Budanow: „Rus ist die Ukraine, und wir sollten es sein, die über Russland herrschen.“

Auch auf der Konferenz trat Budanov mit einer Wyschywanka auf.

Auf einer Konferenz zur Desinformation in Kiew verbreitet Ex-Geheimdienstchef und jetziger Leiter des Präsidialbüros unwidersprochen nationalistische Fieberträume. Der Kampf gegen Desinformation gebiert Ungeheuer. Allerdings gab es das Gespenst von der Großukraine schon länger.

Dass auf der Kyiv Stratcom Forums 2026 nicht nur über Desinformation gesprochen wird, sondern solche, die man überall gerne als Strategische Kommunikation bezeichnet, auch verbreitet, verwundert nicht – gerade in einem Land, das Krieg führt. Dann sind Nebelwerfer der „kognitiven Kriegsführung“ wichtig, um den fog of the war zu verbreiten, der die eigene Bevölkerung und die Streitkräfte bei Laune halten und die Gegner ängstigen soll. Am Forum finden sich angeblich „führende Experten der Kommunikation, Cybersicherheit und des Kampfes gegen Desinformation“ ein, um zu diskutieren, wie die „kognitive Resilienz der Ukraine und Europas“ gefördert werden kann.

Kirill Budanov, der frühere Militärgeheimdienstchef, den Selenskij zum Leiter des Präsidialbüros gemacht hat, um schnell den der Korruption beschuldigten Vorgänger und Freund Jermak zu entsorgen, hat offenbar sein Bestes gemacht, um zahlreiche Stories unter die Medien und darüber unters Volk zu bringen. Als Geheimdienstchef hat er schon oft angebliches Wissen verbreitet, das sich nicht bewahrheitet hat, beispielsweise über den kranken Putin, der bald sterben wird, oder von Putins Doppelgängern, die den kranken oder toten Putin ersetzen (Ukrainischer Militärgeheimdienstchef zweifelt, ob Putin noch lebt).

Jetzt überlegt Budanov, wie sich Russland zerlegen ließe. Das ist ein Ziel, das ihm und anderen Nationalisten am Herzen liegt, da sie auch die Idee eines multinationalen oder multiethnischen Staates ablehnen (Der ukrainische Geheimdienstchef und die Eroberung russischer Gebiete, Separatistische Kampagne zur Auflösung des russischen Vielvölkerstaats). Die Völker sich ablösen können, „sobald eine Führungspersönlichkeit auftaucht und in Russland eine Destabilisierung einsetzt. Ja, derzeit ist all das möglich. Und zwar aufgrund dieser beiden Aspekte. Erstens: eine innere Destabilisierung oder Schwäche, was für sie im Grunde genommen dasselbe ist. Und zweitens: die Präsenz einer nationalen Führungspersönlichkeit, die vor Ort ist.“

Er musste allerdings einräumen, dass solche Führungspersönlichkeiten nicht vorhanden sind. Veränderte Regierungen im Kreml würden aber die russische Aggression nicht abbauen. Strategisches Ziel müsse es sein, Russland in mehrere Länder zu zerlegen, da nur die Auslöschung der imperialen Ambitionen Russlands die Sicherheit der Welt garantieren wird. Die ist offenbar nur durch Russland gefährdet, nicht durch die USA, Israel, China, die EU und schon gar nicht durch die Ukraine.

Ein anderer Punkt war, dass er von der Gefangenschaft der zu Zombies gewordenen Russen in einem medialen Gefängnis, einem „digitalen Getto“, und von „Gehirnwäsche“ sprach. Man wird an Platons Höhle erinnert. Ganz anders als in der ebenfalls gereinigten Medienlandschaft der Ukraine seien die Russen in einer Medienisolation mit der Verbannung ausländischer Medien und den Internetrestriktionen wie in Nordkorea eingeschlossen. Das mache man, um unpopuläre Maßnahmen zu treffen, spekulierte er. Zunächst wohl vor allem, um die Opposition klein zu halten. Wie die mediale Programmierung funktioniert, stellt er sich ganz einfach vor:

„Was die Russen derzeit in den vorübergehend besetzten Gebieten der Ukraine tun, ist die Manipulation des menschlichen Bewusstseins. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die systematische Verbreitung derselben Botschaft über einen Zeitraum von 40 Tagen ausreicht, damit sie sich tief im Denken eines Menschen verankert. Der Feind versucht, die ukrainische Identität in den eroberten Gebieten vollständig auszulöschen, und wir müssen dem mit einem neuen Modell der strategischen Kommunikation mit unseren Menschen in den besetzten Gebieten entgegenwirken.“

Der Kreml habe die kognitive Kriegsführung perfektioniert, wahrscheinlich ist es wichtig, dies so hervorzuheben, um die eigene Bevölkerung, die sich zunehmend gegen die Mobilisierung auflehnt, und die wankenden europäischen Unterstützer durch angeblich neue Bedrohungen bei der Stange zu halten: „In der kognitiven Kriegsführung sind sie stark, sehr stark, und man sollte sie nicht unterschätzen. Sie verfügen auf diesem Gebiet über äußerst fundierte historische Erfahrung, die zu den besten der Welt zählt. Nur wenige können in dieser Hinsicht mit ihnen mithalten“, sagte er.

Es geht darum, die Menschen zu manipulieren. Das machen die Russen, deswegen müssen es die Ukrainer nach ihm auch machen: „Wenn sie anfangen zu sagen, dass angeblich ‚die Geschichte anders verläuft; wir sind stark, die Besten der Welt‘ oder ‚wir haben schon immer existiert, ihr habt nie existiert, wir haben euch angeblich erschaffen, geben euch etwas Gutes usw‘, wird dies von vielen Menschen weltweit sehr ernst genommen. Solange die Ukraine der ganzen Welt nicht bewiesen hat, dass sie ein Subjekt und kein Objekt ist, glaubten die meisten Menschen auf der Welt daran.“

Gerade wurden die Überreste des ersten Nationalhelden, der Nationalist, Nazi-Kollaborateur und OUN-Führer Melnyk heim in die Ukraine geholt, um für die in der verklärten Vergangenheit hängen gebliebenen Nationalisten eine Kultstätte zu errichten (Ukraine holt ihre Nationalhelden heim). Das war ein Anliegen Budanovs, der auf dem Forum sagte:

„Wir müssen endlich das Ausmaß des mentalen Krieges erkennen, den der Feind gegen uns führt. Viel zu lange haben wir freiwillig einen großen Teil unseres Erbes aufgegeben. Russland hat unsere Geschichte einfach für sich selbst privatisiert und umgeschrieben. Daher muss die Wiederherstellung der historischen Wahrheit, unserer Helden und des Selbstbewusstseins der Ukrainer zu einer vorrangigen Aufgabe werden.“

Das sieht Budanov ganz buchstäblich und konstruiert die Geschichte nach dem russischen Vorbild: „‘Rus‘ ist die Ukraine, und wir sollten es sein, die über Russland herrschen. Die Russen haben uns unsere Geschichte gestohlen.“ Man kann erahnen, warum man im Kreml durchaus Angst vor den ukrainischen Nationalisten hatte, die mit der Hilfe des Westens gegen Russland antreten wollten und von einer Großukraine mit Teilen Russlands und Polens träumten. Deswegen die Vorstellung, Russland zu zerbrechen.

Die imperialen Phantasien scheinen Budanow überwältigt zu haben oder er meinte, er könne jetzt die dem ukrainischen Nationalismus zugrundeliegenden Bestrebungen offen aussprechen: „Rus ist Ukraine. Rus ist viel mehr. Die Ukraine ist die Wiege all dessen, sogar dessen, wogegen wir kämpfen. Wir haben ihnen freiwillig den größten Teil unserer Geschichte überlassen, und sie haben sie privatisiert. Wir sind Rus. Und wir müssen über all das herrschen.“ Wollen die europäischen Regierungen weiterhin Milliarden in solche Fieberträume stecken und diese in die EU aufnehmen?

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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4 Kommentare

  1. „Wollen die europäischen Regierungen weiterhin Milliarden in solche Fieberträume stecken und diese in die EU aufnehmen?“
    JA, wollen sie…..
    Friedrich will der Ukraine den Status eines „assoziierten Mitglieds“ der Europäischen Union zu gewähren, mit Sitz in Brüssel aber „noch ohne“ Stimmrecht.
    Wer glaubt das denn, Frau vdLeyen macht alles was ihr Sonnyboy haben will, die Liste der Sanktionen gegen Russland ist überwiegend auf die Kiewer Junta
    zurückzuführen.

  2. F.R.: „Wollen die europäischen Regierungen weiterhin Milliarden in solche Fieberträume stecken und diese in die EU aufnehmen?“
    Ja, Ja, Ja, so Kanzler Merz, er will einen besonderen Status für die Ukraine in der EU. Dabei verfügt die Ukraine längst über einen Sonderstatus, wie auch der 90 Milliarden Euro schwere Hilfskredit zeigt. Besonders brisant ist, dass der Vorschlag von Merz auch militärische Beistandspflichten gegenüber der Ukraine umfasst. Damit würde die EU der Ukraine faktisch Sicherheitsgarantien geben – noch bevor sie Vollmitglied wäre.
    Wahnsinn!

  3. Wollen die europäischen Regierungen weiterhin Milliarden in solche Fieberträume stecken und diese in die EU aufnehmen?

    „Fieberträume“ sind das keineswegs, Budanov weis sehr wohl wovon er spricht. Es geht um eine von einige Angelsachsen fantasierte Aufteilung Russlands in kleinere, besser kontrollierbare Einheiten, wovon die Ukraine etwas abhaben möchte. Deshalb werden Ansprüche vorsorglich angemeldet.

    Für Finnland war dies vermutlich sogar der Grund der Nato beizutreten. Es würde mich nicht wundern wenn im Westen bald ein Gerangel (oder ein Hauen und Stechen) beginnt um die potentielle Beute Russland.

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