Der Bremische Kirchentag liebt die Bombe nicht!

Mahnung an Hiroshima & Nagasaki auf einem Düsseldorfer Balkon, 2025. Bild: Michael Flascha

Eine Duldung der Atombewaffnung wird wohl kaum von einer Mehrheit der Christenmenschen getragen.

Der vorsätzliche Massenmord an hunderttausenden japanischen Zivilisten durch die Atombomben-Angriffe des US-Militärs vom 6./9. August 1945 konnte jahrzehntelang über einen zynischen Propagandakomplex zur „militärischen Notwendigkeit“ umgedeutet werden – bis hin zur ultimativen Absurdität: Die Bombe habe in Wirklichkeit Leben gerettet …

Doch die US-Führung wusste zum Zeitpunkt des Verbrechens längst um die Kapitulationsbereitschaft Japans. Die Möglichkeit, beide (!) Bombentypen noch vor Friedensverhandlungen an lebenden Menschen zu erproben, wollte man sich nicht nehmen lassen. Die Opfer wurden von den Tätern hernach in einem eigenen militärwissenschaftlichen Programm wie Versuchskaninchen hinsichtlich der körperlichen Wirkungen untersucht, doch medizinische Hilfe erhielten sie nicht.

Das ganze Lügengebäude über den großen Nutzen und die „Schönheit“ des Manhattan-Projekts ist längst zusammengebrochen. Dieser Tage kann sich jeder, der z.B. die Dokumentation „Hiroshima“ (GB 2014) von Lucy van Beek auf der Arte-Mediathek aufruft, über die wichtigsten Gesichtspunkte aufklären lassen. Über die ARD-Mediathek ist auch der wegweisende Film „Nagasaki – Warum fiel die zweite Bombe?“ (D 2015) von Klaus Scherer leicht zugänglich.

Grünes Licht für Bombenbesitz und Teilhabe durch ein EKD-Redaktionsteam

Es gibt natürlich hartgesottene Zeitgenossen, die selbst „vorm Teufel in der Hölle keine Angst haben“. Die Verfasser der EKD-Denkschrift „Welt in Unordnung …“ (November 2025), die nicht als Synodenbeschluss missinterpretiert werden darf, schreiben im „Blick auf Atomwaffen“: „Der ethisch gebotene Verzicht bleibt orientierend, ist angesichts der politischen Konstellation im Blick auf die Folgen aber politisch schwer zu vertreten“ (Denkschrift, S. 9). „Ethisch ist die Ächtung von Atomwaffen aufgrund ihres verheerenden Potenzials geboten. Der Besitz von Nuklearwaffen kann aber angesichts der weltpolitischen Verteilung dieser Waffen trotzdem politisch notwendig sein, weil der Verzicht eine schwerwiegende Bedrohungslage für einzelne Staaten bedeuten könnte.“ (ebd., S. 15) „Deutschland besitzt zwar selbst keine Atomwaffen, aber es verfügt über Flugzeuge, die mit in Deutschland gelagerten Atomwaffen der USA bestückt werden können. Damit ist das Problem der ‚nuklearen Teilhabe‘ angesprochen.“ (ebd., S. 112)

Das skandalöse Rumgeeier der Denkschrift eines ausgesuchten Autorenkreises (ohne Beteiligung des EKD-Friedensbeauftragten!) gipfelt dann in folgendem Passus:

„Die teils offenen, teils versteckten Drohungen mit dem Einsatz von Atomwaffen durch die Russische Föderation sind jedoch ein Zeichen dafür, dass auch in einem konventionellen Konflikt nukleare Waffen eine entscheidende Rolle spielen können. In diesem Szenario würden alle Staaten, die nicht glaubwürdig auf eine nukleare Abschreckung verweisen können, zu potenziellen Opfern konventioneller Angriffe von Staaten oder Regimes, die über Atomwaffen verfügen. In dieser Konstellation auf nuklearen Schutz gänzlich zu verzichten, wäre sicherheitspolitisch kaum zu verantworten. So konturiert sich das ethische Dilemma: Der Besitz von Nuklearwaffen kann sicherheitspolitisch notwendig sein, auch wenn ihr Einsatz durch nichts zu rechtfertigen ist. Eine ethisch richtige Option ist, einseitig auf Atomwaffen zu verzichten. Dies wäre im Blick auf die Folgen in der jetzigen konkreten politischen Situation wiederum kaum politisch zu vertreten. Auch die nukleare Teilhabe oder der Besitz von Nuklearwaffen kann also vor diesem konkreten Hintergrund eine ethisch begründbare Entscheidung sein.“ (ebd., S. 114)

„Dialektisch“ Theologie treiben bedeutet heute offenbar, den politischen Entscheidungsträgern grünes Licht für etwas zu geben, das „ethisch nicht geboten“ ist … Diese geradezu offensive Duldung der Nuklearbewaffnung soll wohl u.a. das Zeugnis der ehemaligen ‚DDR-Kirchen‘ und die weltkirchlichen Voten der jüngeren Zeit vergessen machen. Vorbereitet wurde sie – unter Beteiligung federführender EKD-Denkschriftautoren – schon Anfang 2023 durch folgende Veröffentlichung des evangelischen Militärkirchenwesens, passend eingestellt auf der staatlichen Internetseite der Bundeswehr:
„Ltd. Militärdekan Dr. Dirck Ackermann, Berlin / Prof. Dr. Reiner Anselm, München / Militärpfarrerin Dr. Katja Bruns, Wilhelmshaven / Prof. Dr. Michael Haspel, Erfurt / Prof. Dr. Friedrich Lohmann, München / Militärdekan Dr. Roger Mielke, Koblenz / Prof. Dr. Bernd Oberdorfer, Augsburg: Maß des Möglichen. Perspektiven Evangelischer Friedensethik angesichts des Krieges in der Ukraine. Ein Debattenbeitrag. Im Auftrag des Evangelischen Militärbischofs herausgegeben vom Evangelischen Kirchenamt für die Bundeswehr. Berlin. 1. Auflage Februar 2023.“

Die Ermutigung aus Bremen

Doch weltweit wissen seit 1945 ernsthafte Christenmenschen auf dem ganzen Erdkreis, dass man sich entscheiden muss: „Gott oder die Bombe“. Das Kirchenparlament der Bremischen Evangelischen Kirche hat in diesem Sommer die Regierung aufgerufen, dem – schon 2017 auch vom Vatikan unterzeichneten – UN-Abkommen zum weltweiten Verbot von Atomwaffen beizutreten. Da der Wortlaut des am 6. Juni 2026 mehrheitlich beschlossenen Antrages der Andreas-Gemeinde und der Friedensgemeinde erstaunlicherweise bislang im Netz noch nicht nachlesbar ist, sei die Erklärung an dieser Stelle vollständig dokumentiert (mitgeteilt am 31.7.2026 nach dem Kirchentagsprotokoll von Holger Renken):

 

„Wir fordern die Bundesregierung Deutschlands auf, dem UN-Atomwaffen-Verbots-Vertrag durch ihre Unterschrift beizutreten und ihn dem Bundesrat zur Ratifizierung zuzuleiten.
Gleichzeitig fordern wir die Bundesregierung auf, die Stationierung der neuen amerikanischen weitreichenden Waffensysteme in der Bundesrepublik nicht zu gestatten.
Am 7. Juli 2017 haben von den 193 UN-Staaten 122 Staaten für die Verabschiedung des Atomwaffen-Verbots-Vertrags (AVV) gestimmt. Nachdem mehr als 50 Staaten den Vertrag ratifiziert hatten, ist der AVV am 22. Januar 2021 völkerrechtlich verbindlich in Kraft getreten. Seitdem haben ihn 94 Staaten unterzeichnet und 73 haben ihn ratifiziert. (Stand 1. Oktober 2024) Seither sind Atomwaffen, ihre Herstellung, ihr Besitz, ihre Verbreitung, die Androhung ihres Einsatzes und ihr Einsatz international verboten und völkerrechtlich geächtet.
Atomwaffen sind Massenvernichtungswaffen, die durch ihre Zerstörungskraft die Existenz der gesamten Lebensbedingungen auf unserem Planeten vernichten können. Die bisher einzigen beiden im Krieg eingesetzten Atomwaffen, in Hiroshima und Nagasaki, sollten durch ihre verheerenden Zerstörungen und Auswirkungen auf menschliches und zivilisatorisches Leben über Generationen Mahnung und Verpflichtung sein, niemals wieder auch nur mit dem Einsatz solcher Waffen zu drohen. So hat auch schon die EKD-Friedensdenkschrift von 2007 betont, dass die ‚Drohung mit Nuklearwaffen nicht mehr als Mittel legitimer Selbstverteidigung‘ betrachtet werden kann.
Deutschland besitzt selbst keine Atomwaffen, aber auf deutschem Territorium sind amerikanische Atomwaffen stationiert. Die Bundesregierung setzt trotz der die Menschheit vernichtenden Folgen des Einsatzes von Atomwaffen weiterhin auf das Prinzip der atomaren Abschreckung. Dieses Prinzip bedeutet ja die Androhung, Atomwaffen auch tatsächlich einzusetzen. Auch wenn die Abschreckung den Einsatz auf der Gegenseite verhindern soll, führt sie doch zu immer weiterer Aufrüstung statt zu Deeskalation und Abrüstung durch Verhandlungen.
Gerade in der gegenwärtigen angespannten Weltlage darf von deutschem Boden keinerlei Bedrohung ausgehen. Nach zwei verheerenden Weltkriegen, den Verbrechen der nationalsozialistischen Herrschaft und der damaligen Wehrmacht ist es nicht nur ein Gebot der Vernunft, sondern auch der geschichtlichen Verantwortung, keinerlei Bedrohung von deutschem Boden mehr zu zulassen. Nie wieder ist jetzt!
Daher fordern wir die Bundesregierung auf, dem Atomwaffen-Verbots-Vertrag beizutreten, ihn dem Bundesrat zur Ratifizierung zuzuleiten und der Stationierung von neuen strategischen weitreichenden amerikanischen Waffensystemen in Deutschland nicht zuzustimmen.“

 

Diese Bremer Erklärung steht nicht einsam da. Ihr von vielen wahrhaften Protestanten geteiltes Anliegen ist schon von anderen Landes- und Kreissynoden mit Klartext vorgetragen worden.

EKD-Friedensbischof für den Beitritt UN-Atomwaffenverbotsvertrag

Auch zum 30. Jahrestag des IGH-Gutachtens zur Völkerrechtswidrigkeit von Atomwaffen erging jetzt ein öffentlicher Appell an Bundesregierung und Bundestag, der völkerrechtlich verpflichtenden Vorgabe zur vollständigen nuklearen Abrüstung zu entsprechen und den Beitritt zum UN-Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) anzugehen. Zu den Erstunterzeichnenden aus dem kirchlichen Spektrum gehören prominente Protestanten: der ehemalige Landesbischof Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh, jetzt Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF); der Theologe Prof. Dr. Ulrich Duchrow; die ehemalige Landesbischöfin und EKD-Ratsvorsitzende Dr. Margot Käßmann; Landesbischof Friedrich Kramer, zugleich Friedensbeauftragter des Rates der EKD; Prof. em. Dr. Gottfried Orth, Seminar für Evangelische Theologie an der TU Braunschweig.

Es besteht somit kein Grund, den Bombendulder-Theologen beim kirchlichen „Spitzenpersonal“, die einen eigenwilligen deutsch-protestantischen Weg beschreiten, eine Vollmacht zur Vertretung der Gesamtkirche zuzuschreiben.

 

Literatur zum aktuellen kirchlichen Atomwaffendiskurs:

1) Umdenkschrift zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. – Eine Sammlung. Herausgegeben von Peter Bürger, im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie. Hamburg 2026, S. S. 12f, 20, 26, 33f, 36, 43, 48, 50, 58, 62, 64, 68, 79-81, 82, 86f, 89, 92f, 94, 120f, 125, 135-138, 141, 143, 145, 152, 154, 159f, 161f, 163, 165-168, 171, 173, 177-187, 192, 198, 199, 204, 211, 215, 221, 225f, 243f, 252, 257, 275, 277. (Alle Infos: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/015537.html).

2) Umdenkschrift II zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Weitere kritische Wortmeldungen aus der EKD-Kontroverse. – Zweite Sammlung. Herausgegeben im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie (Reihe: edition pace). Hamburg 2026, S. 9f, 15, 20f, 26, 37f, 48, 59, 67-72, 73, 76f, 80f, 85, 89-95, 100-104, 108, 110, 113, 117, 122f. (Alle Infos: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/015549.html).

3) Umdenkschrift III zum Evangelischen Diskurs über Krieg und Frieden. Texte zur EKD-Kontroverse und Ökumenische Friedensstimmen. – Dritte Sammlung. Herausgegeben im Auftrag der Solidarischen Kirche im Rheinland und des Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie. Hamburg 2026, S. 32-34, 37f, 45-48, 50, 56, 58, 60, 65, 67, 73-77, 85, 108, 114, 116, 126, 130f, 137-143, 152, 154, 165, 176f, 196, 202, 214, 269, 274, 277, 282f, 289, 297, 299f, 303f, 320, 335, 354f, 377, 385, 389, 392-394. (Alle Infos: https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/015601.html).

Peter Bürger

Peter Bürger (Jg. 1961), ist seit dem 18. Lebensjahr organisierter „Lumpenpazifist“ und versteht sich als christlicher Sozialist. Abgeschlossenes Hochschulstudium der katholischen Theologie (jedoch nie in bezahlten Kirchendiensten) und später Krankenpflege-Examen (1992). Nach psycho-sozialen Berufsjahren seit 2003 freier Publizist. Schwerpunkte seiner Forschungen/Veröffentlichungen: Westfälische Regionalgeschichte, Niederdeutsche Literatur (Rottendorf-Preis 2016), Krieg & Massenkultur (Bertha-von-Suttner-Preis 2006), Kriegsassistenz der staatlich subventionierten deutschen Großkirchen in Geschichte & Gegenwart, Friedenstheologie und Pazifismus, Imago der Einen Menschheit. – Leitbild für die eigene Schreibwerkstatt: Wer Quellen liest wird klüger; Mut zum Minderheitsvotum; keine Prostitutions-Dienstleistungen für den Medienapparat der Reichen und die militärische Heilslehre.
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24 Kommentare

  1. Ich poste mal hier einen Kommentar, der bei oder von RDL umgehend abgelehnt worden ist:

    Zwar betont mancher deutsche Philologe gerne, dass es nur im Deutschen einen solchen Begriff wie den der Heimat gäbe. Dennoch empfinden natürlich auch Spanier oder Italiener heimatlich, einen solchen Brass auf das Land der Mütter und Väter findet sich dort eher selten. Das mag nachvollziehbarerweise an der Geschichte liegen …

    Das wäre echt lustig, wenn es nicht so traurig wäre …

    „Nachvollziebarerweise“ – wieso denn, bitte?! Jeder Adressat soll wissen, was gemeint ist, das ist der Anspruch dieses Halbsatzes.
    Und was ist es, was dieser Anspruch referenziert?
    Jetzt wird vermutlich so gut wie jeder Leser antworten: „Das tausendjährige Reich“, oder, wenn er etwas klüger „drauf“ sein will, „die Kriegsniederlage des Nationalsozialismus“.
    Beide Antworten sind falsch. Obgleich sie „subjektiv“, soll hier heißen: im sog. „individualpsychologischen Sinne“, in einer überwältigenden Anzahl der Fälle „richtig“ sein dürfte!
    Aber was genau ist denn das „Richtige“ an solcher Subjektivität?

    Die Frage enthält im Grunde alle Antworten, dann nämlich, wenn in der Bonner Republik sozialisierte Individuen „nach innen“ schauen:
    Die haben nämlich gelernt, daß die Deutsche Nation älter sei, als der deutsche Faschismus, und Letzteren überdauert habe und überdauere, weil das Reich die Deutsche Nation nur befleckt, versündigt, beschädigt habe.

    {Merkt auf, was in solchem gedanklichen „nur“ steckt! Das nationalsozialistische Reich ist die Nation des geschichtlichen Deutschen Reiches! Selbst die Wikipedia weiß (lapidar):
    „Deutsches Reich ist der Name des deutschen Nationalstaates zwischen 1871 und 1945. Anfangs nicht deckungsgleich, wurde der Name zugleich auch die staatsrechtliche Bezeichnung Deutschlands.“
    Doch wie immer und überall in der bürgerlichen Welt haben die Bundesdeutschen – hier ein echter Ggstz zu DDR-Bürgern – es vorgezogen, so zu tun als ob und denn …, so zu tun, als habe die Nation, die Deutschland vor 1945 gewesen ist, mit der Kriegsniederlage des Reiches nicht geendet. Sie hat aber geendet, sie wurde zerschlagen, und das nicht allein von den Alliierten, sondern von der politischen Klasse Westdeutschlands selbst, die sie mit dem Ziel zerschlagen hat, eine Neue Nation zu bauen resp. „auf den Weg“ zu bringen.
    Das konstituiert eine wahrscheinlich einzigartige politische Geschichte in der Nationenwelt, eine Nation, die absichtsvoll als ein Betrug an den Alliierten konzipiert worden ist (den nur die Amerikaner anfangs nicht nur geduldet, sondern begrüßt haben), eine, die zugleich ganz neu und doch alt sein wollte … und sollte.}

    Leider gilt meine Abgrenzung der „Bonner Republik“ nur sehr bedingt, denn der Lehrkörper in der DDR ist zum größten Teil „stalinistisch versifft“ gewesen, um mich mal einer modernen ideologischen Ausdrucksweise zu bedienen, und ein Stalinist hat das grundsätzlich auch so sehen sollen, in der Spät- und Übergangsphase so sehen dürfen. Stalinisten sind Nationalisten par excellence, der französische Ausdruck ist hier buchstäblich zu nehmen.

    Der Ausdruck „Heimat“ in RDL’s Rede ist, kurz hingesagt, objektiv ein rhetorischer Etikettenschwindel, denn adressiert ist die Nation, und die hat ein Wort in allen Sprachen …
    Aber der rhetorische Etikettenschwindel soll eine subjektive Wahrheit adressieren und referenzieren, bei Autor wie Publikum. Was ist diese „subjektive Wahrheit“?
    Es ist die in der fälschlichen und fälschenden Wortwahl „Heimat“ vor genommene Abgrenzung zu einer Gesinnung, deren Grundlage ich oben in der eckigen Klammer benannt habe, und für die heute ungebrochen die Gesinnung des bayrischen Wahlvolkes der CSU und wahrscheinlich auch immer noch die Gesinnung des bäuerlichen Wahlvolkes der nordwestdeutschen CDU steht, und – was sonst – neuerdings die Gesinnung des Wahlvolkes der AFD, zumindest des „harten Kerns“ davon, eine Gesinnung, die das „Tausendjährige Reich“ gern ungebrochen in eine Nationalgeschichte eingemeinden will, zwar als „Irrweg“, aber als einer, der Verbindung mit dem Hauptweg hat und deshalb nur konzessionshalber „Irrweg“ genannt wird, obgleich „Abweg“ gemeint ist.
    Kurz und knackig: Mit Reichsbürgern will RDL nix am Hut und zu tun haben, und daran „tut er natürlich gut“.

    Mit dem letzten Ausdruck will ich nicht angedeutet oder unterstellt haben, die Abgrenzung sei (subjektiv!) „fake“, ich nehme sie RDL unbesehen ab, schon seines Jahrgangs halber, denn sein geistiges Leben hat erst begonnen, als die Bonner Republik bereits Geschichte gewesen ist und die Berliner Republik sich aufgemacht hat, ein neues Deutsches Reich zu schaffen – diesmal nicht krypto- und postkolonialistisch, wie der Nationalsozialismus, sondern imperialistisch, und das heißt: Im institutionellen Rahmen der Europäischen Union! Als eine Haupt- und Vormacht in derselben. Und das, was RDL mit seinem rhetorisch fälschlichen Labeling „Heimat“ konnotieren will – und dies im Artikel wortreich vorführt – ist etwas, das es im englischen, französischen, spanischen sehr wohl gibt:
    frz. Le terroir, das ist der Sammelbegriff für die französische Gewohnheit, sich als Regionsbürger zu identifizieren, als „Pariser“, „Normanne“, „Bretone“, „Provencale“ und was der Bezeichnungen mehr sind, die mir jetzt nicht mehr einfallen.
    Im Spanischen ist es „El hogar“, der Engländer spricht einerseits vom „native cout(r)y“ oder von den Wahlheimaten des „spiritual home“, beispielsweise Shetland oder die Hebriden für Leute, die sowohl Schotten als auch Engländer sind …

    Im Russischen allerdings scheint es – ich spreche kein russisch und war nie dort – Entsprechungen zur deutschen „Heimat“ zu geben (u.a. „Vaterland“, „Mutterland“), und das erwähne ich, weil es im Vergleich zur deutschen Sprachgeschichte plausibel ist. Wie Deutschland hat es in Russland keine absolutistische Adelsherrschaft nach dem Muster einer bürokratischen Kurienherrschaft gegeben, die spirituelle Vorbilder für die bürgerliche Nation hätte in die Welt setzen können, wie im Falle GBs, der Pariser Herrschaft und der Kolonialherrschaft Madrids. Die Zarenherrschaft ist bis auf kurze Phasen stets kriegerisch umstritten gewesen. In deutschen Landen aber ist „Heimat“ spätestens seit dem Westphälischen Frieden im Rahmen und Wege politökonomischer Nationenbildung politisch aufgeladen worden, übrigens auch in den Niederlanden, vielleicht der Grund dafür, daß es dort eine Entsprechung zu „Heimat, heimatlich“ gibt: Thuis.

    6700 Zeichen – ich breche das hier ab.
    Übrigens ist das Posting ein extemporiertes Beispiel für die Art und Weise literaturwissenschaftlicher Expertise, für die ich 1979 mit antikommunistischen Motiven aus dem Studium geekelt worden bin, ich hatte das irgendwo schon mal berichtet.

    1. An Leute, die denken, dieser Kommentar zu RDLs „Aus einem Land vor unserer Zeit“ verfehle den Artikel komplett.
      Damit habt ihr natürlich recht, obgleich es nicht ganz stimmt oder stümpt.
      Deshalb noch eine Nachbemerkung:
      Es zählt zu der durchaus phänomenal zu nennenden – wenngleich sehr gewöhnlichen, im besten Sinne „proletarischen“ – Schlauheit RDLs, Statements zu verfassen und zu Glossen auszubauen, die schlechthin nicht kommentierbar sind, weil in einem Zwischenreich von politischem Kommentar und kabarettistischer Vorstellung angesiedelt. Kein großes Theater, aber ein kleines, so, ähnlich, wie eine gelungene Zirkusvorstellung früherer Tage.

    2. Sorry, Peter Bürger, für den Mißbrauch deiner überaus rechtschaffenen Darstellung und deines Berichtes, aber vielleicht ist der Anlaß eine Überlegung wert, inwieweit es was taugt, hier zu veröffentlichen?

    3. Ich habe Ihren Kommentar gelesen und den dazu nicht-passenden Artikel lese ich nicht,
      Ob das stimmt dass Spanier und Italiener „keinen Brass“ auf ihre Länder haben wage ich zu bezweifeln. Schliesslich sind tausende aus ihren Ländern ausgewandert und wollen auch nicht zurück, Wer in der BRD geboren und aufgewachsen ist hat eh keine Ahnung von „seinem Land“, lebt nicht dort, kennt die Probleme nur von Erzählungen, erfreut sich eher an der Musik und dem Essen aus dem Land und hat wegen kleinen Unanehmlichkeiten schon grössere Sorgen als es wegen der heimatlichen Probleme üblich ist. Diese Länder sind dermassen problematisch dass man nicht mal dorthin auswandern kann um in diesen Ländern so zu leben wie man es vom Urlaub gewohnt ist. Schön, dass Sie Ihren Kommentar gepostet bekommen haben.

    4. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus geurteilt, ist der Kommentar von @Bonnie in mehrfacher Hinsicht nicht untypisch. Portugal scheint ab Ende der 70er jede Menge „Alternativer“ aus der grünbunten Atomisierung der 68er – Bewegung angezogen zu haben, denen es nicht gelungen war, ihre … nun, ich sage mal ganz flapsig und deskriptiv daneben: wilhelminisch bis bräunlich sozialisierte Seele nicht haben abschütteln können oder wollen. Sie wichen dem existentiellen Druck, der parallel von der seinerzeitigen Verarmungspolitik, der Staatsraison des „Deutschen Herbstes“ und der regierungsamtlichen Verpflichtung ausgeübt worden ist, sich zum Verglühen in sowjetischem Nuklearfeuer bereit zu machen. Und keiner der deutschen Emigranten, die ich kennen gelernt habe, hat sich portugiesisch sozialisiert, sie blieben Deutsche, oftmals in kleinsten deutschen Kommunities, und die Meisten lebten vom deutschen und britischen Tourismus.

      Egal – als ein Emigrant seit 45 Jahren braucht sich Bonnie natürlich keine Rechenschaft legen, daß von seinem erklärten „Lebensgefühl“ für deutsche Eingeborene nur ein Halbschritt hin führt zum Schlägern, Schlächtern und Anzünden von „Volksschädlingen“ – davon wird er sich jederzeit hoffährtig distanzieren, und sei es „nur“ mit Verweis auf seine Emigrationsentscheidung.

      Aber Bonnies Post illustriert, daß RDLs Glossen durchaus hier und dort die Grenze zur Justiziabilität im Sinne des Volksverhetzungsparagraphen überschreiten. Und in Verbindung mit RDLs opportunistischer Schlauheit legt das den Verdacht nahe, er hat eine Lizenz dazu.

    5. Ich habe gerade nachgeschaut und es sogar gefunden. Ich erinnerte mich an ein Kapitel in dem remigrierte Portugiesen über die vorgefundene Situation unzufrieden waren und einige wieder in das Land ihrer Auswanderung zurückgegangen sind.

      „Ich bin (nach Portugal) gezogen, weil ich das Land geliebt habe, und das tue ich immer noch. Aber je mehr Zeit ich hier verbrachte, desto mehr wurde mir klar, dass ich das Land gar nicht wirklich kannte. Man sieht die Vasco-da-Gama-Brücke und denkt: Wow! Oder? Aber dann wird einem klar, dass diese Brücke immer noch nicht abbezahlt ist und dass bestimmte Leute im Laufe der Jahre eine Menge Geld damit verdient haben. Das ist für niemanden ein Geheimnis. Ich habe mir keine Gedanken über das Justizsystem gemacht, als ich hierherkam, aber wenn man erst einmal hier ist, merkt man schnell, dass es nicht funktioniert, dass es auf allen Ebenen Korruption gibt, dass Leute ihren Freunden Jobs geben, die keine Ahnung von dem haben, was sie tun. Das passiert sogar innerhalb der Regierung. Sollen wir wirklich glauben, dass in einem solchen Land für immer alles rosig bleibt?“

      „Sie haben ihre „Beziehungen“, ihre „Cunhas“, wie man hier sagt, und wir alle wissen, wie wertvoll das in Portugal ist. Man versucht also, sich auf ehrliche Weise hochzuarbeiten, und merkt schnell, dass das so nicht funktioniert.“

      Aus: New and Old Routes of Portuguese Emigration, Cláudia Pereira, Joana Azevedo
      Kapitel 12: “I Was Enthused When I ‘Returned’ to Portugal, But I’m Leaving Disillusioned”: Portuguese Migrant Descendant Returnees from Canada and Narratives of Return, Re-return and Twice Migration. https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/978-3-030-15134-8_12.pdf

  2. Lieber Herr Bürger,

    es mag ja sicher lobenswerte Initiativen gewisser evangelischer Laienkreise geben, aber maßgebend ist dann doch wohl was deren Kirchenobere treiben, und da sieht die Sache ja eher weniger friedliebend aus.

    Seit dem ersten römisch-christlichen Kaiser Konstantin verfährt die Kirche, und da ist die protestantische Seite, seit Martin Luthers Zeiten, leider keine Ausnahme, nach dem Modell „dem Kaiser zu geben was des Kaisers ist“, d.h. die Allianz von „Thron und Altar“, oder heute 2026 Bundesregierung und Kirchenoberen, funktioniert immer wieder einwandfrei – auch, und gerade, gegen die oft naiven, friedensliebenden, Laienchristen bzw. Normalsterblichenchristen beider Konfessionen.

    Die Religionslosen sind jedoch leider keine Ausnahme, wie jetzt der/die ein, oder andere, annehmen würde.

    Auch hier gilt, nicht erst seit 2022 die einst rein christliche Maxime von „der Allianz zwischen Thron“ und Altar, oder modern gesprochen „gebt Merz was Merz gefällig ist“…. 🙁

    Lösung?

    Ich weis auch keine, nur sollten wir „die Kirche im Dorf lassen“, und eben auch die Schattenseiten des Christentums, der Konfessionslosen, sehen – vielleicht ist das ein Anfang für eine Erneuerung?

    Ehrlich gesagt, ich weis es auch nicht 🙁

    Resignierte, säkulare Grüße
    Bernie

    PS: „Mit Gott und den Faschisten“ vom Kirchenkritiker Karlheinz Deschner kann in obiger Hinsicht eine sehr erhellende Lektüre sein – z.B. hatten die Kirchenoberen nie Probleme die ihnen Untergebenen auch mal an die Nazis zu verraten, wenn es ihnen in den Kram passte – siehe Bonnhöfer (ein aufrechter Pfarrer, der nie Unterstützung von seinen Vorgesetzten erhielt usw. usf.)

  3. Die christlichen Kirchen haben bisher noch jedem Krieg ihren Segen gegeben. Der Vatikan hat aktiv einiges getan, um faschistischen Mördern und Kriegsverbrechern ihrer weltlichen Strafe zu entziehen. Die Rattenlinie lief nicht umsonst durch den Vatikan.

    Die pazifistischen Fantastereien der ostdeutschen ev. Kirchen und ihrer Mitglieder hat man trotz gegenteiligem Votum von 1990 mit dem Militärseelsorgevertrag der Kirche schnell wieder ausgetrieben. Den von der DDR zu Recht zerstörten Tempel des deutschen Militarismus hat die Kirche nach Wiederaufbau des Glockenturmes der Potsdamer Garnusionskirche gerne religiös geweiht und genutzt, inklusive der Aufnahme einer intensiven Zusammenarbeit mit der Bundeswehr.

    Pseudopazifistische Aufrufe sollen lediglich das eigene Kirchenvolk beim Kirchensteuern zahlen halten und auch sonst ruhig stellen. Die Kooperation mit dem Militarismus gehörte und gehört dagegen zum christlichen Kerngeschäft.

    1. PS. Nachtrag: Lediglich die Zeugen Jehovas haben sich als einzige christliche Gemeinschaft dem Militarismus bislang konsequent widersetzt und haben unter dem Faschismus mit Ihrer Überzeugung selbst mit ihrem Leben bezahlt. Die Bekennende Kirche (einige ostdeutsche Gemeinden, wie die hallesche Wörmlitzer Kirchengemeinde, haben diese Tradition bis in die 2010er Jahre hinein gepflegt), war dagegen immer nur ein marginalisierter Teil der Kirche. Ihren Heroismus und Mut sollte man dennoch hoch in Ehren halten.

      1. einige ostdeutsche Gemeinden, wie die hallesche Wörmlitzer Kirchengemeinde, haben diese Tradition bis in die 2010er Jahre hinein gepflegt …

        Grüsse von der Vogelweide!

  4. Sollen doch alle glauben an was sie wollen.

    Die Bombe unterscheidet nicht.

    Der ganze Skandal in D liegt bis heute in der Realitätsverweigerung.

    HRInfo Nachrichten heute: „Es explodierte eine Bombe über Nagasaki …“

    Das kam so über Nagasaki, wie eine Naturgewalt, oder wie?

    Sprecht es doch endlich aus.

    1. @BR

      Wobei man nicht vergessen sollte zu erwähnen, dass beim offiziellen Gedenken in Japan – eben in Hiroshima und Nagasaki – der Täter, die USA des US-Präsidenten Truman – auch nicht erwähnt wurde – nicht nur deutsche Mainstream-Medien, als US-Vasallen, das von Ihnen erwähnte HRInfo, verschweigen die Täter dieses Menschheitsverbrechens, nein auch im Land des Atomschlags auf unschuldige Zivilisten/Zivilistinnen – in Japan 2026 – werden die Abwürfe als „Naturgewalten“ verkauft.

      Zynische Grüße
      Bernie

  5. Wenn man die Atombombe zum Inbegriff menschlicher Vernichtungsgewalt macht, sollte man sich auch vor Augen führen, an welchem Ende eines Krieges diese Bomben standen. Deutschland hatte Europa mit einem Eroberungs- und Vernichtungskrieg überzogen, Japan große Teile Asiens, insbesondere China, mit einer kaum beschreibbaren Brutalität. Zu dieser Bilanz gehören dabei nicht nur die Opfer der Angegriffenen. Auch die Millionen Toten auf Seiten der Angreifer gehören zur Zerstörungsbilanz eines Krieges, den diese Staaten selbst entfesselt hatten.

    Hiroshima und Nagasaki hatten zusammen ungefähr 36 Kilotonnen Sprengkraft und forderten bis Ende 1945 rund 200.000 Todesopfer. Stellt man dem die zig Millionen Toten des gesamten Krieges gegenüber, bewegt man sich grob in einer Größenordnung von etwa 300 Hiroshima-und-Nagasaki-Katastrophen. Überträgt man dieses Verhältnis rein bildlich auf die Sprengkraft, stehen 36 Kilotonnen einem Vernichtungsäquivalent von rund 10,8 Megatonnen gegenüber. In diesem Sinne markieren 36 Kilotonnen den Abschluss eines bereits seit Jahren lodernden 10,8-Megatonnen-Brandes.

    Das rechtfertigt keinen einzigen Toten von Hiroshima oder Nagasaki. Darum geht es überhaupt nicht. Es geht um den Maßstab. Wer die Atombombe als das schlechthin Unvorstellbare betrachtet, sollte nicht aus dem Blick verlieren, dass Deutschland und Japan ganz ohne Atombombe eine Vernichtungsgewalt entfaltet hatten, die ihre Wirkung um Größenordnungen übertraf. Vielleicht liegt gerade darin die wichtigere Erkenntnis: Die schrecklichste Waffe ist nicht zwangsläufig eine Bombe. Auch ein Staat, seine Armee, seine Industrie, seine Verwaltung und Millionen mobilisierte Menschen können zu einem Mittel von ungeheurer Vernichtungsgewalt werden.

    1. Die schrecklichste Waffe ist nicht zwangsläufig eine Bombe.

      Die »schrecklichste Waffe« ist der Wille, jegliche Waffe einzusetzen, und der untertänige Geist, der sich diesem Wollen unterwirft.

      Ihre Aufrechnungen der exekutierten Vernichtungsgewalt von 10,8 MT im WKII sind doch etwas unzeitgemäß, bzw. fast niedlich, verglichen mit den nachfolgenden Möglichkeiten: Castle Bravo (1.3.1954, 15 MT, USA) und AN602 (30.10.1961, 50 MT, SU). Da hätten wir mit einmaliger Verwendung/Tests von zwei Waffen das sechsfache Vernichtungspotenzial des gesamten WKII.

      Allerdings ist Ihre Aufrechnung nicht annähernd so pervers, wie die der im Artikel zitierten Denkschrift, denn sie entspringt dem untertänigen Geist.

      1. Ich glaube, Sie missverstehen meine 10,8 MT grundlegend. Ich habe weder die eingesetzten Sprengstoffe des Zweiten Weltkriegs addiert noch Waffen technisch gegeneinander aufgerechnet. Die 10,8 MT entstehen ausschließlich aus einem einzigen Vergleich: der Zahl der Todesopfer. Nimmt man Hiroshima und Nagasaki mit zusammen etwa 36 Kilotonnen und rund 200.000 Toten als Bezugsgröße und stellt dem die zig Millionen Toten des Weltkriegs gegenüber, erhält man bildlich ungefähr das 300-Fache, also 10,8 Megatonnen. Und das ist ausdrücklich nur das Todesopfer-Äquivalent.

        Gerade deshalb ist der Hinweis auf Castle Bravo oder AN602 unpassend. 15 oder 50 Megatonnen nominelle Sprengkraft sagen noch nichts darüber aus, wie viel Vernichtung tatsächlich verwirklicht wurde. Mein Punkt ist gerade umgekehrt: Ganz ohne Kernwaffen gelang es Deutschland in der Sowjetunion und Japan insbesondere in China, Millionen Menschen zu töten, ganze Regionen zu verwüsten und über Jahre eine Vernichtungsgewalt zu entfalten, für die meine 10,8 MT nur eine äußerst reduzierte, anhand der Todeszahlen gewonnene Metapher sind. Würde man die gesamte materielle Zerstörung, verbrannten Städte und Dörfer, Artillerie, Bombardierungen, Hunger, Vertreibung und die jahrelange Verwüstung mitdenken, wäre diese Bildgröße selbstverständlich viel zu klein.

        Genau darin liegt meine Kritik an der Atombombe als absolutem Symbol des Grauens. Zwei Explosionen mit rund 200.000 Toten wirken in unserem Bewusstsein wie eine völlig eigene Kategorie menschlicher Vernichtung. Dadurch besteht aber die Gefahr, dass dasjenige, was Menschen ohne Atombombe angerichtet haben, im Vergleich geradezu verharmlost wird. Vor allem die Sowjetunion und China zeigen, wie absurd das werden kann: Die dort tatsächlich verwirklichte Vernichtung überstieg Hiroshima und Nagasaki um Größenordnungen, obwohl dafür überhaupt keine Kernwaffe erforderlich war.

        Und deshalb stimme ich Ihrem Satz vom menschlichen Willen sogar zu. Genau dieser Wille, verbunden mit Organisation, Gehorsam und der Bereitschaft von Millionen Menschen, ihn auszuführen, ist die entscheidende Vernichtungsgewalt. Mein zusätzlicher Punkt ist nur: Ausgerechnet die Kernwaffe kann diesem Willen eine Grenze setzen. Die Möglichkeit gegenseitiger Vernichtung nimmt Staaten einen Teil jener Freiheit, einen großen Krieg zu beginnen und anschließend darauf zu vertrauen, dass die eigene Gesellschaft und das eigene Staatsgebiet davon weitgehend verschont bleiben. Gerade darin liegt die historische Ironie der Atombombe.

        1. @Miri

          Sie haben ebenso recht wie El-G, aber zynisch kann ich nur anmerken was haben Sie denn????

          In Hiroshima und Nagasaki leben wieder Menschen – beim Abwurf der Bombe, und der späteren Verstrahlung, war man sich direkt nach dem Abwurf, und etliche Jahre später, da nicht so sicher, ob das Gebiet je wieder für Menschen besiedelbar sein dürfte, oder Japan sich je wieder davon erholen würde.

          Egal wieviel Mega-Tonnen – irgendwann leben dann eben wieder Menschen auf dem Gebiet zukünftiger Atombombenabwürfe – ich bin mir (fast) sicher so denken unsere absolut unverantwortlichen Militärs, Wirtschaftsbosse und PolitikerInnen heute wieder – in der globalen Elite.

          Die können sich einfach nicht vorstellen, dass heutige Atombomben den Planeten endgültig vernichten – trotz aller Planspiele und Modelle.

          Vielleicht wollen die gerade deswegen den Abwurf der Bomben durch eine heutige Atommacht erzwingen……

          Uns mit menschlichem Restverstand bleibt da nur ohnmächtig zuzuschauen wie uns „DIe Torheit der Regierenden“ (Buchtitel der Autorin Barbara Tuchman) erneut ins Verderben stürzt.

          Traurige Grüße
          Bernie

          1. @Bernie

            Vielleicht liegt der eigentliche Zynismus ja genau an einer anderen Stelle: Wenn tatsächlich die Gefahr besteht, daß Hiroshima und Nagasaki ihre abschreckende Wirkung verlieren, weil man dort heute wieder lebt, baut, arbeitet und sich der Schrecken für jene, die über Krieg entscheiden, allmählich in historische Ferne verflüchtigt, dann wäre es beinahe fahrlässig, diesen Zustand einfach hinzunehmen.

            Abschreckung lebt schließlich nicht vom Besitz einer Bombe im Keller, sondern davon, daß der andere sich vorstellen kann, was geschieht, wenn sie den Keller verläßt. Und falls diese Vorstellungskraft, wie Sie vermuten, inzwischen bei Militärs, Wirtschaftsbossen und Politikern derart verkümmert sein sollte, daß Hiroshima nur noch wie eine alte Schwarzweißaufnahme erscheint, müsste man sich fast fragen, ob ein gelegentlicher Blick auf das Original nicht heilsamer wäre als die nächste hundertste Warnrede über eine Waffe, deren Wirkung niemand mehr ernsthaft vor Augen hat.

            Man müsste dafür ja nicht gleich wieder eine Stadt bemühen. Die Geschichte kennt schließlich noch eine andere, erheblich weniger bevölkerungsreiche Form nuklearer Kommunikation: Man läßt eine Bombe dort explodieren, wo zunächst einmal nur jene erschrecken sollen, die glauben, sie hätten den Schrecken bereits überwunden, und schaut anschließend sehr aufmerksam darauf, wie schnell sich die politische Phantasie wieder einstellt.

            Vielleicht wäre das dann der eigentliche Reaktionstest: weniger für die Bombe als für jene, die sich inzwischen so sicher sind, daß sie niemals wieder jemand zünden wird.

          2. @Bernie Vielleicht liegt der eigentliche Zynismus ja genau an einer anderen Stelle: Wenn tatsächlich die Gefahr besteht, daß Hiroshima und Nagasaki ihre abschreckende Wirkung verlieren, weil man dort heute wieder lebt, baut, arbeitet und sich der Schrecken für jene, die über Krieg entscheiden, allmählich in historische Ferne verflüchtigt, dann wäre es beinahe fahrlässig, diesen Zustand einfach hinzunehmen. Abschreckung lebt schließlich nicht vom Besitz einer Bombe im Keller, sondern davon, daß der andere sich vorstellen kann, was geschieht, wenn sie den Keller verläßt.

            Und falls diese Vorstellungskraft, wie Sie vermuten, inzwischen bei Militärs, Wirtschaftsbossen und Politikern derart verkümmert sein sollte, daß Hiroshima nur noch wie eine alte Schwarzweißaufnahme erscheint, müsste man sich fast fragen, ob ein gelegentlicher Blick auf das Original nicht heilsamer wäre als die nächste hundertste Warnrede über eine Waffe, deren Wirkung niemand mehr ernsthaft vor Augen hat. Man müsste dafür ja nicht gleich wieder eine Stadt bemühen. Die Geschichte kennt schließlich noch eine andere, erheblich weniger bevölkerungsreiche Form nuklearer Kommunikation: Man läßt eine Bombe dort explodieren, wo zunächst einmal nur jene erschrecken sollen, die offenbar vergessen haben, weshalb man sie seit Jahrzehnten nicht mehr gegeneinander einsetzt.

            Vielleicht wäre das dann der eigentliche Reaktionstest: weniger für die Bombe als für jene, die sich inzwischen so sicher sind, daß sie niemals wieder jemand zünden wird.

        2. Jep, da habe ich Sie missverstanden, 10,8 MT erschienen mir auch zu wenig. Trotzdem eine irgendwie merkwürdige Rechnung, finde ich.

          Genau darin liegt meine Kritik an der Atombombe als absolutem Symbol des Grauens.

          Ihre Kritik des ultimativen Symbols ist nachvollziehbar, teile ich auch, doch vielleicht schätzen Sie die Vorstellungskraft der Menschen falsch ein (explizit nicht unterschätzen). Oder es liegt daran, dass die Bombe heute in erster Linie nicht als Potenzial der Vernichtungskraft des Gegners, sonder primär als Potenzial der eigenen Verteidigung und Abschreckung verkauft wird. Im Artikel ist auch die „Heuchelei der Notwehr von Hiroschima und Nagasaki“ genannt.

          Die Kriege, die von westlicher Seite initiiert wurden, sind Expansionskriege, doch sind es nicht wie in der Vergangenheit territoriale Kriege, sondern es geht um die Erweiterung des eigenen Einflusses und der Einhegung der Begehrlichkeiten anderer.

          Die Herrschaft selbst wird sich der Bombe sicher nicht bedienen, zum einen, weil es ein Nichts ist, über das Produkt der vollständigen Zerstörung zu herrschen, schließlich wäre eine Akkumulation verunmöglicht; zum anderen, weil es genau deshalb die eigene Herrschaft zerstören könnte. Darum soll die nukleare Bedrohung vor allem nach innen wirken, denn da ist das atomare Symbol wirkungsvoller als die lange (und historische) Beschreibung des Prozesses bzw. Geschäfts eines Vernichtungskrieges.

          Wären die Folgen der komplexen menschlichen Exploitation des Globus symbolisch darstellbar, wäre das eine mächtige Waffe, wirklich etwas zu ändern.

  6. Den Besitz von Atombomben als eine Art Sachzwang darzustellen, ist nicht nur ethisch monströs, insbesondere aus angeblich religiösen Kreisen, sondern auch faktisch grösster Unsinn. Niemand wills wahrhaben und es wird ständig das Gegenteil behauptet, aber die Realität ist, dass Atombombenbesitz keinen Krieg vermeidet. Gerade in den letzten Jahren wurden mehrere atomar bewaffnete Staaten angegriffen, wohl aus dem nachvollziehbaren Kalkül heraus, dass diese nicht atomar antworten würden, was sie auch nicht getan haben. Die Einsatzschwelle ist – glücklicherweise – viel höher, als auch ich noch vor einigen Jahren unterstellte. Nicht mal Verrückte wie Tronald setzen einfach so Atombomben ein. Zurecht haben wohl alle Menschen eine grosse Scheu davor. Atombomben sind absolut und völlig nutzlos, sie schrecken nicht ab, sind de facto nicht einsetzbar, sie verhindern auch keine sogenannt konventionellen Kriege. Auf der Minusseite stehen pervers hohe Kosten, diese Undinger einsatzfähig zu halten.

    1. @Zack15

      Da stimme ich Ihnen völlig zu – man sollte Atombomben ebenso ächten wie die biologischen, und chemischen, Waffen.

      Eigentlich glasklar – mal rein militärisch gesehen – die Atombombe ist eine Waffe die nach 1945 nie eingesetzt wurde weil die Bombe beiden Seiten schadet- weil die eben alles radioaktiv verstrahlt und verseucht – auch auf Siegerseite.

      Die Chemie- und Biowaffen haben ja das gleiche Problem, genau deswegen wurden die ja international geächtet – wie schon oben erwähnt, die schaden beiden Seiten der Front – dem vermeintlichen „Verlierer“ ebenso wie dem „Sieger“.

      Das wissen unsere „selbsternannten Eliten“ ja auch – hoffe ich zumindest.

      Zynische Grüße
      Bernie

      1. „selbst ernennen“
        brauchen sich diese politischen „Eliten“ gar nicht.
        Die lassen sich ganz bequem wählen, und zwar auch von den meisten hier Anwesenden.

      2. „selbst ernennen“
        brauchen sich diese politischen „Eliten“ gar nicht.
        Die lassen sich ganz bequem wählen, und zwar auch von den meisten hier Anwesenden.

  7. Die Atombombe braucht nur, wer an den zerstörerischen, geostrategischen Machtspielen im globalen Raum beteiligt sein will. Offenbar hält es die Kirche für nötig. Alle negativen Gründe, die einen angeblich zu dieser Politik zwingen, sind Ausreden und Propaganda.

    Nehmen wir uns doch in dieser Frage ein Beispiel an den hingemordeten iranischen obersten Führer Khamenei. Er hat den Atombombenbesitz mit einer Fatwa belegt.

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