Der Anti-Intellektualismus als Ausweg aus der Perspektivlosigkeit?

Gehry-Bau, Neuer Zollhof 2, Düsseldorf. Bild: Detlef Huhn/CC BY-SA-4.0

Der Konservatismus der Rechtspopulisten setzt auf den technischen Fortschritt, aber will den sozialen Fortschritt ausradieren, um zum Normalen, man könnte sagen Spießbürgerlichen, gerne auch mit Protz und Kitsch, nicht zuletzt im Sexuellen, zurückzukehren und den Nationalismus gegen den Globalismus, den Internationalismus und Multikulturalismus auszuspielen.

Der Text ist ein Auszug aus dem Dialog-Buch „In der Wüste der Gegenwart“ von Moshe Zuckermann und Florian Rötzer, das Anfang des Jahres im Westend Verlag erschienen ist. Die Autoren haben zuvor über die Entstehung und die Rolle von Intellektuellen gesprochen, erörtert, ob wir in einer Zeitenwende leben und was die Postmoderne bedeutet. Den Aufschlag machte im März 2025 Florian Rötzer, Moshe Zuckermann führte angesprochene Gedanken weiter.

 

Florian Rötzer, März 2025

Du siehst den Postmodernismus als die dem (Spät-)Kapitalismus systemimmanente Ideologie an, die unter anderem gegenüber der lustfeindlichen Rationalität eine Befreiung des Unterdrückten anstrebt, also auch der Lust zur Befreiung verhelfen will, was wohl eine Folge von Nietzsche und Freud war. Der Vorsilbe »post« würde ich keine größere Bedeutung unterstellen, du greifst ja mit dem Spätkapitalismus zu einem ähnlichen zeitlichen Begriff, bei dem man sich auch fragen muss, was nach der Spätphase kommen wird. Der Begriff »Postmoderne« entspringt eher einer Verlegenheit, nicht ein neues Zeitalter ausrufen zu wollen oder zu können, das so eng am alten klebt. Es ist ein Versuch gewesen, aus vielen verschiedenen Denkrichtungen kommend einer Erfahrung Gestalt zu geben, dass sich die Gesellschaften verändert haben, was auch zu neuen oder anderen Mitteln führen müsste, diese zu beschreiben. Dabei ging es um das Untergraben oder die Dekonstruktion von angeblichen Wahrheiten.

Es waren ja gerade Linke, die sich angesichts der repressiven kom-munistischen Staaten – dem Gulag zum Beispiel – nicht von der mar-xistischen Analyse, aber von deren Umsetzung in die Praxis abwandten, weil sie ähnlich dachten wie Adorno und Horkheimer gegenüber der Aufklärung: »Die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen trium-phalen Unheils.« Herbert Marcuse etwa schrieb Ende der Sechziger-jahre, dass die »Kraft der Negation« in keiner Klasse mehr konzentriert sei. Sie gehe stattdessen von einer noch chaotischen, anarchischen und unorganisierten Opposition aus, weswegen später von einer Multitude gesprochen wurde, die zum Hintergrund dessen wurde, was heute von den Rechten in Bausch und Bogen als woke, Kulturmarxismus oder Gleichheitsideologie bekämpft wird.

Ich habe für diese Suchbewegung, die ich mit dem Begriff Postmoderne zusammenfassen wollte, wahrscheinlich etwas mehr Sympathie als du, weil ich politisch nicht streng dogmatisch-marxistisch mit der Orientierung am Proletariat, dem tendenziellen Fall der Profitrate und den Rechtfertigungen für den angeblich notwendigen repressiven Übergang zum Kommunismus aufgewachsen bin, sondern am Ende der Studentenbewegung eher in der anarchistischen, antiautoritären, frie-densbewegten und tatsächlich auch hedonistischen Hippieszene. Woodstock, Drogen und Musik sowie der Wunsch nach dem Ausstieg aus der bürgerlichen Gesellschaft und dem Leben und Arbeiten in Kollektiven haben mich politisch geprägt. Während die orthodoxen Linken ebenso wie das Proletariat beziehungsweise die Arbeiterklasse, die mittlerweile überwiegend die Seiten gewechselt hat, weniger wurden, und die Phase des Terrorismus (in Deutschland: RAF) weitgehend abgeschlossen war, neigten schließlich Menschen, die von dieser anarchistischen Szene angetan waren, viel stärker als die klassischen Linken zur Ökologie (Anti-AKW-Bewegung), aber auch zur »kalifornischen Ideologie«, also teilweise zu der Hoffnung, mithilfe der digitalen Technik die Gesellschaft verändern zu können. Das ging dann allerdings schnell in die Affirmation des (Finanz- und Plattform-)Kapitalismus und eines libertären Individualismus über.

Ich sehe mich gegenwärtig jedenfalls ratlos einer Welt gegenüber, in der einerseits wieder der Anti-Intellektualismus mit einer Rückkehr zu alten autoritären Ordnungen und Fremdenhass blüht, in der Kriege geführt werden, bei denen man sich auf keine Seite schlagen kann, aber ein dritter Weg in der Logik »Für uns oder gegen uns« zunehmend ausgeschaltet wird, und gleichzeitig weiter durch den entfesselten Kapitalismus die natürlichen Lebensgrundlagen zerstört werden, durch Wettrüsten das Risiko eines Atomkriegs steigt, neue Techniken wie die KI und die technische Intelligenz die Gesellschaften auf unvorhersehbare Weise verändern und die Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten auf der Welt weiter zunehmen. Das war jetzt – im herrschenden Zeitalter der Einfachheit, der Kettensägen und der Ausblendung der weiteren Zukunft – fast eine unzumutbare Satzkonstruktion. Mit ratlos meine ich, dass wir, wenn wir kritisch gegenüber den gerade beschriebenen Entwicklungen bleiben wollen, keine zeitgemäße Orientierung mehr vorfinden, aber in Verantwortung für das stehen, was jetzt passiert, auch für die mögliche Auslöschung der Menschheit.

Die Häufung von scheinbar unlösbaren Problemen und Herausforderungen könnte ein Grund für die wieder attraktiv gewordene Rückkehr zu einem verklärten »Goldenen Zeitalter« sein, die die MAGA-Bewegung und ihr gleichgesinnte Parteien und Gruppierungen auf der Welt zusammen mit dem barbarischen Glauben propagieren, dass die Probleme mit der Vertreibung oder Vernichtung von Menschen aus anderen Kulturen verschwinden. Symptomatisch dafür ist, was nicht nur in den USA gedeiht: Migranten als Invasoren, Feinde, Waffen in einem hybriden Krieg, Kriminelle et cetera zu sehen. Die Influencer dieser Tendenz könnte man als Wiederkehr der »anti-intellektuellen Intellektuellen« bezeichnen, die es auch vor und im Faschismus gegeben hat. Es geht um die Auslöschung der Zukunft über die unmittelbaren Interessen der Selbsterhaltung hinaus. Die AfD hat einmal ein Video zur Wahlwerbung drehen lassen, in dem für die Normalität plädiert wird, die verloren gegangen sei. Trump verweist gerne auf den common sense gegenüber den verrückten Ideen der linken und woken Spinner und spricht die berechtigte Angst der Mittelschicht vor dem Untergang an, für den die Linken und Intellektuellen verantwortlich gemacht werden. Sie werden als auszurottende Feinde betrachtet.

Wir haben bislang eher einen Abgesang auf Intellektuelle mit orchestriert, die ihre Bedeutung verloren haben oder im großen Gemurmel und den Bilderströmen untergehen und nicht mehr gehört werden. Das ist eine Art Verlusterfahrung, die der Soziologe Andreas Reckwitz gerade in den Mittelpunkt seines neuen Buches zur »Reparatur der Moderne« gestellt hat. Überspitzt könnte man sagen, die auf Fortschritt fixierte Moderne hat einen immanenten destruktiven Charakter und sich um die Verlierer und Verluste, um die Trauer und die Enttäuschungen nicht gekümmert, sondern diese verdrängt. Das könnte in einen Konservatismus der Rechtspopulisten umkippen, die nur auf den technischen Fortschritt setzen, aber den sozialen Fortschritt ausradieren wollen, um zum Normalen, man könnte sagen Spießbürgerlichen, gerne auch mit Protz und Kitsch, nicht zuletzt im Sexuellen, zurückzukehren und den Nationalismus gegen den Globalismus, den Internationalismus und Multikulturalismus auszuspielen.

Genau jetzt wäre dann wohl wieder die Zeit der Intellektuellen als Außenseiter gekommen, die sich querlegen. Ich denke dabei etwa an die derzeitige Kriegslüsternheit und Wiederkehr des Heroischen, an den Glauben, durch Stärke siegen zu können und wollen, an die Akzeptanz von vielen Opfern. Du lebst in einem Land, das einen schrecklichen Krieg gegen einen religiös-fanatischen Feind führt und vor allem Zivilisten tötet, das aus dem Krieg heraus entstand und dauernd vom Krieg bedroht ist. Ich lebe in einem Land, dessen Regierung sich vorgenommen hat, unbegrenzt wieder aufzurüsten, das kriegstüchtig werden will und das die Ukraine im Krieg gegen Russland unterstützt, aber sich um eine friedliche Beilegung nicht kümmert, weil es wie der Rest Europas keine Einfälle dazu entwickelt.

Und ich denke an den Briefwechsel von Albert Einstein mit Sigmund Freud in den Zwischenkriegsjahren mit dem Titel „Warum Krieg?“. Einstein hatte sich bekanntlich an Freud gewandt mit der Frage, die ihm am wichtigsten für die Zivilisation erschien: »Gibt es einen Weg, die Menschen von dem Verhängnis des Krieges zu befreien?« Im Hinter-grund stand für Einstein letztlich, über die Ordnung der im Zuge der Moderne entstandenen Nationalstaaten sowie des damit verbundenen Nationalismus und dessen hobbesschen Kampfes aller gegen alle hinaus eine Weltgemeinschaft, einen demokratischen Weltstaat zu gründen, der auch rechtlich durch die Einführung einer Weltinnenpolitik den Globus befrieden könnte. Das ist in Weiterführung des nach dem Ersten Weltkrieg gegründeten Völkerbunds dann auch durch die Gründung der Vereinten Nationen geschehen, deren sowieso selektiver Einfluss aber seit einiger Zeit durch die Politik der Großmächte und der Ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats an Bedeutung verliert. Dabei wären gemeinsame Lösungen für den Abbau der Atomwaffen, den Schutz des Klimas und der Umwelt und Regelungen für die Weltraumnutzung dringend erforderlich. Warum hört man von den Intellektuellen derzeit so wenig zu Krieg und Frieden? Oder sind sie und damit das kritische, subversive Denken tatsächlich abgeschrieben, um wem oder was Platz zu machen?

Der heutige Intellektuelle wird auch von den medialen Zwängen kastriert

Moshe Zuckermann, April 2025

Es gäbe so manches an dem, was du darlegst, zu klären. Ich will mich zwar nicht allzu lang im Kreis drehen, muss aber doch einiges klarstellen. Zunächst sei hier festgestellt: Dem parteilich gefassten orthodoxen Marxismus habe ich mich in meinem Leben nie verschrieben, und sei es, weil mir schon in meiner Jugendzeit klar wurde, dass der Sowjetkommunismus (mit dem Leninismus angereichert und im Stalinismus mündend) nicht sehr viel mit Marx’ emanzipativen Intentionen zu tun hatte. Ganz lapidar ausgesprochen: Den Sozialismus, wie ihn sich Marx vorgestellt hatte, hat es bis jetzt noch nirgends auf der Welt gegeben. So besehen, besagt das sowjetische Experiment nicht sehr viel über den Wahrheitskern des kommunistischen Postulats; gescheitert ist etwas, das gerade an diesem Wahrheitskern vorbeigegangen war.

Ich sagte schon, allein die Tatsache, dass dieses Weltexperiment im Territorium des wahrhaft zurückgebliebenen zaristischen Reichs angestellt wurde, ließ es bei aller anfänglichen Begeisterung über den schieren Versuch als totgeborenes Kind in die Welt kommen. Man kann es zwar nur im Nachhinein sagen, aber wenn man die Koordinaten des Marxschen Denkens ernst nimmt, dann waren im Russland von 1917 die materiell-strukturellen Voraussetzungen für den Sozialismus schlechterdings nicht gegeben: keine Industrialisierung, keine bürgerliche Gesellschaft, kein Proletariat als determinante soziopolitische Kraft; hingegen ein Wettbewerb mit dem bereits sehr weit fortgeschrittenen Kapitalismus, der sich trotz aller Krisen am Leben zu erhalten vermochte, wobei der Sowjetblock bei diesem Konkurrenzkampf dem westlichen Kapitalismus unentwegt hinterherhinkte. Es konnte keinen Sieg des Sozialismus geben, wo es keinen wirklichen Sozialismus gab. Und den gab es nun einmal nicht.

Ich wuchs in meinem zweiten Lebensjahrzehnt in Frankfurt auf, und zwar als die zweite Phase der Frankfurter Schule ihre Hochblüte erfuhr. Freudomarxistisch angetrieben, aber sich der Grenzen der sozialistischen Emphase durchaus bewusst, war ich bereits Adornist zu einem Zeitpunkt, als stramme Marxisten dem alten Herrn (na ja, so alt war er noch nicht) vorwarfen, er werde sich noch zu Tode adornieren. Als man in den studentischen Reihen »Revolution Now!« skandierte, wies er darauf hin, dass die Bedingungen für eine prompte sozialistische Revolution in der alten BRD schlicht und ergreifend nicht vorhanden waren. Das Ohnmachtsgefühl angesichts dieser objektiven Sackgasse (man kann sagen: im Weltmaßstab) war für die Träger der Bestrebung nach gesellschaftlicher Veränderung nicht zu ertragen – wusste man sich doch auf der Höhe der Zeit! Man war es (geistig) in gewisser Hinsicht auch; aber da es darum ging, die Welt nicht nur immer wieder neu zu interpretieren, sondern eben auch realiter zu verändern, erging man sich in alle möglichen Aktionsoptionen, ohne aber die erhoffte Wirkung erzielen zu können.

Damals wie heute ist klar, wo es immer lang geht, nämlich dort, wo die reale Macht ist. Und was sich seit damals nicht verändert hat, sind die zentralen Koordinaten des sich wandelnden Kapitalismus: die private Aneignung gesellschaftlicher Arbeit und die Profitmaximierung. Verdeckt wurde sie immer durch sich akkumulierende Ideologien von vermeintlicher aktueller Relevanz: Autonome, Anarchisten, Aussteiger et cetera – alles wichtige Entwicklungen, die aber am Kernproblem des Kapitalismus und des mit ihm einhergehenden Nationalismus (wie man jetzt wieder ganz aktuell sieht) nicht wirklich etwas zu verändern vermochten. Wir wissen, dass das Subjektive nie nur subjektiv, wie denn das Objektive nie nur objektiv ist. Aber es gibt Zeiten, in denen das Objektive das Subjektive (beziehungsweise die subjektive Selbstsetzung oder auch die subjektive Emphase) so überfährt, dass das dem Objektiven entgegenstehende Identitäts-Subjektive zur Ideologie verkommt.

Dabei kann es sich durchaus um ernsthafte (philosophische) Versuche handeln, der sackgassenartigen Zwickmühle zu entrinnen. Der französische Existenzialismus war so ein Versuch. Und natürlich erwuchs er nicht im denkerisch luftleeren Raum. Man mag da in der Tat Nietzsche als eine Art Wendepunkt anführen (und nicht nur ihn). Und so auch der Postmodernismus, der, wie du richtig sagst, eine Reaktion auf eine Weltsituation war, die die Menschen in Ungewissheit und Ratlosigkeit hat geraten lassen. Aber seine Einsichten und operativen Koordinaten waren im großen Ganzen lediglich eine korrekte Widerspiegelung der subjektiven Ohnmacht angesichts der mächtigen Objektivität repressiver Realität.

Die verspielte Vielfalt und frivole Beliebigkeit hatten in den Lebenswelten der Menschen einiges vorzuweisen. Aber zu keinem Zeit-punkt vermochten sie den realen Bedrohungen etwas entgegenzusetzen. Im Kriegszustand oder bei anderen kollektiven Katastrophen haben sie nichts Wesentliches an Einsicht und Verhaltensvorgaben beizutragen. Nicht, dass der Postmodernismus in dieser Hinsicht machtloser als andere Denkgebäude gewesen wäre. Er war es nicht. Aber gemessen daran, dass er zwei Jahrzehnte lang die Kulturszene, auch die akademische, dominierte, muss man sich eingestehen, dass er auch nicht besser dran war als die Alternativen. Seit geraumer Zeit schwindet sein Einfluss ohnehin.

Und das bringt mich zu der von dir angerissenen Frage über Funktion und Wirkung der Intellektuellen. Ich erlaube mir, bei meiner eigenen Lebenswelt anzusetzen. Ich lebe in einem Land, das gerade Krieg führt. Angeführt wird dieses Land von einem Premierminister, der wegen Korruption, Veruntreuung und Betrug angeklagt ist. Er muss sich auch um die Befreiung von zivilen Geiseln, die vom bekriegten Feind entführt worden sind und in Gefangenschaft gehalten werden, bemühen. Der Krieg ist als Reaktion auf ein vom Feind an Bürgern des Landes verübten Massaker ausgebrochen. Das Massaker wurde durch das Verschulden der Politik, des Militärs und der Geheimdienste möglich. Der Premier hat daher auch eine künftige staatliche Untersuchungskommission zu befürchten, die seiner Herrschaft ein Ende setzen könnte.

Die Verzahnung dieser verschiedenen Umstände und Ebenen lässt den um sein politisches Überleben kämpfenden Premier zu Maßnahmen und Praktiken greifen, die zum einen die Justiz außer Kraft setzen möchten (um einem Gerichtsurteil zu entrinnen), zum anderen aber auch den Krieg immer weiter fortsetzen (um sich einer staatlichen Untersuchungskommission zu entziehen). Da nun die Bürger des Landes davor zurückschrecken, die Beendigung des mittlerweile für zwecklos gehaltenen Krieges im Krieg selbst zu fordern, weil dies als unpatriotisch gälte, man mithin dem Militär nicht »in den Rücken fallen« möchte, ist das Ergebnis prekär: Man weiß, dass es an der Zeit ist, den Krieg zu beenden, den Premier zu stürzen und ihn gerichtlich zur Rechenschaft zu ziehen. Aber ein solches Postulat könnte nur in einem Rechtsstaat Bestand haben; der Staat, von dem hier die Rede ist, ist es aber nicht mehr, jedenfalls nicht in einem Maß, das erwarten ließe, die erhobenen Anwürfe würden in der Tat Gehör finden. Der Premier hat es geschafft, eine gewaltige institutionelle, von einer massiven Anhängerschaft unterstützte Mauer zwischen sich und seinen Kritikern zu errichten. Die Kritiker rennen nur noch gegen die Wand an. Die Demonstrationen gegen den Premier sind nicht stark genug. Die Medien, patriotisch, wie sie sind, halten sich mit ihrer Kritik zurück und üben sie, wenn überhaupt, nur im »ungefährlichen« konsensuellen Rahmen.

Welche Rolle kann da der Intellektuelle spielen? Ich sage es unverhohlen: eine lediglich sisyphushafte Rolle, eine Rolle, die keinen ernsten Einfluss auf die politische, soziale oder kulturelle Realität erwarten darf. Das war nicht immer so. Es gab Zeiten, in denen Worte und Analysen von Gelehrten und Intellektuellen noch etwas galten. Aber die sind im Zuge der »Demokratisierung« und »Liberalisierung« der Medienwelt, nicht zuletzt durch die Auswirkungen der auf Likes ausgerichteten sozialen Medien, weitgehend vergangen. Der Intellektuelle kann sich noch zu Wort melden (wie eben alle), aber nur unter der Bedingung, dass er sich kurzfasst und seine Rezipienten nicht allzu lang und abgehoben verstört. Wo er sich noch im Kreis seiner anspruchsvollen Kollegen bewegt, erzeugt er objektiv eine abgekapselte Diskurssphäre, an der sich das große Publikum entweder nicht beteiligen kann beziehungsweise darf oder aber diese Sphäre ressentimentgeladen ignoriert. Ein Jürgen Habermas, der noch früher in Deutschland als intellektuelle Autorität Gehör fand und Diskurse zu steuern verstand, kann heute diesen Status nicht mehr beanspruchen – nicht zuletzt deshalb, weil er im besten Fall als »elitär«, im eher gängigen als verkopfter Redner (für den man keine Geduld aufzubringen vermag) abqualifiziert wird. Der Intellektuelle kann zwar auf seine Stellung insistieren (hier steht er und kann nicht anders), aber er tut es im Bewusstsein zunehmender Vergeblichkeit. Übrig geblieben ist ihm eine ernüchterte Flaschenpost-Praxis.

Da ihm von den Gesprächsrunden-Medien ein Maß der Bekanntheit und (wenn möglich) Popularität abverlangt wird, muss er im Niveau der Exponierung seines kulturellen Kapitals Abstriche machen und in der Interaktion mit seinem Publikum eine gewisse Anbiederung praktizieren. Tut er es nicht, muss er zuweilen miese Shitstorms und perfide Hate Speech über sich ergehen lassen. Diese neue Realität des »public intellectual« verformt seine Aussagen von vornherein, gleichsam strukturell. Der für seine Darlegungen nötige Tiefgang ist nicht mehr möglich, weil die Rezeption sie schlicht nicht zulässt. Die Zeichenzahl der Aussagen ist vorgegeben (entweder von der Redaktion des publizierenden Mediums oder von Geduld und Ausdauer der Adressaten, an die diese Aussagen gerichtet sind). Die Zeit für seine Darlegungen ist (der inneren Logik der Medien entsprechend) begrenzt. Der heutige Intellektuelle ist letztlich kastriert. Das wäre hinnehmbar, wenn sich alternativ ein fruchtbarer Diskurs »von unten« bilden würde. Zur Zeit scheint mir dies aber nur eine Wunschvorstellung zu sein.

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Ein Kommentar

  1. Die Artisten in der Zirkuskuppel ratlos. Liegt wohl daran, dass sich der Wandel in Ökonomie und Politik zu rasch vollzieht. Das ist der instrumentellen Vernunft gestundet und entspricht so dem was man Evolution bezeichnet. Die Intellektuellen sollten etwas tiefer und distanziert er denken.

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