
Eine Duldung der Atombewaffnung wird wohl kaum von einer Mehrheit der Christenmenschen getragen.
Der vorsätzliche Massenmord an hunderttausenden japanischen Zivilisten durch die Atombomben-Angriffe des US-Militärs vom 6./9. August 1945 konnte jahrzehntelang über einen zynischen Propagandakomplex zur „militärischen Notwendigkeit“ umgedeutet werden – bis hin zur ultimativen Absurdität: Die Bombe habe in Wirklichkeit Leben gerettet …
Doch die US-Führung wusste zum Zeitpunkt des Verbrechens längst um die Kapitulationsbereitschaft Japans. Die Möglichkeit, beide (!) Bombentypen noch vor Friedensverhandlungen an lebenden Menschen zu erproben, wollte man sich nicht nehmen lassen. Die Opfer wurden von den Tätern hernach in einem eigenen militärwissenschaftlichen Programm wie Versuchskaninchen hinsichtlich der körperlichen Wirkungen untersucht, doch medizinische Hilfe erhielten sie nicht.
Das ganze Lügengebäude über den großen Nutzen und die „Schönheit“ des Manhattan-Projekts ist längst zusammengebrochen. Dieser Tage kann sich jeder, der z.B. die Dokumentation „Hiroshima“ (GB 2014) von Lucy van Beek auf der Arte-Mediathek aufruft, über die wichtigsten Gesichtspunkte aufklären lassen. Über die ARD-Mediathek ist auch der wegweisende Film „Nagasaki – Warum fiel die zweite Bombe?“ (D 2015) von Klaus Scherer leicht zugänglich.
Grünes Licht für Bombenbesitz und Teilhabe durch ein EKD-Redaktionsteam
Es gibt natürlich hartgesottene Zeitgenossen, die selbst „vorm Teufel in der Hölle keine Angst haben“. Die Verfasser der EKD-Denkschrift „Welt in Unordnung …“ (November 2025), die nicht als Synodenbeschluss missinterpretiert werden darf, schreiben im „Blick auf Atomwaffen“: „Der ethisch gebotene Verzicht bleibt orientierend, ist angesichts der politischen Konstellation im Blick auf die Folgen aber politisch schwer zu vertreten“ (Denkschrift, S. 9). „Ethisch ist die Ächtung von Atomwaffen aufgrund ihres verheerenden Potenzials geboten. Der Besitz von Nuklearwaffen kann aber angesichts der weltpolitischen Verteilung dieser Waffen trotzdem politisch notwendig sein, weil der Verzicht eine schwerwiegende Bedrohungslage für einzelne Staaten bedeuten könnte.“ (ebd., S. 15) „Deutschland besitzt zwar selbst keine Atomwaffen, aber es verfügt über Flugzeuge, die mit in Deutschland gelagerten Atomwaffen der USA bestückt werden können. Damit ist das Problem der ‚nuklearen Teilhabe‘ angesprochen.“ (ebd., S. 112)
Das skandalöse Rumgeeier der Denkschrift eines ausgesuchten Autorenkreises (ohne Beteiligung des EKD-Friedensbeauftragten!) gipfelt dann in folgendem Passus:
„Die teils offenen, teils versteckten Drohungen mit dem Einsatz von Atomwaffen durch die Russische Föderation sind jedoch ein Zeichen dafür, dass auch in einem konventionellen Konflikt nukleare Waffen eine entscheidende Rolle spielen können. In diesem Szenario würden alle Staaten, die nicht glaubwürdig auf eine nukleare Abschreckung verweisen können, zu potenziellen Opfern konventioneller Angriffe von Staaten oder Regimes, die über Atomwaffen verfügen. In dieser Konstellation auf nuklearen Schutz gänzlich zu verzichten, wäre sicherheitspolitisch kaum zu verantworten. So konturiert sich das ethische Dilemma: Der Besitz von Nuklearwaffen kann sicherheitspolitisch notwendig sein, auch wenn ihr Einsatz durch nichts zu rechtfertigen ist. Eine ethisch richtige Option ist, einseitig auf Atomwaffen zu verzichten. Dies wäre im Blick auf die Folgen in der jetzigen konkreten politischen Situation wiederum kaum politisch zu vertreten. Auch die nukleare Teilhabe oder der Besitz von Nuklearwaffen kann also vor diesem konkreten Hintergrund eine ethisch begründbare Entscheidung sein.“ (ebd., S. 114)
„Dialektisch“ Theologie treiben bedeutet heute offenbar, den politischen Entscheidungsträgern grünes Licht für etwas zu geben, das „ethisch nicht geboten“ ist … Diese geradezu offensive Duldung der Nuklearbewaffnung soll wohl u.a. das Zeugnis der ehemaligen ‚DDR-Kirchen‘ und die weltkirchlichen Voten der jüngeren Zeit vergessen machen. Vorbereitet wurde sie – unter Beteiligung federführender EKD-Denkschriftautoren – schon Anfang 2023 durch folgende Veröffentlichung des evangelischen Militärkirchenwesens, passend eingestellt auf der staatlichen Internetseite der Bundeswehr:
„Ltd. Militärdekan Dr. Dirck Ackermann, Berlin / Prof. Dr. Reiner Anselm, München / Militärpfarrerin Dr. Katja Bruns, Wilhelmshaven / Prof. Dr. Michael Haspel, Erfurt / Prof. Dr. Friedrich Lohmann, München / Militärdekan Dr. Roger Mielke, Koblenz / Prof. Dr. Bernd Oberdorfer, Augsburg: Maß des Möglichen. Perspektiven Evangelischer Friedensethik angesichts des Krieges in der Ukraine. Ein Debattenbeitrag. Im Auftrag des Evangelischen Militärbischofs herausgegeben vom Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr. Berlin. 1. Auflage Februar 2023.“
Die Ermutigung aus Bremen
Doch weltweit wissen seit 1945 ernsthafte Christenmenschen auf dem ganzen Erdkreis, dass man sich entscheiden muss: „Gott oder die Bombe“. Das Kirchenparlament der Bremischen Evangelischen Kirche hat in diesem Sommer die Regierung aufgerufen, dem – schon 2017 auch vom Vatikan unterzeichneten – UN-Abkommen zum weltweiten Verbot von Atomwaffen beizutreten. Da der Wortlaut des am 6. Juni 2026 mehrheitlich beschlossenen Antrages der Andreas-Gemeinde und der Friedensgemeinde erstaunlicherweise bislang im Netz noch nicht nachlesbar ist, sei die Erklärung an dieser Stelle vollständig dokumentiert (mitgeteilt am 31.7.2026 nach dem Kirchentagsprotokoll von Holger Renken):
„Wir fordern die Bundesregierung Deutschlands auf, dem UN-Atomwaffen-Verbots-Vertrag durch ihre Unterschrift beizutreten und ihn dem Bundesrat zur Ratifizierung zuzuleiten.
Gleichzeitig fordern wir die Bundesregierung auf, die Stationierung der neuen amerikanischen weitreichenden Waffensysteme in der Bundesrepublik nicht zu gestatten.
Am 7. Juli 2017 haben von den 193 UN-Staaten 122 Staaten für die Verabschiedung des Atomwaffen-Verbots-Vertrags (AVV) gestimmt. Nachdem mehr als 50 Staaten den Vertrag ratifiziert hatten, ist der AVV am 22. Januar 2021 völkerrechtlich verbindlich in Kraft getreten. Seitdem haben ihn 94 Staaten unterzeichnet und 73 haben ihn ratifiziert. (Stand 1. Oktober 2024) Seither sind Atomwaffen, ihre Herstellung, ihr Besitz, ihre Verbreitung, die Androhung ihres Einsatzes und ihr Einsatz international verboten und völkerrechtlich geächtet.
Atomwaffen sind Massenvernichtungswaffen, die durch ihre Zerstörungskraft die Existenz der gesamten Lebensbedingungen auf unserem Planeten vernichten können. Die bisher einzigen beiden im Krieg eingesetzten Atomwaffen, in Hiroshima und Nagasaki, sollten durch ihre verheerenden Zerstörungen und Auswirkungen auf menschliches und zivilisatorisches Leben über Generationen Mahnung und Verpflichtung sein, niemals wieder auch nur mit dem Einsatz solcher Waffen zu drohen. So hat auch schon die EKD-Friedensdenkschrift von 2007 betont, dass die ‚Drohung mit Nuklearwaffen nicht mehr als Mittel legitimer Selbstverteidigung‘ betrachtet werden kann.
Deutschland besitzt selbst keine Atomwaffen, aber auf deutschem Territorium sind amerikanische Atomwaffen stationiert. Die Bundesregierung setzt trotz der die Menschheit vernichtenden Folgen des Einsatzes von Atomwaffen weiterhin auf das Prinzip der atomaren Abschreckung. Dieses Prinzip bedeutet ja die Androhung, Atomwaffen auch tatsächlich einzusetzen. Auch wenn die Abschreckung den Einsatz auf der Gegenseite verhindern soll, führt sie doch zu immer weiterer Aufrüstung statt zu Deeskalation und Abrüstung durch Verhandlungen.
Gerade in der gegenwärtigen angespannten Weltlage darf von deutschem Boden keinerlei Bedrohung ausgehen. Nach zwei verheerenden Weltkriegen, den Verbrechen der nationalsozialistischen Herrschaft und der damaligen Wehrmacht ist es nicht nur ein Gebot der Vernunft, sondern auch der geschichtlichen Verantwortung, keinerlei Bedrohung von deutschem Boden mehr zu zulassen. Nie wieder ist jetzt!
Daher fordern wir die Bundesregierung auf, dem Atomwaffen-Verbots-Vertrag beizutreten, ihn dem Bundesrat zur Ratifizierung zuzuleiten und der Stationierung von neuen strategischen weitreichenden amerikanischen Waffensystemen in Deutschland nicht zuzustimmen.“
Diese Bremer Erklärung steht nicht einsam da. Ihr von vielen wahrhaften Protestanten geteiltes Anliegen ist schon von anderen Landes- und Kreissynoden mit Klartext vorgetragen worden.
EKD-Friedensbischof für den Beitritt UN-Atomwaffenverbotsvertrag
Auch zum 30. Jahrestag des IGH-Gutachtens zur Völkerrechtswidrigkeit von Atomwaffen erging jetzt ein öffentlicher Appell an Bundesregierung und Bundestag, der völkerrechtlich verpflichtenden Vorgabe zur vollständigen nuklearen Abrüstung zu entsprechen und den Beitritt zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) anzugehen. Zu den Erstunterzeichnenden aus dem kirchlichen Spektrum gehören prominente Protestanten: der ehemalige Landesbischof Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh, jetzt Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF); der Theologe Prof. Dr. Ulrich Duchrow; die ehemalige Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Dr. Margot Käßmann; Landesbischof Friedrich Kramer, zugleich Friedensbeauftragter des Rates der EKD; Prof. em. Dr. Gottfried Orth, Seminar für Evangelische Theologie an der TU Braunschweig.
Es besteht somit kein Grund, den Bombendulder-Theologen beim kirchlichen „Spitzenpersonal“, die einen eigenwilligen deutsch-protestantischen Weg beschreiten, eine Vollmacht zur Vertretung der Gesamtkirche zuzuschreiben.
Literatur zum aktuellen kirchlichen Atomwaffendiskurs:
1) Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. – Eine Sammlung. Herausgegeben von Peter Bürger, im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie. Hamburg 2026, S. S. 12f, 20, 26, 33f, 36, 43, 48, 50, 58, 62, 64, 68, 79-81, 82, 86f, 89, 92f, 94, 120f, 125, 135-138, 141, 143, 145, 152, 154, 159f, 161f, 163, 165-168, 171, 173, 177-187, 192, 198, 199, 204, 211, 215, 221, 225f, 243f, 252, 257, 275, 277. (Alle Infos: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/015537.html).
2) Umdenkschrift II zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Weitere kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. – Zweite Sammlung. Herausgegeben im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie (Reihe: edition pace). Hamburg 2026, S. 9f, 15, 20f, 26, 37f, 48, 59, 67-72, 73, 76f, 80f, 85, 89-95, 100-104, 108, 110, 113, 117, 122f. (Alle Infos: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/015549.html).
3) Umdenkschrift III zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Texte zur EKD-Kontroverse und Ökumenische Friedensstimmen. – Dritte Sammlung. Herausgegeben im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie. Hamburg 2026, S. 32-34, 37f, 45-48, 50, 56, 58, 60, 65, 67, 73-77, 85, 108, 114, 116, 126, 130f, 137-143, 152, 154, 165, 176f, 196, 202, 214, 269, 274, 277, 282f, 289, 297, 299f, 303f, 320, 335, 354f, 377, 385, 389, 392-394. (Alle Infos: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/015601.html).
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Ich poste mal hier einen Kommentar, der bei oder von RDL umgehend abgelehnt worden ist:
Das wäre echt lustig, wenn es nicht so traurig wäre …
„Nachvollziebarerweise“ – wieso denn, bitte?! Jeder Adressat soll wissen, was gemeint ist, das ist der Anspruch dieses Halbsatzes.
Und was ist es, was dieser Anspruch referenziert?
Jetzt wird vermutlich so gut wie jeder Leser antworten: „Das tausendjährige Reich“, oder, wenn er etwas klüger „drauf“ sein will, „die Kriegsniederlage des Nationalsozialismus“.
Beide Antworten sind falsch. Obgleich sie „subjektiv“, soll hier heißen: im sog. „individualpsychologischen Sinne“, in einer überwältigenden Anzahl der Fälle „richtig“ sein dürfte!
Aber was genau ist denn das „Richtige“ an solcher Subjektivität?
Die Frage enthält im Grunde alle Antworten, dann nämlich, wenn in der Bonner Republik sozialisierte Individuen „nach innen“ schauen:
Die haben nämlich gelernt, daß die Deutsche Nation älter sei, als der deutsche Faschismus, und Letzteren überdauert habe und überdauere, weil das Reich die Deutsche Nation nur befleckt, versündigt, beschädigt habe.
{Merkt auf, was in solchem gedanklichen „nur“ steckt! Das nationalsozialistische Reich ist die Nation des geschichtlichen Deutschen Reiches! Selbst die Wikipedia weiß (lapidar):
„Deutsches Reich ist der Name des deutschen Nationalstaates zwischen 1871 und 1945. Anfangs nicht deckungsgleich, wurde der Name zugleich auch die staatsrechtliche Bezeichnung Deutschlands.“
Doch wie immer und überall in der bürgerlichen Welt haben die Bundesdeutschen – hier ein echter Ggstz zu DDR-Bürgern – es vorgezogen, so zu tun als ob und denn …, so zu tun, als habe die Nation, die Deutschland vor 1945 gewesen ist, mit der Kriegsniederlage des Reiches nicht geendet. Sie hat aber geendet, sie wurde zerschlagen, und das nicht allein von den Alliierten, sondern von der politischen Klasse Westdeutschlands selbst, die sie mit dem Ziel zerschlagen hat, eine Neue Nation zu bauen resp. „auf den Weg“ zu bringen.
Das konstituiert eine wahrscheinlich einzigartige politische Geschichte in der Nationenwelt, eine Nation, die absichtsvoll als ein Betrug an den Alliierten konzipiert worden ist (den nur die Amerikaner anfangs nicht nur geduldet, sondern begrüßt haben), eine, die zugleich ganz neu und doch alt sein wollte … und sollte.}
Leider gilt meine Abgrenzung der „Bonner Republik“ nur sehr bedingt, denn der Lehrkörper in der DDR ist zum größten Teil „stalinistisch versifft“ gewesen, um mich mal einer modernen ideologischen Ausdrucksweise zu bedienen, und ein Stalinist hat das grundsätzlich auch so sehen sollen, in der Spät- und Übergangsphase so sehen dürfen. Stalinisten sind Nationalisten par excellence, der französische Ausdruck ist hier buchstäblich zu nehmen.
Der Ausdruck „Heimat“ in RDL’s Rede ist, kurz hingesagt, objektiv ein rhetorischer Etikettenschwindel, denn adressiert ist die Nation, und die hat ein Wort in allen Sprachen …
Aber der rhetorische Etikettenschwindel soll eine subjektive Wahrheit adressieren und referenzieren, bei Autor wie Publikum. Was ist diese „subjektive Wahrheit“?
Es ist die in der fälschlichen und fälschenden Wortwahl „Heimat“ vor genommene Abgrenzung zu einer Gesinnung, deren Grundlage ich oben in der eckigen Klammer benannt habe, und für die heute ungebrochen die Gesinnung des bayrischen Wahlvolkes der CSU und wahrscheinlich auch immer noch die Gesinnung des bäuerlichen Wahlvolkes der nordwestdeutschen CDU steht, und – was sonst – neuerdings die Gesinnung des Wahlvolkes der AFD, zumindest des „harten Kerns“ davon, eine Gesinnung, die das „Tausendjährige Reich“ gern ungebrochen in eine Nationalgeschichte eingemeinden will, zwar als „Irrweg“, aber als einer, der Verbindung mit dem Hauptweg hat und deshalb nur konzessionshalber „Irrweg“ genannt wird, obgleich „Abweg“ gemeint ist.
Kurz und knackig: Mit Reichsbürgern will RDL nix am Hut und zu tun haben, und daran „tut er natürlich gut“.
Mit dem letzten Ausdruck will ich nicht angedeutet oder unterstellt haben, die Abgrenzung sei (subjektiv!) „fake“, ich nehme sie RDL unbesehen ab, schon seines Jahrgangs halber, denn sein geistiges Leben hat erst begonnen, als die Bonner Republik bereits Geschichte gewesen ist und die Berliner Republik sich aufgemacht hat, ein neues Deutsches Reich zu schaffen – diesmal nicht krypto- und postkolonialistisch, wie der Nationalsozialismus, sondern imperialistisch, und das heißt: Im institutionellen Rahmen der Europäischen Union! Als eine Haupt- und Vormacht in derselben. Und das, was RDL mit seinem rhetorisch fälschlichen Labeling „Heimat“ konnotieren will – und dies im Artikel wortreich vorführt – ist etwas, das es im englischen, französischen, spanischen sehr wohl gibt:
frz. Le terroir, das ist der Sammelbegriff für die französische Gewohnheit, sich als Regionsbürger zu identifizieren, als „Pariser“, „Normanne“, „Bretone“, „Provencale“ und was der Bezeichnungen mehr sind, die mir jetzt nicht mehr einfallen.
Im Spanischen ist es „El hogar“, der Engländer spricht einerseits vom „native cout(r)y“ oder von den Wahlheimaten des „spiritual home“, beispielsweise Shetland oder die Hebriden für Leute, die sowohl Schotten als auch Engländer sind …
Im Russischen allerdings scheint es – ich spreche kein russisch und war nie dort – Entsprechungen zur deutschen „Heimat“ zu geben (u.a. „Vaterland“, „Mutterland“), und das erwähne ich, weil es im Vergleich zur deutschen Sprachgeschichte plausibel ist. Wie Deutschland hat es in Russland keine absolutistische Adelsherrschaft nach dem Muster einer bürokratischen Kurienherrschaft gegeben, die spirituelle Vorbilder für die bürgerliche Nation hätte in die Welt setzen können, wie im Falle GBs, der Pariser Herrschaft und der Kolonialherrschaft Madrids. Die Zarenherrschaft ist bis auf kurze Phasen stets kriegerisch umstritten gewesen. In deutschen Landen aber ist „Heimat“ spätestens seit dem Westphälischen Frieden im Rahmen und Wege politökonomischer Nationenbildung politisch aufgeladen worden, übrigens auch in den Niederlanden, vielleicht der Grund dafür, daß es dort eine Entsprechung zu „Heimat, heimatlich“ gibt: Thuis.
6700 Zeichen – ich breche das hier ab.
Übrigens ist das Posting ein extemporiertes Beispiel für die Art und Weise literaturwissenschaftlicher Expertise, für die ich 1979 mit antikommunistischen Motiven aus dem Studium geekelt worden bin, ich hatte das irgendwo schon mal berichtet.
An Leute, die denken, dieser Kommentar zu RDLs „Aus einem Land vor unserer Zeit“ verfehle den Artikel komplett.
Damit habt ihr natürlich recht, obgleich es nicht ganz stimmt oder stümpt.
Deshalb noch eine Nachbemerkung:
Es zählt zu der durchaus phänomenal zu nennenden – wenngleich sehr gewöhnlichen, im besten Sinne „proletarischen“ – Schlauheit RDLs, Statements zu verfassen und zu Glossen auszubauen, die schlechthin nicht kommentierbar sind, weil in einem Zwischenreich von politischem Kommentar und kabarettistischer Vorstellung angesiedelt. Kein großes Theater, aber ein kleines, so, ähnlich, wie eine gelungene Zirkusvorstellung früherer Tage.
Sorry, Peter Bürger, für den Mißbrauch deiner überaus rechtschaffenen Darstellung und deines Berichtes, aber vielleicht ist der Anlaß eine Überlegung wert, inwieweit es was taugt, hier zu veröffentlichen?
Lieber Herr Bürger,
es mag ja sicher lobenswerte Initiativen gewisser evangelischer Laienkreise geben, aber maßgebend ist dann doch wohl was deren Kirchenobere treiben, und da sieht die Sache ja eher weniger friedliebend aus.
Seit dem ersten römisch-christlichen Kaiser Konstantin verfährt die Kirche, und da ist die protestantische Seite, seit Martin Luthers Zeiten, leider keine Ausnahme, nach dem Modell „dem Kaiser zu geben was des Kaisers ist“, d.h. die Allianz von „Thron und Altar“, oder heute 2026 Bundesregierung und Kirchenoberen, funktioniert immer wieder einwandfrei – auch, und gerade, gegen die oft naiven, friedensliebenden, Laienchristen bzw. Normalsterblichenchristen beider Konfessionen.
Die Religionslosen sind jedoch leider keine Ausnahme, wie jetzt der/die ein, oder andere, annehmen würde.
Auch hier gilt, nicht erst seit 2022 die einst rein christliche Maxime von „der Allianz zwischen Thron“ und Altar, oder modern gesprochen „gebt Merz was Merz gefällig ist“…. 🙁
Lösung?
Ich weis auch keine, nur sollten wir „die Kirche im Dorf lassen“, und eben auch die Schattenseiten des Christentums, der Konfessionslosen, sehen – vielleicht ist das ein Anfang für eine Erneuerung?
Ehrlich gesagt, ich weis es auch nicht 🙁
Resignierte, säkulare Grüße
Bernie
PS: „Mit Gott und den Faschisten“ vom Kirchenkritiker Karlheinz Deschner kann in obiger Hinsicht eine sehr erhellende Lektüre sein – z.B. hatten die Kirchenoberen nie Probleme die ihnen Untergebenen auch mal an die Nazis zu verraten, wenn es ihnen in den Kram passte – siehe Bonnhöfer (ein aufrechter Pfarrer, der nie Unterstützung von seinen Vorgesetzten erhielt usw. usf.)