Command and Control, Sanitätswesen und Luftverteidigung

Patriot-System PAC 3. Bild: Boevaya mashin/CC BY-SA-3.0

Deutschlands Verteidigungsfähigkeit, ihre konkreten Schwachstellen — und die Frage, ob Diplomatie das bessere Geld wäre – Teil 2.

Teil 1: Das Land ohne Reserve

 

IV. Das Nervensystem — Führung, IT und Satellitenverbindung

 „Die Führung der Streitkräfte erfolgt jetzt aus einer Hand.“

Genau das ist gemeint, und genau darin liegt das Risiko. Command and Control ist der Sonderfall unter den Klumpenrisiken, und der gefährlichste. Bei Munition, Ketten oder Depots verliert man im Ausfall Masse — ein Werk, ein Lager, eine Fähigkeit. Fällt dagegen die Führung samt ihrer IT aus, verliert die gesamte Truppe im selben Augenblick Augen, Ohren und Stimme. Das Risiko addiert sich nicht über Standorte, es potenziert sich über alle anderen Systeme hinweg: Ein Panzer ohne Munition ist wehrlos, ein ganzer Verband ohne Führungsanbindung ist orientierungslos, und zwar überall zugleich.

Die nichtmilitärische IT der Bundeswehr läuft über einen einzigen Betreiber, die bundeseigene BWI GmbH mit über 8.000 Mitarbeitern an mehr als vierzig Standorten. Sie betreibt auf Basis eines unbefristeten Leistungsvertrags die Rechenzentren, mehr als 12.000 Kilometer Weitverkehrsnetz, rund 200.000 Computer und die Telefonie; der Folgevertrag für die Jahre 2024 bis 2027 hat ein Volumen von rund 4,6 Milliarden Euro. Das Herzstück ist eine SAP-basierte Verwaltungssoftware, über die Logistik und Administration abgewickelt werden. Die Rechenzentren sind wenige und benannt; einer der Standorte gilt als „einziger Produktions- und Entwicklungsstandort“ für sämtliche nichtmilitärischen Dienste dieser Software. Man wirbt damit, die Zentren seien „georedundant“ ausgelegt und funktionierten „im Verbund wie eine logische Einheit“. Darin steckt ein folgenreicher Denkfehler: Ein logischer Verbund ist gerade kein physischer. Was als eine Einheit gesteuert wird, lässt sich als eine Einheit stören, kompromittieren oder fehlkonfigurieren. Redundanz gegen den Bagger im Glasfaserkabel ist nicht dasselbe wie Redundanz gegen den Angreifer, der die gemeinsame Steuerungsebene trifft; und ein einziger Dienstleister ist ein einziger Angriffs-, Streik- und Ausfallvektor. Die Bundeswehr hat das erkannt und entwickelt verlegefähige Rechenzentren und modulare Netze, 2024 und 2025 in Übungen erprobt — richtige Ansätze, die aber noch Prototyp neben einem stationären Kernsystem sind.

Die stationären Zentren sind an wenigen Orten konzentriert; ein neuer Verbund fasst mehrere Standorte zusammen, doch die zentrale Verwaltungssoftware wird nach eigener Auskunft an einem einzigen Ort produktiv entwickelt und betrieben. Die verlegefähigen Ausweichlösungen wurden in Übungen wie jener unter dem Namen „Gelber Merkur“ erprobt — ein ernst gemeinter Anfang, der die Grundabhängigkeit von einem einzigen Dienstleister und wenigen physischen Knoten aber nicht aufhebt. Man kann eine Verbindung doppeln; man kann die eine Firma, die alles betreibt, nicht so leicht doppeln.

Auf der Führungsebene wurde die Konzentration bewusst herbeigeführt. Aus zwei Vorgängerkommandos entstand 2024/25 das Operative Führungskommando der Bundeswehr, in Dienst gestellt im April 2025 mit rund 1.400 Dienstposten an den zwei Standorten Berlin und Schwielowsee bei Potsdam. Das Leitbild „Führung aus einer Hand“ ist militärisch sinnvoll — Klarheit der Verantwortung, Interoperabilität, ein einziger Ansprechpartner für die Verbündeten. Es hat aber den strukturellen Preis, dass der eine Ansprechpartner im Frieden im Krieg zum einen Ausfallpunkt werden kann; zwei Liegenschaften sind keine echte Georedundanz für ein Kommando, dessen ganzer Wert in der Bündelung liegt. Weitere spezialisierte Knoten — das Weltraumkommando, das Kommando für den Cyber- und Informationsraum — sind ihrerseits singulär.

Zwei Liegenschaften, wenige Kilometer auseinander, teilen sich die Last eines Kommandos, dessen ganzer Wert in der Bündelung liegt; echte Georedundanz — ein zweiter, vollwertiger Führungsstand in sicherer Entfernung, der binnen Minuten übernehmen könnte — ist das nicht. Auch die spezialisierten Kommandos für den Weltraum und für den Cyber- und Informationsraum laufen an je einem Ort zusammen. Das Nervensystem ist modern, aber es hat wenige Ganglien, und jedes einzelne ist bekannt.

Am schärfsten zeigt sich das Muster bei der Satellitenkommunikation, die die Bundeswehr selbst als „praktisch die einzige zuverlässige Nachrichtenverbindung zu Kräften in Einsatzgebieten“ beschreibt. Das System stützt sich auf nur zwei eigene Militärsatelliten, 2009 und 2010 gestartet, mit einer Auslegungsdauer von fünfzehn Jahren — beide also am oder über dem Ende ihrer geplanten Lebenszeit, der Weiterbetrieb bis Ende 2028 verlängert, das Nachfolgesystem für rund 1,4 Milliarden Euro erst in Beschaffung. Betrieben werden Satelliten wie Bodensegment seit 2006 von einem zivilen Auftragnehmer; das Bodensegment besteht aus drei großen Ankerstationen, die die Schnittstelle zwischen Satellit und terrestrischem Netz bilden. Zwei alternde Satelliten, drei feste Stationen, ein kommerzieller Betreiber, dazu zugemietete zivile Transponder zur Kapazitätsergänzung: In jeder Dimension wenige, bekannte Punkte. Immerhin gibt es Gegenkräfte — transportable Bodenstationen, die dem Gefechtsstand folgen, und das europäische Satellitenprogramm IRIS² als Perspektive. Doch die ortsfesten Anker bleiben, was sie sind: wenige, zivil betriebene, weithin bekannte Knoten in einem Nervensystem, dessen Wert gerade in seiner ununterbrochenen Verfügbarkeit liegt.

Die drei Ankerstationen liegen an bekannten, festen Punkten in Oberbayern und in der Eifel; eine davon teilt sich das Gelände mit einer zivilen Raumfahrteinrichtung. Zwei geostationäre Satelliten über festen Längengraden, drei ortsfeste Stationen, ein privater Betreiber, dazu zugemietete zivile Kapazität: Ein Angreifer, der dieses schmale Bodensegment stört, muss den Satelliten im Orbit gar nicht erreichen, um die Verbindung zu treffen. Das teuerste Glied der Kette hängt am billigsten zu treffenden.

 

V. Der verwundete Rücken — das Sanitätswesen

„Der Sanitätsdienst der Bundeswehr ist einsatzerprobt und modern.“

Beides trifft zu und beantwortet die falsche Frage. Der Sanitätsdienst betreibt in Deutschland fünf Krankenhäuser — in Koblenz, Ulm, Berlin, Hamburg und Westerstede, letzteres in Kooperation mit einer zivilen Klinik — mit zusammen etwa 1.760 Betten. Das größte Haus in Koblenz verfügt über gut 500 Betten; insgesamt behandeln die fünf rund 60.000 stationäre und fast 400.000 ambulante Patienten im Jahr und sind fest in die zivile Regelversorgung eingebunden. Der Dienst ist ausdrücklich darauf ausgelegt, zweimal 10.000 Soldaten in zwei Einsatzgebieten in abgestufter Durchhaltefähigkeit zu unterstützen. Das ist ein expeditionäres Design, konzipiert für Auslandseinsätze mittlerer Größe — nicht das eines Landes, das mit einem Massenanfall Verwundeter auf eigenem Boden rechnen muss.

Der entscheidende, oft übersehene Mechanismus ist paradox. Im Verteidigungsfall stünden diese fünf Häuser nicht etwa voll zur Verfügung, sondern nur eingeschränkt, weil ihr militärisches Personal zur unmittelbaren Versorgung der kämpfenden Truppe in Frontnähe verlegt würde. Man muss also nicht von fünf Krankenhäusern ausgehen, sondern von fünf minus der abgezogenen Ärzte und Pfleger — und das im Moment der höchsten inländischen Nachfrage. Die verfügbare Kapazität schrumpft genau dann, wenn der Bedarf explodiert.

Was diese Häuser nicht auffangen, landet zwangsläufig im zivilen System. Dieses aber ist auf Effizienz getrimmt, nicht auf Krise: Betten wurden über Jahre reduziert, die Auslastung ist hoch, eine Überlaufreserve für den Massenanfall existiert nicht. Eine Studie der Deutschen Krankenhausgesellschaft vom Oktober 2025 zeigt, dass nur ein Viertel der Kliniken überhaupt über Einsatzpläne für den Verteidigungsfall verfügt; der Investitionsbedarf allein für den Schutz vor Cyberangriffen und Sabotage wird auf 2,7 Milliarden Euro beziffert. Und dieses zivile Netz sitzt auf demselben fragilen Substrat aus Strom und Wasser wie die Kaserne. Der Auffangraum, auf den der militärische Engpass abgewälzt wird, ist selbst ein Engpass, und ein verwundbarer dazu.

Der Inspekteur des Sanitätsdienstes hat die Lage auf die knappe Formel gebracht, es gebe zu wenige Kliniken für den Kriegsfall. Die genannte Studie beziffert nicht nur den Investitionsbedarf, sie legt auch offen, wie wenige Häuser überhaupt geübt haben, was im Verteidigungsfall zu tun wäre. Dieses Planungsdefizit lässt sich nicht über Nacht schließen, denn Pflegepersonal und Fachärzte werden nicht auf Vorrat ausgebildet; sie sind der langsamste aller Engpässe, weil ihre Entstehung nicht in Monaten, sondern in Jahren gemessen wird.

Hier wird der logistische Engpass zur moralischen Zumutung. Fehlt Munition, verliert man Wirkung; fehlt Sanitätskapazität, verliert man Menschen — und man verliert sie nach Auswahl. Ein Missverhältnis zwischen Verwundetenzahl und Behandlungskapazität führt unausweichlich zur Triage, der Entscheidung, wem die knappe lebensrettende Ressource zuteilwird und wem nicht. Bemühungen gibt es: ein Cluster-Konzept, das das Bundesgebiet in vier zivil-militärische Verbünde gliedert, Kooperationen mit zivilen Klinikträgern, die Reaktivierung von Sicherstellungsgesetzen und eine ausgeplante Verstärkungsreserve von rund 8.000 Dienstposten mit Schwerpunkt auf der Rettungskette. Das ist konzeptionell richtig, verlagert die Last aber auf ein ziviles System, das seinerseits an Personalmangel und fehlender Kriegsvorsorge leidet. Man verbindet zwei zu dünne Decken in der Hoffnung, dass sie zusammen wärmen.

 

VI. Der Schild mit den Löchern — bodengebundene Luftverteidigung

„Deutschland baut einen europäischen Luftverteidigungsschirm.“

Der Schirm hat vorerst mehr Löcher als Stoff. Die Fachwelt urteilt einhellig, die Bundeswehr habe „riesige Fähigkeitslücken“ in der bodengebundenen Luftverteidigung und sei derzeit nicht in der Lage, die eigenen Kräfte und die Zivilbevölkerung angemessen zu schützen; das Problem sei quantitativ, besonders gegen Sättigungsangriffe, bei denen der Gegner mehr Ziele zugleich einbringt, als abgefangen werden können. Die Zahlen belegen es. Beim weitreichenden Patriot verfügte Deutschland historisch über rund zwölf Feuereinheiten — schon das nicht genug, um die Fläche des Landes zu decken; nach Abgaben an die Ukraine ist die verbliebene Zahl in den einstelligen Bereich gefallen. Beim mittleren, in der Ukraine bewährten System IRIS-T SLM, von dem eine Feuereinheit etwa den Raum einer Stadt gegen Ziele bis rund vierzig Kilometer schützt, waren zunächst nur sechs Einheiten für die Luftwaffe bestellt, weitere vierundvierzig sind geplant. Die unterste Schicht gegen Drohnen und Nächstbereichsbedrohungen soll erst mit fünfhundert bis sechshundert Flugabwehrkanonen und rund hundert noch in Entwicklung befindlichen Flugabwehrpanzern aufgebaut werden. Die oberste, exo-atmosphärische Schicht gegen ballistische Raketen umfasst nur drei geplante Standorte und wird nicht vor 2030 voll einsatzbereit sein. In allen Schichten wird der Bedarf erst ausgeschrieben; die Lücke besteht heute.

Die Folge der Knappheit ist zwingend. Wo die Systeme fehlen, kann man nicht die Fläche schützen, sondern nur einzelne Punkte, und weil man nicht alle Punkte schützen kann, muss man auswählen. Jede Feuereinheit über einem Standort ist eine, die nicht über einem anderen steht. Diese faktische Punktverteidigung mit Auswahlzwang verschärft alle bisher genannten Klumpenrisiken auf einen Schlag: Wunstorf, Aschau, Remscheid, das Führungskommando, die Seehäfen, die Marinebasen — jeder dieser singulären Knoten müsste ein geschützter Punkt sein, aber es gibt viele kritische Punkte und wenige Schilde. Für den Gegner wird der Auswahlzwang zum Menü: Er sättigt einen verteidigten Punkt, bis dessen endliche und teure Abfangflugkörper erschöpft sind — die Rechnung der Kosten spielt dabei gegen den Verteidiger, dessen Abfangkörper ein Vielfaches der angreifenden Billigdrohne kostet —, oder er trifft schlicht einen der vielen ungedeckten Punkte. In beiden Fällen verliert der Verteidiger.

Die Ökonomie dieses Duells ist gnadenlos. Ein Abfangflugkörper kostet ein Vielfaches der Billigdrohne, die er vom Himmel holt; der Angreifer kann mit geringem Einsatz teure Magazine leeren und den Verteidiger in den Bankrott der Munition treiben, ehe die eigentlichen Waffen zum Einsatz kommen. Wer nur teuer abfängt, verliert das Rechenexempel selbst dann, wenn er jedes einzelne Ziel trifft. Die Antwort liegt allein in billigeren unteren Abwehrschichten und in der Verteilung der zu schützenden Werte — nicht im Wettlauf teurer Abfangkörper gegen billige Masse. Selbst hochgerüstete Staaten kennen dieses Mengenproblem. Bezeichnend ist die eine Ausnahme, in der Redundanz von vornherein mitgedacht wird: Beim ersten Standort der obersten Abwehrschicht werden Radar und Werfer bewusst räumlich getrennt, „um die Resilienz zu erhöhen“. Das Prinzip ist verstanden — es wird nur bislang allein auf das teuerste System angewandt. Der Ausweg aus dem Nullsummenspiel liegt nicht darin, klüger zwischen den zu schützenden Punkten zu wählen, sondern das gemeinsame Dach zu vergrößern; genau das ist die Idee hinter der europäischen Initiative eines gemeinsamen Luftverteidigungsschirms, den kein Staat allein spannen könnte. Ob er hält, entscheidet sich wieder an der Stückzahl, und die kommt erst über die späten 2020er Jahre.

Die Schichten des künftigen Schirms sind benannt und ungleich weit gediehen: die Nächstbereichsabwehr mit Flugabwehrkanonen, die Kurz- und Mittelstreckenabwehr mit bodengebundenen Varianten des Systems IRIS-T, der weitreichende Patriot und ganz oben die exo-atmosphärische Abwehr, deren drei geplante Standorte in Brandenburg beziehungsweise Sachsen-Anhalt, in Bayern und in Schleswig-Holstein liegen sollen. Dass selbst hochgerüstete Staaten am Mengenproblem gegen Sättigung leiden, ist bekannt; für ein Land, das erst am Anfang dieses Aufbaus steht und dessen weitreichende Systeme durch Abgaben an die Ukraine zusätzlich ausgedünnt wurden, wiegt es doppelt.

Gerhard Ebeling

Gerhard Ebeling ist ehemaliger internationaler IT-Manager und General Manager eines großen Finanzkonzerns. Vor dem Hintergrund seiner beruflichen Expertise sind Fragen der Beherrschung von Ausfallrisiken und des Aufbaues von struktureller Resilienz seine Kernkompetenz.
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2 Kommentare

  1. Ich wiederhole meine Kommentar vom ersten Teil:

    Was will uns Gerhard Ebeling, General Manager und Head of Department IT Operations bei der Hannover Rück, sagen?
    Ein Konzernhandlanger verlangt mehr Militär-Resilienz?
    Wie wär’s denn mit keinem Pulverwerk anstatt mit Zweien? Wenn kein Pulverwerk da ist, kann auch keines zerstört werden.
    Schuster bleib bei Deinen Leisten.

    Warum schreibt er nicht, dass es im Krieg wohl niemanden mehr gibt der sich dort Rück-versichern kann.

    Oder gibt es eine Police „Deutschland-Versicherung“? Nach erfolgreicher Zerstörung kommen wir für Ihren Schaden auf…

    Himmel hilf!

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