
Juli/August 1918: Ein Aufruf, dem Tod den Kriegsdienst zu verweigern – historischer Lesestoff für die Schülerrevolte gegen das Mordhandwerk.
Vorbemerkung: Im Verlauf des ersten Weltkrieges gehörte der Dichter Stefan Zweig (1881-1942) zu jenen, die nach anfänglichem Kriegspatriotismus zu einem klaren Friedensstandort finden konnten. Am 28. November 1917 schreibt der Schriftsteller ein „Testament des Gewissens“ nieder: „… Waffen zu tragen und von ihnen Gebrauch zu machen. Ich halte im Sinne Tolstois und noch dringender in dem meiner eigenen Erkenntnis dies als das schwerste Verbrechen wider den Geist der Menschlichkeit, das wir begehen können und betrachte es als eine moralische Pflicht, den Mord zu verweigern.“ Sein nachfolgender Aufruf gehört zur Auswahl des neuen Lesebuches „Stefan Zweig: Bekenntnisse zum Pazifismus“ der Schalom-Bibliothek.
Wort, Vers, Buch, Bild, Aufschrei, Protest – wir wissen alle schon, es hilft nichts: sonst stände längst die Welt nicht mehr bis zu den Hüften im Blut. Das Einzelne ist machtlos, der Einzelne ohnmächtig im Protest. Und alle fühlen wir nur eine Möglichkeit der Rettung: Gemeinsamkeit.
Gemeinsamkeit des Wortes, des Willens, Zusammenschluss der Millionen, die in der Fortführung dieses Krieges ein noch größeres Verbrechen sehen als in seinem Beginn. Gemeinsamkeit der Millionen, gebunden zu einem Schrei, einer Tat, einem Willen. Aber zwischen diesen Menschen gleicher Gesinnung steht noch trennender als die Mauern der Sprache, als die Gräben der Grenzen der Dämon von Babel, der sie verwirrt: Politik. Vier Menschen an einem Tisch können sich kaum zusammenhalten, ohne dass der Hochmut, der Imperialismus ihrer politischen Ideen sie nicht wider einander wendete. So haben wir hüben und drüben tausend Gruppen und Grüppchen, Konventikel und Vereine, alle abgesprengt von der einen Idee der Kriegsfeindschaft, alle machtlos, alle kraftlos, weil gleichzeitig gegeneinander und gegen den Wahnsinn der Welt gewandt. Und alle träumen, wünschen, glühen wir doch einen Gedanken: Gemeinsamkeit.
Wir brauchen sie. So müssen wir sie finden. Keine logische, sittliche, ethische Notwendigkeit des einzelnen ist so wichtig wie die Notwendigkeit der Welt. Wir müssen nachgeben, einer dem andern, damit wir zusammentreten können auf eine einzige große Plattform des Willens und der Tat. Wir müssen eine breite Plattform suchen (keinen elfenbeinernen Turm), damit viele Platz finden, damit wir Masse werden und damit Macht. Die Macht, die einzige, die ihre Kraft daran wendet, die Herrschaft der Macht zu zerstören. Aber wo sie finden, diese Plattform? Wo beginnt, wo endet unsere Gemeinsamkeit!
Unsere Gemeinsamkeit soll beginnen im Menschlichen, im Allmenschlichen und soll da enden. Hören wir alle für eine Weile auf, vom Staate und vom Stande aus zu denken, von unserm Stande und von unserm Staat! Denken wir einzig vom Menschlichen her, vom einzelnen Menschen, von dem millionenmal multiplizierten, gemarterten, hingeschlachteten Menschen, ohne diese multiplizierten Massen Franzosen, Deutsche und Engländer zu nennen. Treten wir in eine Sphäre der Gemeinsamkeit, die das Wort Elsass Lothringen nicht kennt, kein Trentino und kein Polen, keine Freiheit der Völker und der Meere, sondern nur Freiheit der einzelnen Menschen über sein [sic] Schicksal! Suchen wir unsere Brüderlichkeit jenseits von Politik, denken wir abseits von Geographie und Geschichte – nein, denken wir überhaupt nicht. Fühlen wir nur! Unsere mögliche Gemeinsamkeit kann einzig in dem Gefühl sein: dass noch nie, seit Sterne und Sonne über dieser irren Welt stehen, der Mensch so geschändet worden ist. Und dass dieser Schande ein Ende gesetzt werden muss. Treten wir zusammen, an so verschiedene Lösungen wir auch glauben, treten wir nur erst zusammen! Nicht für eine Ewigkeit. Nur solange noch Krieg ist. Vereinigen wir uns jenseits unserer politischen Gesinnung vorerst im Gefühl unseres Widerstands. Damit erkenntlich sei, wie viele dem Wahnsinn widerstreben, von wie wenigen die Welt vergewaltigt wird.
Wir brauchen Gemeinsamkeit. Wir brauchen eine Plattform und wir brauchen für uns alle, die sie betreten wollen, ein Wort. Kriegsfeinde, Friedensfreunde – das Wort ist zu schwach. Pazifismus: der Gedanke ist zu abgehurt, zu geschändet von den Landsknechten und Freibeutern der Gesinnung. Wer ist denn nicht Friedensfreund von den Heerführern der Menschheit? Clémenceau will den Frieden, Lloyd George; ich lese, dass ein türkisches Blatt Kaiser Wilhelm für den Friedensnobelpreis vorschlug. Barrès will ihn und Sonnino, – jeder will den Frieden, einen guten, einen starken, einen gerechten, einen dauerhaften Frieden; alle sind sie ja, hört man sie nur recht, leidenschaftliche Pazifisten. Und auf die Plattform des Pazifismus werden sich am Vortage des Friedensschlusses – sie haben ja gute Witterung – eilig noch alle unsere lieben Intellektuellen drängen, die von Kriegsbeginn jede Überzeugung außer ihre eigene so beredt verfochten haben. Nein – so bequem darf sie nicht sein, unsere Gemeinsamkeit.
Wollen wir unserm Bekenntnis, unserm Beisammensein einen rechten Sinn, eine leidenschaftliche Bedeutung geben, so müssen wir ein Kampfwort wählen, unter das die Gesinnungslosen sich nicht verkriechen können. Bekenntnis wird erst wirksam durch Hass, Gefahr und Widerstand. Nehmen wir – wie einst die Geusen taten – das Hasswort unserer Feinde, machen wir aus ihrem Schimpf unsern Stolz, aus ihrer Verachtung unsere Ehre: nennen wir uns offen Defaitisten! Vereinigen wir uns im Defaitismus! Seien wir Flaumacher! Soyons déafitistes! Siamo disfattisti! Geben wir dem Wort unsern Sinn, wie wir es verstehen, tragen wir es als Waffe, und heben wir sie hoch, dass sie funkelt und glüht gegen Heimsiegfrieds Zorn!
Zeigen wir offen: unser Ideal und Eures ist Gegensatz! Wir sind Eure Feinde und Ihr die unsern! Das Wort, das Eure Denunzianten und Heimhelden gegen uns heben, ist für uns Schmuck und Ehre! Was Euch heilig ist, das Menschenopfer, scheint uns erbärmlich; was uns heilig ist, die Freiheit des Individuums, ist Euch Verbrechen! Wir sind Defaitisten, das heißt: wir wollen keines Sieg und keines Niederlage, wir sind Siegfeinde und Freunde des Verzichts. Wir sind Defaitisten, das heißt: wir sehen mehr Größe in der Nachgiebigkeit und der Versöhnung als im Kampf mit verbissenen Zähnen! Wir sind Defaitisten, das heißt: wir lieben den Menschen, Gottes ewigen Sohn, mehr als die irdischen Gebilde der Staaten. Wir sind Defaitisten, das heißt: wir fühlen keine Schande darin, die Schwächeren zu sein im Krieg und die kürzeren Kanonen zu haben; wir suchen die Gerechtigkeit nicht zwischen den Drahtgewinden und unsere Freude nicht an zerschmetterten Feindesregimentern. Wir sind Defaitisten, das heißt: kein Opfer des Stolzes, des Geldes, der Ehre, der Erde scheint uns vergebens, wenn das heilige Blut von Menschen nicht mehr vergossen und Europa von seiner Qual erlöst wird. Wir sind Defaitisten, das heißt: uns ist Politik nicht das Erste, sondern das Letzte, uns ist das Leiden der Menschen wichtiger als die kommerzielle Blüte der Nationen und die kalten Monumente der Ehre. Wir sind Defaitisten, das heißt: wir sehen in Eurer großen Zeit die Pestbeule der Weltgeschichte!
Bekennen wir uns! Laut und offen! Und vereinigen wir uns, aus allen Ländern, allen Ständen über unser politisches, soziales und intellektuelles Einzelgefühl zur Gemeinsamkeit! Schreien wir unsere Kriegsfeindschaft mit diesem Wort in die Welt. Seien wir Flaumacher in der eisernen Zeit! Soyons défaitistes! Siamo disfattisti!
Buchhinweis zum Thema des hier dargebotenen Textauszuges ǀ Stefan Zweig: Bekenntnisse zum Pazifismus. Ausgewählte Dichtungen, Aufsätze und Vorträge 1914 – 1941. Herausgegeben von Peter Bürger, in Kooperation mit Frieden wagen e.V. (edition pace ǀ Regal: Pazifisten & Antimilitaristen aus jüdischen Familien, 18). Hamburg 2026. (ISBN: 978-3-6967-5208-8; Paperback; 404 Seiten; 15,99 Euro).
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