Demokratiehilfe nach deutscher Art

KI generiert
Russisches Konsulat. Wahllokal geschlossen. Bild wurde mit KI generiert.

Ausgerechnet zum Beginn der russischen Duma-Wahl schließt Deutschland das letzte russische Generalkonsulat im Westen. Das Bonner Wahllokal fällt weg, Tausende müssen ausweichen. Zufall, Symbolpolitik oder diplomatischer Kinderstreich? Der Kalender jedenfalls hat schwarzen Humor – und Berlin offenbar einen sehr eigenen Sinn für Timing.

Man muss der deutschen Außenpolitik eines lassen, wenn sie Demokratie fördert, kennt sie keine halben Sachen. Russland wählt vom 18. bis 20. September sein Parlament. Deutschland schließt das letzte russische Generalkonsulat im Westen am 18. September. Timing kann man lernen. Oder haben. Das Bonner Wahllokal war bereits eingerichtet. Nummer 8322, Waldstraße 42. Am 20. September hätten dort russische Staatsbürger in Deutschland ihre Stimme zur Duma-Wahl abgeben können. Nun eben nicht.

Der demokratische Rechtsstaat Deutschland verbietet selbstverständlich niemandem zu wählen. Er entfernt nur rechtzeitig das Wahllokal. Das ist ein Unterschied. Wer im Rheinland wohnt, darf weiterhin frei entscheiden, ob er für die Ausübung seines Wahlrechts nach Berlin fährt. Aus Köln sind es schließlich nur einige Hundert Kilometer. Demokratie darf auch einmal etwas kosten. Andere Menschen fliegen für ein Wochenende nach Mallorca.

Das Auswärtige Amt brachte den neuen Servicegedanken bereits auf seine kürzeste Formel, „Klar, das wird eingeschränkt.“(1) Schöner kann Verwaltung politische Philosophie kaum verdichten. Für etwa 5.000 Stimmen muss Russland nun etwas reisen. Bei der Präsidentenwahl 2024 kamen 5.071 Menschen nach Bonn. 75 Prozent stimmten für Putin. (2) Doch keine Sorge, 5.000 Menschen können eine russische Wahl mit mehr als hundert Millionen Wahlberechtigten nicht entscheiden. Das wäre also ein ausgesprochen ineffizienter Staatsstreich.

Als diplomatischer Kinderstreich wäre die Konstruktion deutlich plausibler. Man nimmt niemandem das Förmchen weg. Man verlegt nur den Sandkasten, nach Berlin. Interessant lediglich, wie präzise der deutsche Kalender arbeitet. Am 1. September wird die Schließung verkündet, am 18. September ist Schluss. Und am 18. September beginnt in Russland eben die Wahl.

2023 hatte Deutschland vier russischen Generalkonsulaten noch bis zum Jahresende Zeit gegeben – rund sieben Monate also. Diesmal reichen 17 Tage. (3) Offenbar ist auch deutsche Diplomatie inzwischen auf BonPrix-Expressversand umgestellt. Zum Glück gibt es Europa.

Die Sache hat allerdings einen Schönheitsfehler – russische Staatsbürger können ausweichen. Wer aus Nordrhein-Westfalen kommt, kann nach Brüssel fahren. Dort wartet Wahllokal Nr. 8039. Wer aus Rheinland-Pfalz oder dem Saarland kommt, fährt womöglich nach Luxemburg zu Nr. 8192. Und wem die Bundesregierung mit ihrer Russland-Unpolitik endgültig Lust auf skandinavische Gelassenheit gemacht hat, kann sogar in Stockholm wählen – Wahllokal Nr. 8336. Dort muss man nur den gültigen russischen Auslandspass im Original mitbringen, in Stockholm und Brüssel ist ausdrücklich keine Voranmeldung erforderlich. (4)

Denn das russische Wahlrecht besitzt an dieser Stelle eine kleine Bosheit gegenüber deutscher Symbolpolitik. Ein russischer Bürger darf auch an einem anderen Auslandswahllokal erscheinen, wenn er sich dort vorübergehend befindet. Die Wahlkommission kann ihn am Wahltag auf mündlichen Antrag in die Liste aufnehmen. Nur doppelt wählen darf er selbstverständlich nicht. (5)

Man schließt also Bonn, und der Wähler fährt möglicherweise nach Luxemburg. Das ist europäische Integration auf eine Weise, die vermutlich niemand – auch nicht in Brüssel – geplant hatte. Der russische Wähler als Sicherheitsrisiko?

Unterstellen wir nun tatsächlich, der Termin sei bewusst gewählt worden. Dann wollte Deutschland kaum das russische Gesamtergebnis der Duma-Wahl verändern. Selbst alle 8.359 Stimmen, die bei der Präsidentenwahl 2024 in den damals nur noch zwei deutschen Wahllokalen Bonn und Berlin abgegeben wurden, wären dafür mathematisch viel zu wenig.

Doch genau darum geht es womöglich gar nicht. Die 5.071 Bonner Wähler waren nur diejenigen, die 2024 tatsächlich bis zur Wahlurne kamen. Bonn war das Wahllokal für einen Konsularbezirk mit sechs Bundesländern. Die Schließung trifft damit nicht 5.000 Menschen, sie betrifft den Wahlzugang einer wesentlich größeren russischen Bevölkerung in West- und Süddeutschland.

Die Botschaft wäre eine andere: „Ihr dürft wählen. Nur bitte nicht hier!“ Man könnte das kleinlich nennen oder diplomatische Schikane. Man könnte es für den politischen Reifegrad eines Schulhofs halten, auf dem ein Kind sagt: „Du darfst mitspielen, aber deinen Ball behalte ich.“ Die moderne deutsche Variante wäre wesentlich raffinierter. Das Wahlrecht bleibt unangetastet. Man erhöht lediglich die Entfernung zwischen Wähler und Wahlurne. Oder, wie es in der Sanktionssprache heißt, man erhöht den Preis. Grundrechte mit Kilometerpauschale.

Und damit endet auch schon der schwarze Humor. Denn hinter der Pointe bleibt eine vollkommen ernsthafte Frage. Die Wahltermine waren seit Juni bekannt. Das Bonner Wahllokal war offiziell eingerichtet. Die Bundesregierung wusste, dass ihre Entscheidung die konsularische Betreuung russischer Bürger im Westen einschränkt. Sie wählte trotzdem den 18. September als Stichtag. (6)

Warum? Wenn der Termin Zufall war, kann die Bundesregierung das leicht erklären. Wenn er keiner war, wäre die Erklärung noch interessanter. Merz selbst meinte am 7. September, er habe mit der öffentlichen Zuordnung des Anschlagsversuchs zu Russland „nicht länger warten“ wollen. Gleichzeitig räumte er ein, die Hintergründe wahrscheinlich noch sehr viel ausführlicher erläutern und „durch mehr Fakten unterlegen“ zu müssen.

Hinzu kommt inzwischen eine abweichende Darstellung des ukrainischen Journalisten Anatoli Scharij. (7) Er beruft sich auf einen anonymen Mitarbeiter des Flughafens Leipzig/Halle. Danach habe es sehr wohl eine kleine zivile Drohne gegeben, die ein Mitarbeiter selbst zu Boden gebracht habe. Fragen wirft diese Version beim angeblichen Sprengstoff und beim weiteren Ablauf auf – es gab offenbar überhaupt keinen Sprengstoff. Er beschreibt die Drohne als kleines, billiges ziviles Gerät für Foto- und Videoaufnahmen und bezweifelt, dass sie überhaupt eine zusätzliche Ladung hätte tragen können. Und es kommt etwas hinzu. Die  Sicherheitskräfte, Bombenspezialisten, Feuerwehr und vor allem die Medien seien ungewöhnlich schnell vor Ort gewesen, so der Flughafenmitarbeiter. Damit stehen sich zwei sehr unterschiedliche Darstellungen gegenüber.

Und vermutlich werden Sie, liebe Leser,  jetzt sagen, dann ist noch immer nichts geklärt. Genau. Merkwürdig nur, wie schnell daraus eine außenpolitische Gewissheit und eine Konsulatsschließung werden konnten. Denn Demokratien unterscheiden sich von ihren Gegnern unter anderem dadurch, wie sie mit deren Bürgern umgehen. Auch dann, wenn deren Stimmzettel in die falsche Richtung zeigen könnten.

 

Quellen und Anmerkungen: (abgerufen am 7.Sep. 2026)

1.) https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/pressekonferenzen/regierungspressekonferenz-vom-2-september-2026-2451314

2.) https://www.t.me/s/GK_RF_Bonn?after=319

3.) https://www.auswaertiges-amt.de/de/newsroom/regierungspressekonferenz-2599836#content_2

4.) https://rushouse.be/ru/novosti-2/

5.) https://pravo.ppt.ru/postanovlenie/tsik/n-6-66-9-338449

6.) https://base.garant.ru/414402159/

7.) https://freedert.online/inland/291027-scharij-stellt-darstellung-drohnenvorfalls-in/

8.) https://www-pp.afp.com/de/anschlagsversuch-von-leipzig-merz-bekraeftigt-entschlossenen-kurs-gegen-russland

9.) https://t.me/s/rusembdeu?before=7986

10.) https://t.me/s/MID_Russia?before=88335

11.) https://t.me/rusluxemb

12.) https://t.me/s/ambrusfrance?before=8682

13.) https://t.me/s/embrusnet

14.) https://t.me/s/MID_Russia?before=88136

15.) https://t.me/s/RusBotWien_RU?q=%23%D0%92%D1%8B%D0%B1%D0%BE%D1%80%D1%8B2026

16.) https://t.me/s/rusembswe?before=6651

17.) https://www.cikrf.ru/

18.) https://t.me/cikrossii

 

Der Artikel ist zuerst auf Globalbridge.ch erschienen.

Sabiene Jahn

Sabiene Jahn studierte Kommunikation der Werbewirtschaft und arbeitet als Journalistin, Moderatorin, Sängerin und Synchronsprecherin. Sie beschäftigt sich mit gesellschaftspolitischen Themen sowie der Recherche extremistischer Strukturen. Sabiene Jahn organisiert die parteifreie Veranstaltungsreihe „Koblenz: Im Dialog“, um gesellschaftspolitischen Austausch zu fördern. Als Friedensaktivistin entwickelt sie Konzepte zur Deeskalation und Inklusion. Zudem leitet sie das internationale Musikensemble „Nobel Quartett“.
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