
Zu Halloween ein wenig Geisterkunde. Auch das Übersinnliche hält sich ans Gehirn.
„Die Welt ist alles, was der Fall ist“, begann Wittgenstein seinen Tractatus. Und auch die Umweltlehre des Jakob von Uexküll gibt sich in diesem Sinne positivistisch, wenn für sie die Umwelt eines Lebewesens aus all den Sinneseindrücken besteht, die es wahrzunehmen vermag. Die Umwelt besteht folglich aus dem, was da ist.
Bisweilen aber besteht sie auch aus dem, was nicht da ist.
Ich außer mir
Reden wir von Gespenstern.
Seit jeher erzählen die Menschen von ihnen: unheimliche Präsenzen, die eindeutig nicht körperlich vorhanden und doch ebenso eindeutig wahrnehmbar sind. Manche Orte scheinen sie besonders gern heimzusuchen: Friedhöfe, Burgruinen, verlassene Häuser, neblige Sümpfe. Auch zeigen sie sich bevorzugt dem, der empfänglichen Sinnes ist, der emotional aufgewühlt, der körperlich, geistig und seelisch erschöpft, der von Trauer oder Angst überfordert ist. Was ja unter Umständen ganz verständlich erscheint, wenn man sich des Nachts an einem Spukort aufhält.
Es gibt durchaus glaubwürdige Berichte über Geistersichtungen. Etwa von der Frau, die nach Hause kam und ihren kürzlich verstorbenen Gatten wie gewohnt im Wohnzimmersessel vorfand. Oder dieses vergnüglich zu lesende Forum mit Berichten über Rumpeln in leeren Zimmern, Klopfen an Terrassentüren, Gesichter in der Erde, Wahrträume, den Geist des Opas und stehengebliebene Uhren. Manches davon lässt sich durch ein wenig Physik (Dehnungskoeffizienten) oder Zoologie (Waschbären) erklären, anderes bleibt zunächst erstaunlich.
Und manches ist Psychologie. So hat auch Reinhold Messner – sicherlich niemand, der es nötig hätte, seine Erlebnisse mit Lügengeschichten aufzuhübschen – erzählt, wie er beim Abstieg vom Nanga Parbat mit seinem Bruder einen dritten Bergsteiger wahrnahm, der stets in gleichbleibendem Abstand ein paar Schritte rechts hinter ihm ging, schattenhaft zwar und doch klar fühlbar.
Da ging es ihm wie einer Epilepsiepatientin, die ständig eine Schattengestalt hinter sich spürte. Um den chirurgisch zu entfernenden Anfallsherd einzugrenzen, wurde die linke Hemisphäre ihres Gehirns an verschiedenen Stellen elektrisch stimuliert, während sie wach und frei beweglich war. Immer, wenn eine Stelle am Übergang vom Schläfenlappen zum Scheitellappen gereizt wurde, hatte sie den Eindruck, dass jemand unmittelbar hinter ihr wäre. Dieser „Jemand“ war undeutlich und eigentlich geschlechtslos, aber sie bezeichnete ihn als „Er“, er war nicht körperlich fühlbar, und die Patientin nahm ihn als fremd wahr. Nach den Beobachtungen der Ärzte machte der Schatten, den die Patientin beschrieb, einfach ihre eigenen Bewegungen mit, war also eine Projektion ihrer selbst. Das aber erkannte sie selbst nicht. Als sie selbst auf einem Sessel saß und die Knie mit den Armen umfangen hielt, fühlte sie sich vom Schatten in unangenehmer Weise umarmt, und als sie für einen Test Karten in ihrer ausgestreckten Hand hielt, hatte sie den Eindruck, der Schatten wollte ihr die Karten wegnehmen (“He wants to take the card”; “He doesn’t want me to read”).
Der Übergang vom Schläfen- zum Scheitellappen gehört zum Ruhezustandsnetzwerk, jenem Verbund von Hirnregionen, das bei äußerer Untätigkeit aktiv wird und dann der Gärraum für Grübeleien, Tagträume, Assoziationen und Ideen ist (Ideen aus dem neuronalen Untergrund). Eine Aufgabe, die das Ruhezustandsnetzwerk dabei erfüllt, ist die Konstruktion eines stabilen – oder sich selbst als stabil erlebenden – Selbst, und dazu gehört die innere Repräsentation des eigenen Körpers an einem bestimmten Ort. Diese Aufgabe kommt in dem Netzwerk v.a. dem genannten Übergangsbereich zu.
Die elektrische Stimulation an dieser Stelle störte anscheinend die Integration der Signale, welche die Patientin aus dem Körper empfing, und projizierte so ihr Körperbild nach außen. Ähnliches geschieht möglicherweise bei manchen Erscheinungsformen der Schizophrenie. Vielleicht ist es, wenn es unter Stress passiert, auch die Ursache mancher Geisterwahrnehmungen.
Der spukende Roboter
Denn es braucht dazu keine organische Schädigung des Gehirns. Mit einer technisch etwas aufwendigeren Variante der Gummihand-Illusion können Forscher in Genf ihren Probanden jederzeit einen solchen Geisterschatten verpassen. Bei der Gummihand-Illusion – falls das nicht bekannt sein sollte – legt der Proband einen Arm hinter eine Blende, so dass er ihn nicht sehen kann, und hat stattdessen einen Gummiarm vor sich. Der Experimentator berührt dann rhythmisch immer gleichzeitig den echten und den Gummiarm. Nach einiger Zeit berichtet der Proband das verwirrende Gefühl, diese Berührung auf der Gummihand zu spüren; sie wird Teil der Körperwahrnehmung, bis zu dem Maße, dass der Puls hochschnellt, wenn unversehens ein Messer in die Gummihand gestoßen wird.
Die Genfer Forscher machten sozusagen den ganzen Körper zur Gummihand. Die Probanden steckten ihren Zeigefinger in eine Hülse am Ende eines Roboterarms, die sie beliebig hin und her, hoch und runter und vor und zurück bewegen konnten. Diese Bewegung wurde mit einstellbarer Verzögerung auf einen Gummifinger übertragen, der den Probanden in den Rücken piekste. Die Versuchspersonen fühlten also die Stupser, die sie nach vorne auf einen virtuellen Rücken abgaben, hinten im eigenen Rücken. Wenn die Berührung mit der eigenen Bewegung synchron geschah, hatten sie das Gefühl, nach vorne aus sich herauszutreten; erfolgte die Berührung hingegen um eine halbe Sekunde verzögert, dann ging es den Versuchspersonen wie der oben beschriebenen Epilepsiepatientin: Sie wanderten rückwärts aus ihrem Körper und piekten sich gefühlt selbst in den Rücken, und mehrere berichteten, eine fremde Präsenz hinter sich zu spüren. Wenn solche robotischen Illusionen induziert werden, während Probanden im Magnetresonanztomographen liegen, findet man Aktivität am Übergang von Schläfen- und Scheitellappen.
Wenn also die Selbstwahrnehmung in sich unstimmig ist, wenn das zwischen Schläfen- und Scheitellappen konstruierte Körperbild nicht in Einklang zu bringen ist mit erwarteten Wirkungen der eigenen Bewegungen, dann wird dieses Körperbild überraschend mühelos aus dem Körper hinausverlagert. Und erscheint als unheimliche Präsenz.
Spiegel unnötig
Andere Gespenstersichtungen sind allerdings farbiger und unabhängiger als bei Messner oder der Epilepsiepatientin oder den Genfer Forschern. Aber auch dafür gibt es mögliche neuronale Erklärungen, nämlich sogenannte autoskope Phänomene: Menschen sehen sich selbst anderswo im Raum stehen. Die eigentliche Autoskopie ist nur eine visuelle Illusion; es schwebt dabei ein 2D-Bild des eigenen Körpers – oder bisweilen auch nur des Oberkörpers – wie projiziert in der Gegend herum. Patienten, die davon berichten, haben durchweg Hirnschädigungen am Rande der Sehrinde. Anscheinend erzeugen ungezügelte Aktivitäten in denjenigen Bereichen, die dazu da sind, Gesichter und Körper zu erkennen, zufällig diese Bilder.
Verstörender ist die Heautoskopie (Spiegelhalluzination), bei welcher ein zweiter, dreidimensionaler Körper wahrgenommen wird und es dem Betroffenen nicht sicher ist, welcher von beiden er ist. Die Illusion kann während eines epileptischen Anfalls auftreten; die Patienten berichten dann beispielsweise von dem Erlebnis, dass ihre Seele sie als durchsichtiger Körper verlasse und sich unabhängig im Raum bewege. Auch emotional fühlen sich die Betroffenen also mit dem halluzinierten Körper verbunden, sehen ihn also nicht nur als fremdartige Erscheinung. Die Spiegelhalluzination ist also verwandt mit einer außerkörperlichen Erfahrung, die immerhin den Vorteil hat, dass der Betroffene sich wenigstens sicher ist, wo er sich befindet.
Heautoskopie tritt ebenfalls meist bei Epileptikern auf. Der Anfallsherd oder die Hirnläsion liegt in diesen Fällen stets in der linken Inselrinde. Das ist ein Teil des seitlichen Stirnhirns, der sich unter den überwölbenden Windungen des Stirn- und Schläfenlappens versteckt (darum „Insel“). Funktional ist er wichtig dafür, die sensorischen Rückmeldungen aus dem ganzen Körper als Gefühle für das Erleben verfügbar zu machen. Will sagen: Wenn die unwillkürlichen körperlichen Reaktionen auf einen Umweltreiz vom Gehirn ausgelesen werden, landen sie in der Inselrinde, und werden von dort als Gefühle an das denkende und planende Stirnhirn weitergereicht. So wird verständlich, weshalb Störungen in diesem Bereich sowohl ein Körperbild erzeugen, als auch dieses emotional aufladen. Der Geistkörper der Heautoskopie ist tatsächlich das fühlende Ich auf Abwegen.
Mehr Dinge, lieber Horatio
Wenn Menschen Geister sehen, kann das also in manchen Fällen daran liegen, dass sie einen epileptischen Anfall haben und tatsächlich sich selbst da draußen wahrnehmen. In anderen Fällen könnten Infraschall, kalter Luftzug oder Autosuggestion eine Rolle spielen. Und jedenfalls keine Toten mit unbeglichenen Rechnungen. Spukphänomene, so scheint es, lassen sich ganz vernünftig erklären.
Aber abgesehen davon, dass Gespenstergeschichten viel unterhaltsamer sind als wissenschaftliche Artikel: Ist damit wirklich alles wegerklärt? Ich empfehle der geschätzten Leserin und dem geschätzten Leser noch einmal das oben erwähnte Forum: Ist das alles nur Physik oder Psychologie? Ganz sicher? Auch die Sache mit der Reinkarnation und der Seele ist ja, wie ich kürzlich hier darlegen durfte, nicht so eindeutig, wie unsere Tagweisheit sich das vorgestellt hatte (Seelenlos, aber wiedergeboren?).
Die Überzeugung, dass auf der Welt alles „mit rechten Dingen“ zugehe, ist im Kern doch vor allem: ein Wunsch. Existenzsätze sind bekanntlich nicht widerlegbar, also ist „Es gibt Spukphänomene, die sich nicht wissenschaftlich erklären lassen“ ein Satz von unklarem Wahrheitswert, der vielleicht bewiesen, niemals aber widerlegt werden kann. Aber warum sollte er widerlegt werden? Woher der Wunsch dazu? Mir scheint, er entspringt dem Verlangen, in einer sicheren, vorhersagbaren, beherrschbaren Welt zu leben – letztlich also der Angst vor Unsicherheit. Die aber gehört zur Welt (Wissen, glauben, zweifeln, hoffen).
Daher erfreue ich mich an guten Geistererzählungen und Spukberichten. Und an überzeugenden wissenschaftlichen Erklärungen dafür. Und an Gespenstergeschichten, die sich der Erklärung (b.a.w.) entziehen.
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Ehrlich gesagt, spielt dieses sog. „Halloween“ für mich absolut keine Rolle.
Nicht mal ansatzweise!
Im Gegenteil: Dieses Treiben ist mir ein Ärgernis.
Der 31. Oktober, das ist für mich und auch viele andere – je nach Konfession – entweder bloß der Tag vor Allerheiligen, wo man noch Grabschmuck kauft (wenn man es davor vergessen hat) oder es ist der Reformationstag, an dem Luther seine Thesen veröffentlicht haben soll.
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Bedeutung hat dieses komische Kürbisfest überhaupt nur(!) in dem Themenzusammenhang, dass es ein Beispiel für die zunehmende Entchristlichung der deutschen Festkultur ist.
Danke für den Hinweis auf die „linke Inselrinde“, diese zentralisierende Schaltstation macht mir Erfahrungen mit antizipatorischer Sensorik und Motorik bei Hindernisläufen, Geländebiking u. manchem anderen, die mir gelegentlich fast ein wenig unheimlich geworden sind, nachvollziehbarer.