
Kapitalismus und Demokratie
Der „rationalistische Pseudo-Individualismus‟ führe, so der neoliberale Hayek, „in der Praxis‟ zum „Kollektivismus‟. Er führe „die ganze sichtbare Ordnung auf bewußtes, sozialistisches Planen zurück‟ und übersieht dabei die andere, irrationale Seite des Menschen. Der „wahre Individualismus‟ als „antirationalistische Einstellung‟ betrachtet hingegen „den Menschen nicht als ein „höchst rationales und intelligentes sondern als ein sehr irrationales und fehlbares Wesen‟, das darauf hinzielt, „so viel wie möglich aus einem sehr unvollkommenen Material herauszuholen.‟[1]
Hayek sieht in seiner neoliberalen Anthropologie den Menschen mehr als einen Künstler. Dabei hat er nicht nur die Vermittlung, sondern auch die „Planung‟ übersehen, die gerade mit dem irrationalen Verhalten der Menschen rechnet und damit seine „wahre Individualität‟ als eines des planenden Kapitals bestimmt. So ist in seinem Dogma nicht nur die Gegenüberstellung von Gemeinschaft und Individuum falsch, sondern auch die von Sozialismus/Planung und „antirationalistische Individualität‟. Eine Planung, die jene irrationale Seite der Individualität ausbeutet und heute von den erfolgreichsten kapitalistischen Unternehmen wie Amazon, Shein oder Temu viel besser geleistet wird als jede sozialistische Planung es je vermochte.
Daher hat J. Vogl recht, wenn er auf diese zweite, vernachlässigte, „doxologische‟, weniger wissenschaftliche Seite des Kapitals hinweist: „Angesichts der damit verbundenen Fabeln und Fiktionen sind wiederum Perspektiven herausgefordert, welche die Geschichte kapitalistischer Wirtschaftsformen nicht nur am Leitfaden von Rationalisierungsprozessen, sondern auch mit dem Blick auf die Ressourcen und auf die produktiven Kräfte von Nichtwissen, Phantasmen oder Irrationalitäten erfassen.‟[2]
Mit der digitalen Durchsetzung der algorithmisch gestalteten und weltweiten perfektionierten Logistik, die das astronomische Kapital der großen Techkonzerne begründet, fallen dann liberal-kapitalistische und sozialistische Planungen in eins. Aber nicht die Sozialisten oder Kommunisten, sondern die Kapitalisten, in der neuen Form des demokratischen oder autokratischen Digitalkapitals, sollten die hervorragenden Planer der Welt sein. Das heißt, die ‚Revolution der Statistik‛ und die ‚Revolution der Sinne‛ bilden zwei Seiten derselben Medienökonomie, die im Imperativ steht. Es sind die jeweiligen Zustände des Kapitals, nicht nur als Geld und Ware, sondern auch als Bild-, Wort-, Aufmerksamkeits- oder Datenökonomie.
Eine archaische Befehlsgewalt, die freilich vom Neoliberalismus säkular, demokratisch-kapitalistisch neu formuliert werden sollte: ‚Befreie dich aus der Knechtschaft deiner abhängigen Arbeit und werde selbständig, frei!‛ (Hayek). Die liberale Demokratie versprach nämlich im Weltmarkt den Individuen nicht bloß, dass sie unabhängig von ihrer ökonomischen Lage frei und gleich und zur demokratischen Teilhabe berechtigt seien. Sondern befahl sie neoliberal auch die Befreiung: ‚Werde ein anderer!‛ – in der philosophischen Deregulierungsfibel Deleuzes/Guattaris hieß es dann: „Bildet Rhizome!‟ Es war der Glaube, den die neoliberalen Evangelien allen Individuen einpflanzten: im global expandierenden Kapital seien sie die Kreativen, das Singuläre, psychologisch der Narzissmus, wie er heute etwa bei Trump vollends zum Ausdruck kommt, der ja nur das nackte Endergebnis des Neoliberalismus darstellt.
Das „Kapital ist‟ dann nicht nur „ontologisch verwurzelt‟ (J. Vogl), vielmehr meint es die imperative Ontologie (Sei!, Werde!), welche Ökonomie (Form der Bewirtschaftung) und Politik (Form der Beherrschaftung) vorantreibt. Private-Equity-Unternehmen und Vermögensverwalter wie BlackRock, Vanguard oder State Street gestalten heute die Politik, und umgekehrt, während beide zugleich von den Bürgerinnen und Bürgern demokratisch unterstützt werden, weil sie sich um ihre Jobs, Häuser oder Geldanlagen sorgen. Ja, man geht zur Wahl und wählt einfach die eigene Krankenversicherung oder das Dach über dem eigenen Kopf weg, oder wählt Parteien, die für mehr Rüstungsausgaben und Krieg sind. Ihr wolltet doch, so heißt es im aggressiven Kriegsgeist dieser Zeit, dass das Proletariat an die Macht kommt. Da – nämlich in der Herrschaft des demokratisch-kapitalistischen Tötungsmaschine –, da sind wir jetzt.
Das ‚Werde ein anderer!‛ war also nicht mehr eine religiöse Außenstimme, die zum höchsten Opfer aufrief und dessen Name einmal Gott war, sondern die metaphysische Außenstimme des Neoliberalismus: Eine liberal-demokratische Freiheit und neoliberale Befreiung, die das Besondere und Kollektive, das Individuelle und Allgemeine, die Einzigartigkeit und Gleichheit beide zugleich durch Befehl abtötete – die Folge war dann die politische Gegenwelle des Autoritarismus, der in den westlichen Demokratien die Mileis und Trumps dieser Welt hervorbrachte, und die nun an einer Faschisierung von unten und oben arbeiten.
Die Geschwindigkeit des Digitalkapitals
Das Kapital in seiner globalen Bewegung und politischen Umrahmung ist somit nur es selbst und damit kein Mittel zur Hervorbringung einer anderen Gesellschaftsform. Es entbirgt aus sich heraus auch keine Revolution, weil es selbst die ‚Revolution der Statistik‛ und die „Revolution der Sinne‟ (H. Marcuse) ist. Es ist das rasende, materielle wie immaterielle Gestell, das in sich selbst immer schneller kreist und in dieser Bewegung die Zeit der Geschichte zeitigt.
Eine Geschwindigkeit des technomathematischen Digital- und Datenkapitals, die einmal zum Problem der liberalen und orthodoxen Theologen wurde, die die göttliche oikonomia zu erklären versuchten. So soll der Orthodoxe vom Liberalen gefragt worden sein, mit welcher Geschwindigkeit denn Christus zum Himmel aufgefahren wäre. Schlagfertig sei die Antwort des Orthodoxen gekommen: Er sei wohl mit der Schnelligkeit einer Kanonenkugel gefahren. Darauf die Antwort des Liberalen: Dann fliegt er noch. Ähnlich geschieht es heute mit der Geschwindigkeit der Chips und Netzwerke: Dann rasen sie noch. Aber fliegen und rasen kann eben nur etwas, was als Wirklichkeit und Möglichkeit erst in Bewegung gesetzt worden ist. So bleibt aus der Geschwindigkeit der Rechner nicht nur das gesellschaftliche Sein, Werden, Gewordensein und der Punkt (Mensch oder Erde) von dem aus etwas fliegen und sich bewegen kann ausgeblendet. Sondern auch die Befehlsgewalt, die heute auch als algorithmische Vollstreckungsgewalt Befehle in Wirklichkeit überführt, um sie zugleich irdisch und himmlisch zur Schau zu stellen. Die Sterne des Kapitals sind also alle vollzählig und brauchen nicht mehr rational-mathematisch nachgezählt zu werden.
Die Komplexität der modernen, kapitalistischen Gesellschaft erfordert es daher, dass Menschen und ihre Produkte nicht bloß in „Informationsform‟ und ‚Gefühlsform‛, sondern ebenso in ihrer archaischen Befehlsform beschrieben werden. Das Machwerk des Kopfes und das Machwerk der Hand – das heute durch das technomathematisch-vernetzte Machwerk sogar ersetzt werden soll –, bilden nur die eine Medienökonomie (des Finanz- und Digitalkapitals), die politisch-rechtlich abgesichert wird. Die Intelligenz des Kapitals in seiner jeweiligen politischen Fassung kennt eben beides, Ökonomie und Politik, Praxis und Theorie, Aktion und Gelassenheit, Instrument und Sinnlichkeit, Individuelles und Allgemeines, Frieden und Krieg etc.
Auch die neuesten Krisen und Kriege haben dann nur eins gezeigt: das Kapital in seiner politischen Umrahmung ist der Gott dieser Welt (das verzeitlichte Absolute) und gewinnt immer, im Frieden wie im Krieg. Die neue, demokratische Freund-Feind-Unterscheidung, die an den autoritären Geist eines Carl Schmitt sich anschließt, beweist dann, dass heute nicht nur der Liberalismus, sondern auch die Demokratie als bürgerliche Form der Herrschaft bankrott ist. Daher kann es auch keine „postliberale Demokratie‟ (W. Brown), „neue Politik der Arbeit‟ (A. Honneth), „präsentische Demokratie‟ (I. Lorey) oder „experimentelle Demokratie‟ (C. Menke) mehr geben.
Kapital und Demokratie
Genau auf diese Schlagseite der Demokratie hat nämlich ein Titel aus dem „Gegenstandpunkt‟ hingewiesen: Demokratie. Die perfekte Form bürgerlicher Herrschaft (Peter Decker) – während der französische Philosoph Derrida sie noch „im Kommen‟ sah. Und warum dies? Eben, weil Demokratie auf einen Begriff der Freiheit hinweist, über die man in der bürgerlichen Existenzform bereits verfügt. Und genau dieses gewöhnliche „Leben‟ in der liberalen Freiheit ist es dann auch, welche die Befreiung von Herrschaft blockiert.
Perfekt ist Demokratie als bürgerliche Form von Herrschaft deswegen, weil sie die Entindividualisierung und Entpolitisierung zugleich betreibt. Und zwar nicht nur durch die „ballistischen Medien‟ (Social Media), die zuletzt als algorithmische Produktion den neuen Totalitarismus eingeführt haben. Vielmehr ebenso durch die Leitmedien des demokratischen Mainstreams. Es sind die ökonomisch-politische Strukturen einer rational-affektiven Verhärtung, basierend auf einer kommerziellen und staatlichen Ausschließungs-, Angst-, Feind- oder Kriegsökonomie: „der Russe kommt!‟
Es gibt daher keine Welt des Privaten, Individuellen, Einzigartigen hier und eine Welt des Kollektiven, Allgemeinen und Öffentlichen dort, sondern nur die eine Welt und die Art, wie sie draußen und im Innern der Einzelnen erscheint. Denn das, was bei mir zu Hause geschieht, ist dasselbe, was auch bei dir zu Hause geschieht, nämlich nichts. Genauer: Die kapitalistische Kultpraxis und das demokratische Dogma nötigen den Einzelnen dazu, einzig auf sich selbst zu blicken und im ökonomisch-politischen Unfehlbarkeitsdogma die Zweiheit von Entindividualisierung und Entpolitisierung zu vergessen.
Zu recht haben daher Demokratiekritiker auf diese problematische Seite der liberalen Demokratie als eine „perfekte‟ Form bürgerlicher Herrschaft hingewiesen, die einmal kritische Philosophen gegen den „autoritären Charakter‟ (Adorno) verteidigten. Denn, wie Freerk Huisken hier scharfsinnig in einer Auseinandersetzung mit einem ebenso scharfsinnigen Gewerkschafter 2011[3] festhielt: Die Demokraten, so sein Argument, regieren ja den Kapitalismus und tun alles dafür, damit das Kapital funktioniert. Damit nicht genug: Die Linken, die Gewerkschaften, die Sozialisten haben etwas „erkämpft‟, nämlich den Sozialstaat, was im Letzten nichts anderes ist als eine Form, wie der Kapitalismus sozialverträglich läuft, aber immer noch als Kapitalismus. Denn der Sozialstaat war, so seine Definition, nichts anderes als die politische Entscheidung darüber, die Opfer des Kapitalismus so zu behandeln, dass sie möglichst für den Kapitalismus nicht verloren gehen, sondern weiter tauglich sind. Auch das „Erkämpfte‟ ist dann nicht immer das Gute. Vielleicht hat man etwas ganz Falsches erkämpft.
Damit ist auch der Begriff Demokratie selbst kontaminiert, die man mit „Volksherrschaft‟ übersetzt. Aber: Warum braucht eigentlich die Gesellschaft Gewalt über sich selbst? Huiskens Antwort: Weil es Gegensätze gibt. Also ist Demokratie eine Form von Herrschaft, die die Gegensätze (von Arbeiter und Kapital) mit Gewalt aufrechterhält. Daher: Für das, was da sozial erreicht worden ist, kann Huisken für „sein vernünftiges Gesellschaftsprogramm nix gebrauchen‟.
Bei all der Schärfe hat diese Demokratiekritik freilich auch ihre Schlagseiten: Die eine ist – darauf weist der Gewerkschaftler in der Diskussion zu Recht hin –, dass es überhaupt besser ist, dass etwas existiert, nämlich ein Sozialstaat, und nicht vielmehr nichts, nämlich die ungebremste Macht des Kapitals. Denn eine verabsolutierte Kapitalmacht, ohne jegliche soziale Zähmung könnte auch zur völligen Erschöpfung des Menschen führen und damit keine kritischen Gedanken mehr zulassen. Gewiss, dieses Minimum des Sozialen – das freilich auch im Faschismus nicht ganz zu tilgen ist – muss allerdings auch dazu genutzt, „gebraucht‟ werden, um die Macht des demokratischen Kapitals zu brechen, anstatt sich darin auszuruhen. Und genau dies ist leider passiert – darauf hat bereits der marxistische Philosoph Georg Lukács mit seiner Formulierung „Grand Hotel Abgrund“ hingewiesen –, indem die bürgerliche Demokratie ihren diskursiven Deckmantel ausgebreitet hat, und die nun in ihrer Faschisierung nackt hervortritt. Damit aber auch verlangt, dieser nackten, demokratisch-kapitalistischen Gewalt ins Auge zu schauen, statt wieder davor die Augen zu verschließen.
Die andere Schlagseite besteht in der Dialektik der Gegensätze von Herr und Knecht, von Basis und Überbau, von Veränderung und Interpretation, von Arbeit und Kapital etc. Die Gegensätze bilden nämlich im Dazwischen ihres dynamischen Verhältnisses zuletzt auch eine Ununterscheidbarkeit, sodass man hier nicht das Gute vom Bösen, das Wahre vom Falschen, das Drinnen und Draußen, das Lebendige vom Toten etc. unterscheiden kann. Denn den äußeren Herrn einfach abzuschaffen befreit mich keineswegs von der Herrschaft, weil die Herrschaft auch in meinem Innern wirksam ist. Daher ist auch die Unterscheidung von „Machteliten‟ und „Volk‟ (R. Mausfeld) selbst kontaminiert.
Die Ordnung disponiert nämlich die Menschen so, dass die ‚arme Seele‛ jederzeit zum Teufel sich verwandelt, und dass der Teufel schnell als der ‚arme Teufel‛ sich erweist. So erhält etwa in den USA keine andere Branche so viel politischen Zuspruch wie die Finanzindustrie, die von vielen Bürgerinnen und Bürgern unterstützt wird, weil sie sich um ihre Jobs, Häuser oder Geldanlagen sorgen. Die Demokratie ist in der Tat zu einem Selbstbedienungsladen für die kapitalistischen Machteliten verkommen, die aber dabei auch vom „Volk‟, von den ‚kleinen Leuten‛ unterstützt, gewählt und verherrlicht werden. Nur deswegen können dann solche Figuren wie Trump, Milei und Co, zusammen mit der Tech-Oligarchie, an einer Faschisierung von unten und oben arbeiten. Dadurch wird nämlich jene ‚Mikrophysik der Macht‛ (Foucault) zu einer ‚Makrophysik der Macht‛ transformiert, bei der dann Ungleichheiten gegeneinander ausgespielt werden, um die Gewalt der Ausgrenzung und Militarisierung offen zur Schau zu stellen; Milei beispielsweise geht mit der politischen Kettensäge gegen Rentner und Menschen mit Behinderung vor, streicht öffentliche Programme und behauptet, die Mittellosen hätten es einfach so verdient.
Kapitalismus und Faschisierung sind somit aufeinander bezogen. Ihr Verhältnis ist aber asymmetrisch, weil Kapitalismus die Ursache der Krankheit ist, während Faschismus, Nationalismus oder Islamismus nur die Symptome dafür sind – die freilich als Heilmittel (Heimat, Bindung, Gemeinschaft, metaphysische Geschlossenheit von Kultur etc.) präsentiert werden. Denn vor dem Faschismus gab es ja schon Kapitalismus, der bei Marx zum verkürzten, säkularisierten Begriff der theologischen oikonomia wurde; die heilige Dreifaltigkeit von Gott Vater, Gott Sohn und Heiliger Geist, zum ursprünglichen Wert, Mehrwert und dialektische Einheit. Ein menschliches Wirken, welches das göttliche Wirken einfach umbesetzt hat und es später, als säkularisierte Kultpraxis, mit dem neoliberalen Dogma sich kurzschloss, um den neuen Demiurgen mit dem liberalen Dogmatiker dieser Welt zu verbinden. Heilmittel und Gift, Zivilisation und Wahn gehören daher im demokratischen Kapitalismus zusammen. Oder in der schlichten, demokratisch-apokalyptischen Sprache eines Trump ausgedrückt: „Eine ganze Zivilisation wird heute sterben und nie mehr zurückkehren.‟ „Wir wollen‟, so hingegen der junge Präsident von Burkina Faso, „keine Demokratie, die tötet‟ – aber nicht weniger das Kapital als moderne Form der Bewirtschaftung.
Das ökonomisch-politische Problem liegt also in der kontaminierten Zweiheit (Wirtschaft und Politik, Kapital und Demokratie etc.), nicht im Ausspielen des einen gegen das andere, wie es zuletzt der russische Politikwissenschaftler Karaganow versucht: „Entgegen den Mythen naiver Marxisten und ihrer intellektuellen Gesinnungsgenossen, den liberalen Ökonomen, spielen wirtschaftliche Interessen bei der Festlegung der nationalen Politik nur eine untergeordnete Rolle.‟[4] Wenn es aber heißt, ‚Alles ist Politik‛, bedeutet dies zugleich: ‚Alles ist gar nichts‛. Es gilt vielmehr die kontaminierte Zweiheit außer Kraft zu setzen, um vom Gemeingut, das heute als soziales Verhältnis von den Imperativen konfisziert wurde, einen neuen, herrschaftsfreien Gebrauch zu machen. Hierbei hilft freilich kein neuer Imperativ. Denn schon der christliche, der nur in zwei Worten „Liebet einander!‟ gefasst wurde, war ja damals schon sehr problematisch. Deswegen hatte sich auch Christus den Rückfragen durch seine Himmelfahrt entzogen: Wie soll das denn gehen, wo die realen Beziehungen der Menschen untereinander und zu ihrer Mitwelt von Anfang an kontaminiert sind? Eben diese verseuchte Mitte der gesellschaftlichen Verhältnisse wäre politisch zu dekontaminieren. Alles hängt von der richtigen Diagnose ab, welche den Ursachen der Krankheit des Patienten (Mensch, Menschheit, Natur) genauestens auf den Grund geht; ob einer eher pessimistisch oder optimistisch sei, ist dabei irrelevant. Die Übel der kapitalistischen Krankheit müssen alle zutage treten, das Krankheitsbild muss vollständig sein, wenn es keinen Rest neuer Möglichkeiten des Bösen geben soll, um die Befreiung zu verhindern. Das wirklich menschenwürdige Sein wäre daher, alle Beziehungen so zu gestalten, dass sie an Humanität und Solidarität und nicht mehr an Gewalt und Grausamkeit gewinnen.
[1] Hayek, Wahrer und falscher Individualismus (1945), in: Gesammelte Schriften in deutscher Sprache, Tübingen 2002, S. 8 ff.
[2] Joseph Vogl, Kapital und Ressentiment. Eine kurze Theorie der Gegenwart, München, 2021, S. 158.
[3] Vgl. Video: Freerk Huisken, Wie man die Neonazis kritisieren sollte & wie besser nicht!, in: https://www.youtube.com/watch?v=x16Ky08YJhw (ab Min. 1:45:00).
[4] Sergei Karaganow, Müssen bereit sein für begrenzte nukleare Schläge gegen den Westen, in: https://rtde.site/meinung/270571-mittelspiel-und-strategie-fuer-uebermorgen/ [Zugriff: 12.04.2026].


Ein verkopfter Streit um Ideologien hilft selten weiter. Wann wird endlich verstanden, dass Ideologien immer nur eine spezielle Art der Endlösung propagieren, die letztlich mit dem Leben nicht vereinbar sind.
Ideen können nützlich sein, aber die strikte Befolgung von Ideologien führt letztlich nur zum Tod ganzer Gesellschaften.
Kapitalismus, Kommunismus, Neoliberalismus, Sozialismus und Faschismus sind nichts anderes als Gedankenkrebs der sich in Gehirnen ausbreitet um den Blick vor der Wirklichkeit zu verschließen.
Eine patentierte Endlösung ist dem Leben abträglich.
@Trux
Da ist Ihnen aber eine wirklich zutreffende Formulierung gelungen: „Gedankenkrebs“.
„Kapitalismus, Kommunismus, Neoliberalismus, Sozialismus und Faschismus sind nichts anderes als Gedankenkrebs der sich in Gehirnen ausbreitet um den Blick vor der Wirklichkeit zu verschließen.“
Respekt!
Was mir als allererstes auffällt:
Dieses Text schwelgt in geisteswissenschaftlicher Abstraktion. Kaum ein Substantiv, das gleichzeitig keinen abstrakten Begriff kennzeichnet!
Das erinnert mich an diese unsägliche Soziologie- und K-Gruppensprache der 1970er Jahre.
Der Autor scheint hauptsächlich in solchen Gedankenkonstrukten zu leben.
Allein das schafft Misstrauen, denn die Welt ist konkret und besteht nicht in erster Linie aus den abstrakten Begriffen, die sich Geistes- und Sozialwissenschaftler selber(!) ausgedacht haben!
—
„Auch die neuesten Krisen und Kriege haben dann nur eins gezeigt: das Kapital in seiner politischen Umrahmung ist der Gott dieser Welt (das verzeitlichte Absolute) und gewinnt immer, im Frieden wie im Krieg.“
Ja, du meine Güte, das ist ja nun eine bahnbrechende Erkenntnis! Woah!
Klar, so ist es: Geld regiert die Welt. Das wussten die Alten schon vor Jahrhunderten.
Wobei Geld natürlich – religiös gesehen – nie der Gott der Welt sein kann, sondern aus religiöser Sicht der Teufel („Mammon“).
Gewiss ist das nicht schön, aber so ist die Welt.
Die Welt selbst, die Natur selbst beruht auf Ungleichgewichten, auf ungleicher Verteilung von Masse, Energie, Macht, Einkommen usw.
Gleichheit ist wider die Natur!
Und weil der Satz so wichtig ist, gleich noch einmal:
Gleichheit ist wider die Natur!
Das Leben selbst lebt von Ungleichheit, von Wandel. Sog. Gleichgewichte sind immer nur momentane dynamische Gleichgewichte auf Zeit.
Okay, wenn die Ungleichgewichte zu groß werden, kommt es wie beim Gewitter oder beim Bergrutsch zu einem abrupten („revolutionären“) Ausgleich, doch entstehen daraus eben nicht dauerhafte Harmonie oder gar Gleichheit, sondern die Ungleichgewichte wachsen (vielleicht woanders) bloß erneut.
Letztlich ist „Gleichheit“ ein naiv-romantisches Wunschkonstrukt von Menschen – und ein unmöglicher Wunsch (im Sinne der Quadratur des Kreises) außerdem.
—
Wir haben es hier mit einem linksextremen und marxistischen, ja vielleicht sogar einem neokommunistischen Text zu tun.
Man merkt es an unsäglichen Ideologiebausteinchen wie dieser: „Kapitalismus und Faschisierung sind somit aufeinander bezogen“
und natürlich auch an der Bezugnahme auf Marxisten wie Huisgen und Lukasz.
Hat denn der üble Marxismus nicht schon genug Menschenleben gekostet???
Natürlich kosten der Kapitalismus und die Technik auch viele Menschenleben, doch wären es in den letzten 100 Jahren ohne den Marxismus insgesamt weit weniger Tote gewesen.
Vom Regen in die Traufe!