Corona, Eintritt in das kybernetische Zeitalter und das biopolitischen Kontrollregime

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Die Historikerin Andrea Komlosy über Corona als Beschleuniger des Übergangs zum kybernetischen Kapitalismus und dem biopolitischen Kontrollregime.

Sie haben gerade ein neues Buch geschrieben mit dem Titel „Zeitenwende. Corona, Big Data und die kybernetische Zukunft“ und proklamieren darin, dass ein Umbruch stattfindet in das, was Sie kybernetisches Zeitalter nennen. Woran würden Sie denn das festmachen? Vielleicht muss man noch dazusagen, dass Sie die Coronakrise als Beschleuniger dieses Übergangs in das kybernetische Zeitalter sehen. Aber wo würden Sie denn zuerst den Umbruch ansetzen in das kybernetische Zeitalter?

Andrea Komlosy: Es gibt sehr viele Auffassungen von Kybernetik. Im Prinzip leitet sich der Begriff von dem griechischen Kybernetikos ab, dem Steuermann. Praktisch geht es um die Regelung und Steuerung durch Rückkopplungseffekte. Meistens wird Kybernetik technisch verstanden, man kann es aber auch politisch im Sinne von Governance verstehen., das sich ja auch aus demselben Wortstamm ableitet. Mir geht es um die neuen Technologien, also um die Selbststeuerung und das selbstständige Lernen der Maschinen bis hin zum Einbau des Menschen in ein algorithmengetriebenes Steuerungssystem.

Die Kybernetik ist als Wissenschaft in den 1940/50er Jahren entwickelt worden und in der Folge über die Künstliche Intelligenz in die Digitalisierung gemündet. Natürlich ist damit viel mehr verbunden als das Corona-Regime mit  Quarantäne, Testen, Impfen, Tracken usw. und den Regeln, die wir zu befolgen hatten. Aber ich gehe davon aus, dass diese An- und Verordnungen und auch die Kommunikationsangebote im Lockdown uns in das neue menschheitsgeschichtliche Zeitalter katapultieren, das ich kybernetischen Kapitalismus nenne. Dieser zeichnet sich im Wesentlichen durch neue Wachstumssektoren aus, verbunden mit neuen Technologien und Folgen für Konsumverhalten, Lebensweise und Arbeitsverhältnisse.

Ich habe für den Übergang vom industriellen zum kybernetischen Kapitalismus ein Modell entwickelt. Dabei folge ich im Wesentlichen den Konjunkturzyklen, die Kondratieff, Schumpeter oder Mandel entwickelt haben, nach denen ungefähr alle 50 Jahre ein neuer Leitsektor die Krise des vergangenen Zyklus überwindet. Ich sehe als neuen Leitsektor, der sich in der aktuellen Krise des fünften Kondratieff-Zyklus entwickelt, die Medizin-, Pharma- und Biotechindustrie, die zusammen mit Robotik, Künstlicher Intelligenz und Nanotechnologien die menschlichen Körper ins Spiel bringen, sie optimieren und auf diese Art und Weise neue Verwertungsbereiche eröffnen. Corona hat dafür einen kleinen Anschub dargestellt.

Man sagt normalerweise, die Kybernetik beginne mit dem Computer, also Mitte der 40er Jahre und nach dem Zweiten Weltkrieg. Aber der Computer steht bei Ihnen nicht im Mittelpunkt, zumal der kybernetische Zyklus, wenn man von 50 Jahren pro Zyklus ausgeht, dann eigentlich schon wieder abgelaufen sein müsste und ein neuer beginnen würde. Gibt es für Sie eine bestimmte Technik, ab der der Eintritt in das kybernetische Zeitalter stattfindet. Und dann käme natürlich auch die Frage auf, wenn wir da schon mehr oder weniger mittendrin sind, was sich denn daraus als nächster Zyklus entwickeln könnte?

Andrea Komlosy: Der Übergang von einem Zyklus zum nächsten ist ein langfristiger Prozess. Der Konjunkturzyklus, der in den 1990er Jahren von der Informations- und Kommunikationstechnologie getrieben war, ist mit der Weltwirtschaftskrise 2008 an einen Kipppunkt gekommen. Wir sind nach wie vor in dieser Krise. Immer noch gibt es keinerlei Anzeichen, dass wir sie überwunden haben. Charakteristisch für das Zyklenmodell ist, dass sich aus der Krise heraus neue Sektoren in Stellung bringen. Aktuell sind das, wie gesagt, die Pharma-, Biotech- und Körper-Optimierungs- und Kontrollsektoren, die mithilfe des Selbststeuerungsmodells der Kybernetik andere Produkte und auch Lebensweisen mit sich bringen, als wir das das aus dem seriellen Zeitalter der industriellen Massenproduktion kennen.

Zum Verständnis meiner Argumentation brauche ich nicht nur das Modell der 50-jährigen Konjunkturzyklen. Der zyklische Übergang auf neue Leitsektoren bettet sich in einen viel langfristigeren und fundamentaleren Übergang in der Menschheitsgeschichte ein. Die Ablöse des industriellen durch das kybernetische Prinzip reiht sich in die Abfolge der Produktionsprinzipien ein, die mit dem Übergang von der Jäger-SammlerInnen-Gesellschaft zur Agrargesellschaft (vor rund 10.000 Jahren) und dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft (seit dem 16. Jahrhundert) gekennzeichnet ist. Und nun befinden wir uns im Übergang vom industriellen zum kybernetischen Prinzip.

Das kybernetische Zeitalter hat mit der Entwicklung des Computers in den 1950er Jahren begonnen, als die Wissenschaftler die Möglichkeiten der Künstliche Intelligenz erkundet haben, also noch mitten im industriellen Zeitalter. Daraus hat sich eigentlich erst jetzt etwas formiert, das unsere Lebensweise bis hin zur Sinnstiftung total verändert, ebenso wie die Praktiken der Kommunikation, das Verhältnis zur Arbeit oder auch die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine.

Darüber wurde seither viel gesprochen. Es war die Rede von Cyborgs, von Virtual Reality, also dass wir unsere Körper in diese virtuellen Welten mitnehmen. Aber so arg viel hat sich bisher nicht verändert. Diese neue Welt, die erträumt wurde, ist eigentlich noch nicht da. Auch wenn Facebook jetzt davon schwärmt, mit dem Metaversum die Verschmelzung von Mensch und Maschine voranzutreiben. Im Unterschied zu früheren utopischen oder dystopischen Fiktionen haben sich die technischen Voraussetzungen zur Umsetzung heute allerdings stark verbessert. Meinen Sie diese Verschmelzung von Mensch und Maschine, von Mensch und Technik, von Körper und Technik oder sehen Sie etwas anderes als entscheidender?

Andrea Komlosy: Man muss immer unterscheiden zwischen dem, was vollmundig als technische Möglichkeit angekündigt wird, und dem, was dann tatsächlich realisiert wird. Da klafft eine große Kluft. In dieser Kluft liegt eigentlich auch die Hoffnung, dass diese Vorhersagen nicht automatisch zutreffen müssen, dass es Spielräume für Alternativen gibt. Allerdings haben sich, wenn ich in die Geschichte zurückschaue, die angekündigten Modernisierungen ziemlich unabhängig von dem, was es an Widerständen dagegen gegeben hat, meist Bahn gebrochen. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass das alles unbedingt so kommen muss.

Wir brauchen Skepsis gegenüber den Vorstellungen, dass der Mensch in der Maschine aufgehen wird. Im Prinzip hängt der Mensch ja schon seit dem Industriezeitalter an der Maschine, was zunächst allerdings noch ziemlich äußerlich war. Mit den Algorithmen ist eine ganz andere Steuerungsmöglichkeit vorhanden. Und mit dem digitalen Kapitalismus, mit dem Datenkapitalismus – es sind ja schließlich die Daten, die den Menschen an die Optimierungsbranchen binden – findet ein qualitativer Wandel statt.

Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir mit der Digitalisierung einen Kapitalismus haben, in dem Daten zur Ware werden. Das ist in dieser Massenhaftigkeit erst der Fall, seit es die Plattformökonomie und die IT-Konzerne gibt, die ihre Dienste massenhaft über das Internet anbieten. Sie eröffnen uns natürlich auch neue Zugänge zu Information und neue Möglichkeiten der Kommunikation, aber damit schöpfen sie ununterbrochen unsere Daten ab, auf denen das Geschäftsmodell für die neuen Sektoren aufbaut.

Natürlich braucht es weiterhin Kapital, Arbeitskraft, Rohstoffe usw., aber die Daten ermöglichen die Feinsteuerung, dass man mit den Erfahrungen, die man sozusagen durch die Klicks abliefert, den Unternehmen mitteilt, wie wir uns verhalten, was wir wünschen, welche Begierden wir haben, wo wir uns befinden, wie oft wir etwas machen, mit wem wir Kontakt haben. Dieses Verhalten ist erst seit einer relativ kurzen Zeit tatsächlich auswertbar und kommt uns praktisch entgegen, insofern es in maßgeschneiderte Produkte übertragen wird. Man könnte das auch ganz banal sagen: Wir laufen herum, messen unseren Blutdruck oder zählen die Anzahl der Schritte, die wir gemacht haben. In der Corona-Zeit messen wir eben auch, wie wir uns im biopolitischen Kontrollregime verhalten. Mit der Offenlegung dieser Daten speisen wir die neuen Wachstumssektoren.

 

Wenn Sie vom digitalen Kapitalismus sprechen, dann sprechen Sie auch von Konkurrenz und Wettbewerb, von verschiedenen Monopolen und kleineren Unternehmen, die um die Daten und auch um die Auswertung der Daten kämpfen. Wie verändert der Datenkapitalismus das bislang gewohnte kapitalistische System?

Andrea Komlosy: Am wichtigsten ist die Frage, woher der Mehrwert stammt. Beim klassischen Kapitalismus, den ich im marxistischen Sinn interpretieren würde, kommt der Mehrwert durch die Ausbeutung der bezahlten Arbeitskraft zustande – in Ergänzung zu Marx indirekt auch durch die unbezahlte Arbeitskraft über die Reproduktion der Lohnarbeitenden. Mit der Beschäftigung von Arbeitskräften wird Mehrwert generiert. Das endet ja auch nicht mit dem digitalen Kapitalismus. Es kommt mit der Digitalisierung zu einer starken Polarisierung zwischen den technischen Leitungspositionen und den Prekären. Da gleichzeitig viele Tätigkeiten durch die Maschinen ersetzt werden, sinkt das Volumen der ausbeutbaren Arbeitskraft. Stattdessen kommt es zur Aneignung der Erfahrung, die sich in den Verhaltensdaten, die man über die Klicks bei der Suche, beim Einkauf oder bei der Inanspruchnahme von Diensten erzeugt und preisgibt.

Kapitalismuskritik beruht immer noch auf dem Gegensatz von Kapital und Arbeit, wir ruhen uns gewissermaßen auf dieser Erkenntnis aus, die für das Industriezeitalter einen zentralen Erklärungswert hatte.  Das digitale, kybernetische Zeitalter jedoch schafft ganz andere Ausbeutungsformen und damit auch Interventionsmöglichkeiten in uns als User der Dienste und als nachfragende Personen für die Produkte, die aufgrund der Auswertung der Daten auf uns maßgeschneidert zugeschnitten werden. Das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Wenn man sich wünscht, dass der Kapitalismus wieder aus der Krise kommt, dann eröffnet der Medizin-Pharma-Kontroll-Komplex eine Chance für einen neuen Wachstumszyklus. Man muss aber auch sehen, dass all das  Widerstände und Widersprüche hervorruft und dass es nie genauso kommt, wie es Zukunftsforscher prognostizieren.

Ich glaube im Prinzip nicht, dass man diesen Zug zur Digitalisierung aufhalten kann. In dem Moment, an dem gewisse Technologien im Raum stehen und neue Wachstums- und Profitmöglichkeiten eröffnen, werden natürlich auch ihre Vorzüge erkannt – auch wenn diese in einer ungleichen Gesellschaft sehr ungleich verteilt sind. Wir können schon jetzt zu beobachten beginnen, was die Kybernetisierung der Beziehungen mit uns als Menschen macht, und überlegen, ob und wie viel wir eigentlich davon haben wollen oder ob wir nicht doch lieber mehr als analoge Wesen leben wollen.

 

Noch mal zurück zum alten Kapitalismus und Marxismus. Man setzte auf die Arbeiterbewegung und die Aneignung der Produktionsmittel. Lässt sich dazu etwas in Analogie zum Datenkapitalismus sagen? Geht es darum, die Daten wieder zurückzuholen und sich anzueignen? Würde man damit zum eigenen Produzenten? Oder würden Sie sagen, da findet etwas prinzipiell anderes statt?

Andrea Komlosy: Das finde ich eine sehr interessante Frage. Im Prinzip muss man auf der einen Seite individuell überlegen, wie man mit den Daten umgeht. Oft haben wir ja keine Wahl, sondern nehmen um der Partizipation willen, die wir alle brauchen, sehr viel an Verhaltensenteignung in Kauf. Das haben wir mit dem Gesundheitspass im Corona-Regime deutlich gesehen. Selbst wenn man dem Impfdruck entgehen konnte, hat man sich ständig über seinen Impf-, Test- oder Genesenenstatus ausweisen müssen, um sich im öffentlichen Raum zu bewegen. Von den Corona-Maßnahmen wird die Bewegungskontrolle und die Möglichkeit, Menschen anhand ihrer Gesundheitsmerkmale zu kategorisieren und zu steuern, wohl am ehesten bleiben, fürchte ich.

Ich hoffe natürlich, dass das nicht so weit gehen wird, dass wir nur mehr mit QR-Codes ins Kino, in eine Ausstellung gehen oder uns an der Gesellschaft beteiligen können. Hier kommt die Politik ins Spiel. Da wir die Entwicklungen nur begrenzt mit unserem individuellen Verhalten steuern können, müssen wir auch gesellschaftlich dafür sorgen, dass das selbstbestimmte, unkontrollierte, analoge Leben möglich ist. Darüber hinaus kann man überlegen, wie man gewährleisten kann, dass die positiven Seiten und Möglichkeiten der kybernetischen Selbststeuerung genutzt werden und der Gesellschaft zugutekommen, ohne dass diese von der Profitgenerierung bestimmt werden. Da muss ich gestehen, sehe ich nicht wirklich die Ansatzpunkte.

Wer könnten die Träger einer solchen Bewegung sein? Gerade die Gewerkschaften, die parlamentarische, aber auch die außerparlamentarische Linke sind in der Corona-Zeit in ihrer Mehrheit dazu übergegangen sind, genau den Maßnahmen, die uns in diese Richtung der medizinisch-pharmakologischen Überwachungs- und Kontrollgesellschaft treiben, einen Gesundheitsschutz zuzubilligen. Da sehe ich einen großen Fehler in der Analyse.

Man könnte aber sagen, dass die in China angestrebte Steuerung des sozialen Verhaltens viel drastischer ist als die medizinische Überwachung. Wenn über Gesichtserkennung im öffentlichen Raum alle Individuen ausgemacht und ihnen bestimmte Dinge verschlossen werden können, wenn sie sich nicht konform verhalten haben, dann geht das doch weiter, wobei in China auch die Coronas-Maßnahmen viel härter als hier angewendet wurden. Ich meine, dass das, was an staatskapitalistischer Überwachung möglich wäre und auch schon praktiziert wird, weit über den medizinischen Bereich hinausgeht…

Andrea Komlosy: Ich will die neuen Leitsektoren auch keineswegs auf das Medizinische beschränken. Die Konjunkturzyklen-Theorie besagt ja nicht, dass diese die einzigen sind, sondern dass über die Leitsektoren bestimmte Mechanismen als allgemeine Prinzipien in die Produktions- und Lebensweise eingeführt werden. Obwohl die Zeit der harten Corona-Maßnahmen jetzt schon ausgelaufen ist, bedienen wir uns weiterhin der ganzen Kommunikations- und Konsumtechniken, an die wir uns im Corona-Regime notgedrungen gewöhnt haben, um überhaupt kommunizieren zu können, während wir auf der anderen Seite bereit waren, um der Teilhabe willen unsere Körper- und Gesundheitsdaten preiszugeben.

Das Corona-Regime war ein bestimmender Moment, der Widerstände gegen die Kybernetisierung überwunden und eine Einübung in die Technologien mit sich gebracht hat, und damit die Bereitschaft, die entsprechenden Daten mitzuliefern. Auf dieser Grundlage kann ein neuer Wachstumszyklus aufbauen. Dabei übernehmen nicht nur neue Sektoren die Führung, sondern auch neue hegemoniale Kräfte, wie eben China, das mit seinem autoritären Kontrollregime gegenüber dem Westen viele Vorteile mitbringt.

Manche der sogenannten Verschwörungstheoretiker meinen ja, es sei eine abgekartete Sache irgendwelcher Eliten gewesen. Das würden Sie aber so nicht sagen?

Andrea Komlosy: Nein. Dafür ist der Kapitalismus einfach zu komplex, es sind zu viele unterschiedliche Interessen im Gange. Es konkurrieren nicht nur unterschiedliche Unternehmen und Branchen, sondern auch Staaten und ganze Weltregionen. Die geopolitische Seite haben wir noch nicht besprochen. Nein, die Vorstellung vom großen Plan, der mit Corona umgesetzt wurde, ist zu vordergründig.

Natürlich werden Politiker an entscheidenden Positionen durch Thinktanks vorgefiltert und sie müssen die richtigen transatlantischen Connections haben, sonst kommen sie gar nicht in diese Positionen. Das ist natürlich nicht erst seit der Corona-Zeit so. Internationale Organisationen und Lobbygruppen haben mit staatlicher Beteilgiung auch Pandemie-Szenarien durchgespielt. Einige Analogien zwischen Szenario und tatsächlichen Abläufen springen ins Auge, trotzdem würde ich nicht behaupten, alles sein vorbereitet, eingeübt und dann ausgeführt worden. Da sind einfach zu viele widersprüchliche Dinge gleichzeitig im Gange.

 

Eine Zeitenwende wird heute auch in Deutschland vom Bundeskanzler verkündet. Sie soll nach dem Anfang des Krieges in der Ukraine stattgefunden haben. Geopolitisch soll sich die Weltordnung neu konstituieren. Wie würden Sie das aus Ihrer Perspektive sehen? Corona ist fast kein Thema mehr, die Überwachung ist eingestellt worden. Im Augenblick herrscht eigentlich eher die Formierung durch den Krieg vor. Man steckt viel Geld in die Rüstung und baut Feindbilder auf. Natürlich spielt die Kybernetik hier auch eine Rolle beispielsweise in Form von Drohnen und anderen Waffensysteme, die dann automatisiert eingesetzt werden können. Sehen Sie eine Verbindung beim Übergang von der Corona-Zeit zu der Kriegszeit?

Andrea Komlosy: Ich stimme nicht zu, dass die Überwachungsmaßnahmen, die sich in der Corona-Zeit etabliert haben, ganz vorüber sind. Sie sind natürlich nicht mehr so flächendeckend vorhanden. Aber wenn Sie zum Beispiel in irgendeiner Weise mit dem Gesundheitsbereich zu tun haben, dann bleibt Ihnen etwa als Studierender an einer medizinischen Universität de facto nichts anderes übrig, als sich gegen Corona impfen zu lassen. Die Impfung hat sich in der Zwischenzeit zu einem regelmäßigen, alle halben Jahre zu erneuernden Stich entwickelt, der aber vor der Erkrankung nicht schützt. An manchen Universitäten werden zum Beispiel trotz Gleichbehandlungsgebot Leute, die vollständig geimpft sind, bei gleicher Qualifikation bevorzugt. So zieht ein biopolitisches Selektieren in den Alltag ein. Nach den Plänen von Weltgesundheitsorganisation und den G20 soll dies zu einem ständigen, international koordinierten Gesundheits- bzw. allgemeines Ausweisdokument führen, mit dem dann von der wirtschaftlichen Seite, aber natürlich auch von der Seite staatlicher Kontrolle die Menschen bestimmt werden können. Das sollte man im Auge behalten.

Zeitenwende ist ein allgemeiner Begriff, man kann ihn für einen Wandel in den geopolitischen Beziehungen, in der Einstellung zu Aufrüstung, Militarisierung und Waffenlieferungen, aber auch zum Umgang mit der ökologischen Krise verwenden. Ich verwende den Begriff in einem viel allgemeineren Sinn als Übergang vom industriellen zum kybernetischen Produktionsprinzip. Selbstverständlich bietet auch Krieg ein Anwendungsfeld für kybernetische Technologien.

Der Computer ist ja schließlich von Anfang an eine Kriegstechnik. Das Militärische steht am Ursprung des kybernetischen Zeitalters.

Andrea Komlosy: Das ist richtig, aber wenn wir den Krieg jetzt anschauen, dann wird er doch sehr stark mit herkömmlichen Technologien geführt, die durch Digitalisierung verbessert sind. Manches ist auch sehr brutal auf dem Schlachtfeld. Das heißt, dass die herkömmlichen Technologien eigentlich nicht so sehr Erfolge mit sich bringen, sondern die Möglichkeit der Überwachung und der Logistik. Vieles von dem, was wir im Zusammenhang mit Corona diskutiert haben, sind relativ subtile Formen der Gängelung des Einzelnen.

Im Krieg ist die Gängelung des einzelnen Einzelnen noch mal um einiges stärker und es gibt die Propaganda. Es ist natürlich ein Problem, dass auch nicht in den Krieg involvierte Akteure  wie Deutschland oder sogar das neutrale Österreich sich als Kriegsparteien sehen und auf der Propagandaebene auch mitmachen. Da sehe ich schon eine gewisse Parallele. Bei Corona sind die Kritiker der Maßnahmen mehr, als ich das jemals als mündige Bürgerin erlebt habe, mundtot gemacht worden. Ähnliche Phänomene sehe ich jetzt bei all denen, die im Ukraine-Krieg Friedenspolitik oder Verhandlungslösungen fordern. Insofern gibt es schon einen allgemeinen Trend in Richtung einer autoritärer werdenden Gesellschaft, die den Diskurs abschafft oder zurückdrängt und durch von oben verordnete Wahrheiten ersetzt.

Die Historikerin Andrea Komlosy arbeitet als Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien. Zuletzt sind von ihr die Bücher erschienen: „Arbeit. Eine globalhistorische Perspektive“ und „Grenzen. Räumliche und soziale Trennlinien im Zeitenlauf“.

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11 Kommentare

  1. „Manches ist auch sehr brutal auf dem Schlachtfeld.“ Das klingt, wie wenn die Heraufkunft der IT-Welt auch im Krieg zur Entmaterialisierung und damit gleichsam Gameifizierung führen sollte. Das Gegenteil ist der Fall. Lenkbare Fernwaffen führen z. B. zur Auflösung oder zumindest Ergänzung der Front, der Krieg ist nun potentiell ubiquitär.

    „Wenn man sich wünscht, dass der Kapitalismus wieder aus der Krise kommt, dann eröffnet der Medizin-Pharma-Kontroll-Komplex eine Chance für einen neuen Wachstumszyklus.“ Wie kann man sich die Fortsetzung von etwas wünschen, dass zur Welt-Autophagie führt? Aber abgesehen davon – „Natürlich braucht es weiterhin Kapital, Arbeitskraft, Rohstoffe…“ – hier fehlt eine wichtige Zutat. Damit die Weitermacher erfolgreich weitermachen können braucht es Kaufkraft. Daran mangelt es spätestens seit 2008 akut. Mit einem Geld-Tsunami ist das zugeschüttet worden, doch ab dem Moment, da die Geldwelle die alltägliche Gütersphäre erreicht, setzt auch die Inflation ein und frisst Kaufkraft und Vertrauen in Fiat-Währungen. Für eine Zyklusverlängerung oder gar einen neuen, bräuchte es von allem mehr und das ist nicht zu haben. Zwar entsteht Neues und entfacht vielleicht auch das eine oder andere Strohfeuer, doch insgesamt gehts rückwärts. Daher auch die Neigung zum Grosskrieg.

  2. Boh, wie furchtbar. Man schalte dem Kapitalismus ein modisches Adjektiv vor und schüttele sich wundersame Dinge aus der Manschette. Fertig ist der neue Reißer für die Bahnhofsbuchhandlung.

  3. Sog. Verschwörungstheoretiker, natürlich nur weil „jemand“ jemanden so benennt und damit unter Verwendung des Kampfbegriffes auch gleich die Rahmung des erlaubt Sagbaren definiert.
    Daß das keiner planen kann, bloß weil es komplex ist, ist etwas unterkomplex und enspricht nicht den bisher gewonnenen und tatsächlich zugänglichen Erkenntnissen.

    Es gibt zahlreiche Publikationen, on- und offline, die das Geschehen eindrücklich darlegen. Nehmen sie als nur ein Bsp. die mit umfangreichen Quellenmaterial belegten Ausführungen von Norbert Häring. Oder als zweites die Arbeiten von Paul Schreyer.

    Oder nehmen sie z.B. einen Vortrag von Rainer Mausfeld. Vlt. diesen, „Rainer Mausfeld: Neue Wege des Demokratiemanagements.“ In dem ziemlich treffend alles dargelgt wird, was die letzten drei Jahre an Mechanismen eingesetzt und was an Machtstrukturen offenbar wurde.

  4. Ich vermag nicht zu beurteilen, ob man mit Marx die heutige Gesellschaft erfassen und beschrieben kann. Es sind 200 Jahre alte Texte. Das heißt nicht, dass ich davon nicht sehr überzeugt wäre. Aber es braucht Keine ,, Überzeugung“ sondern wissenschaftliche Analyse, die ich nicht mal rudimentär leisten kann. Ist nicht mein Beruf, nicht meine Begabung. Wer glaubt, Gesellschaft verstehen und erklären zu können, wenn er täglich TV schaut, mag auch glauben, man könne „Gravitation“ begreifen, wenn man nur lang genug nachts ins Weltall starrt.

    Das Interview mit einer Wissenschaftlerin, deren Job Gesellschaftsanalyse ist, lässt mich ratlos zurück. Ich finde es auch sprachlich nicht geglückt, kann aber nicht sagen, ob das dem Autoren oder seiner Interview-Partnerin zuzurechnen ist. Der vorgetragen Zeitkritik würde ich mich sicher anschließen. Da wo Wissenschaft, wo Analyse, Theoriebildung beginnen sollte, bin ich irritiert.
    „Am wichtigsten ist die Frage, woher der Mehrwert stammt. Beim klassischen Kapitalismus, den ich im marxistischen Sinn interpretieren würde, kommt der Mehrwert durch die Ausbeutung der bezahlten Arbeitskraft zustande – in Ergänzung zu Marx indirekt auch durch die unbezahlte Arbeitskraft über die Reproduktion der Lohnarbeitenden. “ Das ist die Interpretation im Sinne Marx‘? Und eine Marx ergänzende noch dazu?
    Eigentlich nicht. Die Arbeitwerttheorie nach Marx, sie ist ja nicht von ihm, basiert doch, und das ist überhaupt nicht nebensächlich oder esoterisch, auf der Annahme, dass der Wert der Ware „Arbeitskraft“ in den Wert der Ware eingeht. Und der ist gesellschaftlich bestimmt. Es ist das, was benötigt wird, um diese zu reproduzieren, also existierten zu können. Mehrwert ist dann auch nichts geheimnisvolles sondern das, was an Wert über die eigene Reproduktion erzeugt wird. Wer von „unbezahlter“ Arbeitskraft spricht, mag durch eigene Forschung dagingekommen sein und das bei Gelegenheit begründen. Aber ist das Marx? Ich glaube mich zu erinnern, dass er schon zu seinen Lebzeiten solche Ideen, also so was wie „Gerechten Arbeitslohn“ u.ä. verspottet.

    Im übrigen denke ich, dass man mit Marx selbst, ziemlich weit kommt, um die krisenhaften Zerfallsprozesse der Gegenwart zu verstehen. Robert Kurz, der einst mit Marx‘ Handwerkszeug, mit der Werttheorie, Gesellschaft beschrieb, hat bereits in den Neunzigern im „Kollaps der Modernisierung “ düstere Prognosen abgegeben, deren Erfüllung wir als Zeitzeugen erleben.

  5. Seit 2008 wird der ‚Mehrwert‘ mit Gelddrucken vorgegaukelt, der letztendlich in die Situation führt wo man heute steht. Eine künstliche Wirtschaft, Gewinne privatisiert und Schulden sozialisiert.
    Der Westen pumpt Mrd in die Ukraine und niemand weiss wo das Geld geblieben ist…

    1. Hi PRO1,
      nun höre doch nicht mittendrin auf. Was wäre denn, wenn alle wüssten, wo das Geld geblieben ist?
      Würde das nicht in „Schulden sozialisiert“ abgeschrieben?

      1. Hallo Peter,
        wenn alle das wüssten, gebe es den Westen in seiner Form schon lange nicht mehr.
        Sozialisiert abgeschrieben wird nicht funktionieren, denn die Demokratie wurde über Dekaden legitimiert.
        Aber man kann sich mal das Chinesische Kaiser Gold und den Verbleib dessen im Netz suchen, oder etwas später das Green Hilton Agreement ratifziert durch 2 Staaten mit 9 demokratischen Vertreter als Zeugen (inkl. Vatikan).

  6. Das hier: „alle 50 Jahre ein neuer Leitsektor die Krise des vergangenen Zyklus überwindet. Ich sehe als neuen Leitsektor, der sich in der aktuellen Krise des fünften Kondratieff-Zyklus entwickelt, die Medizin-, Pharma- und Biotechindustrie, die zusammen mit Robotik, Künstlicher Intelligenz und Nanotechnologien die menschlichen Körper ins Spiel bringen, sie optimieren und auf diese Art und Weise neue Verwertungsbereiche eröffnen.“ sollte man m.E. mit Skepsis betrachten.

    Es sind Sektoren, die aus keinem gesellschaftlichen Bedürfnis entstanden sind, sondern aus der Manipulation dieses Bedürfnisses. Man hätte bspw. auch einen klassischen Totimpfstoff gegen Corona verwenden können (wie in China), statt einen mRNA-Impfstoff. Dass letzterer patentierbar ist und für exorbitante (Monopol-) Profite sorgt macht ihn erst zum Leckerchen des „neuen Leitsektors“.
    Dass das Kapital ein Bedürfnis nach neuen = extrem profitablen „Leitsektoren“ hat, ist nicht deckungsgleich mit gesellschaftlichen Bedürfnissen; dass das Kapital eine „neue Welle“ möchte ist nachvollziehbar, aber nicht unbedingt in diesen Sektoren wünschenswert für die Gesellschaft.

    „Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir mit der Digitalisierung einen Kapitalismus haben, in dem Daten zur Ware werden. Das ist in dieser Massenhaftigkeit erst der Fall, seit es die Plattformökonomie und die IT-Konzerne gibt, die ihre Dienste massenhaft über das Internet anbieten.“

    Das ist schlicht sachlich falsch.
    Jeder Einzelhandelskonzern hat eine Artikel- und Mengengenaue Erfassung der verkauften Produkte im Supermarkt, die seit Jahrzehnten „digital“ ausgewertet werden, allein um die Verkaufsfläche, den Lagerbestand und die Logistik zu optimieren. Die Entwicklung der Fertigung „just-in-time“ durch die japanische Automobilindustrie (Stichwort: „Toyota Produktionssystem“) orientierte sich an diesem Modell und „Amazon“ hat seinen Sitz nicht zufällig in Bad Hersfeld, sondern weil „Libri“ (Buchgroßhändler) da ist. Letzteres Unternehmen war schon in der Lage, jeden Buchhändler in Deutschland über Nacht mit bestellten Büchern zu versorgen, als „Amazon“ noch gar nicht existierte. Das identische Problem in einem anderen Maßstab hat man, wenn es um „globale Lieferketten“ für Unternehmen geht.
    Mir erschließt sich nicht nur die Neuheit nicht, sondern ich habe den Eindruck, man fällt auf Propaganda herein.

    Auch das hier: „Natürlich braucht es weiterhin Kapital, Arbeitskraft, Rohstoffe usw., aber die Daten ermöglichen die Feinsteuerung, dass man mit den Erfahrungen, die man sozusagen durch die Klicks abliefert, den Unternehmen mitteilt, wie wir uns verhalten, was wir wünschen, welche Begierden wir haben, wo wir uns befinden, wie oft wir etwas machen, mit wem wir Kontakt haben. Dieses Verhalten ist erst seit einer relativ kurzen Zeit tatsächlich auswertbar und kommt uns praktisch entgegen, insofern es in maßgeschneiderte Produkte übertragen wird.“ macht nur umgekehrt und im Zusammenhang Sinn.

    Die „Feinsteuerung von Verhalten“ kann man ebenfalls mit Manipulation übersetzen – es wird dem Sachverhalt Rechnung getragen, dass die Aufmerksamkeit des Konsumenten begrenzt ist und man diese gezielt lenken kann (z.B. über Werbung, aber auch über die Listenposition in einer Abfrage in Form einer Liste (s. Google)). Erst wenn man aber in der Lage ist, eine (profitable) industrielle (!) Fertigung mit der Losgröße 1 zu beherrschen, kann man tatsächlich diesem „individuellen Bedürfnis“ entsprechen.
    Sonst nicht – ob drölfzig Millionen Daten vorliegen ist in diesem Fall irrelevant.

    Ich habe den Eindruck, es werden eher neue Schlagworte produziert, als echte Gesellschaftsanalysen.

  7. Andrea Komlosy schreibt in ihrem, diesem Interview zugrunde liegenden Buch „Zeitenwende“ im Absatz „Ethische Kritik“ im Kapitel „1.3 Evolutionszyklen“:

    Der Zukunfts- und Friedensforscher Robert Jungk (1913−1994) macht uns in seinem vielfach aufgelegten Buch »Die Zukunft hat schon begonnen« etwa mit John von Neumann (1903−1957) bekannt.163 Dieser nahm als Mathematiker am Institute of Advanced Study an der Princeton Universität an den Macy-Konferenzen teil, die zwischen 1946 und 1953 an der Josiah Macy Jr. Foundation in den USA stattfanden und die Pioniere der Systemtheorie, Kybernetik und Kognitionswissenschaften wie Norbert Wiener, Heinz von Foerster (1911−2002), Paul Lazersfeld (ja ich weiß, der schreibt sich Lazarsfeld, aber so steht’s im Buch) (1901−1976), Waren (herrje, Warren!) McCulloch (1998−1969) u. a. versammelten. Als einzige Frau unter den regelmäßigen Teilnehmern sticht Margaret Mead (1901−1978) heraus.164
    Einige Teilnehmer reflektieren ihre anfängliche Begeisterung später durchaus selbstkritisch, wie Robert Jungk festhielt: »Wir haben mit den Mächtigen paktiert und uns von ihnen für ihre Ziele einspannen lassen«, äußerte der Mathematiker John von Neumann (1903−1957) und wandte sich gegen die Anmaßungen der angewandten Wissenschaft, […]165

    Nachschlagen bei Robert Jungk führt zu dem Ergebnis, dass John von Neumann dieses „mit den Mächtigen“ paktieren direkt und explizit auf seine Institutsanstellung und die seiner 17 Kollegen am Institute of Advanced Study bezog und nicht auf die Teilnehmer der Macy-Konferenzen. Ein kleines, aber feines Detail, das nicht vernachlässigt werden sollte. Er hat quasi als Vertreter dieses Instituts an den Konferenzen, an einigen, nicht an allen, teilgenommen, mehrfach als abwesender! Teilnehmer gelistet. Das laxe Nebeneinanderstellen im Text verwischt die Zusammenhänge. Was sagt das über die Autorin aus?
    Zur Erklärung, das Institute of Advanced Study ist ein privates Forschungsinstitut mit US-Regierungsnähe, die die sog. Macy-Tagungen veranstaltende Josiah Macy Jr. Foundation hingegen ist eine gemeinnützige Stiftung mit dem Thema Medizinische Ausbildung.
    Kybernetik ist ein Buh-erschreckt-euch-Wort, ohne Zweifel. Kybernetischer Kapitalismus, das klingt richtig spooky, im Gegensatz zu digitaler Kapitalismus, der es als Begriff mit direktem Bezug zur Technologie wesentlich besser trifft. In den einschlägigen Machbarkeits-Jubel-Werken der Silicon Valley-Ideologie taucht der Begriff cybernetics nur ein einziges Mal auf, bei Ray Kurzweil.
    Kybernetischer Kapitalismus ist ein Oxymoron. Hier wird der Kapitalismus, dessen neoliberale Chefideologen nach wie vor vom Ideal des völlig freien, sich selbst regelnden Marktes (v. Hayek) träumen, mit einem eine Wissenschaft bezeichnenden Adjektiv versehen, für die Marktgläubigen eine positiv zu interpretierende Verwissenschaftlichung, eine Rechtfertigung durchs Adjektiv, für die Kritiker – wie die Autorin – je nach Stilistik eine Diskreditierung oder gar Dämonisierung.
    Dabei ist in der 1st order cybernetics die Phänomenologie der Regelung mathematisch exakt beschrieben, in der 2nd order cybernetics (Kybernetik des Beobachters) sind wenigstens die Grenzen des Formalen klar herausgeschält.
    Mit Dämonisierung einerseits sowie mit dem Verwischen von Kontexten andererseits lässt sich keine profunde Kritik an der aktuell bestehenden ökonomischen Ordnung veranstalten. Es ist vielmehr Ausdruck einer intellektuellen Selbsteinkerkerung.

    Das ist sehr gefährlich, zumal in Zeiten, in denen die Fragen nach dem Menschen und seine/r/n Technik(en) neu zu stellen sind. / JP

  8. Im Wesentlichen sind die Aussagen von Komlosy richtig, wobei die Konjunkturzyklen nur einen Aspekt abbilden können. Sie hat m. E. mehrere Punkte nicht genannt, die in der Fachliteratur zur Kontroll- und Disziplinargesellschaft beschrieben wurden. Für dieses gesellschaftliches Modell werden noch anderen Begriffe wie Plattformkapitalismus oder Gig Economy genannt. Doch nicht jeder Mensch profitiert gleichermaßen von diesen Veränderungen, es findet hier ein Paradigmenwechsel in der sozialen Sicherung und Planbarkeit statt. Dabei muss man auf die Klassiker der Soziologie und Philosophie verweisen, die ich hier versuche im Kontext der Kontroll- und Disziplinargesellschaft zu skizzieren. Angesichts der Komplexität von Gesellschaft wirkt die nach geordnete Darstellung sehr eklektizistisch, gerade deswegen soll dieser Kommentar auch zu möglichen neuen Erkenntnissen durch Mitleser und Kommentatoren führen. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass es Kontroll- und Disziplinargesellschaften seit dem neolithischen Zeitalter gab und die gesellschaftliche Entwicklung immer fundamentale Widersprüche hervorgerufen hat. Doch die heutigen Kontroll- und Disziplarmechanismen sind das Ergebnis einer fundamentalen Wende seit dem Ende des Mittelalters bzw. dem Anfang der frühen Neuzeit. Komlosy zeichnet m. E. nur eine Facette in dieser langen Entwicklung. Erst durch die kopernikanische Wende (Arendt) und durch Luthers Reformation wurde der Mensch selbst im Sinne Max Webers protestantischer Ethik und der Geist des Kapitalismus auf sich zurückgeworfen wurde. Damit bildete sich ein neues Welt- und Menschenbild (die Erde dreht sich um die Sonne) heraus, das auf die Diesseitigkeit und damit auf das Leben selbst ausgerichtet war. Wesentlicher Bezugspunkt war die Arbeit, die man als Ausdruck des eigenen Wertes sah. Verstärkt wird diese Entwicklung durch den Utilitarismus des Philosophen Bentham, der mit dem Panoptikum-Haus die nächst höhere Phase einer Disziplinargesellschaft schuf. Foucault hat dies in Strafen und Überwachen sehr deutlich herausgearbeitet. Ohne eine Disziplinierung des Menschen durch seine Sichtbarmachung und die biopolitische Einordnung im Rahmen der Nationalstaatsbildung hätte der Kapitalismus in der heutigen Form nicht überlebt (Gesundheits-, Wohlfahrts- und Bildungspolitik). Der Mensch wurde durch den Takt an die Dampfmaschine durch eine Taylorisierung der Arbeit konditioniert. Das Pausensignal der Fabrik war das Zeichen dieser Konditionierung. Kritisch eingeordnet wurde die Konditionierung an den Takt der Maschine von Charlie Chaplin in „Moderne Zeiten“.

    Erst der 2. Weltkrieg und die Entwicklung der kybernetischen Theorie von Wiener führte zu einer neuen Entwicklungsstufe der menschlichen Disziplinierung. Auf der Grundlage des sich selbst regulierenden Objektes entwickelten sich die ersten Ansätze des digitalen Computerzeitalters. Theoretische Grundlage war die Systemtheorie, an der Wiener maßgeblich beteiligt war. Ausformuliert wurde die Systemtheorie von Heinz von Foerster, ein Mitbegründer der wissenschaftlichen Kybernetik. Für von Foerster war die Systemtheorie noch unzureichend, daher definierte er das Konzept der „Beobachtung zweiter Ordnung“. Die Beobachtung zweiter Ordnung (durch andere Personen) macht den „blinden Fleck“ sichtbar, also jene Perspektive, die in der eigenen Beobachterperspektive nicht wahrgenommen wird. Damit schuf er einen Aspekt, für die die heutige Disziplinierung der Menschen von entscheidender Bedeutung ist und seinen Eingang in die betriebswirtschaftliche Literatur gefunden hat: das Feedback. Neue Managementtheorien zielten auf eine Selbststeuerung von Mitarbeitern. Künftig wurde nicht der Arbeitnehmer durch den Vorarbeiter überwacht, es wurden mit der mittleren Managementebene Zielvereinbarungen getroffen, die jeder Arbeitnehmer auf seine Weise anhand von Kennziffern (als Kontrolle zur Überwachung) zu erreichen hatte. Im neoliberalen Humankapitalansatz von Becker wird diese Entwicklung verdeutlicht. Ausbeutung sollte nicht mehr äußerlich sein, man wollte auch den inneren Wert der Arbeitskraft ausbeuten. Dabei muss man berücksichtigen, dass die 68er-Bewegung mit ihrer Kapitalismuskritik die neuen Managementtheorien beeinflussten. Mit ihrer Kritik an bestehenden Arbeitsformen (siehe hierzu Chiapello/Boltanski) sollte den Mitarbeitern mehr Autonomie gegeben werden, statt dem monotonen Takt der Arbeitsfabrik und den Vorgaben des Vorarbeiters zu folgen.

    Erst durch die Krise des keynesianischen/fordistischen Kapitalismus seit Mitte der 1970er Jahre gewannen neoliberalen Ideen der Managementtheorien wieder durch Reagan und Thatcher an Oberhand, z. B. in Form des Human Resource Management. Gleichzeitig führte die Digitalisierung und die zunehmende Durchdringung von Kleincomputern zu neuen Arbeitsformen, aus denen die sozialen Netzwerke des Silicon Valley entstanden. Auf politischer Ebene musste man auch auf die Krise der bisherigen Produktions- und Akkumulationslogik des keynesianischen/fordistischen Kapitalismus reagieren. Arbeitsmarktpolitische Eingriffe wie die Agenda 2010 waren aus Sicht neoliberaler Vordenker erforderlich, weil die keynesianische/fordistischen Produktions- und Akkumulationslogik durch eine Verschlankung der Produktion und der gesteigerten Produktivität an ihr Limit gekommen war. Der Kapitalismus suchte neue Formen der Gewinnmaximierung und fand ihn in der Inwertsetzung der Flora und Fauna. Einerseits lassen sich heute Großkonzerne neue Entdeckungen wie z. B. die genveränderten Organismen patentieren, andererseits wurde mit der Fitness- und Aerobic-Welle in den 1980er Jahren das Fundament des Körperkultes (für den Inwertsetzung des menschlichen Körpers durch Selbstinszenierung) geschaffen. Jung, sportlich und dynamisch sollte jeder sein. Die „Ich AG“ (im Sinne des Humankapitalansatzes) war das sichtbarste Zeichen dieser Zeit. Der eigene Körper musste für die Herausforderungen des neoliberalen Kapitalismus trainiert und durch Fitnessarmbänder überwacht werden. Jetzt wird der eigene Körper (z. T. durch Selfies kultisch zelebriert und durch likes honoriert) zur Grundlage seiner Arbeitsfähigkeit, der immer bestimmte biologische Werte (BMI) erreichen musste. Wer diese Werte nicht erreicht, gilt als faul und unfähig, sein eigenes Leben zu bestimmen. Prominente Influencer auf den Plattformen der sozialen Medien, die als Soloselbständige arbeiten, sind das Signum dieser Entwicklung. Ihre Arbeit findet vor einer ästhetisch ansprechenden Kulisse statt, man sieht darin die Sinnstiftung der eigenen Arbeit, die in der Fabrik nicht möglich war. Die Daten, die die Influencer und ihre Follower erzeugen, werden, wie es Komlosy richtig beschreibt, zur neuen Ware, die die Digitalwirtschaft man verwerten muss. Das Liken (Feedback) wird zur neuen Kennziffer durch tägliche Updates seines eigenen Lebens. Die sozialen Plattformen aus dem Silicon Valley, die das Forum für die Influencer bereitstellen, entdecken mit der eingangs genannten Inwertsetzung der Flora und Faune neue Geschäftsfelder, arbeiten seit geraumer Zeit an eigenen medizinischen Plattformen, die zu dem von Komlosy beschriebenen Medizin-Pharma-Kontroll-Komplex führen werden. Auf der anderen Seite stehen auch jene Personen, die im Zuge der Deindustrialisierung als Arbeitskräfte freigesetzt werden und die häufig im Dienstleistungssektor als prekäre Arbeitskraft einmünden. Im Gegensatz zur Industriearbeit konnte man im Dienstleistungssektor die Produktivität kaum messen. Gerade die dienstleistenden Aufgaben, die im Sinne Fourasties Drei-Sektoren-Modell sich seit den 1950er Jahren verstärkt durchsetzten, begünstigen solche auf Zielvereinbarungen basierenden selbststeuernden Arbeitsformen z. B. als Gig-Worker. Auch in der analogen Arbeitswelt sollte sich jeder als Entrepreneur seiner Arbeitskraft (Bröckling) begreifen, ganz dem neoliberalen Dogma, dass sich jeder seines eigenen Glückes Schmied ist. Mehrarbeit und ständige Verfügbarkeit waren vorprogrammiert. Um die Zielvereinbarungen zu erreichen, musste bzw. muss man sich selbst im Sinne der verhaltenstheoretischen Ökonomie anhand von Kennziffern als Kontrollinstanz disziplinieren. Waren die Vorgaben erreicht, erhielt man ein gutes Feedback (blinder Fleck).

    Der neoliberale Wohlfahrtsstaat als ideeller Gesamtkapitalist hat im Rahmen dieser Entwicklung die Aufgabe, gesamtwirtschaftlich und juristisch zu flankieren, wenn durch äußere Einflüsse der kapitalistische Verwertungszwang außer Kraft gesetzt wird. Sichtbares Zeichen waren die rechtlichen Eingriffe im Zuge der Sanitärmaßnahmen während der Corona-Zeit, der Kauf von Impfstoffen, eine mögliche Impfpflicht für alle Bürger (als biopolitische Kontrolle des Körpers im Sinne Foucault durch den Staat) sowie Regulierung des sozialen Lebens durch den Zugang via App. Das Sozialkreditpunktesystem könnte nach gegenwärtiger Faktenlage den evolutionären Höhepunkt der neuen Kontroll- und Disziplinargesellschaft bilden. Damit treten die Bürger, ohne es zu wissen, in eine neue Phase gesellschaftlicher Disziplinierung, wie sie Foucault in seinen Gouvermentalität-Vorlesungen beschrieben hat.

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