Besitzt China eine Mikrowellenwaffe zur Zerstörung von erdnahen Satelliten

Starlink-Satellit. Bild: Wikideas1/CC BY-SA-4.0

Damit Kriege wie in der Ukraine oder im Iran und den Golfstaaten geführt werden können, sind Satelliten zur Kommunikation und Aufklärung unabdingbar geworden. Für das ukrainische Militär wurde das Starlink-Netz von SpaceX entscheidend, um eine vernetzte Echtzeit-Kriegsführung und vor allem den Drohnenkrieg zu ermöglichen. Das russische Militär nutzte eine Zeitlang das Satellitennetz auch durch erbeutete oder gekaufte Terminals. Als SpaceX  für die nicht registrierten Terminals gewissermaßen den Stecker zog, wurde die Drohnenkriegsführung der Russen kurzfristig stark beeinträchtigt, was zu gewissen Geländegewinnen der ukrainischen Truppen geführt hat. Inzwischen wird ein Starlink-ähnliches Satellitennetzwerk von Russland aufgebaut und die Starlink-Kommunikation durch elektronische Kriegsführung etwa  mit Volna Kupol Garant gestört.

Dem Militär ist die Abhängigkeit von Satelliten schon lange klar. Noch zur Zeit von Bill Clintons Präsidentschaft wurde nicht nur China als größter Gegner der USA, sondern auch die Bedrohung über den Weltraum von einer Expertengruppe hochgespielt, der auch der spätere Verteidigungsminister Donald Rumsfeld angehörte. Gewarnt wurde vor einem Pearl Harbor im Weltraum und eine militärische Aufrüstung im Weltraum gefordert. Das wurde durch 9/11 und den Krieg gegen den Terror unterbrochen, führte aber zur Einrichtung des amerikanischen Raketenabwehrschilds mit Stützpunkten in Rumänien und Polen und dem einseitigen Ausstieg der USA 2002 aus dem ABM-Vertrag, was den Konflikt mit Russland und das neue atomare Wettrüsten einleitete.

Seitdem wurde erprobt, wie man Satelliten von der Erde aus abschießen kann. Das haben die USA, Russland, China und Indien bereits einander vorgeführt. Es gibt immer wieder Meldungen von Antisatelliten-Satelliten (ASAT-Satelliten), die sich andere Satelliten nähern und diese aus der Umlaufbahn schubsen, funktionsunfähig machen oder zerstören können. In Verdacht steht etwa der 2022 gestartete russische Satellit Cosmos 2553. Er soll als Testsatellit für eine Atomwaffe dienen, was Russland aber zurückweist (s.a. Bedroht der russische Inspektionssatellit Kosmos-2558 den US-Militärsatelliten USA 326?).

Jetzt haben angeblich chinesische Militärwissenschaftler der National University of Defence Technology (NUDT), wie SCMP berichtet, eine Hochleistungs-Mikrowellenwaffe (HPM) entwickelt, der eine Leistung von 100 Gigwatt erzielen kann. Das könne die Kriegsführung verändern. In einem Artikel in der chinesischen Fachzeitschrift High Power Laser and Particle Beams wird vorgestellt, welche Forschungsarbeiten an der NUDT in den letzten 10 Jahren durchgeführt wurde. Es habe „bedeutende Fortschritte bei der Komprimierung von Energie in Zeit und Raum zur Erzeugung von Hochspannungsimpulsen gegeben“, Chinas Forschung sei hier weltweit mit an der Spitze.

Die Mikrowellenwaffen seien von Prototypen zu einsatzfähigen Techniken herangewachsen. Man könne sie als Antisatellitenwaffen einsetzen, mit denen teure Satellitennetzwerke auf einer erdnahen Umlaufbahn (LEO) wie Starlink, das auch vom Pentagon intensiv genutzt wird, zu „extrem geringen Kosten, besonders wenn sie militärischen Zwecken dienen“, bedroht werden können, schreiben die Wissenschaftler. Damit würde man beispielsweise nicht einzelne Drohnen bekämpfen, sondern könnte durch gezielte Angriffe den Einsatz von Drohnen in bestimmten Regionen unterbinden oder erschweren. Schon mit Mikrowellenimpulsen von einem Gigawatt lassen sich auf erdnahen Umlaufbahnen schwere Schädigungen bewirken. Als versteckte Drohung muss man wohl verstehen, wenn anderen Ländern geraten wird, auf dem Hintergrund der chinesischen Erfolge die Verwundbarkeit großer Satellitenkonstellationen gegenüber Hochleistungsmikrowellenwaffen einzuschätzen.

Das Mikrowellensystem, mit der sich bis zu 100 GW erzeugen lassen, kombiniert mehrere Impulse, weil einzelne Pulstreiber nicht ausreichend Energie produzieren können. Mit diesem Ansatz könnten noch stärkere Impulsgeber realisiert werden. Die Wissenschaftler schreiben: „Durch die Synchronisierung mehrerer kompakter Impulsstrommodule kann jede Einheit mit maximaler Effizienz arbeiten und gleichzeitig ihr Leistungsgewicht maximieren.“

Hingewiesen wird auf Innovationen, die die Fortschritte ermöglicht haben. Beispielsweise ein neues Lithium-Ionen-Kondensator-Hybridsystem, das schon ab minus 40 Grad Celsius sofort angeschaltet werden kann und kontinuierlich und verlässlich Strom liefert. „Dies kann die operative Reaktionsfähigkeit der chinesischen Truppen für elektronische Kriegsführung unter winterlichen und polaren Bedingungen erheblich verbessern“, schreibt SCMP.

Pentagon probt Abwehr einer Atomwaffe im Weltraum

Im Westen geht die Angst um, dass Russland Atomwaffen im Weltraum stationieren oder mit Atomwaffen Satelliten im Weltraum außer Gefecht setzen könnte. Das US-Weltraumkommando hatte dazu im April ein Planspiel (war game) durchgeführt, an dem neben Australien, Kanada, Neuseeland und Großbritannien sowie die Defense Threat Reduction Agency, das Energieministerium und die NASA auch Unternehmen beteiligt waren.

Würde eine Atombombe im Weltraum gezündet, könnten nicht nur zahlreiche Satelliten, darunter auch die eigenen, beschädigt werden, sondern mit dem elektromagnetischen Impuls (EMP) auch Elektronik und Stromnetze auf der Erde zerstört oder lahmgelegt werden. Das Pentagon hatte dies mit dem Atomwaffentest Starfish 1962 schon einmal vorgeführt. Damals waren allerdings keine Satelliten betroffen.

Über die Ergebnisse des Planspiels ist nichts bekannt. Defense One zitiert aus dem Bericht „Global Counterspace Capabilities“ der Secure World Foundation eine Einschätzung, was die Folgen einer im Weltraum gezündeten Atomwaffe wären: „Im rein zerstörerischen Sinne könnte eine solche Waffe eine große Anzahl von Satelliten zerstören. Dies würde in zwei Wellen geschehen: Die erste Welle würde jene Satelliten betreffen, die sich in der Sichtlinie der nuklearen Explosion befinden; die zweite Welle würde Satelliten betreffen, die von der erhöhten Strahlungsbelastung in den Van-Allen-Gürteln betroffen sind. Einige der Auswirkungen wären erst nach Tagen, Wochen oder sogar Monaten spürbar, da die höheren Strahlungswerte ungeschützte Satelliten langsam beschädigen würden und noch Jahre danach anhalten könnten, was die Nutzung des Weltraums durch alle Länder gefährden würde.“

General Stephen Whiting, Kommandeur des Weltraumkommandos, gibt vor, dass die USA nur reagieren: „Es sind unsere Gegner, allen voran China, die die Entwicklung von Weltraumwaffen sowohl auf der Erde als auch im Orbit vorangetrieben und ihre weltraumgestützten Angriffsketten ausgebaut haben.“

Florian Rötzer

Florian Rötzer, geboren 1953, war Gründer des Online-Magazins Telepolis und von 1996 bis 2020 dessen Chefredakteur. Seit 2022 ist er Redakteur beim Overton Magazin. Er ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt In der Wüste der Gegenwart, das er zusammen mit Moshe Zuckermann geschrieben hat.
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2 Kommentare

  1. Anmerkung: „Einrichtung des amerikanischen Raketenabwehrschilds mit Stützpunkten in Rumänien und Polen und dem einseitigen Ausstieg der USA 2002 aus dem ABM-Vertrag, was den Konflikt mit Russland und das neue atomare Wettrüsten einleitete.“
    Es gibt keinen Konflikt mit Russland – es gibt nur einen nicht erklärten Krieg GEGEN Russland.

    1. General Stephen Whiting, Kommandeur des Weltraumkommandos, gibt vor, dass die USA nur reagieren: „Es sind unsere Gegner, allen voran China, die die Entwicklung von Weltraumwaffen sowohl auf der Erde als auch im Orbit vorangetrieben und ihre weltraumgestützten Angriffsketten ausgebaut haben.“
      Falls Whiting wirklich weiß, wovon er spricht, haben die USA heute schon verkackt.

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