Der Feind aller?

Russischer Gefängniswärter beobachtet den Regisseur Andrei Nekrasov. Bild: PirayaFilm

Dies ist ein kurzer politischer Text, aber ein ungewöhnlicher. Es steckt keine Absicht darin, anders zu schreiben, nur um auffallen zu wollen. Er handelt von Zwickmühlen und Verwirrung, von persönlichen Erfahrungen, die letztlich doch eine politische Relevanz haben.

Vor zehn Jahren drehte ich einen Film, der im letzten Moment von ARTE (das ihn finanziert und redaktionell abgenommen hatte) abgesagt wurde. Es folgten weitere Absagen. Es gab Skandale, Verleumdungen, und man sagte mir, ich solle nicht damit rechnen, dass sich meine bisher erfolgreiche Karriere fortsetzen würde. Dennoch arbeitete ich weiter an mehreren Filmentwicklungsprojekten, schrieb Essays und einen Roman (der in Russland veröffentlicht wurde) sowie ein Theaterstück, das ich in St. Petersburg inszenierte. Dann erhielt einer der Filme – und eine Fernsehminiserie –, die ich entwickelt hatte, endlich grünes Licht für die Produktion in Deutschland und Norwegen.

Er ist nun fertiggestellt und wird am 17. September um 23:35 beim SWR ausgestrahlt, in der Mediathek ist er bereits abrufbar. Der Film ist unter der Rubrik „Wirtschaft“ gelistet. Das klingt ein wenig einschränkend, aber das stört mich nicht allzu sehr: Ist es nicht die Wirtschaft, die unser Leben maßgeblich bestimmen soll? In dem Film geht es aber um viel mehr als Wirtschaft.

IKEAs Erzfeind Nr. 1. Bild: PirayaFilm

Als ich vor zwei Jahren in der Region Smolensk drehte, wurde ich von der Russischen Sicherheitspolizei verhaftet und inhaftiert. Im Gefängnis hatte ich Zeit, darüber nachzudenken, was ich mit diesem Film sagen wollte und wie er bei anderen ankommen würde. Auch wenn ich nicht mehr sicher war, ihn fertigstellen zu können.

Auf den ersten Blick handelt der Film IKEAs Erzfeind Nr 1 von einem Konflikt zwischen IKEA und einem russischen Geschäftsmann, der in den 2000er Jahren den Möbelgiganten beim Bau großer Einkaufszentren in vierzehn russischen Städten mit Strom versorgte. Der Konflikt entwickelte sich wie eine klassische Tragödie, beginnend mit einem scheinbar isolierten Fehler. Dann durchlief die Handlung, wie ein unerbittliches Schicksal, außergewöhnliche Wendungen – hin zu einem schockierenden Finale. Und seine Bedeutung geht zweifellos weit über einen geschäftlichen Konflikt hinaus.

Die beteiligten Parteien verwiesen letztendlich auf die Geschichte der Kriege zwischen Russland und seinem westlichen Nachbarn und Rivalen, auf den Nationalcharakter, Patriotismus und Ethik. Die Geschichte stellt die meisten der bekannten Klischees über Russland und auch einige über den Westen auf den Kopf. Und die Tatsache, dass ich während der Dreharbeiten verhaftet und inhaftiert wurde, ist ebenfalls von Bedeutung und wurde Teil der Handlung.

Ich möchte denen, die sich entschließen, diesen politischen Thriller aus dem wirklichen Leben anzuschauen, das Erlebnis nicht verderben. Daher werde ich nun nur einige Fakten aus dem größeren Kontext erwähnen, die an sich schon interessant sein könnten.

Konstantin Ponomarev. Bild: PirayaFilm

Die Entstehung des Films war an sich schon dramatisch. Ich lernte meinen Protagonisten, Konstantin Ponomarev, vor zehn Jahren bei der Vorführung meines Films „Akte Magnitski – Hinter den Kulissen“ (jenem abgesagten ARTE-Film) auf dem Moskauer Filmfestival kennen. Konstantin wollte den Film sehen, weil er dessen Protagonisten Magnitski gekannt hatte, einen Buchhalter, der in Moskau inhaftiert worden war. Magnitski soll einem in den USA geborenen Hedgefonds-Manager bei einer millionenschweren Steuerhinterziehung geholfen haben. Ponomarev, selbst ausgebildeter Buchhalter, hatte ebenfalls für diesen Hedgefonds-Manager gearbeitet. Magnitski, der in einem Moskauer Gefängnis starb, war Ponomarevs Freund, aber Ponomarev war auch überzeugt, dass die Steuerhinterziehung leider real gewesen war.

Er sah seinen Konflikt mit IKEA im gleichen Licht wie Russlands schwieriges Verhältnis zum westlichen Kapital im Allgemeinen. Russland und seine Bevölkerung wurden laut Konstantin betrogen und ausgenommen.

Und später, während ich einen Film über einen solchen Patrioten drehte, wurde ich tatsächlich in Russland verhaftet! Andererseits werde ich dort sicherlich nicht als Patriot angesehen. Viele meiner Filme und Texte stehen der russischen Regierung äußerst kritisch gegenüber. Aber verhaftet wurde ich letztendlich wegen etwas völlig anderem.

Nun, ich konnte nur raten, worum es genau ging. Formal – schließlich gab es eine Gerichtsverhandlung – wurde ich wegen illegaler Filmaufnahmen verhaftet. Doch nach dem geltenden Gesetz hätte man mich einfach ausweisen müssen, und zwar schnell. Stattdessen wurde jeder rechtliche Antrag, den ich stellte, um aus Russland ausgewiesen zu werden, abgelehnt oder ignoriert, mein Computer und mein Telefon wurden beschlagnahmt, und ich saß eingesperrt da, ohne die geringste Ahnung zu haben, was sie von mir wollten („Ich hatte nur einen Stift und Papier“).

Regisseur Andrei Nekrasov im Gefängnis. Bild: PirayaFilm

In einer solchen Situation gehen einem alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Man malt sich Dinge aus. Man interpretiert sie. Einer der Wächter hatte meinen Film über den Überläufer des russischen Geheimdienstes Litvinenko gesehen, der später in London ermordet wurde. Und der Polizist wollte darüber sprechen.

Er schien aufrichtig interessiert, ja sogar mitfühlend gegenüber Litvinenkos Schicksal. Doch ob er nun von den Behörden geschickt worden war oder nicht – diese mussten von meinen „anti-russischen“ Filmen mindestens ebenso gut wissen wie ein gewöhnlicher Polizist.

Dieser Polizist schien aber der russischen Regierung kritisch gegenüberzustehen – und machte daraus nicht einmal ein Geheimnis. Der Grund dafür war jedoch nicht etwa ihr Illiberalismus, oder der Krieg in der Ukraine, sondern das, was er als deren Ineffizienz bei der Verteidigung russischer Interessen ansah. In dieser Hinsicht erinnerte er mich an den Protagonisten meines „IKEA“-Films, Ponomarev. Konstantin hatte den Russischen Behörden immer wieder vorgeworfen, sich auf die Seite des westlichen Kapitalismus zu stellen. Und schließlich wurde auch er verhaftet und inhaftiert.

Wenn dies ein Paradoxon ist, dann könnte es einer der Schlüssel zur geopolitischen Krise sein, in der wir uns befinden. Und auch zu Russlands Zukunft.

Es gab noch einen weiteren großen Grund zur Sorge für mich im Gefängnis. Auf dem Computer, den die Polizei beschlagnahmt hatte, befand sich der Entwurf eines Romans, der in Form eines Dokumentarfilmdrehbuchs verfasst war. Es war eine Datei unter anderen, echten Dokumentarfilmen. Der Roman war Fiktion. Nun ja, teilweise, da die meisten fiktionalen Werke in unterschiedlichem Maße aus dem Leben geschöpft sind.

Das Problem war, dass er in der Ich-Form geschrieben war und leicht für eine Autobiografie gehalten werden konnte – umso mehr, als er einige Tatsachen aus meinem Leben enthielt. Und wie ich während der Verhöre feststellte, war mein Leben eines der Dinge, die diejenigen interessierten, die mich verhaften ließen.

Haben sie meine Dateien durchforstet? Das wollten sie mir natürlich nicht sagen, und das hielt mich dort so manche Nacht wach. Manchmal wachte ich schweißgebadet auf, weil mir der Gedanke kam, dass diese oder jene Frage, die sie stellten, bedeutete, dass sie den Roman definitiv gelesen hatten. Darin trifft der junge Protagonist in den 1980er Jahren in Leningrad (unabhängig voneinander) zwei deutsche Mädchen, eines aus dem Osten, eines aus dem Westen. Als er später in West-Berlin landet und mit Letzterer verheiratet ist, zieht es ihn aufgrund seiner Gefühle für Erstere in den Osten. Als sie sich schließlich in Dresden wiedersehen, erwartet ihn ein weiteres Treffen … Das Verhör wird von einem sowjetischen Offizier geführt, der später weltberühmt werden sollte.

Wenn ich so darüber nachdenke: Wer auch immer meine Texte verstehen wollte, müsste sich wirklich Mühe geben und sich durch diesen langen Entwurf, aber auch durch endlose begleitende Exkurse in Philosophie, Geschichte, Vergleichende Literaturwissenschaft usw. kämpfen. Das hat mich vielleicht gerettet. Oder glaubten sie tatsächlich, ich hätte den zukünftigen Oberbefehlshaber getroffen? Jedenfalls verbrachte ich nur etwa zwei Monate in Haft. Konstantin Ponomarev sitzt immer noch im Gefängnis.

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Nach meiner Freilassung schnitt ich den Film über ihn immer wieder neu. Die ganze Zeit über war ich mir aber nie ganz sicher, ob er jemals im Mainstream-Fernsehen gezeigt werden würde.

Warum nicht? Es ist eine ungewöhnliche Geschichte, aber dennoch nur eine Geschichte, nicht wahr? Und doch steckt darin etwas, das Teil eines „größeren Ganzen“ ist – etwas, das in der schwarz-weißen politischen Welt, in der wir leben, eine größere Verantwortung für jeden mit sich bringen könnte, der damit in Verbindung steht. Auf die Politik blicke ich eher pessimistisch, aber auf wen sollen wir sonst unsere Hoffnungen setzen, wenn nicht auf diejenigen, die zumindest manchmal bereit sind, uns zu verstehen und uns zu helfen?

Andrei Nekrasov

Andrei Nekrasov, geboren in Leningrad/St. Petersburg, studierte Philosophie in New York (Columbia University) und Paris (Paris VII und Paris VIII) mit dem Schwerpunkt Sprachphilosophie. Er studierte auch Film in England und assistierte Andrei Tarkovsky bei seinem letzten Film in Schweden. Nekrasov verband eine erfolgreiche Filmkarriere mit einem ausgeprägten Interesse an Philosophie und Politik. Er war aktives Mitglied der Opposition in Russland und verfasste zwei Bücher und viele Essays und Artikel. Filme u.a.: Lubov und andere Alpträume, Rebellion – the Litvinenko Case, The Magnitsky Act – behind the Scenes.
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