Das Konzentrationslager Salaspils

Zeichnung des Konzentrationslagers Salatpils eines Lagergefangenen. Bild: public domain

Wider das Vergessen! Ein Menschheitsverbrechen: Kinderkonzentrationslager Salaspils (1941-1944).

 

1. Eine unbequeme Geschichte

Das NS-Konzentrationslager Salaspils bei Riga, das während des Zweiten Weltkriegs im von den Nazis besetzten Lettland errichtet wurde, war das größte im Baltikum. Es erstreckte sich über eine Fläche von dreißig Hektar. Im Lager waren Kriegsgefangene, Zivilisten und Kinder interniert. 1944 wurde es von sowjetischen Soldaten befreit.

Eine außerordentliche staatliche Kommission sammelte dort anschließend Zeugenaussagen, Dokumente und Beweise für die Verbrechen der Nazis und ihrer Kollaborateure. 1967 wurde eine Gedenkstätte errichtet und in den Kulturkanon Lettlands aufgenommen. Nach 1991 erwies sich das Thema Salaspils als heikel, da es nicht in die Agenda der revisionistischen lettischen Geschichtsschreibung passte.

Anfang der 2000er-Jahre wurden Ideen entwickelt, die Gedenkstätte in ein Denkmal für die Opfer der „zwei Besatzungen“ umzuwandeln. Im heutigen Lettland gibt es Bestrebungen, die Geschichte des Lagers Salaspils umzuschreiben, um die Verbrechen der Nazis in Vergessenheit geraten zu lassen. Salaspils‘ Vergangenheit sorgt bis heute bei lettischen Geschichtsrevisionisten für Unmut.

Sowjetischen Quellen zufolge wurden im Konzentrationslager Salaspils über 100.000 Menschen, darunter ca. 12.000 Kinder, von denen mindestens 7.000 jüdische Kinder, inhaftiert und ermordet.

Es war nicht nur ein Vernichtungslager, sondern auch eine Blutbank. Kinderblut! Die abgemagerten und ausgehungerten Kinder, manche unter fünf Jahren, wurden zynischerweise als lebende Blutbehälter oder als Versuchsobjekte für medizinische Experimente behandelt.

In den meisten Fällen wurde den Kindern das gesamte Blut abgenommen. Im Laufe von mehr als drei Jahren (1941–1944) wurden insgesamt 3.500 Liter Kinderblut entnommen.

Den jungen Gefangenen wurde Blut abgenommen, um die Vorräte deutscher Krankenhäuser aufzufüllen. „Wir lebten in einer Baracke; wir durften nicht nach draußen“, erinnerte sich Natalia Lemeshonok, eine ehemalige Gefangene von Salaspils. „Die kleine Anja weinte unaufhörlich und bettelte um Brot, aber ich hatte nichts, was ich ihr geben konnte. Ein paar Tage später wurden wir zusammen mit anderen Kindern ins Krankenhaus gebracht. Dort war ein deutscher Arzt und mitten im Raum stand ein Tisch mit verschiedenen Instrumenten. Der Arzt sagte, dass es keinen Sinn zu weinen hätte, da wir sowieso alle sterben würden, aber so wären wir wenigstens nützlich … Ein paar Tage später wurde uns erneut Blut abgenommen. Anja starb.“

Ein forensischer Untersuchungsbericht vom 28. April 1945 über die Massengräber von Kindern im Konzentrationslager Salaspils ist erhalten geblieben. Dem Dokument zufolge wurden auf dem Gelände von Salaspils 54 Massengräber entdeckt. Darin fand man die Überreste von über 600 Menschen. Unter ihnen befanden sich 114 Säuglinge, 106 Kinder im Alter von ein bis drei Jahren und 208 Kinder im Alter von drei bis acht Jahren. Die übrigen jungen, unschuldigen Gefangenen verschwanden spurlos. Viele trauernde Mütter und Väter erfuhren nie, was mit ihren Kindern geschehen war und konnten deren Gräber nicht besuchen.1

Während der Sowjetzeit kannten sehr viele Menschen diesen furchterregenden Ort. Heute ist das Konzentrationslager Salaspils ganz in Vergessenheit geraten. Mehr noch: Solche Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges sind in Lettland und den anderen baltischen Republiken derart gleichgültig geworden, dass es am 20. April 2026 in den lettischen Medien über einen Vorfall mit der Überschrift „Ein Picknick im Konzentrationslager? Letten schockiert über ein Foto an der Gedenkstätte Salaspils“ berichtet wurde.

Das Foto zeigt zwei Mädchen, die vor einer der Figuren der Gedenkstätte pietätlos aßen und tranken. „Wenn das stimmt“, was auf dem Foto zu sehen ist, „dann frage ich mich“, sagte eine empörte Lettin, „was in ihrem Kopf vorgeht und was in diesem Dorf vor sich geht, wenn Kinder zu einem Picknick an einen Ort mitgenommen werden, wo die Erde hinter den Toren ächzt“.

Ja, was geht in den Köpfen der Jugendlichen vor? Die Frage ist an diejenigen zu stellen, die in den vergangenen fünfunddreißig Jahren seit der Wiederherstellung der staatlichen Souveränität dreier baltischen Republiken Estland, Lettland und Litauen ihren Geschichtsrevisionismus betrieben haben.

 

2. Die Gegenwart

    In ihrer am 18. September 2020 veröffentlichten Studie „„Других героев у них нет“. Прославление нацистов в странах Балтии имеет глубокие корни“ (Sie haben keine anderen Helden. Die Verherrlichung der Nazis in den baltischen Staaten hat tiefe Wurzeln) schreibt Anastasia Filippova: „Die Ursprünge des baltischen Nationalismus müssen im vergangenen Jahrhundert gesucht werden, da die kurze Vorkriegszeit der Unabhängigkeit in diesen Ländern nicht als Blütezeit der Demokratie gelten kann. Die Geschichte wiederholt sich und die herrschenden Eliten setzen ihren rechtsgerichteten Kurs fort.“

Der Prozess der Etablierung der baltischen Republiken als souveräne Staaten nach dem Untergang der Sowjetunion wurde durch eine Überwindung des sowjetischen Totalitarismus geprägt, an dessen Stelle statt liberaler Werte wie Menschenrechte und Rechtsstaat ein grassierender, bereits zu Sowjetzeiten vorhandener, aber unterdrückter Ethnonationalismus trat. Dieser richtete sich nicht nur gegen die im „befreiten“ Baltikum lebenden vielen Russen, die als „Besatzer“ wahrgenommen wurden, sondern auch gegen die überkommene sowjetische Geschichtsdeutung, die einer radikalen Revision unterzogen wurde.

Die Wiedergewinnung der staatlichen Souveränität der Balten konnte offenbar auch auf keiner anderen Grundlage als auf der des Ethnonationalismus erfolgen, begleitet durch eine massive Diskriminierung und Entrechtung der russischstämmigen Bevölkerung, die in den EU-Hauptstädten weitgehend totgeschwiegen werden. Wenn es um die Russen geht, werden in der EU die Menschenrechte klein geschrieben.

Die baltischen Republiken waren indes weder vor dem Beitritt zur UdSSR noch sind sie nach dem Austritt Hochburgen von Menschenrechten und Rechtsstaat geworden. Die kurze Phase ihrer Unabhängigkeit in der Zwischenkriegszeit war von der Dominanz des Ethnonationalismus und Autoritarismus geprägt. Was wir in den vergangenen fünfunddreißig Jahren seit dem Untergang der Sowjetunion im Baltikum erlebt haben, ist zudem eine sukzessive Rehabilitierung und Verherrlichung des Faschismus.

Wie Bandera, Schuchewytsch und Co. zu Nationalhelden der Ukraine wurden, so werden die „Waldbrüder“ und ehem. Legionäre der Waffen-SS als Nationalhelden im Baltikum verehrt.

Jedes Jahr findet am 16. März in Riga mit stillschweigender Duldung der Behörden ein Marsch lettischer SS-Legionäre statt. Es werden Bücher mit Memoiren von Kriegsverbrechern veröffentlicht, darunter die von Herberts Cukurs (1900-1965), einem Mitglied von Viktors Arajs‘ Sonderkommando, der zu den brutalsten Henkern des Rigaer Ghettos gehörte und an der Vernichtung der Juden beteiligt war.

„Dies ist mein Mörder“, überschrieb Jürgen Hogrefe am 27. Juli 1997 seinen Spiegel-Artikel, als er ein „Protokoll der Jagd auf einen Nazi“ veröffentlichte. Darin schilderte er, wie „der Geheimdienst Mossad den berüchtigten „Henker von Riga“, Herbert Cukurs, aufspürte und tötete“2.

Die „Waldbrüder“ gelten in Litauen mittlerweile als Nationalhelden, die angeblich zur Kollaboration mit dem NS-Regime gezwungen wurden, da dies ihre einzige Hoffnung auf Unabhängigkeit gewesen sein sollte.

Bereits am 30. November 2023 beklagte sich der russische Außenminister, Sergej Lawrow, auf einer Sitzung des Außenministerrats der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) darüber, dass „wir uns seit Jahren nicht darauf einigen können, das Thema Neonazismus in die Tagesordnung aufzunehmen, obwohl wir in Europa, vor allem in der Ukraine und im Baltikum, einen Anstieg der Nazi-Ideologie und -Praktiken sowie anderer Formen rassistischer und religiöser Intoleranz, die Verherrlichung von Nazi-Kollaborateuren, die Zerstörung von Denkmälern für Befreier und die gesetzliche Verankerung dieser Verbrechen beobachten“.

Dass Lawrows Be- und Anschuldigungen weder aus der Luft gegriffen noch ganz neu sind, zeigen selbst Berichte in den deutschen und anderen EU-europäischen Medien über „Nationalismus im Baltikum“. Unter der Überschrift „Marschieren für die Waffen-SS“ veröffentlichte Reinhard Wolff bereits am 17. März 2013 seinen Artikel in der taz.

Dort war zu lesen: „Am Samstag fand im Zentrum der Hauptstadt Riga wieder der jährliche Marsch zum Gedenken an die Angehörigen der lettischen Waffen-SS-Division statt. Auf 3.000 schätzte die Polizei die Zahl der TeilnehmerInnen, an der Spitze marschierten Abgeordnete und Mitglieder der nationalistischen Regierungspartei Nationale Allianz.“

Und die österreichische Tageszeitung Der Standard berichtete noch früher, schon am 31. Juli 2007, unter dem Titel „Baltikum: Die SS-Veteranen marschieren“:

„SS-Veteranen und Ex-Soldaten anderer Einheiten des Hitlerregimes haben am Wochenende in Estland und Lettland eine Würdigung ihrer historischen Rolle verlangt. Die Veteranen der 20. estnischen SS-Division wollen gesetzlich fixiert haben, dass die „Esten, die in deutscher Uniform gekämpft haben, für die Demokratie gekämpft haben“. Hinter der Grenze finde sich noch immer ein „feindlicher Staat“, meinten sie am Samstag im ostestnischen Volost Vaivara. Verteidigungsminister Jaak Aawiksoo richtete eine Grußbotschaft an sie, in der er die Auffassung teilte, der Kampf estnischer Soldaten unter Adolf Hitler sei als zweiter Freiheitskampf – nach dem ersten 1918-1920 – zu sehen. Unter den bis zu 330 Versammelten befanden sich auch SS-Veteranen aus Österreich und Norwegen sowie Vertreter von Jugendverbänden. …

Beim zeitgleichen Veteranentreffen in der lettischen Hauptstadt Riga sind erstmals die SS-Veteranen gemeinsam mit den lettischen Ex-Partisanen („Waldbrüder“) aufmarschiert. Schließlich sei die Sowjetunion der gemeinsame Feind beider Verbände gewesen, erklärte der Vizepräsident der „Gesellschaft lettischer Nationalkämpfer“, Leonid Rose. Im Lettland schickte gar der neue Präsident Waldis Zatlers eine Grußbotschaft.“

Was tat aber die EU? „Die EU schaut weg: Im Baltikum werden SS-Veteranen als Helden gefeiert“, berichteten die Deutschen Wirtschaftsnachrichten (DWN) am 21. März 2015. Und weiter ist dort zu lesen: „In den EU-Staaten im Baltikum findet ein neuer Kult um die Veteranen der Waffen-SS statt. Die rechtsextremen Umtriebe werden von der EU-Politik ebenso ignoriert wie die Aktivitäten der rechtsextremen Milizen in der Ukraine. Efraim Zuroff vom Simon Wiesenthal Center warnt vor einer gefährlichen Melange aus anti-russischen und antisemitischen Vorurteilen.“

Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) berichtete schließlich am 20. Januar 2012 unter dem Titel „Balten feiern SS-Schergen als Helden – bald auch per Gesetz“ empört:

„Die Regierung Estlands will ehemalige Nazi-Kollaborateure per Gesetz als Freiheitskämpfer ehren. Auch in Lettland marschieren Veteranen. In der EU hält sich der Protest gegen die Mitgliedsstaaten in Grenzen, nur Russland beklagt sich lautstark. Sie schworen einen Eid auf Adolf Hitler und tragen zum Teil heute noch stolz das Eiserne Kreuz. Im März will die Regierung Estlands ehemalige Angehörige der Waffen-SS per Gesetz als Freiheitskämpfer ehren. Auch in Lettland marschieren jedes Jahr am 16. März Veteranen der SS-Legion durch die Hauptstadt Riga. … Im Gegensatz zu Estland und Lettland gab es zwar in Litauen keine freiwillige SS-Division – jedoch Polizeibataillone, die Jagd auf Juden machten. Es finden auch keine traditionellen Nazi-Aufmärsche statt. Dennoch steht Litauen zusammen mit Estland, Lettland, Ukraine, Österreich und Kanada auf der Liste der Länder, die laut dem Simon-Wiesenthal-Zentrum nichts tun, um Nazi-Kol­laborateure zu entlarven.“

Vor diesem geschichtsrevisionistischen Hintergrund ist es nicht verwunderlich, wenn es eine Geschichtspolitik des Vergessens in den sog. baltischen „Demokratien“, in denen angeblich die Menschenrechte und der Rechtsstaat beachtet und geachtet werden, grassiert.

Der vorgelegte bescheidene Beitrag sollte dazu dienen, die Erinnerung an die unbeschreiblich grausame Vernichtung der Unschuldsengel im Konzentrationslager Salaspils dem Vergessen zu entreißen. Denn „wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal“ (Elie Wiesel).

 

Anmerkungen

 

  1. Zitiert nach einem Bildungsprojekt „Без срока давности“ (Keine Verjährung), 14. Oktober 2023.
  2. Hogrefe, J., „Dies ist mein Mörder“, Der Spiegel 31/1997, 27. Juli 1997.
Michael Silnizki

Michael Silnizki (20. Juni 1957) immigrierter 1976 nach Israel aus der Sowjetunion, wo ich 6 Jahre verbrachte. Im Januar 1982 wanderte ich nach Deutschland ein. An der Uni. zu Köln absolvierte ich geisteswissenschaftliche Studien (Philosophie, gr. Philologie, kath. Theologie). 1987 und in den 1990er-Jahren arbeitete für Forschungsinstitute: BIOst (Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien) und Max-Planck-Institut f. Europäische Rechtsgeschichte. Ab Anfang des Jahrhunderts bin ich sozusagen ein Privatgelehrter und habe mehrere Bücher und zuletzt ca. 250 Studien geschrieben, die auf meiner Webseite: www.ontopraxiologie.de zu finden sind.
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18 Kommentare

  1. Lettland ist 2004 der EU beigetreten. Schon damals gab es diesen Aufmarsch der SS-Division. Da aber wurde den Letten durchaus Bescheid gegeben, dass so etwas zu unterbleiben habe. Seinerzeit. Aber mit der Verschärfung des Konflikts mit Russland, verschwand das ziemlich plötzlich. Wenn sie gegen Putin sind, übersehen wir das. Woran Putin keine Schuld hatte. Das war die Demokratie und Menschenrechte verteidigende EU.
    Hinzu kommt, dass Lettland einem Prozentsatz von etwa 40 Prozent der ethnischen Russen keine vollen Bürgerrechte garantiert. Seit 2025 dürfen sie nicht einmal bei Kommunalwahlen teilnehmen.
    Apardheit in der EU? Kann man durchaus so sehen.

    1. Lettische Staatsbürger dürfen wählen, Nicht-Staatsbürger hingegen nicht. Dieser Rechtsstatus beruht nicht auf der ethnischen Herkunft.

      1. „Dieser Rechtsstatus beruht nicht auf der ethnischen Herkunft.“

        Auf welcher Grundlage denn dann?
        In der EU sind ethnische Minderheiten geschützt. Sie dürfen ihre Sprache sprechen, haben Anspruch auf politische Vertretung, auf Unterricht in ihrer Muttersprache…. in den zur EU gehörenden Baltenstaaten sind sie „Nichtbürger“. Mit welchen „Recht“?

        1. Wie der Thread-Ersteller richtig angibt, besitzt die Mehrheit der ethnischen Russen in Lettland die lettische Staatsbürgerschaft und genießt alle Bürgerrechte. Verwechseln Sie „ethnische Minderheit“ nicht mit „Nicht-Staatsbürgern“. Unter den verschiedenen ethnischen Minderheiten Lettlands gibt es sowohl Staatsbürger als auch Nicht-Staatsbürger. Die Zahl der Nicht-Staatsbürger nimmt jährlich ab.

          1. Es gibt durchaus mehr Bürger russischer Abstammung, als Nichtbürger russischer Abstammung in Lettland, aber der mit Abstand größte Anteil der Nicht-Bürger sind russischer Abstammung. Doch das ist gar nicht der Punkt. Dass es überhaupt Bürger Zweiter Klasse gibt, die in ihren Bürgerrechten stark eingeschränkt sind, das allein ist bereits ein Merkmal eines Apartheitsregimes. Insbesondere dann, wenn diese Bürger Zweiter Klasse größtenteils zu einer bestimmten ethnischen Gruppe gehören.

            „Die Tatsache, dass ein erheblicher Teil der erwachsenen Bevölkerung kein Wahlrecht besitzt, zeugt von einem nach wie vor bestehenden Demokratiedefizit.“
            – OSCE/ODIHR
            https://web.archive.org/web/20200218215254/https://www.osce.org/odihr/elections/latvia/21362?download=true

            European Commission against Racism and Intolerance ist der Ansicht, dass der Status als Nichtstaatsbürger dazu führt, dass sich die Betroffenen als „Bürger zweiter Klasse“ behandelt fühlen.
            https://rm.coe.int/third-report-on-latvia/16808b58b3

            1. Erstens handelt es sich nicht um „Bürger zweiter Klasse“, sondern um Ausländer, die keinen Anspruch auf eine erleichterte oder automatische Einbürgerung haben. Sie können diese jedoch auf dem üblichen Weg erhalten. Dass sie die ganze Zeit über ein unbefristetes Aufenthaltsrecht und teilweise Wahlrechte haben, ist keine Diskriminierung, sondern eine unglaubliche Großzügigkeit – nur wenige Länder gewähren Nichtstaatsangehörigen, die auf ihrem Territorium leben, solche Rechte.

              (Das funktioniert übrigens auch in Deutschland so: Eine mir bekannte Familie von „Spätumsiedlern“ aus der Wolga – der Vater und seine Kinder gelten als ethnische Deutsche in gerader Linie und erhielten die deutsche Staatsbürgerschaft sofort nach ihrer Ankunft Ende der 1990er Jahre. Seine Frau (die ihn geheiratet und ihm diese Kinder noch in der UdSSR geboren hat) gilt hingegen nicht als ethnische Deutsche und musste daher einige Jahre warten, um einen Antrag auf Staatsbürgerschaft zu stellen (nach einem anderen Paragrafen, nämlich aufgrund der „Ehe mit einem deutschen Staatsbürger“)

              Zweitens geht es hier nicht um Menschen, die eine bestimmte DNA oder Schädelform aufweisen – sondern um Menschen, von denen nachgewiesen ist, dass sie vor der sowjetischen Besetzung keinen einzigen direkten Vorfahren in diesen Ländern hatten. Es handelt sich nicht um „Russen, die schon immer hier gelebt haben“ – es sind vielmehr die nach der Besetzung hereingeströmten Mitglieder des Besatzungsapparats, ihre Familien und einfache „Kolonisten“ aus Russland, die keine historische, kulturelle oder sprachliche Verbindung zu diesen Ländern haben. Dass unter diesen „Fremden“ die Mehrheit Russen sind, versteht sich von selbst, denn im Zuge der sowjetischen ethnischen Säuberungen wurde angestrebt, diese Länder durch die Ansiedlung russischer Kolonisten zu „russifizieren“ (wie es auf der Krim geschah oder gerade jetzt im Donbass geschieht).

              Drittens: Wie bereits erwähnt, können diese Menschen jederzeit die Staatsbürgerschaft beantragen – indem sie eine einfache Prüfung über ihre Kenntnisse der Landessprache sowie der Geschichte und Allgemeinbildung ablegen (genau wie in Deutschland – siehe Einbürgerungstest). Aber nein. Diese (ohne Zustimmung der Einheimischen) hierhergekommenen Russen fordern aggressiv: „Wir sind hierhergekommen, aber wir wollen kein Wort eurer Sprache lernen, wir wollen nichts über euer Land oder euer Volk wissen, wir hassen und verachten euch, aber gebt uns eure Staatsbürgerschaft, damit wir sabotieren, Unheil stiften, spionieren und dann russische Panzer hierher rufen können – um dieses Land dann endgültig von euch zu säubern, was wir zuvor nicht geschafft haben.“

              Die Ukraine hat Anfang der 1990er Jahre gedankenlos und leichtsinnig Millionen dieser russischen „Militärrentner“, „KGB-Rentner“, Parteibonzen und deren Familien aus Russland die Staatsbürgerschaft ohne jegliche Bedingungen oder Auflagen verliehen. Und was hat sie dafür als Dank erhalten? Jahrzehntelangen wirtschaftlichen und politischen Sabotage (Nein zur NATO! Keine EU!), und dann Kollaboration und Unterstützung der russischen Besatzung. (Drei Personen auf der Krim, die 2014 den „Vertrag über den Beitritt zu Russland“ unterzeichneten: Aksjonow, Konstantinow, Tschaly – alle drei dieser Russen kamen auf die Krim, wurden dort aber nicht geboren oder sind dort aufgewachsen. Der erste „Präsident der LNR“ Bolotow – wurde natürlich in Russland geboren… und so weiter).

              Die baltischen Staaten haben diesem „Aber wir Russen haben hier schon immer gelebt“ sehr klug den Wind aus den Segeln genommen – „GENAU DAS IST NICHT DER FALL, schaut doch selbst in eure Geburtsurkunden!“ Das Ergebnis: Sie sind in der EU und der NATO, haben ein höheres Pro-Kopf-BIP als Russland ohne jegliche Diamanten und Öl und ein sehr niedriges Korruptionsniveau.

              1. @L.Ren
                Dass das Pro-Kopf-BIP in den Baltischen Staaten größer ist. ist einzig und allein den Überweisungen der EU in die Baltischen Republiken zu verdanken. Sollten die Nettozahlungen heute eingestellt werden, ist „Schluss mit Lustig“. Wollen Sie ernsthaft behaupten, dass die Letten ihren Wohlstand aus eigener Kraft geschaffen haben? 🤣
                Keine Korruption? Die haben z.B. tolle Druckereien. Ein großer Teil der Euro-Blüten kam, kommt wahrscheinlich immer noch, von dort. Auch manche andere Schweinerei. 😉
                Das hat möglicherweise bald ein Ende. Die Deindustrialisierung des größten Nettozahlers, der BRD, ist im vollem Gange. Das, was zukünftig noch an Netto-Verteilung vorhanden sein wird, geht an die Ukraine und wird gebraucht um Mitgliedsstaaten bei der „Stange“ zu halten. 😉🤣

                1. Man erinnere sich beispielhaft an den „Russian Laundromat“. Eine Geldwaschanlage, die nicht russisch war, sondern über Banken und Akteure in Lettland, Litauen und Moldau lief, wobei das meiste Geld am Ende in GB landete. Vielleicht sollte man dazu mal die Herren Chodorkowski und Browder befragen?

          2. Um die lettische Staatsbürgerschaft zu erreichen muss man die lettische Sprache in Wort und Schrift ausreichend gut beherrschen. Das können aber viele der alteingessesene Russen, die Teils zu Zeiten der Sowjetunion sich dort ansiedelten, teilweise auch lange davor, nicht. Deshalb bekommen sie auch lkein elettische Staasbürgerschaft. Dies wiederum wiedrspricht den Normen der EU bezüglich Minderheiten.
            Es geht hier nicht um Ausländer in Lettland.

            1. Russen und Nichtrussen, die vor der Sowjetzeit in Lettland lebten, sowie deren Nachkommen haben ihre lettische Staatsbürgerschaft wiedererlangt. Sie müssen weder schriftlich noch mündlich fließend Lettisch sprechen können.
              Ihr Kommentar ist irreführend.

              1. „In Lettland lebten am 1. Januar 2024 insgesamt 169.276 Nichtbürger, das sind 9,0 % aller Einwohner.[2] Fast alle von ihnen (96 %) sind ehemalige Sowjetbürger, davon etwa zwei Drittel ethnische Russen. […} In einem Referendum im Jahr 1998 wurde das Staatsbürgerschaftsgesetz dahingehend geändert, dass einer Mehrheit der Nichtbürger die Einbürgerung ermöglicht wird. Dazu gehört eine Sprachprüfung in Lettisch und der Nachweis von Grundkenntnissen der Geschichte und der Verfassung. Die lettische Sprache zu lernen, ist vor allem für die älteren russischsprachigen Einwohner Lettlands ein Problem,“ https://de.wikipedia.org/wiki/Nichtb%C3%BCrger_(Lettland)

        2. Die russische Propaganda „verwechselt“ gerne zwei völlig unterschiedliche Begriffe: „autochthone/lokale Minderheiten“ und „Diaspora/Migranten“.

          Selbst in der Schweiz sind viele Migrantensprachen weiter verbreitet als das Rätoromanische: zum Beispiel Albanisch mit etwa 3,4 %, Portugiesisch mit 3,4 % und Türkisch mit etwa 1 %. Aber sie sind keine Amtssprachen, während das Rätoromanische mit 0,6 % eine ist.

          In Deutschland wird bereits in Kindergärten ein Test zur Überprüfung der Deutschkenntnisse verlangt. Unabhängig von der Muttersprache des Kindes und seiner Familie.

          Zudem erfindet die russische Propaganda (die in Wirklichkeit die Wiederherstellung des Monopols der russischen Sprache in den „ehemaligen Republiken“ der UdSSR fordert) sehr oft einfach irgendwelchen Unsinn – indem sie Privilegien für „russischsprachige“ Personen fordert, die in Wirklichkeit für keine Minderheiten in der EU oder anderswo auf der Welt jemals existiert haben. Die EU-Charta der Minderheitensprachen legt ausdrücklich fest, dass die Verwendung von Minderheitensprachen im Bildungswesen oder in amtlichen Dokumenten die Verwendung der Hauptstaatssprache in keiner Weise beeinträchtigen darf. Minderheitensprachen dürfen neben der Hauptsprache verwendet werden, diese jedoch nicht ersetzen.

  2. Ich habe schon manches Mal, verharrend vor einem „Stolperstein“, um Namen und Daten zu lesen, überlegt, warum man so wenig über das KZ bei Riga erfährt, in das nach meinem Eindruck aus den Inschriften sehr viele Menschen verschleppt wurden. Nun die Information über den Horror, der dort stattfand. Nicht ohne wohlwollende Unterstützung einheimischer Nazifreunde, offenbar. Die im Nachhinein verkappte“ Freiheitskämpfer“ gewesen sein sollen, hört hört, weshalb sie auch heute noch alljährlich ungehindert Umzüge veranstalten dürfen. Das ist „Vergangenheitsbewältigung“ in Reinform. Nur noch gruselig .

  3. Wenn mich nicht alles täuscht wird an die
    SS-LegionärsVeteranen vom BRD-Sozialstaat Rente gezahlt.
    Dürfte ne Menge Geld sein für estnische und lettische Verhältnisse.

    1. @Ferdinand Wohlgewiehert
      Vielleicht sagt Ihnen der Name Marion Russegger etwas? Nein?

      Das war die Ehefrau bzw. Witwe von Roland Freisler und das war der wohl bekannteste §Richter§ im Dritten Reich. Herr Freisler verhängte als vorsitzender Richter mehr als 2.500 Todesurteile und bekam daher von seinen Kollegen auch den Spitznamen „Blutrichter“. Unter den zum Tode Verurteilten waren unter anderem auch Hans und Sophie Scholl (die „Weiße Rose“), weil sie damals an der Universität kritische Flugblätter verteilten und ein Ende des Krieges forderten. Der braune deutsche Herrenmensch kam leider ein paar Monate vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges bei einem Luftangriff ums Leben.

      Den bekannten Namen ihres Ehemannes (Freisler) wollte Frau Russegger nach 1945 merkwürdigerweise nicht weiterführen. Kein Problem hatte Frau Freisler, geb. Russegger, allerdings damit, jahrzehntelang bis zu ihrem Tod 1997 (!) eine Witwenrente nach dem „Kriegsopferversorgungsgesetz“ auf Kosten der Allgemeinheit zu kassieren, damit sie nicht arbeiten gehen muss. Schließlich wusste sie auch nicht, wenn sie da 1928 geheiratet hatte und was ihr Ehemann jahrelang beruflich so treibt. Viele Ehefrauen wissen auch heute nicht, was ihr Ehemann beruflich macht, ob er als Lokführer bei der Bahn, als Krankenpfleger im Krankenhaus, als Filialleiter bei Aldi oder als Auftragskiller für die Mafia arbeitet.

      Auch das Versorgungsamt in München (das liegt in Bayern und das ist da, wo der Herr Söder wohnt), hatte kein Problem damit, der „Kriegsopferwitwe“ jahrzehntelang auf Kosten der Allgemeinheit eine Witwenrente zu zahlen. Da bekommt das Wort Opfer einen ganz komischen Beigeschmack.

      Diese gängige Praxis der Versorgung von „Kriegsopfern“ wurde sage und schreibe erst 1997 (in dem Jahr ist Frau Freisler bzw. Frau Russegger zufälligerweise verstorben) im Bundesversorgungsgesetz geändert.

  4. ich bitte dringend darum, die bildunterschrift unter der zeichnung zu korrigieren. bei einem weniger schrägen tippfehler hätte ich ja nix gesagt, aber aus „salaspils“ ein „salatpils“ zu machen geht gar nicht, was auch immer das für ein seltsames getränk sein soll.

  5. Deutschland förderte über viele Jahre durch die Zahlung von Renten für ehemalige SS-Veteranen in Lettland eine russophobe Renazifizierung des Landes.

    Auch hierzulande erleben wir eine Renazifizierung, lediglich die alten Nazi-Symbole werden peinlichst verboten. Die alte Kriegsrhetorik aus der Zeit des damaligen Angriffs gegen die Sowjetunion ist heute aber längst wieder gegen Russland im Einsatz.

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