Das Land ohne Reserve

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Deutschlands Verteidigungsfähigkeit, ihre konkreten Schwachstellen — und die Frage, ob Diplomatie das bessere Geld wäre – Teil 1.

 

„Wer sich überall verteidigt, ist überall schwach.“ – Sunzi, Die Kunst des Krieges

Einleitung — Effizienz als Risiko

„Die Bundeswehr wird kriegstüchtig gemacht.“

Dieser Satz, seit der sogenannten Zeitenwende zum Programm erhoben, beschreibt eine Absicht, keinen Zustand. Wer die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands nicht an Absichten, sondern an ihrer physischen Substanz misst, stößt in fast jedem Feld auf dasselbe Muster: eine über drei Jahrzehnte gewachsene Betriebslogik der Effizienz durch Konzentration. Was betriebswirtschaftlich rational war, solange kein Gegner das deutsche Staatsgebiet erreichen konnte, ist strategisch zu einer Sammlung von Klumpenrisiken geworden. Ein Klumpenrisiko ist die militärische Entsprechung dessen, was jeder Anleger kennt, der sein gesamtes Vermögen in eine einzige Aktie legt: Solange sie steigt, ist die Rendite maximal; fällt sie, ist alles verloren. Deutschland hat, Fähigkeit für Fähigkeit, sein sicherheitspolitisches Vermögen in Einzelwerte gelegt.

Der Begriff, der das Problem präzise fasst, heißt Redundanz. In der Technik meint er die bewusste Doppelung tragender Elemente, damit der Ausfall eines Teils nicht den Ausfall des Ganzen bedeutet. Ein Verkehrsflugzeug hat zwei Triebwerke nicht, weil es zwei zum Fliegen braucht, sondern weil es mit einem noch sicher landen können muss. Redundanz ist teuer, sie wirkt im Normalbetrieb wie Verschwendung, und genau deshalb ist sie in dreißig Jahren des Sparens systematisch abgebaut worden. Die Vorratshaltung für den Verteidigungsfall wurde ab den 2000er-Jahren zugunsten einer rein bedarfsorientierten Lagerhaltung zurückgefahren; Standorte wurden verdichtet, Werke geschlossen, Zweitquellen aufgegeben, Reserven verkauft. Für das internationale Krisenmanagement mit seinen überschaubaren, planbaren Kontingenten war dieses System auskömmlich. Für die Landes- und Bündnisverteidigung, in der plötzlich und gleichzeitig sehr viel von allem gebraucht wird, ist es die Umkehrung dessen, was der Kalte Krieg mit seinen vielen kleinen, vollen Depots und seinen verteilten Standorten instinktiv richtig gemacht hatte.

Ein Blick zurück schärft den Kontrast. Im Kalten Krieg war die Bundeswehr auf Masse, Verteilung und Vorrat ausgelegt: viele Standorte, gefüllte Depots im ganzen Land, Instandsetzungskapazität in der Fläche, ein dichtes Netz kleiner, redundanter Einheiten. Das war teuer und im Frieden ineffizient — und genau deshalb überlebensfähig, weil der Ausfall eines Knotens den Nachbarn nicht mitriss. Die dreißig Jahre danach haben dieses Netz Masche für Masche aufgetrennt und durch wenige, hochoptimierte Großknoten ersetzt. Was dabei verloren ging, war nicht Schlagkraft im Einzelnen, sondern Tragfähigkeit im Ganzen: die Fähigkeit des Systems, Treffer zu absorbieren, ohne zu zerfallen.

Der Operationsplan Deutschland, der die Heimat erstmals seit Jahrzehnten wieder als Aufmarsch- und Operationsgebiet begreift statt als sichere Etappe im rückwärtigen Raum, ist der stille Widerruf dieser Logik. Doch ein Plan ist kein Zustand, und ein Widerruf braucht Jahre, bis er Beton, Stahl und ausgebildetes Personal geworden ist. In der Zwischenzeit bleibt sichtbar, was drei Jahrzehnte hinterlassen haben.

Das Wort von der Kriegstüchtigkeit meint dabei nicht die Lust am Krieg, sondern seine Verhütung: Nur wer einen Angriff überstehen könnte, schreckt ihn ab, und nur wer nicht billig zu treffen ist, wird gar nicht erst getroffen. Abschreckung ist keine Drohung, sondern eine Rechnung, die der mögliche Angreifer anstellt — und sie geht zu seinen Gunsten aus, sobald ein einziger Schlag eine ganze Fähigkeit auslöscht. Genau diese Rechnung gilt es umzukehren.

Die folgende Bestandsaufnahme geht die Fähigkeiten in der Reihenfolge durch, in der sich ihre Verwundbarkeit logisch erschließt: von der Luft über das Material, die Adern des Nachschubs, das Nervensystem der Führung, die Grundversorgung der Standorte, das Sanitätswesen und den Luftverteidigungsschild bis zu den maritimen Fähigkeiten, den schweren Lasten, der Instandsetzung und schließlich zu dem zivilen Knoten, an dem die Nachschublinie des Krieges deutschen Boden berührt — und schließlich zu der Ressource, die am längsten bindet und am meisten kostet: dem Personal und seiner lebenslangen Versorgung. In jedem Feld lautet die Frage dreifach: Worin besteht die Konzentration? Warum ist sie ein Risiko? Und gibt es erkennbare Bemühungen um Redundanz und Resilienz? Erst danach folgt die eigentliche, unbequeme Frage: ob sich die enormen Summen, die zur Beseitigung dieser Schwächen aufgewendet werden, überhaupt lohnen — oder ob Deutschland besser beraten wäre, sich auf seine diplomatischen und wirtschaftlichen Stärken zu verlassen, statt teuer und mit ungewissem Erfolg einer militärischen Aufholjagd nachzurüsten.

Eine Vorbemerkung zur Redlichkeit gehört an den Anfang. Der Gegenstand ist unangenehm, weil jede genaue Beschreibung einer Schwäche zugleich eine Landkarte für den ist, der sie ausnutzen möchte. Deshalb bewegt sich diese Darstellung durchweg auf der Ebene öffentlich dokumentierter System- und Standortkenntnis, wie sie in Fachpublikationen, amtlichen Mitteilungen und der Tagespresse längst zugänglich ist. Präzise Bewachungskonzepte, Zufahrten, Belegungen oder operative Details bleiben außen vor. Für die Analyse genügt die Systemebene — und sie genügt, leider, vollständig, um das Problem zu zeigen.

1. Die Luft — Transport und Abschreckung an wenigen Punkten

„Der taktische Lufttransport der Bundeswehr steht auf modernem Stand.“

Das stimmt, und es ist zugleich das Problem. Die gesamte Flotte des Transportflugzeugs A400M ist an einem einzigen Ort stationiert: dem Fliegerhorst Wunstorf bei Hannover. Dort liegen nicht nur die Maschinen, sondern auch die Ausbildung der Besatzungen, der Simulator und die Instandsetzungstiefe für dieses Waffensystem. Die Konzentration erzeugt reale Effizienz — gemeinsame Werkstätten, eingespieltes Personal, geringere Vorhaltekosten, ein einziger Ort, an dem alle Kompetenzen zusammenlaufen. Sie erzeugt aber ebenso die Situation des sprichwörtlichen einen Korbes, in den alle Eier gelegt wurden: Fällt Wunstorf durch Angriff oder Sabotage aus, fällt der taktische Lufttransport der Bundeswehr nicht anteilig aus, sondern schlagartig und vollständig, samt der Fähigkeit, künftige Besatzungen auszubilden und beschädigte Maschinen wieder flugklar zu machen. Es gibt keinen zweiten Fliegerhorst, der die Flotte oder auch nur einen Teil ihres Betriebs übernehmen könnte.

Die Flotte umfasst rund fünfzig Maschinen, die nicht nur Fracht und Truppen verlegen, sondern als fliegende Intensivstation Verwundete ausfliegen und im Betankungsverfahren andere Luftfahrzeuge versorgen können — ein Alleskönner, der genau deshalb schwer zu ersetzen ist. Und er startet und landet an diesem einen Ort. Ein Angreifer muss keine Flugzeuge zerstören; es genügt, die eine Bahn unbrauchbar zu machen, um die gesamte Fähigkeit für Wochen stillzulegen.

Bei den Kampfflugzeugen liegt der Fall günstiger, und die Redlichkeit gebietet, das ausdrücklich zu sagen, statt ein durchgängig düsteres Bild zu zeichnen. Die Eurofighter sind über Neuburg, Laage, Nörvenich und Wittmund verteilt, die Tornados über Büchel und Jagel; die Jagdfliegerei ist damit der am wenigsten konzentrierte Teil der Luftwaffe. Ein einzelner Schlag legt sie nicht lahm, weil es mehrere voneinander unabhängige Standorte gibt. Büchels Problem ist ein anderes und feinerer Natur: Der Standort trägt die Aufgabe der nuklearen Teilhabe und ist dadurch singulär, weithin bekannt und nicht substituierbar. Hier liegt keine Konzentration von Masse vor, sondern eine Konzentration von Bedeutung — ein Ziel, dem man nicht ausweichen kann, weil es kein zweites seiner Art gibt. Die Verwundbarkeit entsteht nicht aus der Zahl der dort stehenden Flugzeuge, sondern aus der Unersetzlichkeit der Funktion.

An diesem Punkt zeigt sich zum ersten Mal, dass Redundanz nicht nur beklagt, sondern auch geübt wird. Die Luftwaffe hat im April 2026 mit Eurofightern des Taktischen Luftwaffengeschwaders 73 unter dem Titel „Dispersed Operations“ vom Zivilflughafen Lübeck-Blankensee aus operiert — bewusst ohne eigene militärische Infrastruktur, allein gestützt auf die vorhandenen zivilen Rollbahnen und Betriebsstoffe. Das Kalkül ist so alt wie einleuchtend: Wer heute von Lübeck starten kann, morgen von Bremen und übermorgen von Münster, bietet dem Gegner viele Ziele statt eines einzigen und zwingt ihn, seine begrenzten Wirkmittel auf eine bewegliche Vielzahl zu verteilen. Parallel wurden ab Juli 2026 in allen Teilstreitkräften Schnelle Reaktions-Elemente zur Drohnenabwehr aufgestellt, eine direkte Antwort auf die neue Bedrohung durch kleine, billige, schwer zu ortende Flugkörper. Das ist der richtige Weg. Er heilt aber nur die Verteilbarkeit der fliegenden Verbände, nicht die Konzentration der Werften, der Ersatzteillager und der einen Ausbildungsbasis, an denen dieselbe Flotte hängt. Ein Jagdverband, der von zehn Plätzen starten kann, aber seine schwere Instandsetzung nur an einem einzigen Ort bekommt, hat die Verwundbarkeit nur verschoben, nicht beseitigt.

Dieselbe Logik gilt hinter der Truppe, in der Industrie: Endmontage, Systemprüfung und Flugerprobung der Eurofighter laufen an einem einzigen Ort zusammen, in Manching. Die fliegenden Verbände lassen sich auf viele Plätze verteilen; der eine Ort, an dem sie gebaut, geprüft und tief instand gesetzt werden, lässt sich nicht verteilen.

2. Das Material — eine Kette mit zwei nationalen Knoten

„Rheinmetall baut die größte Pulverfabrik Europas.“

Die Meldung ist wahr, und sie benennt ungewollt das Klumpenrisiko. Treibladungspulver — der eigentliche Engpass der Artillerie, nicht die leere Granate — wird in Deutschland praktisch an einem einzigen Ort produziert: in Aschau am Inn, im Werk der Nitrochemie, eines Gemeinschaftsunternehmens von Rheinmetall und der Schweizer RUAG. Daneben existiert im Konzernverbund nur das Schweizer Werk in Wimmis. Heute leistet Aschau im Betrieb rund um die Uhr etwa 1.700 Tonnen Pulver jährlich; mit dem im Juli 2026 begonnenen Ausbau — rund 350 Millionen Euro am Standort, konzernweit 650 Millionen in Pulver und energetische Vorprodukte — soll die Kapazität bis 2028 auf 4.200 Tonnen steigen, das Konzernziel liegt bei rund 20.000 Tonnen bis 2030. Der entscheidende Satz stammt aus der Unternehmensmitteilung selbst: Die gesamte Wertschöpfungskette der modularen Treibladungen erfolge „aus einer Hand — und an einem Standort“.

Was als Effizienzversprechen gemeint ist, ist die exakte Beschreibung eines Nadelöhrs. Pulver produzieren weltweit nur wenige Hersteller, und die Vorprodukte — Nitrocellulose und energetische Grundstoffe — sind ihrerseits ein eigener Flaschenhals mit ihren eigenen wenigen Quellen. Wer die gesamte Fertigungstiefe an einem Ort bündelt, gewinnt Kontrolle und Effizienz und verliert im selben Zug jede Ausweichmöglichkeit. Fällt dieser Ort aus — durch Unfall, Sabotage oder Angriff —, steht nicht ein Teil der Pulverproduktion still, sondern die nationale Pulverproduktion.

Die Größenordnung des Ausbaus unterstreicht, wie sehr das Land an diesem einen Faden hängt: Über ein Fünftel der bis 2030 angestrebten Konzernkapazität soll aus Aschau kommen, dessen Gelände dafür von rund neunzig auf hundertzehn Hektar wächst und dessen Belegschaft sich von gut achthundert auf etwa vierzehnhundert nahezu verdoppeln soll. Solange dieser Ausbau nicht steht, gilt die alte, unbequeme Rechnung: viele Granaten, wenig Pulver — und über die Feuergeschwindigkeit entscheidet nicht die Zahl der Hüllen, sondern die Menge des Pulvers.

Bei der Großkalibermunition ist Rheinmetall in Deutschland faktisch alleiniger Hersteller. Das „Werk Niedersachsen“ in Unterlüß, im August 2025 in Anwesenheit hoher Politik eröffnet, soll die Fertigung von 155-Millimeter-Geschossen von rund 25.000 Schuss im Jahr 2025 über 140.000 im Jahr 2026 auf die volle Kapazität von etwa 350.000 Schuss jährlich ab 2027 hochfahren; ein Rahmenvertrag mit der Bundeswehr reicht bis zu einem Bruttowert von 8,5 Milliarden Euro. Konzernweit soll die Produktion von rund 70.000 Geschossen im Jahr 2022 auf etwa 1,5 Millionen bis 2030 wachsen, getragen auch von Werken in Spanien, Ungarn, Litauen und Rumänien.

Das Werk in Unterlüß, im August 2025 in Anwesenheit von Vizekanzler, Verteidigungsminister und NATO-Generalsekretär eröffnet, ist ein sichtbares Zeichen des Umsteuerns. Es ändert aber nichts an der Grundstruktur der Kette mit ihren zwei nationalen Knoten; es füllt den einen, während der andere — das Pulver — der eigentliche Engpass bleibt. Ein zweites Werk für Geschosshüllen löst kein Problem, solange nur ein einziges Werk das Pulver liefert, das sie erst zur Waffe macht.

Warum die Pulvermenge über alles entscheidet, führt der Krieg in der Ukraine drastisch vor: An intensiven Frontabschnitten wurden zeitweise mehrere tausend Artilleriegeschosse am Tag verschossen — ein Verbrauch, der jede europäische Friedensproduktion in Wochen leerte und den Aufbau neuer Kapazitäten zur eigentlichen strategischen Frage machte. Eine Armee, die im Frieden auf schlanke Vorräte optimiert wurde, verschießt in wenigen Wochen, was die Industrie in einem Jahr nachproduziert. Der Engpass ist nicht die Waffe, sondern ihr Nachschub.

Die Kette hat damit genau zwei nationale Knoten — Geschosskörper in Unterlüß, Pulver in Aschau, rund 650 Kilometer voneinander entfernt —, und keiner von beiden hat eine inländische Ausweichkapazität. Der kritische Knoten ist dabei nicht der auffälligere. Eine leere Granatenhülle ist ein Stück bearbeiteter Stahl; erst das Pulver macht sie zur Munition. Über das Liefertempo entscheidet nicht die Bestellung, sondern die verfügbare Produktion, und die knappste Stelle in dieser Produktion ist das Pulver. Die Redundanz, die tatsächlich existiert, liegt im Ausland — Wimmis, Spanien, Südafrika —, also genau dort, wo im Bündnisfall die nationale Verfügungsgewalt endet und die Verteilung der knappen Güter zwischen Verbündeten zur politischen Frage wird.

Ähnlich, und noch stiller, verhält es sich bei einem Bauteil, das kaum je genannt wird und doch die Beweglichkeit aller Panzerverbände bestimmt: der Panzerkette. Sie wird in Remscheid gefertigt, heute durch die KNDS Deutschland Tracks, vormals Diehl, in einer Gießerei in Lüttringhausen — mit eigenem Lichtbogenofen, also eigener Stahlerzeugung im Haus — und einer Schmiede in Vieringhausen. Sämtliche Kettenfahrzeuge des deutschen Heeres laufen auf Ketten aus dieser einen Stadt; das Unternehmen beliefert über fünfzig Streitkräfte und bezeichnet sich als weltweit einzigen Hersteller, der alle wesentlichen Gummi- und Stahlkomponenten selbst entwickelt und fertigt. Der Punkt, der das Risiko dramatisiert, ist die Natur des Produkts: Ketten sind kein einmal verbautes Bauteil, sondern ein Verbrauchsgut, das nach 4.000 bis 6.000 Kilometern getauscht werden muss. Im Frieden ist das eine Zahl aus dem Instandsetzungsplan; unter Gefechtsbedingungen mit hoher Fahrleistung wird daraus ein laufender Bedarf, der die Neuproduktion von Fahrzeugen um ein Vielfaches übersteigt. Ein Kampfpanzer ohne funktionsfähige Kette ist kein Panzer, sondern ein unbeweglicher, gepanzerter Kasten. Die Redundanz-Bemühung ist hier real, aber im Umfang bezeichnend klein: ein neues Werk in Remscheid-Lennep für rund 15 Millionen Euro ab 2028. Das Verhältnis dieser Summe zu den 350 Millionen für Pulver und 500 Millionen für das Munitionswerk zeigt, wie ungleich die Aufmerksamkeit über die Kette der Abhängigkeiten verteilt ist. Dabei gilt die schlichte Regel jeder Kette: Ihre Tragfähigkeit bestimmt das schwächste Glied, nicht das stärkste.

3. Die Adern — Depots, Bahn und die Grundversorgung

„Die Bundeswehr lagert dezentral über ganz Deutschland verteilt.“

Die Wirklichkeit ist beinahe das Gegenteil. Munitions- und Materiallagerung liegt bei den ortsfesten logistischen Einrichtungen unter dem Logistikzentrum der Bundeswehr in Wilhelmshaven, das sich auf rund fünfzig Liegenschaften verteilt. Das größte konventionelle Munitionslager, das Munitionshauptdepot bei Dorsten, umfasst mehrere hundert Bunker; ab 2019 wurden acht zuvor zur Schließung vorgesehene Depots wieder in Betrieb genommen. Das Logistikzentrum beschreibt die eigene Ausgangslage entwaffnend offen: Die Einrichtungen seien ab den 2000er-Jahren „weitgehend durch singuläre Fähigkeiten, Reduzierung von Lagerflächen und eine starke Ausrichtung an wirtschaftlichen Aspekten“ geprägt worden; jede sei „im Prinzip eine Unikatdienststelle mit exklusivem Artikelkreis“. Wenn nur ein einziges Materiallager eine bestimmte Fähigkeit besitzt — etwa die Aufbereitung einer speziellen Radbaugruppe an einem einzigen Ort —, dann ist dieses Lager kein Depot im Sinne einer Reserve, sondern ein Nadelöhr, dessen Ausfall genau diese Fähigkeit bundesweit stilllegt. Zur Konzentration kam die Entleerung: wenige Lager, und diese dünn gefüllt, weil die Vorratshaltung für den Verteidigungsfall zugunsten der bedarfsorientierten Lagerhaltung zurückgefahren wurde. Die Reaktivierung von acht Depots seit 2021 ist der Beginn einer Umkehr, ersetzt aber nicht die Hunderte kleiner, voller Depots, die verkauft oder umgewidmet wurden.

Konkret betrifft das etwa das größte Munitionslager bei Dorsten mit seinen mehreren hundert Bunkern oder jene fünf 2019 wiederbelebten Liegenschaften, deren Standorte — Material- und Munitionslager in Baden-Württemberg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein — in amtlichen Listen längst öffentlich sind. Die Unikat-Logik zeigt sich an einem harmlos klingenden Beispiel: Ein einziges Lager bereitet bundesweit eine bestimmte mehrteilige Radbaugruppe auf. Fällt es aus, fehlt diese Baugruppe überall zugleich — ein Nadelöhr, das kein noch so voller Vorrat an anderer Stelle ausgleicht, weil die Fähigkeit selbst nur einmal existiert.

Dahinter steht dieselbe Denkfigur, die die zivile Wirtschaft als „Just in time“ feiert: Lager kosten Geld, also hält man sie klein und lässt nachliefern, wenn Bedarf entsteht. Für eine Fabrik im Frieden ist das effizient. Für eine Armee im Krieg ist es fahrlässig, weil der Nachschub genau dann ausbleibt, wenn er gebraucht wird, und weil sich Munition, anders als Ersatzteile einer Fabrik, nicht binnen Tagen herbeirufen lässt. Die Rückkehr zur Vorratshaltung ist deshalb keine Nostalgie, sondern die Einsicht, dass Reserve und Effizienz im Verteidigungsfall Gegensätze sind.

Was gelagert ist, muss im Ernstfall bewegt werden — und zwar überwiegend auf der Schiene, weil Kettenfahrzeuge auf der Straße rasch verschleißen und weil die Bundeswehr die Verlegung auf der Schiene ausdrücklich bevorzugt. Damit wird die Schiene zum Flaschenhals, durch den fast alles hindurch muss, und in diesem Flaschenhals stapeln sich drei Engpässe übereinander.

Der erste sind die Waggons. Eigene schwere Transportkapazität besitzt die Bundeswehr kaum; der Kern liegt in einem Rahmenfrachtvertrag mit der DB Cargo über einige hundert Flachwagen samt geblockter Zeitfenster, für rund 68,7 Millionen Euro im Jahr, ergänzt durch zivile Mietwagen. Zwei Dinge sind daran kritisch. Erstens die Gewichtsklasse: Ein Teil der zusätzlich angemieteten Flachwagen trägt nur rund 23,5 Tonnen je Wagenhälfte und ist damit für schwere Kampfpanzer, die deutlich über sechzig Tonnen wiegen, schlicht ungeeignet. Zweitens die Abhängigkeit: Weil das auffiel, hat das Beschaffungsamt Mitte 2026 bis zu 900 eigene Militär-Flachwagen ausgeschrieben, ausdrücklich, um unabhängiger vom zivil angemieteten Wagenpark zu werden — doch die Finanzierung der optionalen Abrufe war zum Zeitpunkt der Ausschreibung nicht gesichert, und bis zur Lieferung vergehen Jahre.

Der zweite Engpass sind die Brücken. Schweres Gerät wird nach der militärischen Lastenklasse eingestuft; ein Leopard 2 verlangt die Klasse MLC 70, und nicht jede Brücke trägt diese Last. Die alten gelben Schilder, die die Tragfähigkeit vor Ort auswiesen, sind seit 2009 nicht mehr vorgeschrieben und vielerorts verschwunden; die Tragfähigkeit steht zwar in einer zentralen Datenbank, die aber unter Einsatzbedingungen nur schwer abrufbar ist, sodass ein kurzfristig umgeleiteter Konvoi vor einer nicht tragfähigen Brücke stehen und zum leichten Ziel werden kann. Der Bund hat rund 4.000 Brücken als kritisch identifiziert, darunter solche an den Seehafenstandorten und am Nord-Ostsee-Kanal — ausgerechnet dort, wo Verstärkung aus Übersee ankommt und weiterrollen müsste.

Der dritte Engpass ist der Netzbetreiber selbst, die seit Januar 2024 als DB InfraGO firmierende, weiterhin zivile Nachfolgerin der DB Netz. Sie beschreibt ihr eigenes Netz als hoch belastet, überaltert und störanfällig; das militärisch relevante Kernnetz umfasst rund 4.000 Streckenkilometer bei einer durchschnittlichen Auslastung von etwa 125 Prozent. Die Antwort auf die Störanfälligkeit ist die Generalsanierung von rund vierzig Korridoren bis 2036 — aber ihre Methode ist die monatelange Vollsperrung ganzer Achsen statt vieler kleiner Baustellen. Damit werden ausgerechnet die Hauptstrecken, auf denen im Ernstfall verlegt würde, planmäßig und über Monate aus dem Netz genommen: Die Redundanz wird dort entfernt, wo sie am nötigsten wäre, und zwar nicht durch den Gegner, sondern durch die eigene Instandhaltung.

Wie real dieser Engpass ist, hat die Sanierungswelle bereits vorgeführt: Nach dem fünfmonatigen Vollausbau einer ersten Hauptachse im Jahr 2024 folgten 2026 weitere mehrmonatige Komplettsperrungen wichtiger süddeutscher Strecken. Für die Verlegung schwerer Verbände bedeutet das im Klartext: Müsste im Ernstfall verlegt werden, stünden Teile des tragenden Netzes planmäßig gar nicht zur Verfügung — eine Redundanzlücke, die nicht der Gegner reißt, sondern der Bauplan.

Noch grundlegender ist die Versorgung der Standorte selbst. Die Bundeswehr betreibt über 1.500 Liegenschaften mit mehr als 33.000 Gebäuden; ihr Energieverbrauch entspricht dem mehrerer Großstädte, und Strom, Wasser und Wärme beziehen die Kasernen fast durchweg aus den zivilen Netzen — denselben, aus denen auch der Supermarkt nebenan versorgt wird. Eine autarke Rückfallebene ist die Ausnahme; sie wurde erst 2023 überhaupt als Resilienzparameter benannt und wird in hybriden Konzepten aus Photovoltaik, Speicher und Notstromanlagen erprobt, nicht flächendeckend betrieben. Wo Notstromanlagen vorhanden sind, haben sie begrenzte Kraftstoffreserven und damit ein geringes Durchhaltevermögen, und ihr Nachschub hängt wiederum am zivilen Netz, weil die wenigsten Tankstellen notstromversorgt sind. Die Rückfallebene fällt also im Ernstfall potenziell mit dem aus, gegen dessen Ausfall sie schützen soll.

Dass hier die eigentliche, weil billigste Schwachstelle liegt, haben die Sabotage-Verdachtsfälle der Jahre 2024 bis 2026 vorgeführt. In Köln-Wahn wurde im August 2024 ein Loch im Zaun nahe der Trinkwasseranlage entdeckt, begleitet von abnormen Wasserwerten; die Kaserne — Sitz der Flugbereitschaft für die Regierungsflüge und Drehkreuz der Ukraine-Unterstützung mit mehreren tausend Soldaten und Zivilbeschäftigten — wurde stundenlang abgeriegelt, Feldjäger, Militärischer Abschirmdienst und Polizei ermittelten wegen Sabotageverdachts. In Hamburg wurden 2025 an zwei fabrikneuen Korvetten Stahlkugeln in einen Motorblock gefüllt, Frischwasserleitungen durchstochen und Sicherungen der Bordelektronik lahmgelegt — entdeckt erst bei der Abfahrtskontrolle. Und im Januar 2026 legte ein Brandanschlag auf eine Kabelbrücke nahe einem Berliner Kraftwerk tagelang zehntausende Haushalte lahm. Das Muster ist immer dasselbe: Der Angriff zielt auf das gemeinsame Substrat, weil ein Kontaminant im Brunnen oder eine Handvoll Stahlkugeln im Motor unvergleichlich billiger ist als ein Gefecht gegen die Truppe, und weil die Wirkung wie ein technischer Defekt aussehen und damit unter der Schwelle des bewaffneten Angriffs bleiben kann. Das erst Ende Januar 2026 verabschiedete Dachgesetz zum Schutz kritischer Infrastruktur, das Notstrom und Zugangsbeschränkung verlangt, ist die verspätete Einsicht, dass beides bisher nicht gesichert war.

Diese Vorfälle folgen einer erkennbaren Logik, die man verstehen muss, um sie abzuwehren. Der Angriff bleibt bewusst unterhalb der Schwelle, die eine Bündnisreaktion auslöste: kein Panzer rollt, keine Rakete fliegt, stattdessen ein Loch im Zaun, Stahlkugeln im Motor, ein Brand an der richtigen Stelle. Die Wirkung ist militärisch, die Erscheinung technisch, die Urheberschaft bestreitbar. Gegen diese Grauzone hilft keine schwere Waffe, sondern nur das Unspektakuläre: ein bewachter Zaun, ein gehärtetes Wasserwerk, ein redundantes Kabel, eine zweite Quelle. Es ist die billigste Bedrohung, die die teuerste Armee aushebeln kann — und zugleich die, gegen die Resilienz am unmittelbarsten wirkt.

Gerhard Ebeling

Gerhard Ebeling ist ehemaliger internationaler IT-Manager und General Manager eines großen Finanzkonzerns. Vor dem Hintergrund seiner beruflichen Expertise sind Fragen der Beherrschung von Ausfallrisiken und des Aufbaues von struktureller Resilienz seine Kernkompetenz.
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4 Kommentare

  1. Alles geht in die falsche Richtung, wie es durch ein falsches Leben nur sein kann.
    Es ist alles eine Frage der Konditionierung, respektive der falschen Wahrnehmung geschuldet.

  2. Deutschland, das Land ohne die 3 M.
    Keine Munition, keine Moral, keine Mountains. Jedenfalls nicht dort, wo Bergketten Sinn machten.

  3. Abschrecken könnte man auch, indem man einem potentiellen Angreifer glaubhaft macht, daß sich ein friedliches Miteinander für ihn mehr lohnt, als eine militärische Okkupation. Aber ja, ich weiß, nur Putin will Krieg. Und deswegen geben wir ihn ihm. Sind wir nicht nett?

  4. „Wer aufrüsten will, ohne über Rohstoffe zu verfügen, baut Panzer aus Luft. Wer China, Russland und den Globalen Süden zu Gegnern erklärt, aber genau von dort die Materialien braucht, die jede Granate, jede Drohne, jeden Marschflugkörper erst möglich machen, betreibt keine Sicherheitspolitik – sondern Selbstsabotage.“
    https://globalbridge.ch/ruestung-seltene-erden-und-frieden/

    Geht das eigentlich in die Köppe der „Europäischen Autokraten“ in Brüssel, Berlin, Paris, Rom, Madrid, Warschau ~ rein?
    Ich habe da so meine Zweifel.

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