Der Feind aller?

Russischer Gefängniswärter beobachtet den Regisseur Andrei Nekrasov. Bild: PirayaFilm

Dies ist ein kurzer politischer Text, aber ein ungewöhnlicher. Es steckt keine Absicht darin, anders zu schreiben, nur um auffallen zu wollen. Er handelt von Zwickmühlen und Verwirrung, von persönlichen Erfahrungen, die letztlich doch eine politische Relevanz haben.

Vor zehn Jahren drehte ich einen Film, der im letzten Moment von ARTE (das ihn finanziert und redaktionell abgenommen hatte) abgesagt wurde. Es folgten weitere Absagen. Es gab Skandale, Verleumdungen, und man sagte mir, ich solle nicht damit rechnen, dass sich meine bisher erfolgreiche Karriere fortsetzen würde. Dennoch arbeitete ich weiter an mehreren Filmentwicklungsprojekten, schrieb Essays und einen Roman (der in Russland veröffentlicht wurde) sowie ein Theaterstück, das ich in St. Petersburg inszenierte. Dann erhielt einer der Filme – und eine Fernsehminiserie –, die ich entwickelt hatte, endlich grünes Licht für die Produktion in Deutschland und Norwegen.

Er ist nun fertiggestellt und wird am 17. September um 23:35 beim SWR ausgestrahlt, in der Mediathek ist er bereits abrufbar. Der Film ist unter der Rubrik „Wirtschaft“ gelistet. Das klingt ein wenig einschränkend, aber das stört mich nicht allzu sehr: Ist es nicht die Wirtschaft, die unser Leben maßgeblich bestimmen soll? In dem Film geht es aber um viel mehr als Wirtschaft.

IKEAs Erzfeind Nr. 1. Bild: PirayaFilm

Als ich vor zwei Jahren in der Region Smolensk drehte, wurde ich von der Russischen Sicherheitspolizei verhaftet und inhaftiert. Im Gefängnis hatte ich Zeit, darüber nachzudenken, was ich mit diesem Film sagen wollte und wie er bei anderen ankommen würde. Auch wenn ich nicht mehr sicher war, ihn fertigstellen zu können.

Auf den ersten Blick handelt der Film IKEAs Erzfeind Nr 1 von einem Konflikt zwischen IKEA und einem russischen Geschäftsmann, der in den 2000er Jahren den Möbelgiganten beim Bau großer Einkaufszentren in vierzehn russischen Städten mit Strom versorgte. Der Konflikt entwickelte sich wie eine klassische Tragödie, beginnend mit einem scheinbar isolierten Fehler. Dann durchlief die Handlung, wie ein unerbittliches Schicksal, außergewöhnliche Wendungen – hin zu einem schockierenden Finale. Und seine Bedeutung geht zweifellos weit über einen geschäftlichen Konflikt hinaus.

Die beteiligten Parteien verwiesen letztendlich auf die Geschichte der Kriege zwischen Russland und seinem westlichen Nachbarn und Rivalen, auf den Nationalcharakter, Patriotismus und Ethik. Die Geschichte stellt die meisten der bekannten Klischees über Russland und auch einige über den Westen auf den Kopf. Und die Tatsache, dass ich während der Dreharbeiten verhaftet und inhaftiert wurde, ist ebenfalls von Bedeutung und wurde Teil der Handlung.

Ich möchte denen, die sich entschließen, diesen politischen Thriller aus dem wirklichen Leben anzuschauen, das Erlebnis nicht verderben. Daher werde ich nun nur einige Fakten aus dem größeren Kontext erwähnen, die an sich schon interessant sein könnten.

Konstantin Ponomarev. Bild: PirayaFilm

Die Entstehung des Films war an sich schon dramatisch. Ich lernte meinen Protagonisten, Konstantin Ponomarev, vor zehn Jahren bei der Vorführung meines Films „Akte Magnitski – Hinter den Kulissen“ (jenem abgesagten ARTE-Film) auf dem Moskauer Filmfestival kennen. Konstantin wollte den Film sehen, weil er dessen Protagonisten Magnitski gekannt hatte, einen Buchhalter, der in Moskau inhaftiert worden war. Magnitski soll einem in den USA geborenen Hedgefonds-Manager bei einer millionenschweren Steuerhinterziehung geholfen haben. Ponomarev, selbst ausgebildeter Buchhalter, hatte ebenfalls für diesen Hedgefonds-Manager gearbeitet. Magnitski, der in einem Moskauer Gefängnis starb, war Ponomarevs Freund, aber Ponomarev war auch überzeugt, dass die Steuerhinterziehung leider real gewesen war.

Er sah seinen Konflikt mit IKEA im gleichen Licht wie Russlands schwieriges Verhältnis zum westlichen Kapital im Allgemeinen. Russland und seine Bevölkerung wurden laut Konstantin betrogen und ausgenommen.

Und später, während ich einen Film über einen solchen Patrioten drehte, wurde ich tatsächlich in Russland verhaftet! Andererseits werde ich dort sicherlich nicht als Patriot angesehen. Viele meiner Filme und Texte stehen der russischen Regierung äußerst kritisch gegenüber. Aber verhaftet wurde ich letztendlich wegen etwas völlig anderem.

Nun, ich konnte nur raten, worum es genau ging. Formal – schließlich gab es eine Gerichtsverhandlung – wurde ich wegen illegaler Filmaufnahmen verhaftet. Doch nach dem geltenden Gesetz hätte man mich einfach ausweisen müssen, und zwar schnell. Stattdessen wurde jeder rechtliche Antrag, den ich stellte, um aus Russland ausgewiesen zu werden, abgelehnt oder ignoriert, mein Computer und mein Telefon wurden beschlagnahmt, und ich saß eingesperrt da, ohne die geringste Ahnung zu haben, was sie von mir wollten („Ich hatte nur einen Stift und Papier“).

Regisseur Andrei Nekrasov im Gefängnis. Bild: PirayaFilm

In einer solchen Situation gehen einem alle möglichen Gedanken durch den Kopf. Man malt sich Dinge aus. Man interpretiert sie. Einer der Wächter hatte meinen Film über den Überläufer des russischen Geheimdienstes Litvinenko gesehen, der später in London ermordet wurde. Und der Polizist wollte darüber sprechen.

Er schien aufrichtig interessiert, ja sogar mitfühlend gegenüber Litvinenkos Schicksal. Doch ob er nun von den Behörden geschickt worden war oder nicht – diese mussten von meinen „anti-russischen“ Filmen mindestens ebenso gut wissen wie ein gewöhnlicher Polizist.

Dieser Polizist schien aber der russischen Regierung kritisch gegenüberzustehen – und machte daraus nicht einmal ein Geheimnis. Der Grund dafür war jedoch nicht etwa ihr Illiberalismus, oder der Krieg in der Ukraine, sondern das, was er als deren Ineffizienz bei der Verteidigung russischer Interessen ansah. In dieser Hinsicht erinnerte er mich an den Protagonisten meines „IKEA“-Films, Ponomarev. Konstantin hatte den Russischen Behörden immer wieder vorgeworfen, sich auf die Seite des westlichen Kapitalismus zu stellen. Und schließlich wurde auch er verhaftet und inhaftiert.

Wenn dies ein Paradoxon ist, dann könnte es einer der Schlüssel zur geopolitischen Krise sein, in der wir uns befinden. Und auch zu Russlands Zukunft.

Es gab noch einen weiteren großen Grund zur Sorge für mich im Gefängnis. Auf dem Computer, den die Polizei beschlagnahmt hatte, befand sich der Entwurf eines Romans, der in Form eines Dokumentarfilmdrehbuchs verfasst war. Es war eine Datei unter anderen, echten Dokumentarfilmen. Der Roman war Fiktion. Nun ja, teilweise, da die meisten fiktionalen Werke in unterschiedlichem Maße aus dem Leben geschöpft sind.

Das Problem war, dass er in der Ich-Form geschrieben war und leicht für eine Autobiografie gehalten werden konnte – umso mehr, als er einige Tatsachen aus meinem Leben enthielt. Und wie ich während der Verhöre feststellte, war mein Leben eines der Dinge, die diejenigen interessierten, die mich verhaften ließen.

Haben sie meine Dateien durchforstet? Das wollten sie mir natürlich nicht sagen, und das hielt mich dort so manche Nacht wach. Manchmal wachte ich schweißgebadet auf, weil mir der Gedanke kam, dass diese oder jene Frage, die sie stellten, bedeutete, dass sie den Roman definitiv gelesen hatten. Darin trifft der junge Protagonist in den 1980er Jahren in Leningrad (unabhängig voneinander) zwei deutsche Mädchen, eines aus dem Osten, eines aus dem Westen. Als er später in West-Berlin landet und mit Letzterer verheiratet ist, zieht es ihn aufgrund seiner Gefühle für Erstere in den Osten. Als sie sich schließlich in Dresden wiedersehen, erwartet ihn ein weiteres Treffen … Das Verhör wird von einem sowjetischen Offizier geführt, der später weltberühmt werden sollte.

Wenn ich so darüber nachdenke: Wer auch immer meine Texte verstehen wollte, müsste sich wirklich Mühe geben und sich durch diesen langen Entwurf, aber auch durch endlose begleitende Exkurse in Philosophie, Geschichte, Vergleichende Literaturwissenschaft usw. kämpfen. Das hat mich vielleicht gerettet. Oder glaubten sie tatsächlich, ich hätte den zukünftigen Oberbefehlshaber getroffen? Jedenfalls verbrachte ich nur etwa zwei Monate in Haft. Konstantin Ponomarev sitzt immer noch im Gefängnis.

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube (öffnet in neuem Tab).

Nach meiner Freilassung schnitt ich den Film über ihn immer wieder neu. Die ganze Zeit über war ich mir aber nie ganz sicher, ob er jemals im Mainstream-Fernsehen gezeigt werden würde.

Warum nicht? Es ist eine ungewöhnliche Geschichte, aber dennoch nur eine Geschichte, nicht wahr? Und doch steckt darin etwas, das Teil eines „größeren Ganzen“ ist – etwas, das in der schwarz-weißen politischen Welt, in der wir leben, eine größere Verantwortung für jeden mit sich bringen könnte, der damit in Verbindung steht. Auf die Politik blicke ich eher pessimistisch, aber auf wen sollen wir sonst unsere Hoffnungen setzen, wenn nicht auf diejenigen, die zumindest manchmal bereit sind, uns zu verstehen und uns zu helfen?

Andrei Nekrasov

Andrei Nekrasov, geboren in Leningrad/St. Petersburg, studierte Philosophie in New York (Columbia University) und Paris (Paris VII und Paris VIII) mit dem Schwerpunkt Sprachphilosophie. Er studierte auch Film in England und assistierte Andrei Tarkovsky bei seinem letzten Film in Schweden. Nekrasov verband eine erfolgreiche Filmkarriere mit einem ausgeprägten Interesse an Philosophie und Politik. Er war aktives Mitglied der Opposition in Russland und verfasste zwei Bücher und viele Essays und Artikel. Filme u.a.: Lubov und andere Alpträume, Rebellion – the Litvinenko Case, The Magnitsky Act – behind the Scenes.
Mehr Beiträge von Andrei Nekrasov →

Ähnliche Beiträge:

23 Kommentare

  1. Traurig das die Karriere zu Ende ist weil man etwas veröffentlicht…
    Sprich weil man arbeitet…

    Traurig.

    Wenn man sowas jemanden in den 80’ern erzählt hätte in Westeuropa. Die hatten das nicht geglaubt.

    Wohin Gleichschaltung führt, rein wirtschaftlich, das sehen wir bei den unfähigen, nicht originären VW AG.

    Medienarbeit ist frei.

    Meinungsfreiheit.

    Schade Europa. Das führt geradezu in den Untergang.

  2. Werter Herr Nekrasow
    Der fanatische Hass des „Westens“ richtet sich nicht gegen die Regierung Russlands. Dieser Hass gilt jedem „Russen“, unabhängig von dessen politischer Einstellung. Es gibt Personen, die vom „Westen“ ( Politik und Medien) hofiert werden. Aber nicht aus Liebe zum russischen Volk. Sondern weil diese sich als nützliche Idioten für antirussische Machenschaften benutzen lassen. Und selbst wenn die Machthaber im „Westen“ von der Macht entfernt werden und eine neue Generation ans Ruder kommt, wird sich nichts ändern. Der Hass auf alles russische ist tief im genetischen Code der Bevölkerung der Staaten des „Westens“ verankert! Da wird sich nichts ändern…

  3. Habe die Dokumentation gesehen und kann sie nur jedem empfehlen, der einen tiefen Blick in die Abgründe des Kapitalismus nehmen will! Selbst Kunde bei Ikea sehe ich diesen Laden jetzt mit völlig anderen Augen!
    Für mich steht fest ,das Ikea als Milliardenschweres globales Unternehmen die politische Elite Russlands nutzten konnte um u.a. mit Hilfe der Geheimpolizei K.P. „in Eisen zu legen“!
    Dass dabei auch sehr viel Geld den Besitzer gewechselt hat!
    Mag sein dass K.P. zu gierig war und es bei dem Vergleich mit Ikea von einer Milliarde hätte belassen sollen, Zu eindeutig waren die Drohungen nicht noch mehr zu fordern ! Aber das Insider erschossen werden ,andere angeblich Selbstmord begehen jagt mir Schauer über den Rücken! Schwedische Manager wie Mafiosi auftreten inbegriffen! Russenmafia lässt ebenfalls grüßen?
    Sehenswert auch wie unter Umgehung bürokratischer Hürden Ikea expandieren und 13 Geschäftshäuser errichten konnte mit Baumängeln die bei uns nie möglich wären! Ich will nicht wissen wieviel Schmiergelder für Grundstücke/ Bebauung in Russland über den Tisch gegangen sind. Zumal ja auch andere Geschäfte untergebracht sind! Tolle Doku zumal A. Negrasov auch einen Blick auf die Mentalität der Menschen und die jüngere Geschichte des Landes wirft!
    Zum Abschluss noch ein kräftiger Hieb auf die ARD- gehört zur besten Sendezeit ins Erste ! Erst recht in Bezug auf die Wahlen im Osten! Wer weiß mit welcher Art von Managern die Treuhand durch die Lande gezogen ist! Das Interesse blühende Landschaften zu schaffen war eher bescheiden find ich und bin nur ein Wessi.
    Was mögen meine Landsleute im Osten wohl darüber denken?

    1. Nun, der „Westen“ hat sich als Sieger gefühlt, der jetzt ungehemmt plündern, rauben und stehlen konnte. Inzwischen gehören 85% des Besitzes im Osten den „Wessis“. Und 10% anderen Ausländern.
      Vor kurzem habe ich dem Sohn einer Freundin beim Umzug geholfen. Der erzählt mir, das er seit seinem Auszug zu Hause schon 7 Wohnungen hatte. Und Alle gehörten „Wessis“….
      Warum wohl gab es eine Generalamnestie für Alle Verbrechen der „Treuhand“? Weil es weder genug Staatsanwälte, Richter,Gerichtssäle und Gefängnisse gab, um die zu verurteilen!

  4. Den „Magnitsky Act“ habe ich seinerzeit bei der von Herrn Rötzer organisierten Veranstaltung gesehen, und hatte in dem Rahmen die Ehre, Sie (ganz kurz) perönlich kennenzulernen.
    Dass ,Arte‘ den Film damals nicht gesendet hat war schon eine Art Menetekel für all das was folgte: die Einseitigkeit, das Weglassen, die Propaganda. Und dafür, wie es russlandpolitisch gelaufen und gekommen ist, bis heute.
    Auch diesen neuen Film werde ich mir auf jeden Fall ansehen!
    Vielen Dank Herr Nekrasov,
    vielen Dank Herr Rötzer.

  5. Ah ja, es ist dieser Film über Konstantin Ponomarev. Der darf nun auf Arte kommen. Kein Wunder er hat eindeutig antuirussische Schlagseite. Aber Nekrasow hätte sich klar sein müssen, dass sein Bemühen in der Sache im Nichts enden würde.

    Aber es ist nicht DER Film, der Telepolis-Lesern sofort ins Gedächtnis kommt, wenn er Nekrasow liest. Darüber gab es einen Zweiteiler auf TP, dort exklusiv. Nekrasow schildert darin, wie er vom Geschäftsmann Bill Browder engagiert wurde, um die Geschichte seines Angestellten Magnitzky zu verfilmen, der nach seiner, Browders, Ansicht von den russischen Behörden umgebracht wurde. Nekrsow war zunächst arglos, merkte aber, dass sich Browder im Lauf der Geschichte heillos in Widersprüche verwickelte. Die ganze Geschichts stimmte hinten und vorne nicht. Außerdem verlangte Browder einen Propagandafilm, der politische Wirkung entfalten sollte. Das tat N. nicht, er erstellte einen Film, in dem er genau diese Ereignisse beschrieb. Findet man jetzt nicht mehr, wie auch den TP-Artikel, der natürlich der Neuber-Zensur nicht entkam. Nebenbei: auf der Wayback-Maschine sind alle Telepolis-Artikel ab 2012 gelöscht. Welch ungeheurer Aufwand, um die Wahrheit zu unterdrücken. Ja, es gibt einen Tiefen Staat.
    Die Lüge wurde dann im großen Stil doch noch im Westen politisiert und sie hat tatsächlich diesen Magnitzky-Act aus der Taufe gehoben. Und fleißig vom Westen gegen Einzelpersonen verwendet.
    Berufslügner Browder lebt jetzt in London als rechte Hand des Ganoven Chodorkowski, der dort an der Spitze einer Oligarchenblase auf den Sturz Putins wartet, um dort wieder alte Seilschaften an die Macht zu bringen.

    Indes, das zieht sich.

    1. „Nebenbei: auf der Wayback-Maschine sind alle Telepolis-Artikel ab 2012 gelöscht. “
      Deren Server sind doch in den USA oder? Ist das wirklich alles gelöscht worden, oder nur aus der EU nicht mehr erreichbar?
      Wenn wirklich alles gelöscht wurde, dann hat das TP sicher nicht alleine durchgesetzt.

  6. Ich habe nur die Überschrift gelesen, dann etwas nachgedacht und was kam dabei heraus? Die NATO! Sie ist die eindeutige Fortsetzung des Kolonialismus. Und das ist richtig.

    Aber davon abgesehen, unser überaus genialer Kanzler fährt in die Arktis, während nicht nur hier seine Hütte brennt, sondern unser aller Hütte brennen. Ok, er hat Hütten in Gebieten, die von einem Krieg mit Russland weniger bis kaum belastet sein werden. Im Ausland , natürlich, wie Annalena was weiß ich, und die wusste fast von nix, außer ihren „geilen“ High Hills. Ich bin als fast 68er deutlich bessere Optiken gewohnt. Aber das ist nur mein subjektiver Eindruck, betreffs dieser eigentlich sehr gewöhnlichen Person.

    Was mich sehr ratlos macht, das ist mehr das Feld des vollkommenen diplomatischen Versagens der Deutschen Diplomatie.

    Wie können in einem demokratischen Staat, eine Bundeskanzlerin im Falle Israels und unsere leidige Frau Baerbock, im Falle der Ukraine, hingehen und denen sagen und sagen ? „what ever it costs“!

    Ich denke mal, abgesehen davon, dass es das absolut Dümmste ist, was eine Regierung machen kann, halte ich das auch für ein absolut undemokratischste Verfahren, weil, es so eine unglaubliche wirtschaftliche Reichweite hat.

  7. Der Schlüsselsatz des Videos: „J’aime trop mon pays pour être nationaliste.“. Albert Camus hat in dem zitierten Brief mit gutem Grund betont, der Spruch stamme nicht von ihm selbst. Solche Scheidung zwischen Nationalismus und Patriotismus dürfte seit Generationen ubiquitär unter Leuten sein, die mit einer patriotischen Revolte sympathisieren. Es ist derselbe Gehalt, der tatkräftiger in den Spruch „Wir holen uns unser Land zurück“ gekleidet wird. Ein sentimentaler Rückgriff auf das 19. Jhd., die Zeit der Nationenbildung, welche ausgerechnet die konturlose Realabstraktion „Nation“ mit Hüften und Brüsten ausstaffierte, die „Marianne“, die „Germania“, und „Mütterchen Russland“, natürlich. Die Berufsnationalisten hatten sie seinerzeit in ihrem Versammlungshäusern zu internieren, um sie zu schwängern.

    Andrei Nekrasov ist ein guter Filmemacher, aber in der Rolle des Verschwörungstheoretikers versagt er. Oder vielmehr: Er läßt sich versagen, das ist Verfahrenstechnik. Er übersetzt Geraune in Bildsequenzen. Was spielt es für eine Rolle für den Fall Ponomarev, ob der einstmalige Familieneigentümer ein Altnazi gewesen ist? Absolut keine, denn Ikea gehört seit 1982 zu 100% einer niederländischen Stiftung, der INGKA Foundation. Noch abseitiger ist es natürlich, den Fall mit der vernichtenden Niederlage der schwedischen Armee unter Karl VII in der Ukraine zu illustrieren – – Anno 1709. Ja, Russen lieben sowas, nicht nur Putin adoptiert solches … darf ich „Geschwätz“ sagen? … wenn es grad paßt. Überwiegend für einen Lacher, wenn ich meine persönlichen Erfahrungen hier beiziehe.

    Dagegen bleiben essentielle Informationen über den Kriminalfall, den Nekrasov umreißt, im Finstern.
    Er läßt von einer „Falle“ raunen, in die Ponomarev getappt sein soll. Solch eine Falle ließe sich benennen, wenn es denn eine gibt.
    Jeder juristische Vergleich, der den Namen verdient, sei er notariell geschlossen oder gerichtlich fixiert, endet mit einer Klausel, die den Fall ein für alle Mal schließt, indem die Parteien einen Verzicht auf Nachforderungen unterzeichnen. Wenn es eine Falle gab, willkürlich gesetzt oder unwillkürlich hinterlassen, bestand sie im Fehlen oder der unzureichenden Formulierung solcher Klausel.
    Ob nun im Zusammenhang mit dieser Lücke, die Nekrasov setzt, oder außerhalb derselben, der Inhalt der Anklagen, unter denen Ponomarev in Haft gehalten worden ist, die Tatbestände, für die er verurteilt wurde, gehören in einer verschwörungstheoretischen Doku auf den Tisch. Komplette Fehlanzeige.

    Ich habe nicht geprüft, ob die Darstellung der „Russian Legal Information Agency“ (RAPSI) stimmt und halbwegs vollständig ist, aber hier ist sie, geltend bis 2021, einschließlich Supreme Court overturns all decisions extending detention of businessman Ponomarev. Das folgte damals übrigens einem Entscheid des Europäischen Menschenrechtshofes!

    Ich darf hier keine starken Worte benutzen, aber ich will es auch nicht. Andrei Nekrasov ist ein guter Filmhandwerker und ein „Jolly good fellow“, wer seine Grenzen nicht erkennen will, sollte das nicht ihm anlasten. Redaktionelle Sorgfaltspflicht ist ein anderes Thema, aber das lasse ich wohl besser ruhen …

    1. Ein ehemaliger Anwalt Ponomarevs während des ersten Prozesses, Maxim Zagorsky, ist übrigens auch angeklagt und zu nahezu acht Jahren Haft verurteilt worden, füge ich aus dem verlinkten Artikel hinzu, falls die Leser ihn nur überfliegen. Die Tatbestände:
      „A judge held that the defendants committed several crimes related to evidence simulation. The attorney was an organizer of the criminal group, the ruling read.“ Falschaussage, möglicherweise Dokumentenfälschung und Betrug können sich hinter diesen Worten verbergen, aber der Hauptpunkt für das Strafmaß ist natürlich „Gründung einer kriminellen Vereinigung“. Dem nicht nachgegangen zu sein …
      Aber das habe ich ja schon gesagt.

    2. Klar, das Publikum wird das Thema unisono auf Moral herunter bringen, auf die eine oder auch andere Moral, wie Emil das unten tut, und das nicht nur in diesem Forum.
      Nach meiner schmalen Erfahrung werden sie sich da mit allen Russen einig (bis auf den Promillesatz „Tom Gard’s“ versteht sich).

      Ein weiterer Schlüsselsatz im Video:
      Nekrassov läßt eine Figur sagen: Was sollen wir machen? Demonstrationen, Streiks? Das hatten wir schon, wir wissen, wohin das führt ... Die Rede ist nicht von dem schwächlichen Versuch Navalny’s, Gewerkschaftspolitik zu treiben, was von seinen britischen Handlern damals umgehend mit dem bekannten Anschlag beantwortet worden ist. Die Rede ist von der Novemberrevolution!
      Antikommunismus ist die außerhalb Russlands sehr weitgehend obsolete Klammer, die Nekrasovs Biographie mit denen seiner Freunde und „Freunde“ verknüpft.

      Und das ist selbst dann schwer daneben, wenn einer das in erster Instanz sachgerecht „immanent“, also vom Standpunkt des Kritisierten kritisiert.
      Denn die Gschichterln, die Nekrasov erzählt, gibt es in mehr oder minder identischer Gestalt aus allen Ländern Süd- und Mittelamerikas, aus dem kompletten afrikanischen Kontinent, und aus gewaltigen Teilen Asiens. Warum?

      Das ist simpel:
      Weil die Staatswesen der betreffenden Ländereien nicht über Kein Geld verfügen. Der Rubel ist so wenig ein Geld, wie der Peso, er ist nationales Tauschmittel und Verrechnungseinheit zu Dollares, Euronen, Franken, Yen und vielleicht noch britischem Pfund. Eine Kapitalakkumulation in Rubel ist schlicht nicht zu haben!
      Daran etwas zu ändern – was in der RF sehr machbar wäre, im Unterschied zu anderen betroffenen Ländereien – dagegen steht der immense Geldbedarf der Föderationsregierung Russlands. Sie ist auf die „Umrubelei“ schlicht angewiesen. Und weil die Föderationsregierung es ist, sind es auch weitgehend – wenngleich nicht in dieser Strenge – die Gouvernorate der Regionen.

      Ca y est. So kurz und schmutzig dargestellt es auch ist.

    3. Ein klassischer Ad-Hominem- und Ad-Verecundiam-Angriff in sehr dünner Verkleidung. „Nekrasov mag handwerklich ein guter Filmemacher sein, aber …“, „Jeder juristische Vergleich … endet mit einer Klausel, die den Fall ein für alle Mal abschließt“. Was? In der Geschichte geht es doch genau darum, worum es bei dem „juristischen Vergleich“ ging. Um die Unterschrift und deren erklärte Fälschung. Darum, dass IKEA zweifelhafte Anwälte engagiert hat etc. Das mit einem einzigen allgemeinen und vagen Satz abzutun, könnte vielleicht nur diejenigen überzeugen, die den Film nicht einmal flüchtig gesehen haben und selbst das nur mit Mühe.
      „Völlige Fehlanzeigen“ (wegen des Inhalts der Anklagen). In Wirklichkeit fragt Nekrasov die Anwälte mindestens zweimal und erhält die Antwort: Steuerhinterziehung, Betrug, während die Anwältin ihm dann sagt, dass die Anklagen erfunden worden seien.
      User „Qana“ hat nicht überprüft, ob RAPSI stimmt und halbwegs vollständig ist, aber er hält es für wichtig zu behaupten, dass „alle Entscheidungen zur Verlängerung der Haft des Geschäftsmanns Ponomarev“ aufgehoben wurden. Was soll das bedeuten? Wurde Ponomarev freigelassen? Nicht nur, dass dies nicht der Fall war, sondern seine Haft wurde sogar um 14 Jahre verlängert. Er sitzt nun seit 9,5 Jahren im Gefängnis.
      Der Angriff auf Nekrasov ist nicht nur ein Ad-Hominem-Argument, sondern auch schlichtweg falsch. Es war nicht Nekrasov, der sagte, die Niederlage des Schweden Karl XII. oder Kamprads Verbindungen zu den Nazis seien für die Geschichte relevant, sondern Ponomarev. Das gehört zu seinem Charakter, ja. Vielleicht ist das heute typisch, aber es ist Teil der Geschichte, die erzählt wird, und viel erklärt. Und im Gegensatz zur „üblichen“ TV-Dokumentation wird die Geschichte in spontanen Szenen erzählt, ohne einen anonymen Sprecher. Die Menschen sprechen so, wie sie es im Alltag tun, und zitieren manchmal Dinge aus dem Gedächtnis, was völlig in Ordnung ist, solange es um Kultur geht und nicht um juristische Dokumente. Nekrasov zitiert spontan auf Französisch aus Camus’ „Brief an den deutschen Freund“ (nicht „einen Freund von ihm“, dieser „Freund „ist ja fiktiv) und geht nicht auf weitere literarische Details ein, da diese für die Geschichte nicht relevant sind.

  8. Navigieren zwischen Anbiederung bei westlichen Russophobikern und Pressearbeit für Oligarchen im Übergangsbereich zur OK. Was für ein weltbewegender Journalist😂

    1. Auch wenn der Autor das enigmatische Raunen als Stilmittel pflegt, schimmern dann doch erhellende Auskünfte durch, etwa am Ende: „Auf die Politik blicke ich eher pessimistisch, aber auf wen sollen wir sonst unsere Hoffnungen setzen, wenn nicht auf diejenigen, die zumindest manchmal bereit sind, uns zu verstehen und uns zu helfen?“
      „Verstehen“ übersetzte ich mit „hören mir gerne zu, wenn ich antisowjetische Propaganda mache und mich als Opfer des Putin-Regimes darstelle“, „helfen“ heißt evidentermaßen „rücken Geld raus“. Der Mann kennt seine Politiker und weiß, mit welchen rabiaten Zynikern er es zu tun hat, aber leider, leider: wenn man als Journalist und Medienmacher gut und lecker leben will im Freiheitsstall, dann muss man mit den Wölfen heulen… Parallel dazu pflegt man eine komplexe Seelenlage!

  9. Ein sehr langer Text von ihnen und ich muss eingestehen :
    Ich verfüge nicht über ihr Intellekt und von daher fällt es mir schwer ihren Ansichten im Ganzen zu folgen!
    Ich sehe mehr die menschliche Seite und betrachte wirtschaftlich gesehen nicht nur Russland und den Umgang mit K.P. sondern bin angeekelt von dem Gedanken mit welchen Mittel wahrscheinlich überall Gewinne gemacht werden- Wirtschaft agiert! Der Starke frißt den Schwachen und zwar erst recht wenn er gut verfilzt ist über nützliche Beziehungen/ Abhängigkeiten verfügt. Je mehr Vermögen/ Schmiergelder dabei verteilt werden können desto mehr Freiheiten nimmt man sich Druck auszuüben! Diesen Druck habe ich bemerkt in der Doku und zwar in Hinblick auf jeden Akteur- auch beim Autor! Wie weit kann ich gehen mit meinen Fragen ,was darf ich sagen ohne dass ich Gefahr laufe zu sehr aufzufallen. Kann ich meinem Gegenüber überhaupt trauen oder ist das Gespräch eine Falle!
    Bei diesem Umständen ALLEM nachzugehen wird schwierig erst recht wenn dann noch Aussagen ausbleiben! Man den Filmemacher ,Journalisten… stehen lässt.
    Da entstehen von ganz alleine eventuell Verschwörungstheorien.
    Ich verstehe nicht wirklich was sie uns einfachen Lesern vermitteln wollen. Deshalb direkte Fragen
    Geht es gerecht zu in Russlands Justiz was den Fall K.P. angeht und ist es okay wie sich das Management von Ikea K.P gegenüber verhalten KONNTE?
    Der Mord an Navalny und die Verfolgung von Dissidenten im Ausland mit allen Kriminellen Energien sagt mir“ Es ist was faul in der „Föderationsregierung“ !
    Können sie das Gegenteil beweisen aber bitte so dass ich es verstehe.
    Sorry aber irgendwie habe ich den Eindruck, dass sie nicht wirklich auf die Doku reagieren und bemüht sind den Filmemacher zu diskreditieren!

      1. Ich habe geantwortet – sachlich, ausführlich und ohne irgend welche Anwürfe. Ist „wegg“. Das ist jetzt mein vierter Streich, und da meine Antwort eine von Dir erforderlich machte, bräuchte ich noch Zweie. Also entweder läßt die Moderation mein gecanceltes Posting noch durch – sowas ist in der Vergangenheit schon geschehen – oder Du wirst vom mir nichts mehr zu dem Thema „hören“.

    1. Navalny war eine westlich aufgebaute Marionette nichts weiter.
      Wenn die russische Föderation den Mann wirklich hätte tot sehen wollen, wäre man ganz anders forgegangen.

Schreibe einen Kommentar

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln : Bleiben Sie sachlich, respektvoll und beim Thema. Wir behalten uns vor, insbesondere Kommentare zu entfernen, die Beleidigungen, Spam oder persönliche Angriffe enthalten.

Pro Beitrag sind maximal 5 Kommentare (inklusive Antworten auf andere Kommentare) zulässig.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Bitte schreiben Sie mindestens 100 und höchstens 10000 Zeichen.

0 / 10000 Zeichen