
Derzeit läuft überall auf Facebook, und wohl auch anderswo, ein Text herum, der angeblich von Woody Allen stammen soll, dem berühmten, sehr zurückgezogen lebenden, 90-jährigen jüdisch-amerikanischen Filmemacher (Text siehe unten).
Also, der Text ist fake. So fake, dass es einem peinlich ist, Menschen zu kennen, die darauf hereinfallen. Aber selbst wenn man sie mit der Nase darauf stößt, klammern sich viele immer noch daran, dass das halt so gut erfunden ist — dahinter muss eine tiefere, echte Wahrheit stecken. Ja, die tiefere Wahrheit ist, dass man Leuten, die keine Ahnung haben, aber unbedingt etwas glauben wollen, alles andrehen kann.
In dem Text läuft Woody, nun schon über neunzig, durch Brooklyn (Brooklyn?), um Lachs zu kaufen. Er trifft auf antizionistische Demonstranten vor einer Synagoge, die „Antikolonialismus“ und „Intifada“ schreien. Das macht ihn so betroffen, dass er gleich wieder nach Hause geht, wo er, rein zufällig, Roger Waters und Kanye West im Fernsehen sieht und beschließt, morgen wieder nach Brooklyn zu fahren.
Der Text wimmelt nur so von plattesten Klischees; Juden, die in die Psychoanalyse gehen, jüdische Mütter, die an allem Schuld sind, Pogrommacher von der Columbia University (in Brooklyn??), die unvermeidliche Großmutter, die sich in Polen vor den Nazis versteckt hat, dass es in New York während des Vietnamkriegs als radikal galt, Obst mit Seife zu waschen (???), Kaffee, der neun Dollar kostet. Er endet damit, dass Woody das nächste Mal in Brooklyn die Demonstranten konfrontieren will … Ja, klar.
Das alles liest sich, als habe man eine KI in West-Jerusalem mit drei Woody-Allen-Filmen von 1970, Schindlers Liste, der Prawda von 2026, der letzten Folge von „Sex and the City“ und einer leicht beschädigten Version von Google Maps gefüttert, mit der Anweisung, keinen Satz kürzer als fünfzehn Worte zu machen.
Aber warum ist er fake? Zunächst einmal wurde Allen 1935 in der Bronx als Sohn jüdisch-amerikanischer Eltern geboren, deren Eltern aus Österreich und Litauen, damals Russland, stammen und um 1880 eingewandert sind. Wie kommt seine Großmutter 1939 nach Polen? Ist sie in einer Zeitmaschine dorthin gereist und hat die Landeparameter versehentlich von Wien auf Warschau gestellt?
Woody Allen selber lebt auch gar nicht in Brooklyn, Alvy Singer, sein Alter Ego aus dem Film Annie Hall, wohnt dort. Allen ist, wie alle Schauspieler, nicht mit seinen Filmcharakteren identisch. Er selber lebt an der Upper East Side mit seiner Frau Soon-Yi, die übrigens nicht seine Stieftochter ist, und sehr, sehr zurückgezogen. Als er noch im Cafe Carlyle in Manhattan Konzerte gegeben hat, was er heute nicht mehr tut, durfte man ihn nicht ansprechen und um ein Autogramm bitten.
Wenn er selbstpersönlich Lachs kaufen würde, was ich extrem bezweifele, würde er zu Zabars gehen, das ist ein jüdisches Feinkostgeschäft ein paar Blocks von seiner Wohnung entfernt und nicht zum anderen Ende von New York fahren. Dass er Demonstranten vor einer Synagoge konfrontiert, ist eine völlig aberwitzige Idee.
Gab es überhaupt eine solche Demonstration? Ja, es gab kürzlich eine Protestkundgebung vor der Synagoge „Young Israel of Midwood“ in Brooklyn (und der „Park East Synagogue“ in Manhattan), nicht von Columbia-Studenten allerdings, sondern von der Palestinian Assembly for Liberation Al-Awda.
In der Synagoge fand auch keineswegs ein Gottesdienst statt, sondern eine Immobilienauktion von Grundstücken in der besetzten Westbank, die überdies nur an orthodoxe Juden verkauft wurden, was, so die Demonstranten, illegal sei. Das ist ungefähr so, als würde eine lutheranische Kirche Stammesland der Apachen verkaufen, aber nur an deutschstämmige konservative Weiße. Auch das ist heutzutage verboten. Wie stets, trennten Hunderte von Polizisten die Demonstranten und die Kaufinteressenten, die immer mal wieder aufeinander losgingen.
Die Idee, dass sich Woody Allen mit israelischen Siedlern gemein macht, ist ohnehin absurd. In keinem seiner Filme oder Bücher kommt ein Hauch davon vor. Und er legt Wert darauf, dass er Amerikaner ist, kein Semi-Israeli. In einem seiner wenigen Interviews, in dem er 2025 mit Mundo America über seinen Roman spricht, sagt er:
„Ich bin nicht klug genug, um mich dazu fundiert zu äußern. Ich weiß, dass der Konflikt im Nahen Osten schon seit Jahrzehnten andauert und kluge Köpfe versucht haben, ihn zu lösen. Unzählige Politiker und Schriftsteller haben darüber geschrieben. Jeden Tag lese ich in der Zeitung Artikel von Leuten, die sich mit diesem Thema viel besser auskennen als ich. Und am nächsten Tag liest man eine andere Meinung von jemandem, der genauso intelligent ist wie der Vorredner, aber eine gegenteilige Ansicht vertritt. Man kann nie wissen, was wirklich vor sich geht. Das Einzige, worüber sich alle einig sind, ist, dass die andere Seite lügt. Ich war noch nie in Israel und bin kein Experte. Ich fürchte, alles, was ich [über Israel und Gaza] sage, würde wie die Äußerung eines dummen Schauspielers klingen, der wirklich nichts weiß.“
Aber von Deutschen, die auf der gleichen Linie sind, wird das Allen-Fake bejubelt und für echt gehalten, erstaunlicherweise auch von Amerikanern, sogar von New Yorkern, die es besser wissen müssten. Sogar von den gleichen Leuten, die es Allen bislang übelnahmen, dass er die koreanische Adoptivtochter seiner früheren Freundin und deren Ex-Mann Andre Previn geheiratet hat. Alles ist verziehen, du bist Zionist!
Sogar seine angebliche Verbindung zu Epstein wird ihm nicht mehr nachgetragen. Wobei die „Verbindung“ daraus besteht, dass Woody und Soon-Yi bei Epstein zum Dinner eingeladen war, wie so viele New Yorker, wo sich Soon-Yi bei Epstein beschwert hat, weil die Sandwichs nicht gut genug waren. Das klingt schon echter.

Aber von wem stammt der Text dann? Das hebräische Original kursiert in kyrillischer Schrift ebenfalls auf Facebook; der Autor ist der israelische „Digital Creator“, sprich, KI-Nutzer Rami Yudovin, der auf Russisch schreibt; wie viele Westbank-Siedler. Er selber macht es allerdings schon kenntlich, dass das eine Parodie ist und kein echter Woody Allen, aber das ist, wie es so schön heißt, lost in translation.
Die einzigen wahren Worte in dem ganzen Text stehen unauffällig in der Mitte des faken Woody Allen: „Hören Sie, ich bin unter Juden aufgewachsen. Wir dekonstruieren keine Narrative. Wir erschaffen Narrative.“
Und hier ist der Text im Original. Ich denke, wir dürfen den kopieren, KI-Texte sind nicht urheberrechtsgeschützt.
„Wissen Sie, ich habe immer gedacht, der größte Vorteil von New York sei, dass man dort neurotisch sein kann und niemand es bemerkt. In anderen Städten wird man zum Arzt geschickt, wenn man mit sich selbst spricht. In Manhattan bekommt man dafür eine Kolumne in einer Zeitschrift angeboten.
Gestern bin ich losgegangen, um Lachs zu kaufen. Das ist übrigens die einzige stabile jüdische Tradition, die Babylon, Rom und meine Beziehungen zu Frauen überlebt hat. Ich lief durch Brooklyn und dachte über den Tod nach. Nicht, weil ich Philosoph bin. Sondern weil ich inzwischen über neunzig bin, obwohl ich ursprünglich höchstens bis siebzig geplant hatte.
Und plötzlich – eine Menschenmenge vor einer Synagoge. Zuerst dachte ich, dort tritt ein berühmter Psychoanalytiker auf. In New York stehen Menschen stundenlang Schlange, um zu hören, warum ihre Mutter an allem schuld ist. Obwohl Juden das eigentlich auch ohne Vortrag schon wissen.
Aber nein. Sie schrien etwas über „Intifada“. Und wissen Sie, was mich am meisten erstaunt hat? Wie viel Energie diese Leute haben. Woher nehmen sie die? Ich will nach zwei Treppenabsätzen schon mein Testament schreiben. Und die sind bereit für eine Revolution, ohne vorher auch nur einen anständigen Kaffee getrunken zu haben. Ein Typ schrie etwas von „Dekolonisierung“. Mein Gott. Als ich jung war, bedeutete „Kolonisierung“, dass Tante Frieda drei Monate lang unser Sofa besetzte und sich weigerte auszuziehen.
Heute ist es plötzlich ein zionistisches Komplott.
Überhaupt ist moderner Antisemitismus viel zu intellektuell geworden. Früher hasste man uns einfach. Ganz direkt. Heute nicht mehr. Heute erklärt Ihnen irgendein Mann mit Schal, der aussieht, als würde er Gedichte über seinen eigenen Bart schreiben, mit Hilfe von Heidegger und Nietzsche, warum die Existenz von Juden eine Form von Aggression und eine Bedrohung für die Menschheit sei.
Und ich stand da und dachte: Früher wurden wir wenigstens von Leuten ohne Hochschulabschluss verprügelt. Heute kommen die Pogrommacher mit Diplom von der Columbia University.
Dann sagte ein Mädchen neben mir: „Wir sind gegen Zionismus, nicht gegen Juden.“ Das ist ungefähr so, als hätte meine Exfrau gesagt: „Ich habe nichts gegen dich. Ich bin nur gegen alles, was du sagst, tust, fühlst – und besonders gegen den Sex mit dir.“ Die Bedeutung bleibt dieselbe.
Und dann schrie jemand: „Zionisten sind Nazis!“ In diesem Moment hatte ich das Gefühl, meine Großmutter hätte sich im Grab so schnell umgedreht, dass sie einen Teil von Queens mit Strom hätte versorgen können.
Meine Großmutter hat übrigens echte Nazis erlebt. Sie versteckte sich in einem Keller in Polen mit einem Mann, der so schrecklich hustete, dass die Deutschen sie allein am Bronchialgeräusch hätten finden können.
Und jetzt erklärt mir irgendein Junge aus einem Elite-College, dessen größtes Trauma im Leben ein kalter Kaffee bei Starbucks war, was Faschismus bedeutet.
Ich lebe wirklich in erstaunlichen Zeiten. Heutzutage sprechen alle wie Menschen, die versehentlich eine Universitätsbibliothek verschluckt haben. Niemand sagt mehr: „Entschuldigung, ich bin ein Idiot.“ Nein. Heute heißt es: „Ich dekonstruiere das dominante Narrativ.“ Hören Sie, ich bin unter Juden aufgewachsen. Wir dekonstruieren keine Narrative. Wir erschaffen Narrative.
Ich kam nach Hause und schaltete den Fernseher ein – denn wenn man Angststörungen hat, wirkt Fernsehen wie eine ausgezeichnete Idee. Das ist ungefähr so, als würde man Alkoholismus mit einem Martini auf Eis behandeln.
Dort erklärte Roger Waters wieder einmal die Welt. Rockmusiker machen mir immer Angst, wenn sie älter werden und plötzlich anfangen zu reden wie Paranoiker, die beim Anblick einer schwarzen Katze eine Verschwörung wittern.
Dann tauchte Kanye West auf. Wissen Sie, in meiner Kindheit sahen Verrückte wenigstens aus wie Verrückte. Zerzauste Haare, Mantel, Tauben, Gespräche mit Mülleimern. Dieser Typ zieht einfach eine schwarze Maske an und sagt, dass er Hitler liebt. Und da wurde mir klar: Die Menschheit hat einen langen Weg zurückgelegt – von „Nie wieder“ zu „Lasst uns die Nuancen diskutieren“.
Und die Politiker? Die Politiker sagen: „Die Situation ist kompliziert.“
Nein. Kompliziert ist es, einer jüdischen Mutter zu erklären, warum man mit vierzig noch nicht verheiratet ist. Aber wenn eine Menge vor einer Synagoge „Tod den Zionisten“ schreit, dann ist das keine Komplexität. Das ist ein Remake. Und noch dazu ein schlechtes. Ohne originelles Drehbuch, aber mit einem riesigen Budget für soziale Medien.
Und wissen Sie, was mir wirklich Angst macht? Nicht die Radikalen. An Radikale bin ich gewöhnt. Ich habe in den siebziger Jahren in New York gelebt. Damals galt schon jemand als Radikaler, der dem Leitungswasser misstraute und Obst mit Seife wusch. Was mir Angst macht, ist die Geschwindigkeit, mit der normale Menschen anfangen so zu tun, als wäre nichts Besonderes los. Der Mensch ist unglaublich anpassungsfähig. Selbst dann, wenn ein jüdisches Mädchen an den Haaren gezogen wird und ein Junge mit Schläfenlocken mit Stroboskoplicht geblendet wird. Wir können uns an alles gewöhnen. An Krieg. An Hass. Daran, dass Kaffee neun Dollar kostet. An Letzteres übrigens nur sehr schwer.
Nachts lag ich im Bett und dachte: Vielleicht sollte man der Menschheit einfach keine Freizeit geben. Denn sobald Menschen sich langweilen, beginnen sie entweder die Welt zu retten, sich gegenseitig umzubringen oder Podcasts über die gesundheitlichen Vorteile des Krieges aufzunehmen.
Und trotzdem … wenn morgen wieder jemand mit Schreien über den Tod der Zionisten vor eine Synagoge zieht, werde ich hinausgehen. Nicht, weil ich mutig bin. Ich bin der Mensch, der einmal bei einer Blutabnahme ohnmächtig geworden ist. Sondern weil Juden schon zu oft gehofft haben, dass Wahnsinn von selbst verschwindet. Das tut er nie. Er zieht nur einen Anzug an, geht auf die Universität und eröffnet einen TikTok-Account.
Aber gut … zuerst esse ich trotzdem meinen Lachs. Ich möchte ungern mit leerem Magen sterben. Meine jüdische Mutter hätte das niemals gutgeheißen.“
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Woody Allen hat ein Leben lang fiktive Geschichten erzählt.
Wie unterscheidet man fake von fiktiv?
Vielleicht ist es der Humor mit dem er das Banale dramatisiert und dieser Text verharmlost das Reale.