Blaue Welle — weiße Verlierer

Bild: Wesley Fryer/CC BY-SA-4.0

Bei den Nachwahlen zu dem Midterms schwappte die blaue Welle durch Amerika, und bescherte den Demokraten die Mehrheit im Kongress.

Lindsey Graham, der heimlich schwule, unheimlich kriegstreibende Senator aus den Südstaaten hat es vorausgesehen: Wenn sich die Republikaner an Donald Trump ketten, werden sie umgebracht, „killed“; das würde die konservative Bewegung zerstören. Das sagte er in einem bemerkenswerten Interview mit der Daily Show, in dem er sich hinter Ted Cruz, stellte, der, anders als Trump, nur halb-verrückt sei.

Kurz zuvor machte eine Verschwörungstheorie die Runde: Bill Clinton, der damals noch, wie Hillary, mit den Trumps befreundet war, rief den damaligen New Yorker Bauunternehmen und Reality-Show-Host an (soweit ist dies verbürgt), um ihn zu überreden zu kandidieren. Gegen Trump würde Hillary gewinnen, und auf dem Weg dahin würde er die Republikaner in den Abgrund reißen, so der Gedanke.

Hillary wurde bekanntermaßen nicht Präsident, aber die Republikaner stehen verdächtig nahe am Abgrund. Bei den Nachwahlen zu dem Midterms schwappte die blaue Welle durch Amerika und bescherte den Demokraten die Mehrheit im Kongress, und viele Gouverneure (ja, in Amerika sind die Demokraten blau und die Republikaner rot, so ähnlich wie es dort auch keine Meter und Liter gibt).

Der wichtigste flippende Staat war Texas. Der Staat der Cowboys und der Bibeln, noch vor wenigen Jahren eine feste Burg für die Republikaner, ging komplett an die Demokraten. James Talarico ist nun Senator für Texas in Washington. Ausgerechnet Talarico, der aussieht, spottete Late-Night-Talker Seth Meyer, als habe er mit 21 erstmals Mineralwasser probiert. Greg Abbot, der langjährige Gouverneur, verlor das Amt an Gina Hinajosa, die erste lateinamerikanische Gouverneurin in Texas.

Das liegt auch daran, dass Texas in den letzten Jahren einen Zuzug von Latinos erlebt hat, aus dem benachbarten Mexico, aber auch aus Kalifornien. Latinos machen nun mehr als 40 Prozent der Texaner aus, wie in Kalifornien. Der Staat bekommt mit Xavier Becerra den ersten hispanischen Gouverneur. Das war eigentlich das, was Trumps Mauer zu Mexico verhindern sollte.

Vor ein paar Jahren kam ein Film in die Kinos, „Civil War“, Bürgerkrieg, der sie Stimmung im Land extrapolierte. In dem kämpft Texas vereint mit Kalifornien gegen das korrupte Washington. Völlig unrealistisch, hieß es damals, aber so unrealistisch sieht das heute nicht aus. Die Stimmung ist allerdings nicht nach Bürgerkrieg; die Demokraten feiern einen nicht bloß inneren Reichsparteitag, sie tanzen auf den Straßen, und bei den Republikanern werden die Messer gegeneinander gewetzt.

Nach Texas hat sich auch Elon Musk verzogen, der nicht nur, aus steuerlichen Gründen, seine Firmen von Kalifornien in den Cowboystaat verlagert hat, sondern auch noch eine halbe Milliarde Dollar für republikanische Kandidaten ausgegeben hat. Dass das alles umsonst war, freut die Demokraten besonders.

Natürlich ist für jemanden mit einer Billion (einer deutschen Billion, die auf amerikanisch „Trillion“ heißt) auf der Bank eine halbe Milliarde so viel wie für unsereins mit 1.000 Euro auf der Bank 50 Cents, aber trotzdem. Unverziehen ist, wie Musks Doge-Boys durch die Ämter zogen und Leute entließen.

Noch etwas Neues: In New Mexico wird Deb Haaland Gouverneurin, die erste Indianerin in diesem Amt. Sie gehört dem Stamm der Laguna Pueblo an (für Karl-May-Fans: Das sind die guten, friedlichen Indianer, im Gegensatz zu den Navajo oder, leider, den Apachen). Haaland war bereits unter Joe Biden Innenministerin gewesen. New Mexico hat eine indianische Bevölkerung von mehr als 12 Prozent, der drittgrößte Anteil unter US-Bundesstaaten nach Alaska und Oklahoma.

Georgia hat nun mit Keisha Lance Bottoms die erste schwarze Gouverneurin in einem US-Bundesstaat überhaupt. Sie ist die Urgroßenkelin des schwarzen Sklaven Sheppard Peek. Auch in North Carolina, New Hampshire, Iowa und Minnesota — wo es die Krawalle um die Ausländergreiftruppe ICE gegeben hat — setzten sich Demokraten durch. Insgesamt gewannen die Demokraten 20 Senatoren und die Republikaner nur 13, sie verloren in allen knappen Staaten.

In Ohio wurde Amy Acton Gouverneurin, gegen die die Republikaner ihre eigene Mutter aufgeboten hatte, die sagte, ihre Tochter lüge ständig (sie hatte deren zweiten Mann, ihren Stiefvater, wegen Vergewaltigung angezeigt). In Kansas, einer langjährigen republikanischen Hochburg gewann der Demokrat (und Megachurch-Pastor) Adam Hamilton gegen den republikanischen Gegenkandidaten, und in Ohio siegte der Demokrat Sherrod Brown gegen Jon Husted, ein Protegé von Vizepräsident JD Vance, den Trump ausgiebig unterstützte.

Auch Susan Collins, langjährige republikanische Senatorin in Manie, muss abtreten. Und die eigentlich ziemlich unpolitische Schwester des jüngst verstorbenen Lindsey Graham, Darline Graham, die Trump selbst als Ersatz nominiert hatte, verlor ihren Sitz. Damit wird South Carolina zum ersten Mal seit Äonen demokratisch. Derweil kündigte Mike Johnson an, Sprecher der Republikaner im Abgeordnetenhaus und ausgesprochener Trump-Popoküsser an, nicht mehr als Fraktionschef anzutreten.

In New York wurde Gouverneurin Kathy Hochul wiedergewählt, die Verbündete des New Yorker Bürgermeisters Zohran Mamdani. Das war zu erwarten, umstrittener war die Wahl von Abdul El-Sayed in Michigan, ebenfalls ein Demokratischer Sozialist. Der ägyptisch-stämmige Arzt El-Sayed ist nun der erste Muslim im Senat.

Gerade El-Sayed war als Dschihadist und 9-11-Befürworter heftig angefeindet worden, zumal er mit Hasan Piker befreundet ist, ein muslimischer, einflussreicher Twitch Streamer (was auch immer das sein mag), kein großer Freund des Staates Israel, der sich gegen Militärhilfen für Israel ausgesprochen hat. Seine demokratische Gegenkandidaten Haley Stevens, die gegen ihn bei den Vorwahlen unterlegen war, hatte kurz vor der Wahl seinen Gegner, den Republikaner Mike Rogers unterstützt.

El-Sayeds Hauptprogrammpunkt ist allerdings, die staatliche Krankenversicherung Medicare auf alle Amerikaner auszuweiten. Offenbar ein Vorhaben, das bei den Wählern beliebter ist, als die israelische Armee gegen den Iran aufzurüsten, insbesondere in Zeiten gestiegener Ölpreise.

Gleichwohl benehmen sich Republikaner durchaus, als hätten sie gerade einen Stein umgedreht und darunter den Wähler entdeckt, der sich um hohe Kosten sorgt. Derweil beschimpften die israelischen Ausläufer in der amerikanischen Presse jeden als Antisemiten, der für eine Krankenversicherung eintrat,

Tatsächlich waren Israel und der Irankrieg entscheidende Punkte der republikanischen Niederlage. Der Krieg hat die Benzinpreise hochgetrieben. Amerikaner sind durchaus keine Pazifisten, aber ihnen sind Kriege am liebsten, die nichts kosten. Derweil machte Trump mit albernen Ansagen Schlagzeilen, etwa, dass er den Krieg in Vietnam innerhalb einer Woche beendet hätte, indem er Ho-Chi-Minh-Stadt, das frühere Saigon bombardiert hätte, die Hauptstadt der Verbündeten also.

Die vier Milliarden jährliche Dollar teuren Hilfen für Israel sind nicht nur bei Demokraten, sondern auch beim rechten Flügel der Republikaner unpopulär. Wohl deshalb hat Trump Tage vor der Wahl angekündigt, dass die ab 2027 gestrichen würden. Für den Ankündigungspräsidenten ist das allerdings um Jahre zu spät, und auch nicht glaubwürdig. Jeder erinnert sich daran, dass er mit Netanyahu quasi Händchen hielt, als er Militäranschläge gegen Teheran ankündigte.

Trump, das darf man nicht vergessen, kam als Friedenspräsident an die Macht. Er trat — verbal — gegen den damaligen Präsidenten George W. Bush an, dem er vorwarf, Amerika in den Irakkrieg geführt zu haben. Damals war Trump noch Demokrat. Dann ritt er auf der anti-Obama-Welle nach oben mit dem Versprechen, keine weiteren Kriege im Mittleren Osten anzuzetteln, und dem Slogan „Amerika First“.

Nun erklärte er, das eigentliche Problem bei den Midterms sei gewesen, dass sein eigener Name nicht auf dem Wahlzettel gestanden sei, sonst wäre es ein gewaltiger Sieg geworden. Der Präsident hat derzeit eine Zustimmungsrate von um die 35 Prozent und kaum ein republikanischer Kandidat hat sich mit Trump blicken lassen.

JD Vance, der Trumps Mantel als Präsident beerben will, rief seine eigene Partei auf, darüber nachzudenken, ob der Krieg gegen den Iran es wert war, die Kontrolle im Kongress für die kommenden sechs Jahre verloren zu haben (JD glaubt, nein). Der Irankrieg habe die Republikaner wichtige Stimmen gekostet. Vance war bereits bisher Kritiker des Irankriegs gewesen, allerdings eher ein stiller im Verborgenen.

Der Krieg hängt nun in den Seilen; Amerika kämpft nicht, will aber auch nicht kapitulieren, während die Mullahs im Iran spotten, sie hätten nun selber in Amerika für Regime-Change gesorgt. Selbst Trump hat inzwischen eingeräumt, dass der Krieg gegen den Iran ein Problem bei den Wahlen dargestellt habe. Es ist gut möglich, dass der Präsident nun den wenig geliebten und glücklosen Kriegsminister Pete Hegseth als Bauernopfer über den Jordan gehen lässt. Derweil scherzten seine Wahlkampfmanager laut New York Times, dass sie zur Not ja Asyl in Israel beantragen könnten.

Allerdings, ob der nunmehr demokratische Senat den Stecker für den Irankrieg zieht, ist durchaus nicht ausgemacht. Zwar hat der demokratische Mehrheitsführer Chuck Schumer dies angekündigt, aber der Tag ist noch jung. Und es ist auch gar nicht sicher, ob der 75-jährige Mehrheitsführer bleibt. Und die israelischen Verbündeten im Irankrieg haben auch gute Verbindungen zu demokratischen Senatoren.

Eva C. Schweitzer

Eva C. Schweitzer pendelt zwischen Berlin und New York, wo sie eine Dissertation über den Times Square verfasst hat; sie arbeitet als Buchautorin und freie Journalistin über Medien, Entertainment und Politik. Ihr letztes Buch war „Links Blinken, rechts abbiegen“ beim Westend Verlag; derzeit schreibt sie ein Buch über die Tucholsky-Familie. Sie leitet auch den Verlag Berlinica Publishing, der Bücher aus Berlin nach New York bringt. Zuvor war sie Redakteurin beim Tagesspiegel in Berlin.
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