Einen, der sein Heil nicht erst für das Jenseits versprach, sondern schon für die diesseitige Welt. Einen, der mühelos kompatibel erschien mit Rationalismus und Wissenschaft. Sein Name: „der Fortschritt“. Rund zweihundert Jahre lang wurde er angebetet. Nun ist auch er von uns gegangen.

Das ist kein Wunder, denn seine Geburt ist gut bezeugt. Er ist ein Sohn der Aufklärung. „Fortschritte“ gab es in der deutschen Sprache bis dahin nur im Plural und nur ganz konkret: das Fortschreiten der Planeten auf ihrer Bahn, oder der Fortschritt des Uhrzeigers auf dem Zifferblatt. Wie aus dieser harmlos anmutenden Substantivierung eines Verbs der Name einer unpersönlichen Macht wurde, kann man – Schritt für Fortschritt, sozusagen – im Lexikon „Geschichtliche Grundbegriffe“ nachlesen.

Auf nach Weimar

Den entscheidenden, letzten Schritt kann man auch lesend miterleben, wenn man sich Johann Gottfried Herders „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ vornimmt. Darin handelt Herder die Menschheitsgeschichte vom allerersten Anfang aus ab, und zwar nicht – wie man bei einem protestantischen Pfarrer erwarten könnte – von Adam und Eva an, sondern von der Entstehung der Erde über das Auftreten der Pflanzen und Tiere bis zum Menschen und seiner Kulturgeschichte. Die ersten Teile der Schrift erschienen 1784, genau ein Dreivierteljahrhundert vor „On the Origin of Species“. Freilich ohne sich Gedanken über Mechanismen der Artbildung zu machen, entwirft Herder ein historisches Panorama, in dem die menschliche Geschichte eine nahtlose Fortsetzung der Naturgeschichte ist.

Leitender Gedanke ist dabei, dass Gott diese Geschichte dahingehend gelenkt habe, dass sie zwangsläufig und zielgerichtet aufwärts führt zum Menschen, zum Christentum und, darf man wohl unterstellen, zu Herder nach Weimar. Meist ist „Gott“ sein Name für diese treibende Macht. Manchmal auch „die Vorsehung“. Und einige Male: „der Fortschritt“.

Das ist für Herder alles dasselbe. „Gott“, „Vorsehung“ und „Fortschritt“ sind für Herder synonym. Und sein Brotberuf in Weimar war Generalsuperintendent – also Leiter des dortigen protestantischen Kirchenkreises. Als evangelischer Theologe kannte er die von Luther erneuerte Vorstellung vom „verborgenen Gott“ (deus absconditus), der vom Gläubigen weder erkannt noch ergründet werden kann. „Gott“ ist eine unpersönliche, unverständliche, aber allumfassende Macht. Gott ist Fortschritt.

Auch wenn Herder selbstverständlich nicht als einziger Geburtshelfer des Fortschritts diente, ist es sicher kein Zufall, dass es ein evangelischer Theologe war, der den christlichen Gott durch den Fortschritt ersetzte. Der Fortschrittsglaube ist ein säkularer Protestantismus.

Uns nach! Wir folgen!

Sollte diese Erkenntnis nicht genügen, den hohlen Götzen implodieren zu lassen? Welche Macht hat ein erfundener Gott? Wie glaubwürdig ist ein geschaffener Schöpfer?

Doch Gewohnheiten sind hartlebig. Selbst Atheisten entfleucht einmal ein Stoßgebet. Der Glaube an den Fortschritt sitzt tief in den Seelen, denn er ist letztlich der Glaube an die eigene Überlegenheit. Es wird schmerzhaft sein, ihn auszubrennen.

Nehmen wir das Wörtchen:

„Noch“

Ein unschuldiges Wort, verwendet in scheinbar unschuldigen Aussagen. „Auch bei uns gibt es noch Rassismus / Sexismus / Transfeindlichkeit / …“ Ähnliche Sätze hören wir täglich in den Medien, gewöhnlich ohne zu bemerken, dass das „auch“ hier synonym ist zu „sogar“ – und dass das „noch“ eine Ideologie transportiert. Diese Ideologie verkündet: Wir, das Abendland, schreiten der Welt voran. Wir tragen das Licht, wir bahnen den Weg. Wir bilden die Vorhut auf dem Weg in die Zukunft. Oder eigentlich überall hin.

Voran ohne Ziel

Denn genaugenommen spielt die Richtung schon keine Rolle mehr. Die Zeit der Utopien ist vorüber. Utopien sind verpönt, einerseits, weil sie in der Vergangenheit zu oft enttäuscht haben, andererseits, weil sie ideologisch festlegen. Daher sagt der Fortschrittsgläubige von heute nicht mehr, wohin es gehen soll. Wichtig ist allein, dass es geht. Wie ein Radfahrer würde er umfallen, wenn er stehenbliebe. Hauptsache: Voran! Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Fest steht der Glauben, dass es dadurch besser werde, ohne dass jemals ein Ziel am Horizont erkennbar wäre. Wie schon Silly sangen: „Alles wird besser, uh, alles wird besser, aber nichts wird gut.“

Der zwiefache Verweis auf die DDR ist kein assoziativer Zufall. Laut Max Weber ward ja der Kapitalismus geboren aus dem Geiste des Protestantismus, und das gilt für seine beiden Ausprägungen, als Privat- wie als Staatskapitalismus. Der Glaube an den Fortschritt war im Sozialismus das Versprechen auf ein zukünftiges Paradies des Wohlstands für alle; im Pseudo- und Neoliberalismus unserer Tage ist er nur mehr ein Versprechen seiner selbst. Alles muss ständig besser werden. Ob es will oder nicht. Alles ist Bewegung, Stillstand ist Rückschritt. „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen.“ – Die faustische Gesellschaft strebt und müht, doch ist Erlösung – verräterisch theologisches Konzept – nicht in Sicht. Was tut’s? Gestrebt und gemüht muss werden. Wir erinnern uns: säkularer Protestantismus. Die Arbeitsethik wurde nahtlos übernommen. Das Ego wird getragen vom Hochgefühl der Selbstzucht. Wer voranstrebt, und dabei alles Ererbte zu opfern bereit ist, wer sich von allem frei macht, nur um noch leichter, noch schneller zu werden, nur der kann zu recht beanspruchen, die Vorhut zu sein. Nur der ist gewiss der Erste, der Beste, der Stärkste, der gottgewollte Anführer. Egal wohin.

Unerträgliche Demut

Was wären wir ohne Fortschritt? Nur eine Gesellschaft unter vielen. Nur eine etwas verschrobene Kultur im jahrtausendelangen Auf und Ab der Weltgeschichte, vergänglich, belanglos. Nur, dass wir den wahren Glauben in die Welt getragen haben, verleiht uns Wert.

Es fällt schwer, das aufzugeben, und demütig nur eine Kultur unter vielen zu sein. Den Afrikanern, Russen, Chinesen nichts von Demokratie und Minderheitenrechten erzählen zu können, erscheint Vielen unmöglich. Was wären wir noch ohne feministische Außenpolitik? („Die Hybris des Westens“)

Aber es ist geschehen. Der Fortschritt ist von uns gegangen. Er kränkelte schon, als der Club of Rome die „Grenzen des Wachstums“ veröffentlichte, und mit der fast zeitgleichen Ölpreiskrise das Wohlstandsversprechen des Kapitalismus auf Grund lief. Die Verheißung diesseitigen Heils für Alle ward unglaubwürdig. Für jenseitige Glückseligkeit war der Fortschritt nicht zuständig. Was blieb also? Seine Gläubigen versuchten es mit einer Frischzellkur; sie injizierten den Glauben an woke Ideale, an die respektvolle Gesellschaft, an Mikroaggressionen und ihre Überwindung. Zwar konnte das die Menge jener, die am Ende des Geldes noch Monat übrig haben, nicht begeistern. Dafür aber bot es denjenigen Halt und Trost, die sich ihres Wohlstands insgeheim schämen, weil sie doch eigentlich links und gut sein wollen. Mochte das schnöde Materielle sich dem Fortschritt widersetzen, blieb immerhin – wie sich das für eine Religion gehört – das Geistig-Moralische. Merke: Kein Gott kann so tot sein, dass er sich nicht noch für Pharisäertum und Holier-than-thou eignen würde.

Das Leben geht weiter

Einige Jahre ist nun dieser theologische Zombie durch die Länder des Abendlandes gewankt und hat nach Hirnen gehungert. Lange konnte das nicht gutgehen. Erst kommt bekanntlich das Fressen, dann erst die Moral. Unter der drückenden Realität steigender Preise und sinkender Löhne, knapper Energie und wachsender Zukunftsängste verließen die Menschen in Scharen die Kirche der Political Correctness. Wenn sie schon nicht beachtet werden, wollen sie wenigstens ihre Wut rausbrüllen dürfen. Zurück bleiben die Strenggläubigen, die Frömmler, die Bigotten. Wohlhabend sind sie und einflussreich, gewiss. Aber sie gewinnen keine Wahlen mehr. In diesem Zeichen siegt man nicht mehr.

Es hat sich noch nicht allgemein herumgesprochen, daher noch mal klar: Der Fortschritt ist tot. Er war nie mehr als ein Phantasma, belebt durch den Glauben einer hoffnungsvollen Masse. Ohne diesen Glauben ist er nicht mehr. Viele werden ihn noch einige Jahre lang anbeten, wie andere noch in die Kirche gehen. Das aber holt den Leichnam nicht aus der Erde. Auferstehung war immer ein Hoax.

Was bleibt? Die Veränderung, wie immer. Alles wird anders – nicht besser. Es geht weiter – nicht voran. Etwas vergeht, anderes entsteht. Nichts wird bleiben, wie es ist. Aber dazu brauchen wir keinen Gott. Nur Liebe und Mut und die Geschmeidigkeit, im steten Wandel mitzutanzen.

 

Konrad Lehmann

Konrad Lehmann studierte Biologie und Verhaltensforschung, promovierte in Neurobiologie und absolvierte seine Habilitation in Zoologie. Heute lehrt und forscht er an der Friedrich Schiller-Universität in Jena darüber, wie Umweltbedingungen die Formbarkeit des Gehirns beeinflussen. Als studierter Verhaltensforscher, promovierter und habilitierter Neurobiologe vermag er alle großen Themen der Hirnforschung lebendig und im Zusammenhang darzustellen. Wie Kreativität im Gehirn entsteht, hat er in seinem bei Springer erschienenen Buch „Das schöpferische Gehirn“ unterhaltsam verständlich gemacht, und in „Für mein Gehirn bin ich selbst verantwortlich“ dargelegt, wie die Gehirnentwicklung zeitlebens durch die Umwelt beeinflusst wird. Zuletzt erschienen: „Das Bewusstsein der Tiere.
Eine neurobiologische Exkursion zu den Gipfeln des Geistes“.
Mehr Beiträge von Konrad Lehmann →

Ähnliche Beiträge:

3 Kommentare

  1. Der Glaube der Deutschen an Fortschritt ist stets perfektionistisch und auf eine Endlösung hin aus gerichtet. Deshalb mündet dieses Streben auch meistens in der Katastrophe. Mal sehen ob es nach dem Zusammenbruch der uns bevorsteht, nochmal so etwas wie eine Katharsis geben wird. Dann wäre auch wieder Fortschritt, Wirtschaftswunder und der Weltmeistertitel im Fußball drin.
    Wenn es danach noch eine Zukunft gibt.

  2. Ich glaube ja dass Utopien auch und gerade deswegen verpönt um nicht zu sagen tabu sind, weil zu offensichtlich wäre dass das Fortschreiten genau nicht zu solchen „guten Orten“ führt, sondern ganz im Gegenteil.
    Es ist zu offensichtlich dass die Ziele, – die doch nach wie vor ausgegeben werden – , unverholen sinistre sind.
    Man denke nur an die Abschaffung des Bargelds und viele ähnliche. Es wird nicht einmal merhr so getan als ob irgend eine Utopie, und sei es nur ein bequemerer Alltag, dahinter stehen würde.
    Eine Utopie wäre per Definition gut, wir haben es also mit der Abschaffung der Idee des Guten zu tun, nicht mehr und nicht weniger. Das hätte der Aufsatz noch deutlicher herausstellen dürfen für meinen Geschmack. Fortschritt trifft es nicht so ganz, der wird nach wie vor verkauft.

  3. „Was bleibt? Die Veränderung, wie immer. Alles wird anders – nicht besser. Es geht weiter – nicht voran. Etwas vergeht, anderes entsteht. Nichts wird bleiben, wie es ist. Aber dazu brauchen wir keinen Gott. Nur Liebe und Mut und die Geschmeidigkeit, im steten Wandel mitzutanzen.“

    Wie schön der Verfasser seine eigenen, durchaus überzeugenden Ausführungen zur aufklärerisch-liberal-westlich-woken (Pseudo-)Religion des Fortschritts im letzten Absatz selbst ad absurdum führt. Denn worin unterscheidet sich das hier skizzierte Idealbild („im steten Wandel Mittanzen“) von dem, was seiner eigenen Analyse nach auch die ziellosen Fortschrittsgläubigen tun? Und warum ist der Gott „(sinnloser) Fortschritt“ ein schlechterer Gott als der Gott „Liebe und Mut und Geschmeidigkeit“, wenn es nur ums Mittanzen geht? Anders gefragt – warum lauten die letzten Sätze nicht so: „Nichts wird bleiben, wie es ist. Aber dazu brauchen wir keinen Gott. Nur Hass und Hinterlist und die Entschlossenheit, im wilden Strudel diejenigen zu eliminieren, die unseren eigenen Wünschen und Plänen entgegenstehen“?

    Durchaus möglich, dass es keinen „Gott“ im Sinne des Autors gibt (was auch immer „geben“ hier heißen mag). Aber dass wir keinen „brauchen“, das stimmt nicht. Der Gott des Autors heisst offenbar „Liebe“ und „Mut“ und „Mittanzen“ (statt Umbringen o. ä.). Ist mir sehr sympathisch. Noch lieber wäre es mir, wenn er sich dieses Gottes auch bewusst wäre, statt sich nur aus Versehen zu ihm zu bekennen.

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen