Das vergiftete Geschenk des Pistorius

Ausschnitt aus dem Gemälde Pandora (1896) von John William Waterhouse. Bild: Art Renewal Center/public domain

„Unsere gesamte Art zu leben, ist ein Geschenk. Aber eines, das wir jeden Tag verteidigen müssen.“ Für dieses „Geschenk‟ muss man das eigene Leben auf dem Hochaltar der demokratisch-kapitalistischen Religion opfern.

 

Wie jedes Jahr warten auch dieses Jahr die meisten Menschen in Deutschland auf ihr Weihnachtsgeschenk, das sie aber längst erhalten haben, aber davon offenbar nichts wissen, und zwar in der Form der Demokratie. Ein Geschenk, an das Pistorius anlässlich der Schülerinnen- und Schülerprotestes gegen die Wehrdienstreform erinnert hat:

„Allein schon die Tatsache, dass Ihr morgen überall in Deutschland auf die Straße geht, zeigt, was in unserem großartigen Land möglich ist. Jeder kann gegen und für alles demonstrieren. Die Meinungsfreiheit ist eine große Errungenschaft unserer Demokratie. Aber nicht nur die: Unsere gesamte Art zu leben, ist ein Geschenk. Aber eines, das wir jeden Tag verteidigen müssen. Und zwar nach innen gegen die Feinde der Demokratie, aber auch nach außen. Und wenn wir, wenn Ihr in Zukunft, also in zehn, 20 oder 30 Jahren, noch genauso leben wollt wie heute, das heißt, Ihr dürft glauben, an was Ihr wollt, Ihr könnt lieben, wenn Ihr wollt, Ihr könnt Euch bewegen, wie Ihr wollt und könnt demonstrieren, für was immer Ihr wollt, dann müsst Ihr dafür eintreten wollen ….‟

Damit wiederholt Pistorius im ersten Teil seiner Rede eine Formulierung von Georg W. Bush, der als Reaktion auf die Massendemonstrationen gegen den Irak-Krieg anlässlich seines London-Besuchs sagte: „Sehen Sie, genau dafür kämpfen wir: Dass das, was Sie hier tun – gegen die Politik der Regierung zu protestieren – auch im Irak möglich wird!‟ Gerade Kritik, Protest und Demonstration sind nämlich der Beweis für die Stärke der metaphysischen Begriffe (Freiheit, Demokratie oder westliche Werte), die Pistorius mit seinem „Geschenk‟ noch einmal dogmatisch radikalisiert.

Pistorius, der auf den alten biblischen Gott nicht mehr vertrauen kann, schweigt freilich über den metaphysischen Empfang dieses neuen „Geschenks‟. Er will nicht angeben, wo und wann, unter welchen Bedingungen und mithilfe welcher Kräfte „wir‟ dieses „Geschenk‟ einmal empfangen haben. Genauer: nach dem zweiten Weltkrieg dieses „Geschenk‟ von den Siegermächten empfangen mussten. Er enthistorisiert dieses „Geschenk‟, reißt es aus dem historisch-gesellschaftlichen und ökonomisch-politischen Zusammenhang heraus, um es dann göttlich, mystisch und mythisch zu überhöhen – etwas, das einmal Montaigne und Pascal als den „mystischen Grund der Autorität‟ bezeichnet haben.

Und für dieses „Geschenk‟ eintreten, heißt eben zuletzt, das eigene Leben auf dem Hochaltar der demokratisch-kapitalistischen Religion zu opfern, wie es dann Emmanuel Macron verlangt: Dass man nämlich „für die gemeinsamen europäischen Werte nicht nur Blut vergießen, sondern auch sein Leben opfern‟ müsse. Es sind die metaphysischen Prinzipien von Freiheit, Demokratie, westlichen Werten oder „unsere Art zu leben‟, die absolut gesetzt sind und daher gibt es hier nichts mehr zu diskutieren, zu verstehen, zu verhandeln oder zu relativieren: „We cannot negotiate our principles‟, so der vormalige NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. „We stand united on fundamental values“, sagte der amtierende NATO-Generalsekretär Mark Rutte. Denn Relation heißt ja, diese Prinzipien immer auch in eine historisch-gesellschaftliche und ökonomisch-politische Beziehung setzen. Davon wollen die neuen Demagogen seit Peter dem Eremiten freilich nichts mehr hören, weil sie ja unmittelbar im Imperativ auftreten: „Opfere dein Leben für das Geschenk der Freiheit und Demokratie!“

Die neue, säkularisierte Dogmatik meint also nicht mehr bloß den vormals konsumistischen, archaisch-fundamentalistischen Zug des neoliberalen Marktkults (jener angelblich „Konsensdemokratie‟ oder „feindlosen Demokratie‟; Habermas/Beck), sondern den neuen, politisch-archaischen Befehl der ‚feindlichen Demokratie‛, die nach innen wie nach außen ihre Feinde ‚ewig‛ bekämpfen möchte – daher heute das Setzen auf die konventionellen militärischen und eben nicht auf die atomaren Mittel, die keinen ‚ewigen Krieg‛, sondern nur noch einen allerletzten Krieg kennen.

Die liberal-demokratisch-kapitalistische Religion

Der liberal-demokratische Kapitalismus ist allerdings keine neue Religion, die bloß an die Stelle der alten christlichen getreten ist. Auch meint er keine Religion des ‚Als ob‛, weil man hier angeblich „weiß‟, dass sie keine Religion sei; danach soll das Heilige im Kapitalismus als Schatten seiner selbst weiter fortleben, wird global wie nichts, was einmal als heilig gehalten wurde; der Kapitalismus ist Religion, aber als profaner Effizienzzusammenhang soll er nur wie Religion sein – die neue Version dieses ‚Als ob‛ bittet nun Trump: „Tut so, als wäre ich im Wahlkampf.‟ Im neuen liberal-demokratisch-kapitalistische Dogma geht es eben nicht mehr um solche feinsinnigen Indifferenzen, von modernen Schatten und alter, echter Glaubenssubstanz, von Schein und Sein, von Erscheinung und Wesen. Vielmehr um die neuen Imperative: ‚Erscheine!‛, ‚Wese!‛, ‚Rette unsere Freiheit und Demokratie!‛ Etwas, das uns Pistorius, Macron oder Rutte heute befehlen, weil unsere Freiheit, Demokratie und Existenz auf dem Spiel stehen.

In der liberal-demokratisch-kapitalistischen Religion findet dann nicht bloß das Wunder einer ökonomischen Transsubstantiation statt, wo das Mittel zum Heilsmittel sich verwandelt (so noch bei Shakespeare, „das Gold als Heilsmittel, durch das man sogar Seelen in das Paradies gelangen lassen kann‟). Vielmehr wird darin zuletzt auch noch der Mensch selbst zu einem Mittel der politischen Opfermaschinerie, die ihm nun befiehlt, sein Leben für Freiheit und Demokratie zu opfern. Dergestalt, dass hier Feldherr (autoritäre, säkularisierte Befehlsgewalt; vormals die Transzendenz Gottes als souveräne Macht), Heer (die Anhänger des liberal-demokratisch-demokratischen Kultus) und Heeresgerät (technomathematische Maschinerie) nur die eine modern-vernünftige und zugleich archaische, wahnsinnige und bösartige Ordnung bilden.

Pistorius, Macron oder Rutte verkünden somit eine neue ‚Religion ohne Religion‛ (da sie kein ‚Danach‛ und keinen ‚Übergang‛ zu einer anderen Welt mehr kennen). Denn Religion ist ja zunächst nichts anderes als der Versuch, die Welt auf den Imperativ zu gründen (Und Gott sprach!). Aber genau dies tut heute auch der liberal-demokratische Kapitalismus, der als säkularisierte Form der ökonomischen Bewirtschaftung und politischen Beherrschaftung metaphysisch-göttlich verankert wird. Das alte biblische ‚Geschenk‛ (bekanntlich stieg Mose auf den Berg Sinai, um die Zehn Gebote von Gott auf zwei steinernen Tafeln empfangen) hat sich so in das „Geschenk‟ von „Freiheit‟, „Demokratie‟ und „unserer Art zu leben‟ verwandelt. Damit macht die liberal-demokratisch-kapitalistische Säkularisierung theologischer Begriffe (die Transzendenz Gottes als souveräne Macht) nichts anderes, als die alte himmlische Monarchie (Herrschaft des Einen) auf die Erde zu versetzen, ohne jene alte, archaische Befehlsgewalt als solche anzutasten.

 

Und dies meint dann eben nicht bloß die ökonomistische Sphäre des Konsums, die liberale Utopie, die technomathematischen Systeme, die endlosen performativen Spiele, das ökonomistische Bezogensein auf den Weltmarkt. Vielmehr das politische Bezogenseinmüssen auf den Feind, der drinnen und draußen vernichtet werden soll. Eine ökonomisch-technische Sphäre, die ihrerseits auf die politische Sphäre hinweist, die heute alle Medien geopolitisch und geoökonomisch neuordnet – „Musk‟, so hieß es neulich, „habe deutlich gemacht, dass es bei der Ausweitung von Starlink-Nutzung um eine politische Frage handle, die letztlich im Weißen Haus entschieden werden müsse.‟ Denn nach wie vor rahmt ja der Nationalstaat (der liberale oder illiberale) die kapitalistische Produktionsweise und gibt ihr eine politisch-rechtliche Form (mythische Gewalt), sodass die ökonomische (Kapitale) und staatliche (A-Kapitale) Opfermaschinerie durch den archaischen Befehl in Betrieb gehalten wird. Das Kapital soll (nicht ist) eben der ‚Gott dieser Welt‛ (göttliche Gewalt) sein, der von den Nationalgöttern (den liberalen oder illiberalen Nationalstaaten) rechtlich umrahmt wird.

Pistorius hat uns ein Geschenk gemacht, um es uns wieder wegzunehmen

 

Unter den Religionen und anderen mythischen Totalitäten ist die kapitalistische offenbar der erste Fall einer nicht mehr ‚entschuldenden‛ (theologisch), sondern nur noch ‚verschuldenden‛ Religion, die als verabsolutiertes Prinzip keine andere Welt mehr kennt. Die post- oder hypermodernen Anhänger der liberal-demokratisch-kapitalistischen Religion betreiben daher eine Maschinerie, die immer neue Opfer verlangt, wenn nämlich jenes „Geschenk‟ (Freiheit, Demokratie, europäische Werte, unsere Art zu leben) nicht abhanden kommen soll. Ein individuelles „Geschenk‟, das von der politischen, archaisch-autoritären Befehlsgewalt wieder weggenommen wird. Denn „für die gemeinsamen europäischen Werte musst du nicht nur dein Blut vergießen, sondern auch dein Leben opfern!‟ Wo einmal das Opfer, christlich, den Übergang vom Profanen und Heiligen und vom Heiligen zum Profanen markierte, ist nun dieser ‚Übergang‛, dieses ‚Danach‛ schlicht blockiert, sodass die kapitalistische Demokratie nur noch das endlose Opfer kennt. Das heißt, der säkularisierte, liberal-demokratisch-kapitalistische Gott der Freiheit braucht uns ständig als ‚Nahrung‛, damit er weiterhin existieren kann.

Wir sehen: Pistorius hat uns ein Geschenk gemacht, um es uns wieder wegzunehmen, sodass  wir dann nicht nur nicht über dieses frei verfügen können, vielmehr soll nun unser Leben selbst das Geschenk sein, das wir am Hochaltar der Freiheit und Demokratie notfalls opfern müssen. Denn man kann hier ja nicht jenes Geschenk (Freiheit, Demokratie und „unsere Art zu leben‟) retten wollen und das eigene Leben unversehrt lassen; notfalls muss das Leben geopfert werden, wenn jenes Geschenk nicht verloren gehen soll – ein ähnliches Phänomen hat übrigens vormals in der Coronakrise die Intellektuellen in zwei Lager aufgespaltet, sodass die eine Position damals hieß: ‚Man kann nicht die Würde des Lebens retten wollen und das Leben versehren lassen‛ (Habermas; Vorrang des Lebens); die andere: ‚Man kann nicht das Leben retten wollen und die Würde des Lebens versehren lassen‛ (Agamben; Vorrang des Humanen). Beide haben hier offenbar das Vermittelnde in seiner Ununterscheidbarkeit (von Leben und Humanität) übersehen, das aber selbst unterm Befehl steht: ‚du musst das tun‛, ‚du sollst das nicht tun‛. Denn der Befehl bringt demjenigen, der die Anweisung erhält, immer den direkten Tod oder, wenn er nicht gehorcht, den möglichen Tod.

Das „Geschenk‟ von Pistorius erweist sich somit als ein vergiftetes Geschenk, sodass wir es gerne (ein individuelles Allgemeines) an den Geber dieses Geschenks wieder zurückgeben. Das heißt, wir ignorieren die Gegengabe des Opfers (was von uns verlangt wird, nämlich unser Leben zu opfern). Aber damit verwerfen wir nicht das ‚Geschenk‛ selbst als solches, vielmehr wollen wir es von der äußeren Kontamination aus der ökonomisch-politischen Beschlagnahmung befreien. Das wahre ‚Geschenk‛ ist nämlich eines, das keine strategische Befehle mehr kennt und daher allein in seiner unverdorbenen Reinheit auftritt. Wenn es nämlich Geschenke gibt, darf das Geschenkte (der Schenkungsakt) nicht zu den Schenkenden, zu den Gebern dieses Geschenks wieder zurückkehren. Das Geschenk, das seinen Namen wirklich verdient – und nicht bloß in den individuellen Besitz übergeht, um über dies Eigentumsrechte auszuüben –, darf es weder ökonomisch zirkulieren und als Geschenk im kreisförmigen Prozess sich endlos verschleißen lassen, noch politisch auf dem Hochaltar der liberal-demokratisch-kapitalistischen Religion geopfert werden. Denn wir selbst, unser Leben soll ja zuletzt selbst das Geschenk sein, das wir auf dem Hochaltar der liberal-demokratisch-kapitalistischen Religion opfern müssen, wenn wir sie erhalten wollen.

Beenden der politisch-ökonomische Opfermaschinerie

Wenn also die Figur des Opfers (die Empfänger dieses Geschenks) für Politik und Ökonomie wesentlich ist, weil „wir‟ für unsere „Freiheit‟, „Demokratie‟ und „unsere Art zu leben‟ mit unserem Leben bezahlen müssen (der Preis für jenes liberal-demokratisch-kapitalistische Leben ist also der Tod). Dann muss das ‚Geschenk‛ von jeder äußeren Kontamination durch eine politisch-ökonomistischen Todesmaschinerie befreit werden. Das wahre ‚Geschenk‛ wird nämlich zu einem solchen nur dann, insofern es den politisch-strategischen Befehlen eines Pistorius, Macron oder Rutte nicht mehr gehorcht und damit die Maschinerie des Opfers unterbricht, sie deaktiviert, außer Betrieb setzt.

Aber damit wird das ‚Geschenk‛ auch zugleich entgiftet, um es in seiner unverdorbenen Reinheit wiederzugeben. Denn das wirkliche ‚Geschenk‛ ist ohne Investition, ohne Perspektive auf Rückerstattung, sodass es jene politisch-ökonomische Maschinerie des Opfers nun selbst opfert. Das heißt, es folgt nicht mehr den Befehlen eines Pistorius, Macron oder Rutte, sondern ist als Gabe ein Geschenk an die Idee des Menschseins und der Menschheit. Und genau dies ist dann das wirklich Politische am „Geschenk‟, das nun jene alte, problematische Solidarität des Proletariats (später als Solidarität von Studenten, Frauen, Randgruppen, Arbeitslosen und noch später als ein Bündnis aus Arbeitern, armen Bauern, patriotischen Kleinbürgern und redlichen Intellektuellen, oder als „Kognetariat‟ missverstanden) in eine Solidarität der Menschheit verwandelt – und eben nicht mehr die Solidarität mit den tödlichen Ideen der Freiheit, der Demokratie, des Wertewestens oder „unsere Art zu leben‟ meint.

Für den Beschenkten bedeutet dies also, er darf das ‚Geschenk‛ weder als solches wahrnehmen noch anerkennen, und auch nicht des Aktes, der Intention zu geben bewusst sein. Das ‚Geschenk‛, das seinen Namen wirklich verdient, darf letztlich nicht als Geschenk (in einer Geschenk-, Ausstellungs- oder Aufmerksamkeitsökonomie) erscheinen: weder dem Geschenkempfänger noch dem Geschenkgeber. Instrumentalisierung, Absicht, Nutzen und Mittel, wie sie heute politisch-ökonomistisch-technizistisch-posthumanistisch erfolgen, sind daher gleichbedeutend mit der Zerstörung, Verseuchung und Vergiftung des Geschenks. Letztlich darf also das ‚Geschenk‛ den Schenkenden, individuellen wie kollektiven Subjekten, nicht einmal, ob bewusst oder unbewusst, als Geschenk erscheinen, es darf nie die Bedeutung eines Geschenks annehmen. Ein unverdorbenes Geschenk, das stattdessen ein radikales Vergessen erfordert. Diesmal jedoch nicht mehr im Sinne eines Verdrängens (Freud), einer unbewussten Handlungsweise, einer Praxis als bloße Selbsterzeugung des Menschen (Marx), oder eines Übermenschen (Nietzsche), sondern im Sinne eines absoluten Vergessens, das keine ökonomische Kreisfigur und keinen politischen Befehl mehr kennt.

Wenn wir also das vergiftete „Geschenk‟ des Pistorius nicht haben wollen, dann müssen wir die politisch-ökonomische Opfermaschinerie ein politisches Ende setzen. Hier wird nämlich nicht Krieg gegen einen angeblichen, äußeren wie inneren autoritären Feind, sondern Krieg gegen den eigenen Krieg, gegen die strategische Befehlsgewalt und gegen den Tod geführt – insofern hätte Pistorius den Krieg erst bei sich selbst zu suchen, um sich mit ihm auseinanderzusetzen: die kognitive und affektive Kriegsführung am eigenen Selbst. Eine Kriegsmaschinerie und ein Tötungsbefehl, die uns heute Pistorius als freiheitliches, demokratisches „Geschenk‟ schön verpackt als das ‚wahre‛, ‚schöne‛ und ‚gute Leben‛ präsentieren möchte, während es in Wirklichkeit nur ein uraltes, archaisches, vergiftetes Geschenk (englisch: gift) darstellt.

Jeder muss erfahren, dass das, was ist, in Wirklichkeit ein imperatives Sollen und Müssen ist – nicht „was ist‟ oder „sein könnte‟ (Konjunktiv) –, das heute die neuen Dogmatiker in ihrer freiheitlichen, demokratisch-kapitalistischen Heilslehre universal verkünden und politisch-militärisch durchsetzen wollen. Also nicht mehr idealistisch-subjektiv wie einmal: „Man muss wollen können‟ (Kant), sondern politisch-ökonomisch-konkret: ‚Du muss Freiheit und Demokratie wollen können.‛ Nämlich, in deiner „Kriegstüchtigkeit‟ den eigenen Tod ‚wollen-können‛, weil hier offenbar die metaphysischen Begriffe gerettet werden sollen. Insofern ergänzen sich heute die liberal-ökonomistische ‚Tüchtigkeit im Konkurrenzkampf‛, die das Schicksal eines jeden wirtschaftlich bestimmen sollte, mit der neuen, politisch-militärischen „Kriegstüchtigkeit‟. Denn für Pistorius, Macron oder Rutte gilt ja das neue, säkularisierte Unfehlbarkeitsdogma: ‚Zwischen uns und dem säkularisierten Himmel der Freiheit und Demokratie, in dem wir leben, ist nichts als der Feind.‛ Keiner werde hier nämlich im Krieg gegen das Böse umkommen, ohne nicht sogleich ins Paradies der Demokratie, Freiheit und „unsere Art zu leben‟ einzugehen. Daher bedarf es hier nicht bloß der Kritik und des politischen Pseudowiderstands, sondern der politischen Operation, welche die ganze liberal-demokratisch-kapitalistische Opfermaschinerie deaktiviert, unwirksam macht, außer Betrieb setzt, um vom eigenen Körper (natürlich wie kulturell) einen neuen, nicht mehr tödlichen, sondern freundlichen, humanen, lebendigen, anarchischen (herrschaftsfreien) Gebrauch zu machen.

Stavros Arabatzis

Stavros Arabatzis lehrt an der Universität zu Köln Medien- und Kunstheorie. Er forscht und publiziert im Bereich Kulturtheorie, Sprach- und Medienphilosophie und hat zuletzt Media on a Political Level und Alternativmedien publiziert. Er ist Mitglied des Editorial Boards des ITS Journals Art and Design (AD) mit Sitz in Hongkong und London.
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5 Kommentare

  1. „Stavros Arabatzis lehrt an der Universität zu Köln Medien- und Kunstheorie.“

    Wenn er seine Vorlesungen wie seine Texte gestaltet, sollte er ab und an mit der Utzi in die Decke schießen, damit den Studies nicht die Füße einschlafen.

  2. Ein sehr guter Artikel!
    Nun, ich habe während der Corona Kampagne einfach auf alles verzichtet, habe mein Essen selbst gekocht, Kaffee zuhause getrunken, auf „Urlaub“ verzichtet, notwendigste Produkte des Alltags bestellt und dabei gemerkt wie wenig man im Grunde braucht. Bei der derzeitigen Kampagne zur Kriegsertüchtigung halte ich es ähnlich. Der Fernseher bleibt aus, meine Kinder kriegt ihr nicht und ich schmiere keine Schnittchen für durchziehende Truppen. Krankenpflege und Näharbeiten an der Heimatfront übernehme ich auch nicht. Und ich sage es bei jeder Gelegenheit ganz offen: Ich lebe lieber unter russischer Besatzung als dass meine Kinder und ihre Generationsteilnehmer morden und ermordet werden. Die „Position der Stärke“ ist für mich nichts als eine Lachnummer. Stärke würde bedeuten zu sagen: Krieg ist nicht denkbar, lasst uns miteinander sprechen.

  3. »Jeder kann gegen und für alles demonstrieren. Die Meinungsfreiheit ist eine große Errungenschaft unserer Demokratie.«

    Dass jeder nicht seine Meinung sagen darf, selbst es es wahr ist, davon kann Jaques Baud ein Lied singen. Wer es nicht glaubt, braucht bloß in Wikipedia folgende Anfrage machen

    gibt es beweise für die vorwürfe, wegen denen jaques baud sanktioniert wurde?

    Und was Pistorius betrifft, da wiederhole ich mich gern:

    Ich kann nicht verstehen wieso dieser Mann, mit dem Charisma eines toten Herings, der beliebteste deutsche Politiker sein soll.

  4. Pistorius möchte also, dass die Jugend ihr wertvollstes Gut – ihr Leben – für „unsere Art zu leben“ einsetzt. Die andere Seite – Russland – hat auch einiges zu bieten, was evtl. erstrebenswert sein könnte. Laut KI gibt es folgende Familienförderungen:
    • Mutterschaftskapital (Matkapital): Eine staatliche Einmalzahlung (Zertifikat), die seit 2007 ausgezahlt wird. Die Beträge liegen bei rund 630.000 Rubel für das erste Kind und bei etwa 833.000 Rubel für das zweite bzw. weitere Kinder. Das Geld ist zweckgebunden und kann unter anderem für Wohnungsbau, Hypotheken, Bildung der Kinder oder die Altersvorsorge der Mutter eingesetzt werden.
    • Elterngeld und Lohnersatz: Eltern erhalten während des Erziehungsurlaubs eine staatliche Leistung (in der Regel bis zu 40 % des vorherigen Durchschnittslohns für die ersten 1,5 bis 3 Jahre).
    • Unterstützung für kinderreiche Familien: Familien mit vielen Kindern bekommen eine gesetzliche Ermäßigung von mindestens 30 % auf Strom- und Wohnkosten. In einigen Regionen gibt es zudem Zuschüsse für Hausreparaturen oder kostenlose Grundstücke für den Eigenheimbau.
    • Regionale Zusatzprämien und Kredite: Viele Regionen bieten eigene Programme an, wie etwa Einmalzahlungen für junge oder werdende Mütter (teilweise gezielt für Mütter unter 35 Jahren), zinsgünstige Kredite, Steuervorteile ab dem dritten Kind sowie Prämien oder Sachgeschenke (wie Willkommenspakete für Neugeborene).
    • Infrastruktur an Bildungseinrichtungen: An Schulen und Universitäten werden verstärkt Mutter-Kind-Räume, Kinderbetreuungsangebote sowie finanzielle Hilfen oder Boni für studierende Schwangere und junge Eltern eingerichtet.
    – Ziel: Demographische Kehrtwende gegen Bevölkerungsrückgang
    -Kreml setzt auf mehr Kinder
    – Russland verstärkt die Unterstützung für Familien mit kleinen Kindern. –
    01.06.2026 — In der gesamten Russischen Föderation erhalten kinderreiche Familien Unterstützung, darunter eine Ermäßigung von mindestens 30 % auf Strom- und Wohnkosten.

    !!! Bei uns gibt’s dagegen zugegeben mehr Unterstützung für die LBGTQ+Woke-Gruppen, aber ehrlicherweise könnte sich in Moskau der russische Verteidigungsminister auch genauso hinstellen und erklären: „Ihr müsst für unsere Art zu leben, kämpfen, usw…“ das braucht er aber gar nicht!
    Soweit ich gehört habe, gibt’s in Russland viele Freiwillige, während bei uns die Zahl der Freiwilligen – zum Glück und verständlicherweise – eher gering ist!
    Normale russische Bürger haben kein Interesse an einem Krieg gegen Deutschland und vice versa – die mit der Politik verbandelte Militärindustrie aber sehr wohl!

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